Paulinische Impulse für ein überzeugtes und engagiertes Christsein

Hirtenbrief von Erzbischof Robert Zollitsch

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ROM, 4. Oktober 2008 (ZENIT.org).- „Lasst euch nicht abbringen von der Hoffnung, die das Evangelium schenkt“ (Kol 1,23). Diesen fast 2000 Jahre alten Appell des Apostels Paulus hat nun Erzbischof Dr. Robert Zollitsch bekräftigt. Sein jüngstes Schreiben an seine Gläubigen in der Erzdiözese Freiburg enthält paulinische Impulse für ein überzeugtes und engagiertes Christentum.

„Wir Christen haben der Welt etwas zu geben, was sie dringend braucht, weil es ihr Hoffnung und Zukunft gibt“, betont der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.

Den Aufruf des Völkerapostels: „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine Auserwählten Heiligen!“ (Kol 3,12) kommentiert Erzbischof Zollitsch mit folgenden Worten: „Das Paulusjahr will uns helfen, dies neu zu entdecken und offensiv weiter zu geben in der Überzeugung, dass wir diese Freude und Zuversicht aus dem Glauben keinem Menschen vorenthalten dürfen.“  

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Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Vermutlich ist so mancher Platz neben Ihnen in der Kirche, in der Sie jetzt Gottesdienst feiern, frei. Vielleicht tragen Sie auch den einen oder anderen Menschen in Ihrem Herzen, den Sie gerne ebenfalls in unserem Gottesdienst wissen möchten. So können Sie wohl die Frage verstehen, die mich einfach nicht loslässt: Wie können wir Menschen für den Glauben an Jesus Christus gewinnen? Wie können wir das, was uns in diesen Gottesdienst geführt hat, die Botschaft des Evangeliums, so aufleuchten lassen, dass möglichst viele sie entdecken und sich von ihr ansprechen lassen?

Das war auch die Frage, die den Apostel Paulus bewegte; das war der Motor seines Lebens, die Motivation seines Wirkens. An ihm und seinem Engagement will das Paulusjahr ansetzen, zu dem uns Papst Benedikt einlädt und das wir am Fest Peter und Paul eröffnet haben. Es ist eine aufrüttelnde Herausforderung und eine großartige Chance, mit dem Blick auf den Apostel Paulus die Zukunft zu gestalten und die Verheißung des Evangeliums neu mitten unter uns aufleuchten zu lassen.

„von Jesus Christus ergriffen“ (Phil 3,12)

Es ist erstaunlich: Von keinem anderen hören wir so regelmäßig in der Lesung im Gottesdienst wie aus den Briefen des heiligen Paulus. Und doch ist dieser Mann aus Tarsus vielen nur wenig vertraut. Wer ist dieser große Apostel? Was hat ihn dazu gemacht? Was zeichnet ihn aus? Saulus, der die Christen mit aller Macht verfolgt und zu vernichten sucht, wird zum Paulus, zum Apostel, der die Botschaft von Jesus Christus in die ganze antike Welt des Mittelmeerraumes trägt.

Seine Begegnung mit Jesus Christus vor Damaskus verändert und verwandelt sein Leben. In seinem Brief an seine Lieblingsgemeinde Philippi, dem die heutige Lesung entnommen ist, bringt es Paulus auf den Punkt: „Seinetwegen habe ich alles aufgegeben [...] weil ich von Jesus Christus ergriffen worden bin“ (Phil 3,8.12). Jesus Christus ist die Mitte seines Lebens; der Einsatz für ihn ist Motor und Motivation seines Wirkens. Paulus weiß sich von Gott berufen, von Jesus Christus persönlich angesprochen. Daraus lebt er. So geht er auch seinen Weg mit Gott und lässt sich den Weg Schritt für Schritt von ihm zeigen.

„...mit heiligem Ruf gerufen“ (2 Tim 1,9)
Das, liebe Schwestern, liebe Brüder, ist der entscheidende Ansatzpunkt für unser Christsein und unser Leben als Christen. Im Paulusjahr auf den Spuren dieses großen Apostels zu gehen, kann uns neu bewusst machen: auch wir, auch ich bin von Gott gerufen, Gott ist in meinem Leben da und wirkt. Es lohnt sich, immer wieder in einer stillen Stunde oder gar jeden Abend inne zu halten und mir dessen bewusst zu werden – auch dann, wenn Nebel des Zweifels die Sicht auf Gott verstellen wollen, und gerade dann, wenn wir im Strudel der Anforderungen des Alltags unterzugehen drohen. Wir dürfen sicher sein: Der lebendige Gott teilt täglich mein Leben mit mir und schenkt mir Zeichen seiner Gegenwart. Ohne diese Erfahrung wären wir wohl auch nicht im Gottesdienst: wenn wir uns nicht von ihm angesprochen und eingeladen wüssten.

„...Hoffnung, die das Evangelium schenkt“ (Kol 1,23)

Paulus, liebe Schwestern, liebe Brüder, weiß, für wen, woraus und woraufhin er lebt. Diese Verheißung, diese Perspektive, die die Welt zu Gott hin öffnet, diese Hoffnung will er möglichst vielen Menschen bringen. So erinnert denn auch der Brief an die Epheser die Christen daran, wie sie vor ihrer Begegnung mit Jesus Christus „ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt“ waren (Eph 2,12).

Durch Jesus Christus, mit dem Glauben an ihn, ist alles anders geworden: Wir haben eine Zukunft, die über diese Welt hinausreicht. Wir dürfen Vertrauen haben in diese Zukunft, auch inmitten aller Bedrängnisse. Denn, so ermutigt uns der Apostel Paulus: Nichts „kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist“(vgl. Röm 8,31-39).

Je mehr uns dies bewusst wird, desto mehr werden wir spüren, welche Kraft aus unserem Glauben erwächst, nämlich die Kraft der Hoffnung und der Zuversicht. Darum ist es bei allen Fragen, die uns bedrängen, und bei allem Ringen, das zu unserem Leben gehört, entscheidend, dass wir uns – wie der Apostel uns mahnt – „nicht von der Hoffnung abbringen lassen, die uns das Evangelium schenkt“ (Kol 1,23). Paulus ist von dem Geschenk der Hoffnung so erfüllt und ergriffen, dass er möglichst viele daran teilhaben lassen möchte.

Die Zuversicht aus dem Glauben weitet seine Perspektive. Er macht die Erfahrung: Hoffen macht offen. Daher genügt es ihm nicht, das Evangelium in Kleinasien, Mazedonien und Griechenland zu verkünden. Es drängt ihn nach Rom, ja bis hin nach Spanien.

Die geschenkte Hoffnung weiterschenken

Als Christen machen wir die Erfahrung: Im Letzten sind es nicht unsere eigenen Vorstellungen und Planungen, die uns Hoffnung und Zuversicht schenken. Die Kraft der Hoffnung ist uns von Jesus Christus anvertraut – für uns selbst, aber ebenso auch für die Mitmenschen und für die Welt. Diese Hoffnung will durch uns die Menschen erreichen, gerade die, die keine Hoffnung (mehr) haben. Und so müssen wir uns fragen lassen: Wie viel Zuversicht aus dem Glauben geht aus von mir persönlich, von unseren Gruppen und Kreisen, von unseren Gemeinden und Seelsorgeeinheiten? Sind wir „Leuchttürme der Hoffnung und Zuversicht“ inmitten unserer Gesellschaft?

Das alttestamentlich hebräische Wort für „hoffen“ bedeutet soviel wie: Auf einem hohen Turm stehen und Ausschau halten, den Horizont und die Umgebung absuchen, um zu erkennen, wo etwas von Gottes Wirken und Hilfe sichtbar wird. Wir Christen sind von Christus ergriffen und durch ihn in Gott verwurzelt. Darum sind wir hoffende Menschen, die nach vorne blicken und mit dem Apostel Paulus Ausschau halten, wo Gott neue Horizonte eröffnet und Wege aufzeigt, die er uns führen möchte.

„..weit und wirkmächtig ist mir hier eine Tür geöffnet worden“ (1 Kor 16,9)

So sehr es den Apostel Paulus drängt, das Evangelium überall zu verkünden, so wenig verfällt er in blinden Aktionismus. Vielmehr lässt er sich von Gott führen und schaut danach aus, welche Zeichen Gott ihm gibt, wohin er ihn ruft, wo er ihm eine Tür auftut. Er macht eine Erfahrung, liebe Schwestern, liebe Brüder, die der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger (1947) André Gide als „Lebensgesetz“ formuliert: „Wenn sich eine Tür vor uns verschließt, öffnet sich eine andere“. Paulus nützt dies aktiv für seine Missionsarbeit. Er verfällt nicht der entgegengesetzten Haltung, die André Gide als unsere Tragik bezeichnet, nämlich „dass man auf die geschlossene Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet“. Allzu oft nimmt ja die Trauer um verschlossene Türen bei uns mehr Zeit und Kraft in Anspruch als das Ausschauen nach Türen, die uns Gott hier und heute auftut.

Wir meinen oft, ganz genau zu wissen, wie die Dinge sein und die Menschen sich verhalten müssen: So und nicht anders muss die Kirche, muss der Gottesdienst gestaltet sein; so und nicht anders muss der Glaube gelebt werden und sich in Strukturen niederschlagen. Eine solche Einstellung wäre fatal. Wie leicht vergessen und übersehen wir, dass Gott so manche Überraschung für uns bereit hält, die zwar manchmal unsere eigenen Pläne und Wege durchkreuzt, aber mit dem Ziel, uns neue Möglichkeiten zu eröffnen und Wege zu zeigen, auf die wir von uns aus nicht gekommen wären. Dafür ist uns der Apostel Paulus ein herausforderndes und ermutigendes Vorbild und ein treuer Weggefährte. Er lässt keinen Tag verstreichen, an dem er nicht Ausschau hält, um den geöffneten Spalt zu erkennen und dann – etwa der Christengemeinde von Korinth gegenüber – dankbar festzustellen: „Weit und wirkmächtig ist mir hier eine Tür geöffnet worden“ (1 Kor 16,9).

„Seid dankbar“ (Kol 3,15) – „Freut euch allezeit im Herrn“ (Phil 4,4)
Liebe Schwestern, liebe Brüder, Paulus erfährt sich durch die Erlösung durch Jesus Christus und seine Berufung zum Apostel als derart beschenkt, dass alles andere dahinter weit zurücktritt: Verfolgung und Flucht, Steinigung und Auspeitschung, Anklage und Ablehnung, ja sogar Schiffbruch zählen nichts im Vergleich dazu, dass er von Christus erwählt ist und aus der Verbindung mit ihm leben darf. So ist Paulus unendlich dankbar.

In dieser Haltung fragt er sich und die Gläubigen von Korinth: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest?“ (1 Kor 4,7). Er macht sich und uns darauf aufmerksam, dass wir von Gott Beschenkte sind – so sehr, dass wir ganz und gar davon leben.

Es ist keineswegs selbstverständlich, dass uns das Evangelium verkündet wurde und wir im Glauben an Gott das tragende Fundament unseres Lebens erkannt haben. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass wir Kraft aus der Hoffnung schöpfen, die über den Tod hinausreicht. Paulus steckt uns an, dafür Gott Tag für Tag dankbar zu sein. Dankbarkeit öffnet unser Herz und lässt uns tiefer erkennen, von wem wir gerufen und getragen sind. So schärft uns Paulus nicht nur ein: „Seid dankbar!“ (Kol 3,15). Er macht zugleich die großartige Erfahrung, dass das Wissen um die Berufung durch Gott und die Dankbarkeit dafür froh machen und Freude schenken. So kann er selbst noch aus dem Gefängnis schreiben: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“ (Phil 4,4). Denn „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine Auserwählten Heiligen!“ (Kol 3,12).

Das Paulusjahr will uns helfen, dies neu zu entdecken und offensiv weiter zu geben in der Überzeugung, dass wir diese Freude und Zuversicht aus dem Glauben keinem Menschen vorenthalten dürfen. Ich bin sicher: Je mehr wir uns von Jesus Christus und seiner Botschaft ergreifen lassen, desto dankbarer werden wir und desto mehr werden wir die Türen erkennen, die uns Gott öffnet. So werden wir Menschen für Jesus Christus begeistern und das Evangelium unter die Leute bringen. Wir Christen haben der Welt etwas zu geben, was sie dringend braucht, weil es ihr Hoffnung und Zukunft gibt. Dabei begleite Sie, liebe Schwestern, liebe Brüder, der Segen des treuen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Freiburg im Breisgau, am Fest Mariä Geburt, den 8. September 2008

Dr. Robert Zollitsch
Erzbischof

[Von der Erzdiözese Freiburg veröffentlichtes Original]