Paulus und die Ökumene (II)

Interview mit Prof. Konstantin Nikolakopoulos

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WIEN, 20. Januar 2009 (ZENIT.org).- In der Kraft des Wirkens Christi - des Heiligen Geistes - habe der Apostel Paulus die ihm Anvertrauten beschützen und sie zur Einheit anspornen können, erläutert gegenüber ZENIT Konstantin Nikolakopoulos, Professor für Biblische Theologie an der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie der Universität München, deren Vorsitzender er ist. Außerdem gibt Nikolakopoulos die wissenschaftliche theologische Zeitschrift „Orthodoxes Forum“ heraus.

Am Rande des von Pro Oriente organisierten Studiennachmittags zum Thema „Paulinische Geisterfahrung und -theologie in ökumenischer Perspektive" befragte ZENIT den Gelehrten am 13. Februar in Wien zu den Chancen der christlichen Einheit im Allgemeinen und der katholisch-orthodoxen Annäherung im Besonderen.

ZENIT: Was ist der „Maßstab“ (vgl. 2 Kor 10,13-16), an dem Paulus Maß nimmt und den sich auch alle anderen Christen vor Augen führen sollten?

Prof. Nikolakopoulos: Der Maßstab für Paulus ist praktisch das Bewusstsein seiner Schwachheit, die er letzten Endes auf die Kraft beziehungsweise Gnade des Herrn zurückführt. Wenn Paulus vom Maßstab spricht, spielt er auf seine Gegner an, die sich wegen ihrer eigenen Bemühungen rühmten.

ZENIT: Was ist die Gnade bzw. die „Macht des Geistes“, von der sich der Apostel Paulus antreiben ließ?


Prof. Nikolakopoulos: Paulus sieht sich imstande, sich in seiner Schwachheit zu rühmen, weil er sich auf die Gnade des Herrn berufen und verlassen kann, eine Gnade, die ihm die Kraft Christi verleiht und nichts anderes ist als die Kraft des Heiligen Geistes.

Die göttliche Gegenwart durchdringt die ganze Existenz des Völkerapostels, der in der Gnade Gottes des Vaters (2 Kor 1,3), der Gnade des Herrn (12,9) und schließlich in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes (13,13) lebt. Diese Überzeugung behält er jedoch nicht für sich selbst. Sein weitestes Ziel ist es, durch sein persönliches Beispiel den heiligen Geist als Gabe Gottes und Kraft des Wirkens Christi in allen Glaubenden zu proklamieren. Nur damit kann der verantwortungsvolle Missionar seine geistlichen Kinder beschützen und sie zur Einheit anspornen.

ZENIT: Kann diese Kraft auch die Ökumene erfassen – vielleicht gerade jetzt, nach der Wahl des neuen Patriarchen von Moskau?

Prof. Nikolakopoulos: Selbstverständlich kann die Macht des Geistes die christlichen Kirchen erfassen. Allerdings wäre eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die verschiedenen Kirchen die vom Herrn selbst geforderte und von Paulus leidenschaftlich proklamierte Einheit sich zu Eigen machen.

Patriarch Kyrill I. ist eine der erfahrensten Persönlichkeiten der Orthodoxie und hat, glaube ich, den unerschütterlichen Willen, die Ökumene voranzutreiben.

ZENIT: Was sind Ihre Einschätzungen hinsichtlich des orthodoxen-katholischen Dialogs?

Prof. Nikolakopoulos: Ich bin der Meinung, dass Papst Benedikt XVI. als ein ausgezeichneter Kenner der Orthodoxie eine lebendige Hoffnung und Zuversicht für die ökumenische Annäherung unserer Kirchen darstellt.

ZENIT: Und was erhoffen Sie sich im Hinblick auf die übrigen christlichen Konfessionen?

Prof. Nikolakopoulos: Bezüglich der altorientalischen Kirchen habe ich den Eindruck, dass die Communiuo mit der großen orthodoxen Familie vor der Tür steht. Meine ökumenischen Erfahrungen in München erlauben mir auch, positive Erwartungen bezüglich unserer Kontakte mit den protestantischen Kirchen zu äußern. Dazu brauchen wir aber doch noch die Intensivierung des Dialogs.

Von Pia Simony und Dominik Hartig