Pater Leo Maasburg: Mission fängt bei einem selber an

Interview mit dem neuen Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich

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WIEN, 9. Februar 2005 (ZENIT.org).- Der gebürtige Grazer und ehemalige Beichtvater der mittlerweile selig gesprochenen Mutter Teresa von Kalkutta, Pater Leo-M. Maasburg, ist seit 9. Februar Nationaldirektor von Missio Austria, den Päpstlichen Missionswerken in Österreich.



Im Interview mit ZENIT spricht der 56-jährige Priester der Erzdiözese Wien über seine Berufung zum Priester und den Dienst an der Wahrheit, über die Botschaft von Fatima und ihre Beziehung zu Mutter Teresa, über seine Mitarbeit an der Evangelisation der ehemaligen kommunistischen Länder und die Gefahr des Relativismus, über Mission und Christus, der gekommen ist, alle zu erleuchten.

--1948 in Graz geboren, haben Sie Jura und Politologie und schließlich Theologie studiert. Mit 34 Jahren wurden Sie im Wallfahrtsort Fatima zum Priester geweiht. Hat dieser Ort eine besondere Bedeutung für Sie? Weshalb haben Sie die Priesterweihe gerade dort empfangen?

--P. Leo Maasburg: Fatima war eine Botschaft der Gottesmutter an die Menschheit, die versucht hat, uns den Weg zum Frieden zu zeigen. Und es ist kein Zufall, dass diese Botschaft im Jahr 1917 erfolgt ist, also zur selben Zeit, in der der übrigens vor kurzem selig gesprochene Kaiser Karl gelebt und gewirkt hat. Er ist als Friedenskaiser selig gesprochen worden, das heißt, er hat versucht, alles zu tun, um den Frieden herbeizuführen. Und ein Aspekt der Friedensgefährdung war der atheistische Kommunismus. Dieser atheistische Kommunismus hat zu meiner Weihezeit im Jahr 1982 noch keineswegs aufgehört, eine Bedrohung gewesen zu sein. Die Wende kam erst 1988/89.

In Rom habe ich einen geheim geweihten Bischof kennen gelernt, Bischof Paul Hnilica, der mich zum Priester berufen hat, das heißt, der mir innerhalb der kurzen Zeit, in der wir uns kennen gelernt haben, innerhalb von zehn Minuten, gesagt hat: "Leo, warum kommst du nicht nach Rom, studierst Theologie und arbeitest für mich?" Und ich habe "Ja" gesagt, sofort. Er war es auch, der mich auf die Fatimabotschaft aufmerksam gemacht hat. Daraus resultiert, dass ich in Fatima zum Priester geweiht worden bin. Und ich sehe, dass das heute meinem ganzen Leben, besonders meinem priesterlichen Leben eine Richtung gegeben hat, denn der Kommunismus war ja nichts anderes als die geistig Ärmsten der Armen in den Augen Gottes. In den Augen Gottes ist der arm, der nicht in Gott verliebt ist, der nicht seine Zuflucht zu Gott sucht und findet. Das ist der Ärmste der Armen. So entsteht hier auch schon die Verbindung zu Mutter Teresa, die immer gesagt hat, dass sie eine besondere Berufung für die Ärmsten der Armen hat. Und da schließt sich der Kreis: Fatima, Bischof Hnilica, meine Priesterweihe, meine Arbeit mit Mutter Teresa, Missio…

--Wer ist und woher kommt Bischof Hnilica?

--P. Leo Maasburg: Bischof Hnilica, ein gebürtiger Slowake, ist mit 27 Jahren in der Slowakei im Geheimen zum Bischof geweiht worden, hat dann nach seiner Entdeckung eine Zeit im Konzentrationslager verbracht, bevor es ihm gelungen ist, nach Rom zu fliehen. Ich glaube, bereits im Jahr 1955. Seitdem lebt er in Rom und ist inzwischen 85. Er hat verschiedenste Aufgaben, besonders für die Ärmsten der Armen, die es ja auch in Rom gibt. Es ist so, wie Mutter Teresa sagt: "Geht nicht nach Kalkutta, sondern sucht die Ärmsten der Armen in eurer Familie, in eurer Umgebung." Genau das hat er in Rom gemacht, und da hat er wahrscheinlich auch im Vatikan viele der Ärmsten der Armen gefunden.

--Ihr ganzes Leben haben Sie in der Mission und in der Evangelisierung gearbeitet: Nach ihrer Priesterweihe halfen Sie in bei der Evangelisierung in den ehemals kommunistischen Ländern mit, betreuten als erster in der Sowjetunion anerkannter katholischer Priester in den achtziger Jahren eine Niederlassung von Mutter Teresa in Moskau, waren bei "Kirche in Not", "Radio Maria" und schließlich bei den Päpstlichen Missionswerken in Österreich. War Evangelisation und Mission immer schon eine Sehnsucht von Ihnen?

--P. Leo Maasburg: Da kann ich Sie zunächst einmal mit einer Aussage schockieren: Ich wollte nie Priester werden. Wie Sie schon gesagt haben, ich habe Jura studiert und Politikwissenschaft, wollte eigentlich lieber Diplomat werden. Nur, das Jurastudium ist ja eine gute Allgemeinbildung und war damals – vielleicht ist das auch heute noch so – für Idealisten letztlich ein verborgenes Suchen nach der Wahrheit. Im Rahmen dieses Studiums, und auch später in der Politikwissenschaft, ist mir einfach immer klarer geworden, dass die Wahrheit für die Welt Christus selbst ist, die Botschaft Christi. Ich war kein praktizierender Christ, und trotzdem musste ich diese Dokumente studieren, weil ich eine Dissertation über vatikanische Ostpolitik geschrieben habe. Deswegen war ich gezwungen, das Konzil und viele päpstliche Dokumente zu studieren, und war immer beeindruckt von der Schönheit dieser Dokumente. Sie waren sehr "to the point" – sehr präzis, sehr genau. Und wenn man sie wirklich gelesen hat, nicht nur oberflächlich betrachtet, dann hat man immer einen Aspekt, ein Licht um die Wahrheit bekommen. Und deswegen möchte ich auch sagen, dass dann mein priesterlicher Dienst, den ich mir ja nicht selbst gewählt habe, eigentlich als logische Folge aus der Suche nach der Wahrheit gekommen ist. Ich habe ihn nie in den Dienst irgendeiner Aufgabe gestellt, auch wenn ich das vielleicht gern getan hätte. Aber in Wirklichkeit, das sehe ich heute, ist er im Dienst der Wahrheit.

Es ist ganz gleich, wo man steht, ob in einem Missionsland, in einer Organisation oder in einer Pfarre. Wichtig ist der Dienst an der Wahrheit. Christus sagt: "Dazu bin ich gekommen, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben." Und dann sagt er auch: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch." Das ist in Wirklichkeit der Dienst, das ist der Dienst an der Wahrheit, in dem jeder Priester und jeder Getaufte steht. Mit der Taufe sind wir auch schon Teil dieser Wahrheitsverkündigung, sonst wäre die Taufe sinnlos.

Der Priesterdienst hat mich also nicht zu einer spezifischen Aufgabe geführt, sondern was immer für eine Aufgabe gekommen ist, ich habe sie gern gemacht. Für die meisten war ich nicht sehr begabt und, wie soll ich sagen, das ist auch heute noch so. Ich habe überhaupt keine besondere Begabung für die "Missio", ich habe in meinem Leben noch nie irgendetwas verwaltet. Ich war eigentlich immer abhängig oder sozusagen der zweite Mann, ob bei Pater Werenfried oder bei Mutter Teresa. Dort war ich allerdings nicht der zweite Mann, sondern der "Ferner-liefen-Mann". Wenn es uns aufgetragen wird, dann wird Christus schon die notwendige Klarheit und die notwendige Führung geben, die wir vielleicht selbst gar nicht verstehen. Wenn man im Dienst der Wahrheit steht, dann wird diese Wahrheit gefördert, solange wir nicht, wie Mutter Teresa gesagt hat, die Wahrheit verpfuschen. "We must pray", hat sie immer gesagt: "Wir müssen beten, damit wir das Werk Gottes nicht kaputtmachen."

--Was ist für Sie Mission?

--P. Leo Maasburg: Wir haben ja sehr viel mit fremden Kulturen zu tun, und mir ist klar geworden, dass ich meine eigene Kultur und fremde Kulturen sehr gern habe. Alles Schöne und Erbauliche schätze ich in ihnen, und alles Menschliche. Aber neben Freude und Hoffnung birgt jede Kultur, auch unsere eigene, Trauer und Schmerz. In den fremden Kulturen wie in der eigenen findet sich das. Und Christus ist gekommen, um alle zu erleuchten – Nord, Süd, Ost und West. Er hat dem alten Europa und der katholischen Kirche nicht ein Wahrheitsprivileg gegeben, er hat der katholischen Kirche das Kriterium der Unterscheidung gegeben. Und das Kriterium der Unterscheidung ist er selbst: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Dieses Kriterium ist letztlich die göttliche Liebe und Barmherzigkeit. Und das ist der Auftrag von "Missio": Den Menschen unserer Kultur und anderer Kulturen dabei helfen zu unterscheiden und selber möglichst diese Unterscheidung zu leben.

Heute stoßen sich viele Menschen daran, dass wir sagen: Ja, wir haben die Wahrheit. Aber wir haben gar nicht die Wahrheit. Die Botschaft Christi ist uns anvertraut. Sie hilft uns, zu unterscheiden und die Wahrheit zu finden. Man könnte sagen, sie ist wie ein ganz klares Suchprinzip. Dieses Suchprinzip dürfen und müssen wir auf alle Kulturen anwenden. Und alle Kulturen sind letztlich dankbar dafür, wenn sie eine Hilfe bekommen, um das, was in ihnen gut, schön und wahr ist, zu reinigen, zu klären, zu finden, zu leben, auszubauen. Das ist die Aufgabe von "Missio".

--Welche Dinge gehören in Europa gereinigt?

--P. Leo Maasburg: Mutter Teresa hat einmal auf die Frage eines Journalisten: "Mother, what's wrong with the church?", "Was ist an der Kirche kaputt?", geantwortet: "Du und ich." Und ich glaube, genau das ist es. Wir müssen bei uns selber anfangen. Anfangen, uns in die Wahrheit zu stellen. Das heißt ganz konkret, wenn wir katholisch sind, zu den Sakramenten zu gehen. Das heißt, genau jene Hilfen zu akzeptieren, die uns Christus gegeben hat, damit wir fähig werden, die Unterscheidung durchzuführen. Damit wir fähig werden, die Liebe zu erkennen – die wirkliche Liebe. Damit wir nicht bei irgendwelchen plakativen Lieben stehen bleiben, so wie sie uns heute an jeder Straßenecke verkauft werden. Wenn wir das tun, dann werden wir mit der Liebe verkauft, weil wir nicht mehr unterscheiden können. Denn der Mensch ist auf die Liebe, auf die Güte Gottes hin geschaffen. Und wenn das durch etwas anderes gesättigt wird, wenn dieser Drang im Menschen durch etwas anderes befriedigt wird, dann verliert der Mensch seine Fähigkeit zur Unterscheidung. Das ist wahrscheinlich die Hauptgefahr im heutigen Europa, dass unser Sinn, unsere Sehnsucht nach Liebe und nach Wahrheit durch so viele Angebote des Konsums, der Kultur, des Vergnügens, des Spaßes usw. derart verdeckt ist, dass wir gar nicht mehr fähig sind zu unterscheiden. Dann finden wir nichts Schlechtes mehr dabei, wenn die Ehescheidungsraten hinaufgehen, die Abtreibungsquoten gleich bleiben. Dann haben wir das Kriterium verloren.

--Was haben Sie bei der Evangelisierung in den ehemals kommunistischen Ländern gelernt?

--P. Leo Maasburg: Ich habe damals noch studiert. Wie gesagt, ich habe eine Dissertation über vatikanische Ostpolitik geschrieben, aber noch von einer weltlichen Sicht aus, und habe begonnen, an der Wahrheit zu schnuppern. Da ist mir sehr in Erinnerung der Satz von Lenin: "Wahr ist, was der Partei nützt." Lenin hat ein ganz eigenes Wahrheitskonzept entwickelt. Und es ist sehr gefährlich, nicht das Konzept selber, das ist auch gefährlich, aber die Tatsache, ein eigenes Konzept zu entwickeln. Denn in dem Moment, in dem ich oder Lenin ein Konzept der Wahrheit entwickeln darf, ist die Wahrheit relativ, das heißt, jeder kann ein Konzept entwickeln. Das ist eine weitere Gefahr unseres heutigen Europas und auch der ganzen intellektuellen Globalisierung, dass wir sehr leicht in Versuchung geraten, Toleranz mit Relativismus zu verwechseln. Dass die Wahrheit eben für jeden nur subjektiv ist: Ich habe meine, du hast deine, jeder hat seine Wahrheit. Eine objektive Wahrheit gibt es nicht. Das ist mir aufgefallen bei meiner Tätigkeit in den kommunistischen Ländern, die ganz klar einen neuen Wahrheitsbegriff geprägt haben. Und dieser Wahrheitsbegriff hat zur Folge gehabt, dass die gesamte "Zusammenlebensstruktur" geändert worden ist. Zum Beispiel heißt das ganz konkret: Ich hab einen Vertrag und dieser Vertrag ist eine Wahrheit zwischen uns. Aber wenn du morgen deine Meinung änderst, dann gilt der Vertrag nicht mehr, denn das ist dann nicht deine Wahrheit. Und so ist es bis heute, dass Vertragstreue, Rechtssicherheit, eheliche Treue, alles vollkommen relativ geworden sind. Viele, viele Ehen in der Sowjetunion waren so durchsetzt von der Angst, dass der Partner ein Spitzel ist, dass man von einem ehelichen Vertrauen oder einer ehelichen Liebe überhaupt nicht mehr reden konnte. Das ganze Rechtssystem war nicht mehr ein Rechtssystem, das danach gesucht hat, zwischen Parteien zumindest eine relative Wahrheit, einen Interessensausgleich zu finden, sondern es ging lediglich darum, was die Partei wollte. Wahr war ja, was der Partei nützt. Somit hat die Partei die Urteile geschrieben, und die Richter haben sie nur unterschrieben. Sie haben nicht die Urteile selber gefällt. Also, da könnte ich viele Beispiele nennen. Das sind Sachen, die mich heute sehr prägen, weil Ansätze davon in unserer Gesellschaft immer wieder vorhanden sind.

Wir sind jetzt zum Beispiel gerade in dieser Euthanasiediskussion: Was heißt denn: "Wessen Wahrheit?" Die Wahrheit des Alten, die Wahrheit des ungeborenen Kindes, die Wahrheit des Behinderten oder unsere Wahrheit? Und setzen wir unsere Wahrheit durch, weil wir zufällig die Stärkeren sind? Du und ich sind noch in der starken Phase, dann kommen die weißen Haare immer mehr und dann gehören wir zu den Schwächeren, und dann wird unsere Wahrheit unterliegen und wir haben kein Recht mehr auf Leben. Weil das Leben eben in dem Konzept nicht mehr ein absoluter Wert ist, sondern ein relativer, das heißt nur von den Interessen der Beteiligten abhängig. Das ist das Risiko, dass die Wahrheit unterliegen wird, und das habe ich damals gelernt in Kontakt mit den kommunistischen Ländern. Dass wir dringend einen Standpunkt brauchen. Dass wir dringend irgendwo stehen müssen, feststehen müssen. Und das ist letztlich, natürlich für einen gläubigen Menschen, Christus: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben."

--Wie kann man in der Wahrheit leben?

--P. Leo Maasburg: Aus dem Glauben ist es einfacher, weil der Glaube uns lehrt. Wir entdecken in Konfrontation mit der Wirklichkeit, dass er stimmt, und wir müssen nicht so viel bitteres Lehrgeld bezahlen. Denn wenn ich nur nach meiner Wahrheit lebe, dann könnte es sein, dass ich mir irgendwann einmal einbilde, dass man, wenn man sehr schnell läuft, neben der Tür durch die Wand kommt. Das kostet eine große Beule, zu entdecken, dass das nicht so ist. Der Glaube ist wiederum das Kriterium, nämlich das Kriterium, das Gott uns selbst gegeben hat. Sprich, genau derjenige, der das Fundament unserer Wahrheit ist, hat uns das Kriterium gegeben. Das Kriterium heißt schlicht und ergreifend: Liebe und Barmherzigkeit.

--Wie kommt man dahin, dass man von seinem Glauben nicht nur überzeugt ist, sondern dass man ihn auch lebt?

--P. Leo Maasburg: Mutter Teresa hat einmal gesagt: "Wie lerne ich Demut? Nur durch Verdemütigungen." Wie lerne ich lieben? Nur wenn ich damit beginne, und mir ein Beispiel nehme an dem, der mir vorgelebt hat, was es heißt, nicht zu hassen, sondern liebevoll zu sein, selbst wenn es sehr viel kostet. Wir sprechen alle von Christus als der menschgewordenen Liebe Gottes, aber wir vergessen, das ihn das sehr viel gekostet hat. Das heißt, er ist Liebe geblieben bis zum letzten Atemzug seines Lebens. Er hätte ja auch sagen können: "Moment, das ist zuviel. Geh ma, ich mag nicht mehr." Aber er hat uns gezeigt, dass die Liebe nie aufhört, dass also die Liebe ein so absoluter Wert ist, dass er als Mensch und Gott voll und ganz diese Liebe gelebt hat und sich sozusagen geweigert hat, auch nur einen Moment lang zu hassen oder Ressentiments zu haben. Und das ist unser Ideal.

Wenn ich anfange, zum Beispiel zu verzeihen, und weiß, dass die Kraft davon immer nur von Gott kommt, weil ich als Mensch vielleicht zwei- oder dreimal verzeihen kann. Aber irgendwann geht mir dann der Hut so hoch, dass ich sage: "Jetzt geh zur Hölle" oder "Jetzt geh zum Teufel". Das ist tief in uns drin, in jedem von uns. Wir sind nicht Menschen der totalen Versöhnung, aber wir sollen Kinder Gottes des totalen Friedens werden. Wenn wir damit anfangen, beginnen wir sofort, eine Gottähnlichkeit zu leben, in ganz kleinen Dingen. Und in dem Moment erkennt er sich in uns wieder und lässt dieses Ebenbild, in dem er uns ja geschaffen hat, in uns weiter wachsen und wachsen und wachsen. Dann beginnen wir wirklich zu leben.

--Vielleicht könnten Sie in diesem Zusammenhang kurz über das Wort Christi am Kreuz sprechen, das Mutter Teresa so oft verwendet hat: "Sitio", "Mich dürstet".

--P. Leo Maasburg: Das ist der Wahlspruch, man könnte sagen, das wesentlichste Wort für die Missionarinnen der Nächstenliebe. Es hängt in jeder Kapelle unter dem Kreuz und ist der Schrei Jesu, und zwar nicht nach physischem Wasser. Sicherlich hat er gleichzeitig furchtbaren Durst gelitten, aber eben, wie alles bei ihm, geht es weit über das rein Menschliche hinaus und drückt aus: "Mich dürstet nach eurer Liebe, nach eurer Nähe" – nach der Liebe der Menschen. Und das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. "Was ist der Mensch, Herr, dass du seiner gedenkst?" Was ist der Mensch, dass du ihn so hoch schätzt, dass du dich nach ihm sehnst? Was, was ist der Mensch? Und der Mensch gibt Jesus Essig. Es heißt: Dann nahmen sie einen Schwamm mit Essig. Und er, der wenige Stunden vorher den Betäubungstrank abgelehnt hat, nimmt den Essig. Er ist das Symbol für schlecht gewordenen Wein. Und Essig unter dem Kreuz, wenn man etwas mehr darüber nachdenkt, ist dort gestanden, weil sich die römischen Soldaten und Mitarbeiter der Kreuzigung irgendwo die Hände waschen mussten. Das heißt, der Essig war praktisch eine Lösung aus Blut und vielleicht auch noch vielen anderen Dingen, und das nimmt Jesus an. Das ist auch wieder ganz symbolisch: Er nimmt uns an, so wie wir sind – nicht nur mit unseren guten und tugendsamen Seiten, sondern genauso mit unseren sündigen uns lasterhaften Seiten. Essig bedeutet: "Ich sehne mich so nach euch: Kommt so, wie ihr seid." Und dann: "Vertraut euch mir an, und ich werde euch zur Auferstehung führen." Das ist eigentlich die Botschaft von "Sitio", "Mich dürstet".

--Können Sie uns etwas mehr über ihre Zusammenarbeit mit Mutter Teresa und Pater Werenfried von Straaten erzählen? Waren sie sehr unterschiedliche Persönlichkeiten?

--P. Leo Maasburg Sie unterscheiden sich weniger als sie sich gleichen. Sie unterscheiden sich in einer Radikalität, die jeden von ihnen genau dort, wo Gott ihn hingestellt hat, seine Pflicht tun lässt. Und es ist nur der unterschiedliche Standort. Pater Werenfried, ein Nordeuropäer, Mutter Teresa, eine Albanerin in Indien. Sie hat sich dort ganz in die Kultur eingelassen, Pater Werenfried hat ganz in der Nachkriegskultur seine Arbeit gegründet, die ja mit der Versöhung zwischen Ost und West begonnen hat. Deswegen hat er den berühmten Namen "Speckpater" bekommen, als er bei Bauern im Westen bettelte, die kein Geld aber Speckschwarten gehabt haben. Und da hat er Speckschwarten erbeten für Priester und Arme im Osten und hat so Versöhnung herbeigeführt, manchmal auf dramatischer Weise. Zum Beispiel, als er eine holländische Familie um Hilfe für Deutsche gebeten hat, eine Familie, die alle Söhne durch die Nazis verloren hatte. Er erzählte, einmal habe er gepredigt, und nachher herrschte eisiges Schweigen und er war total deprimiert. Nach der Messe hat er noch gebetet, es waren schon alle aus der Kirche gegangen, keiner hat gewartet, und dann hörte er hinter sich Schritte. Von hinten kommt eine Frau und schiebt ihm ein Kuvert hin mit sehr viel Geld. Und sie sagt: "Ich habe alle meine fünf Söhne in Gestapo-Haft verloren, aber was Sie heute gesagt haben, stimmt trotzdem. Die Liebe wird stärker sein." Und da hat er gesagt, dass das der entscheidende Punkt war, wo er gewusst hat, dass er die Botschaft Gottes predigt und nicht irgendeiner Idee nachläuft.

Bei Mutter Teresa war es, so könnte man sagen, auch ähnlich: Weil sie, wie sie ihrer Berufung gefolgt ist, auch überhaupt nicht gewusst hat, wo sie anfangen soll. Sie war geldlos, planlos und mitten in den Slums in Kalkutta und hat vollkommen darauf vertraut, dass Jesus, der sie berufen hat, dorthin zu gehen, ihr auch zeigt, was sie tun soll. Und er hat ihr so viel gezeigt, dass ihr Liebeswerk heute eines der größten in der Welt ist.

--Wie sehen Sie die Situation in Europa?

--P. Leo Maasburg Ich glaube, auch hier in Europa müssen wir dasselbe Kriterium anwenden, das uns Christus für die ganze Welt anvertraut hat. Auch in Europa gilt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Auch in Europa muss sich, trotz oder gerade wegen seinem wirtschaftlichen Erfolg und seiner politischen Stärke, alles an Christus orientieren. Und wir müssen vielleicht nicht so viele materielle Arme betreuen, sondern mehr entdecken, dass es eine soziale Armut gibt, dass es eine Einsamkeit gibt, dass es eine gescheiterte Lebensexistenz gibt. Wie viele junge Menschen entscheiden sich für etwas, versuchen etwas im Leben zu verwirklichen, und scheitern schrecklich. Und sind dann in ihrem Scheitern einsam und arm. Oder das spirituelle Scheitern: Durch diese Verunsicherung in der Glaubensverkündigung, durch die mangelnde Inkulturation in unsere nachchristliche Kultur wird der Glaube heute sehr sporadisch und sehr punktuell verkündet. Viele Menschen hören nicht vom wirklichen Glauben. Sie hören eine Medienkirche, aber die Medienkirche ist nicht die Kirche Christi. So wie die Medien die Kirche sehen, so hat sie Christus nie verkündet. Und dadurch entsteht ein großes Vakuum, und wir können nur hoffen und beten und dran arbeiten, dass das einzig wahre Kriterium in Europa verkündet wird: Gott ist Liebe und Barmherzigkeit.

--Seit heute sind Sie Nationaldirektor von "Missio Austria", den Päpstlichen Missionswerken in Österreich. Wer war die Französin Pauline Jaricot, die sozusagen die Initiatorin war?

--P. Leo Maasburg: Pauline Marie Jaricot war eine sehr hübsche, freudige, besonders der feinen Gewandung sehr zugetane junge Dame. Sie hatte eine Reihe von Geschwistern, die Eltern haben die französische Revolution überlebt und waren finanziell sehr erfolgreich. Die Kinder konnten sich deshalb leisten, ein sehr leichtes und unterhaltsames Leben zu führen. Aber Pauline hat sehr schnell eine Intuition gehabt. Sie hat die Armut in den Fabriken ihres Vaters und generell in der Arbeiterschaft gesehen und hat gesagt, wir, Reiche und Arme, haben die Möglichkeit, den Glauben – und den hat sie in ihrer Familie geschenkt bekommen, sie hat eine sehr gläubige Mutter gehabt –, diesen Glauben hinauszutragen bis über die Grenzen der Welt. Man muss dazusagen, das war das Jahrhundert der Kolonisation und die entlegendsten Teile der Welt waren den Menschen durchaus präsent. Es war damals schon eine Stimmung da für Mission. Und da hat sie begonnen, Gebetsgruppen zu gründen – so hat sie nämlich begonnen: Sie hat nicht mit dem materiellen Teil begonnen, sondern mit dem spirituellen. Sie wollte für die Missionen beten, und da hat sie gesagt, jeder, der für die Mission betet – ich glaube, das war damals ein Gesetzchen des Rosenkranzes –, der soll auch ein Centime oder was immer damals die kleinste Einheit war für die Mission spenden. Das konnte sich auch jeder arme Arbeiter erlauben. Er sollte aber gleichzeitig wiederum zehn weitere finden, die dasselbe tun. Von diesen zehn findet jeder wieder zehn, und im Nu hat sie in ganz Frankreich eine Kette – es hat fast wie ein Kettenbrief funktioniert – von Betern und Kleinstspendern. Und Kleinvieh macht auch Mist, und so sind ziemliche Beträge zustande gekommen, die sie den Missionen, besonders der Ausbildung, zur Verfügung gestellt hat. Später ist ihr Bruder Priester geworden und sehr jung gestorben. Das hat sie auch sicher sehr beeinflusst. Sie hat dann ihr gesamtes Vermögen dem Gedanken der Mission zur Verfügung gestellt. Sie war sehr krank, hat unglaublich gelitten, ist dann wunderbar geheilt worden und hat nach ihrer Heilung auch noch ganz linear weitergearbeitet, bis sie in vollkommener Armut gestorben ist.

Die Päpstlichen Missionswerke sind aber mehrere Werke. Da war auch Jeane Bigard, die zum Beispiel das Werk für den einheimischen Klerus gegründet hat. Es hat die Aufgabe, den einheimischen Klerus in den Missionsländern zu fördern. Sie hat ein ähnliches Prinzip gehabt: Sie hat auch Menschen zum Gebet für die Missionare in den Missionsländern, damals Korea und Japan, aufgefordert und dann auch sehr viel finanzielle Unterstützungen erwirkt. Mit ihr zusammen hat Bischof Charles de Fobin-Janson dann das Kindermissionswerk "Kinder evangelisieren Kinder" gegründet, damit Kinder für die Kinder in den Missionsländern beten. Heute ist das in vielen Ländern sehr, sehr verbreitet.

--Was ist Ihnen wichtig als Nationaldirektor?

--P. Leo Maasburg: Der wichtigste Aspekt schlechthin ist, dass die Kirche ihrem Wesen nach missionarisch ist, wie schon die Konzilsdokumente sagen. Das heißt, wenn die katholische Kirche nicht missionarischen Eifer hat, dann ist sie nicht mehr die katholische Kirche. Und das gilt nicht nur für die Kirche allgemein, sondern das gilt auch für jeden getauften Christen.

Wenn ich wirklich Christ bin, wenn ich entdeckt habe, was für ein enormes Geschenk, nämlich das Geschenk der Wahrheit, mir Christus gebracht hat, dann wäre das sehr verwunderlich, würde ich das nur für mich behalten wollen. Automatisch prägt mich das, und ich kann Missionar werden in meiner eigenen Familie, ich kann Missionar werden mit meinem Nachbarn, ich kann Missionar sein an meinem Arbeitsplatz. Es ist glaube ich sehr wichtig, dass wir uns heute daran erinnern.

Missionar sein heißt nicht – heute weniger denn je – in Drittweltländer zu gehen. Heute kommen die Drittweltländer zu uns. Was tun wir denn zum Beispiel schon für die Evangelisation von Muslimen in unseren Ländern? Gibt es da schon Institutionen? Heute kommt die Dritte Welt zu uns. Und? Geben wir Zeugnis? Sind wir wirklich eine missionarische Kirche? Das ist, glaube ich, das Wesentliche. Und ich glaube nicht, dass wir Halter der Wahrheit sind, sondern nur Halter der Wahrheitskriterien, nämlich jener, die uns Christus gebracht hat. Und wenn wir sie auch noch so in der Hand halten oder sie vielleicht in ein Buch geschrieben haben, aber sie in unserem Leben nicht mehr praktizieren, dann sind wir nicht Christen. Dann sind wir vielleicht Taufscheinchristen, aber keine lebendigen Christen.