Pater Werenfried van Straaten, wahrer Menschenfischer

Predigt von Kardinal Meisner anlässlich des fünften Todestages des „Kirche-in-Not“-Gründers

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KÖLN, 26. Januar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die er Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am 19. Januar während der Heiligen Messer zum fünften Todestag des Gründers von Kirche in Not, Pater Werenfried van Straaten (1913-2003), im Dom zu Koln gehalten hat.

„Da die ganze Kirche von ihrem Wesen her apostolisch ist, ist jeder Christ ein Menschenfischer. Er muss ausgehen, zu suchen und zu retten, was inner- und außerhalb der Kirche verloren ist. Darin ist uns Pater Werenfried ein Vorarbeiter, ein Vorläufer.“

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Unser Glaube kann und darf nicht unsichtbar bleiben. Zunächst fängt er im Herzen an, aber er bleibt, wenn er lebendig ist, nicht verborgen in den Kammern des Herzens, er wird sichtbar und hörbar in den Domen und Kirchen, auf den Straßen und Plätzen und im Leben der Christen überhaupt. Darum war Pater Werenfried van Straaten durch die Kraft seines Glaubens eine öffentliche Person, ja wir werden sagen müssen: Er ist eine Institution mit Passion geworden. Er sprach so intensiv von Gott, dass er von vielen gehört und erhört worden ist. Und er sprach wirklich in göttlicher Vollmacht, dass ihn auch die Kirche des Schweigens hinter Mauern und Stacheldraht vernehmen konnte.

1. Herz und Mund

Pater Werenfried van Straaten hatte ein großes Herz und - wir dürfen hinzufügen - einen großen Mund. Das lateinische Wort "confessio" meint sowohl unser Wort an Gott wie unser Wort vor den Menschen. So hat der hl. Augustinus seine berühmten Confessiones geschrieben, die sein Wort vor den Menschen an Gott sind. "Confessio" ist also zunächst Gotteslob. "Ich will den Herrn allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund" (Ps 34,2), heißt es im Psalm. Und bei Pater Werenfried kann man den Psalm 71 anfügen: "Mein Mund ist erfüllt von deinem Lob" (Ps 71,8). Wo das Wort Gottes mit seinem ganzen Reichtum gläubig aufgenommen wird, dort wird der Mensch Gott lobsingen mit Psalmen, Hymnen und mit geistlichen Liedern, wie es Paulus im Kolosserbrief vermerkt (vgl. Kol 3,16b). Denn wovon das Herz voll ist, davon läuft der Mund über.

Den innigen Zusammenhang zwischen der Verkündigung der Frohen Botschaft und dem Loben und Preisen des Namens Gottes finden wir immer wieder in der Heiligen Schrift, und das bestätigt sich auch ganz und gar im Leben von Pater Werenfried. Er nahm das Lob der Menschen über seine geniale Lebensleistung kaum zur Kenntnis und reichte alles im Lobpreis an den zurück, von dem alles Gute in die Welt hineinströmt. Wir wissen "Eigenlob stinkt", Gotteslob aber inspiriert und hebt den Menschen über sich selbst hinaus. Darum ging man wohl von Pater Werenfried immer etwas besser weg, als man zu ihm hinkam. Wer kann seinen Ausspruch je vergessen: "Gott ist besser als wir denken, und darum ist er allen Lobes überaus würdig".

Und "confessio" heißt auch: Bekenntnis vor den Menschen. Überzeugte Christen fallen immer irgendwie auf. Sie sind nicht mit ihrer Umwelt konform. Sie wohnen zwar da, wo alle anderen wohnen, aber sie sind anders, weil sie sich vom Worte Gottes bestimmen lassen. Wir Älteren dürfen uns als Zeitgenossen von Pater Werenfried definieren lassen: Er war einer von uns, aber unter uns ein wirkliches Unikat. Er war ein Mann mit einem unverwüstlichen Gottvertrauen. Solch ein vertrauender Glaube wird überall sichtbar, nicht nur dort, wo es nach Weihrauch duftet, sondern auch dort, wo es nach Speck und Kartoffeln riecht. Ohne irgendeine Form des Bekenntnisses ist der Glaube schlicht tot. Wer in der Welt den Glauben völlig versteckt und nie mit einem Menschen darüber spricht, verleugnet den Glauben. Das Bekenntnis aber ist Ausdruck des Glaubens. Und hier ist Pater Werenfried nicht nur eine normative Gestalt des religiösen Wissens, sondern der unwahrscheinlichen christlichen Tat.

Er bekannte überlaut seinen Glauben vor aller Welt. Darum wuchs ihm ein so unwahrscheinliches Werk der Nächstenliebe zu, sodass wir heute staunend und dankbar davor stehen. Pater Werenfried schämte sich seines Glaubens nie, sondern im Gegenteil: Er hatte einen unverschämten Glauben, so dass er viele durch seine Glaubenskraft überzeugte und sie mit elementarer Kraft in sein Werk hineinzog.

2. Herz und Hand

Die beiden christlichen Kennworte: "Credo" und "Mandatum" gehören zusammen. Wer dem Herrn das Herz gibt, muss dem Bruder und der Schwester die Hand reichen. Wer das Credo spricht, muss das Mandatum vollziehen. "Credo" heißt ja "Cor do", das ist: "Ich gebe dir das Herz" und "Mandatum" heißt "Manum dare": "Ich gebe dir die Hand". Wer gläubig ist, muss geschwisterlich werden. Wessen Herz Gott glaubt, dessen Hand dem Nächsten dient. Die das Wort Gottes hören und es befolgen, bilden eine Bruderschaft. Deshalb kann man das Werk von Pater Werenfried mit irdischen Kategorien gar nicht definieren. Es ist ein Werk des Credos: Er gab Gott wirklich sein Herz, und er gab Gott das Mandatum, d.h. seine Hand. Und Gott hat beides benutzt, sein Herz und seine Hand, um die Menschen durch sein Wort, durch seine Liebe und durch seine unzähligen Taten an sich zu ziehen. So entstand um ihn herum eine Bruderschaft oder eine Glaubensfamilie, die durch das Bekenntnis zu Jesus Christus und durch die Tat der Nächstenliebe eng miteinander verbunden war und hoffentlich noch verbunden ist und in Zukunft verbunden bleiben muss.

Pater Werenfried hat keinen Orden gegründet. Er war ja selbst Ordensmann. Und er hat auch - soweit ich das überblicken kann - keine Geistliche Bewegung ins Leben gerufen, sondern er hat ein offenes Auge für die Not der Menschen gehabt und einen offenen Blick für Mitmenschen, die ihm bei der Linderung der Not helfen könnten. Und so hat sich eine Werkgemeinschaft gegründet, vielleicht so etwas wie eine große geistliche "Handwerkskammer", wo nicht nur über das Unheil in der Welt geredet wurde, sondern in der kräftig und klug Hand angelegt wurde. Ich darf es hier sagen: Pater Werenfried hatte ein großes Mundwerk, er hatte aber ein noch größeres Handwerk.

Das älteste Dokument des Neuen Testamentes ist der 1. Thessalonicherbrief. Und gleich im zweiten Vers des ersten Kapitels definiert Paulus den Glauben der Christen als das Werk ihrer Hände (vgl.1 Thess 1,3). Hier gehört Pater Werenfried gleichsam als unser Handwerksmeister bis in die Frühzeit des Christentums hinein. Wir Priester und Christen sollen nicht Landräte und Verwaltungsorgane des lieben Gottes in seiner Weltregierung sein, sondern wir sollen den Menschen Helfer zu Glaube, Hoffnung und Liebe werden.

Hierbei hat es Pater Werenfried zu einer wirklichen Meisterschaft gebracht. Und es lohnt sich, als Bischof und Priester seine eigene Glaubenspraxis an Pater Werenfried zu orientieren.

3. Herz und Fuß

Wer vom Glauben an den Herrn und Erlöser der Welt erfüllt ist, der wird dafür sorgen, dass das Wort Gottes läuft und zu allen Menschen kommt. Lebendiger Glaube weckt einen missionarischen Geist "Zieht an . als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen" (Eph 6,15), schreibt der Apostel Paulus. Pater Werenfried hat dem Reiche Gottes nicht nur Füße zur Verfügung gestellt, sondern Motorräder, Kapellenwagen, Autos und Omnibusse. Er hat das Wort Gottes wirklich nicht nur auf die Beine, sondern auf die Räder gebracht. Damit hat er mehr dem Worte Gottes gedient als manche gelehrte Exegeten. Er hat der Kirche zu einem neuen Aufbruch nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges verholfen und ihr neue Wege gewiesen, die sie bis dahin nicht gegangen war. Pater Werenfried hat uns gesagt und gezeigt, dass wir über das Elend der Welt nicht klagen sollen, sondern dass wir Hand anlegen dürfen und uns auf die Beine machen müssen, um das Elend der Welt zu verkleinern und den Menschen zu helfen. Pater Werenfried wusste sich vom Herrn als Menschenfischer erwählt.

Da die ganze Kirche von ihrem Wesen her apostolisch ist, ist jeder Christ ein Menschenfischer. Er muss ausgehen, zu suchen und zu retten, was inner- und außerhalb der Kirche verloren ist. Darin ist uns Pater Werenfried ein Vorarbeiter, ein Vorläufer. Er wusste sehr genau, dass wir uns mit den Worten des Kain nicht entschuldigen können: "Bin ich denn der Hüter meines Bruders?" (Gen 4,9). Er wusste sich als der gute und wirksame Hüter seiner Brüder und Schwestern.

Pater Werenfried hat uns gezeigt, dass der Unglaube der Gläubigen darin besteht, dass sie zu wenig an die Kraft des Senfkorns glauben. Der Herr sagt ausdrücklich: Es ist das kleinste aller Samenkörner, aber es hat die Macht, der größte Baum zu werden. Gottes Werkzeuge sind oft arm und verachtet. Kaum jemand kennt ihren Namen. Aber sie wirken große Dinge, wenn sie glauben. Die Welt weiß nicht, was unsere wirkliche Kraft ist und wo sie liegt. Wir sind mit der Gnade Gottes einem solchen Giganten des Reiches Gottes in Pater Werenfried auf die Spur gekommen. Dafür danken wir ihm. Sein Auftrag an uns ist es, mit der Gnade Gottes sein Werk in Gegenwart und Zukunft fortzusetzen. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Von „Kirche in Not“ veröffentlichtes Original]