Paulus lenkt den Blick direkt auf Christus: Beitrag zum möglichen Völkerapostel-Gedenkjahr

Von Guido Horst

| 736 klicks

WÜRZBURG, 8. März 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Rom. Früher lag sie vor den Toren Roms. Heute liegt sie mitten im Stadtgebiet. Die Basilika Sankt Paul vor den Mauern hat im vergangenen Jahr von sich reden gemacht. Die Freilegung des Grabs des heiligen Paulus, in dem die sterblichen Überreste des Völkerapostels seit 394 unberührt liegen sollen, stieß auf große Aufmerksamkeit. Der mächtige Sarkophag direkt unter dem Altar wurde zwar nicht im eigentlichen Sinne wiederentdeckt, wie häufig zu lesen war. Schließlich war immer bekannt, dass die unter den Kaisern Theodosius, Valentinian II., Arcadius und Honorius erbaute und 403 fertiggestellte Basilika genau über der Gedenkstätte errichtet worden war, wo die Christen zuvor das Grab des Apostels verehrt hatten. Aber beim verhängnisvollen Brand von 1823, bei dem die Kirche in Schutt und Asche versank, verschwand der Sarkophag unter Geröll und Mörtel.



Die Anfänge der Kirche

Im Jahr 2002 wurden Vatikan-Archäologen unter Leitung des Experten Giorgio Filippi damit beauftragt, die exakte Stelle des Apostelgrabes wieder ausfindig zu machen. Im vergangenen Herbst konnte man die Ergebnisse vorstellen, man war auf den Sarg dort gestoßen, wo man ihn vermutet hatte. Eine Glasplatte gibt nun den Blick frei auf die letzte Ruhestätte des heiligen Paulus. Und der Erzpriester der Patriarchal-Basilika, Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezemolo, nutzte die Gelegenheit, Papst Benedikt XVI. eine besondere Initiative vorzuschlagen: ein Paulus-Gedenkjahr, in dem aus Anlass des zweitausendjährigen Jubiläums der Geburt des Apostels, die in die Jahre 7 bis 10 nach Christus gefallen sein müsste, zwölf Monate intensiv an das Wirken dieses großen Glaubenszeugen erinnert werden könnte.

Beginnen könnte ein solches Jahr am Festtag Peter und Paul am 29. Juni oder auch am 25. Januar 2008, dem Tag seiner „Bekehrung“ vor Damaskus. Eine endgültige Entscheidung hat der Vatikan noch nicht verkündet. Aber Papst Benedikt wird sich diesem Vorschlag wohl kaum entziehen können – und auch wollen. Allein viermal hat er bei seinen Ansprachen während der Generalaudienz der vergangenen Monate über den Völkerapostel gesprochen. Die Anfänge der Kirche und die großen Gestalten der frühen Christenheit waren über Wochen das Thema der päpstlichen Mittwochskatechese. Und da nimmt der heilige Paulus einen der vordersten Plätze ein.

Der Glaube hat die sterblichen Überreste der beiden Apostel Petrus und Paulus immer in Rom gesehen. Aber heute ist es notwendig, einer glaubenslos gewordenen Zeit ein augenfälliges Zeugnis zu geben, dass die Kirche auf historischen Fundamenten steht, die mit den Namen der beiden Apostelfürsten untrennbar verbunden sind. Das gilt auch für den Petersdom, wo man unter dem Hauptaltar das Grab des heiligen Petrus verehrt. Kaiser Konstantin war es, der in den Jahren zwischen 319 und 322 den Bau eine Basilika über dem Grab des heiligen Petrus beginnen ließ.
Am „campus vaticanus“, wie die Gegend am linken Tiberufer bezeichnet wurde, befand sich schon Ende des ersten Jahrhunderts ein Grabdenkmal für den heiligen Petrus. Ob Petrus im dort gelegenen Circus des Caligula unter Kaiser Nero das Martyrium erlitten hat und auf einem Gräberfeld in der Nähe in einem einfachen Erdgrab begraben wurde, lässt sich wissenschaftlich nicht zweifelsfrei beweisen. Jedoch bezeugt die kirchliche Überlieferung, dass Petrus um 63 und 67 n. Chr. in Rom den Martertod am Kreuz gestorben ist.

Wer die Ausgrabungen unter Sankt Peter heute besichtigt, stößt bei der Frage nach der Echtheit des hier verehrten Petrusgrabes auf erstaunliche Erkenntnisse, die umfangreichen Ausgrabungen zu verdanken sind. Mit dem ausdrücklichen Segen von Papst Pius XII. fanden diese unter der Leitung von Prälat Ludwig Kaas und dem Jesuiten Pater Engelbert Kirschbaum SJ in den Jahren 1940 bis 1950 statt. So wurde das Gräberfeld freigelegt, das sich tief unterhalb des heutigen Papstaltares befindet. Das Ganze endete damit, dass Pius XII. in seiner Weihnachtsansprache am 23. Dezember 1950 über Radio der Welt die Wiederauffindung des Grabs Petri bekannt gab. Und die „Welt“ hatte nichts Eiligeres zu tun, als diese Entdeckung schnell wieder zu vergessen.

Doch an diesen beiden Gräbern, dem des Paulus an der Via Ostia und dem des Petrus im Vatikan, kommt man heute nicht mehr vorbei. Das Paulus-Gedenkjahr ab Januar oder Juni 2008 könnte dies unterstreichen. Und damit fiele ein direkter Blick auf Christus, um den im Leben der beiden Apostel alles kreiste. Im November hatte Papst Benedikt bei seinen Ansprachen über den Völkerapostel erklärt, dieser zeige mit seinem Leben bis heute, dass das christliche Leben auf dem stabilsten und sichersten Felsen gründe, den man sich vorstellen kann.

Die Haltung des vollkommenen Vertrauens und der unendlichen Freude, „die Paulus erfüllt hat, kommt aus seiner radikalen Zugehörigkeit zu Christus“ sowie aus dem tiefen Bewusstsein, „dass wir in ihm sind“. Diejenigen, die Christen nachfolgten, seien für den heiligen Paulus nicht nur einfach Christen oder Getaufte gewesen, sondern Menschen, die aus und in Christus lebten: Diese „gegenseitige Durchdringung Christi und des Christen“, so der Papst damals, sei eines von zwei Elementen der christlichen Identität.

Eine Schule des Glaubens

Das zweite Element dieser Identität ist für den Papst das Bewusstsein, dass der Getaufte nicht aus sich selbst gerecht werde, sondern allein durch Christus, aus Gnade. Aus diesem Bewusstsein heraus habe der heilige Paulus „aus Christus und mit Christus“ leben können und sei so imstande gewesen, sich selbst hinzugeben und nicht mehr sich selbst zu suchen. „Das ist die neue Gerechtigkeit, die neue Ausrichtung, die uns vom Herrn und durch den Glauben geschenkt wird“, sagte Benedikt XVI. „Vor dem Kreuz Christi, der äußersten Manifestation der Selbsthingabe Jesu, gibt es niemanden, der sich selbst oder seine eigene, selbst gemachte, für sich gemachte Gerechtigkeit rühmen könnte.“

Es ist also mehr als archäologisches Interesse, das um die Gräber der Apostel Petrus und Paulus kreist. Es ist vielmehr eine Schule des Glaubens, wenn man sich auf diese beiden Gestalten der jungen Kirche einlässt und auf die Anfänge der Christenheit zurückblickt. Die innige und vertrauensvolle Nachfolge Christi hat die beiden Völkerapostel zu den großen Missionaren der jungen Kirche werden lassen. Das Gedenken an sie ist immer ein Gedenken an Christus, das auch ein Paulus-Jahr prägen wird. Papst Benedikt dürfte sich kaum diese Gelegenheit nehmen lassen, die Kirche wieder daran zu erinnern, wer ihr eigentlicher Herr und Meister ist.

[© Die Tagespost vom 8.3.2007]