Perfekte Kinder oder gar keine? Frauen, die sich dem Druck zur Abtreibung behinderter Kinder widersetzt haben

"Defiant Birth", ein Buch von Melinda Tankard Reist

| 629 klicks

PARRAMATTA, 19. Juni 2006 (ZENIT.org).- Volle Gesundheit wird heute allgemein als Voraussetzung für menschliches Glück betrachtet. Doch dieser gesellschaftliche Trend in Richtung Perfektion nimmt manchmal tragische Ausmaße an. Kinder im Mutterleib, die der Forderung nach "Vollkommenheit" nicht genügen, werden häufiger abgetrieben als zur Welt gebracht. Einige Frauen jedoch leisten dem gesellschaftlichen Druck Widerstand und bringen Kinder mit Behinderungen zur Welt.



Die australische Forscherin und Lebensschützerin Melinda Tankard Reist hat die Erfahrungen und Zeugnisse solcher Frauen gesammelt und in ihrem Buch Defiant Birth: Women Who Resist Medical Eugenics ("Der Gesellschaft zum Trotz ein Kind zur Welt bringen: Frauen, die der medizinischen Eugenik Widerstand leisten") veröffentlicht.

In der Einleitung geht Tankard Reist, Gründerin und Vorsitzende des Women's Forum Australia, näher auf die Situation derer ein, die sich von der vorherrschenden Angst vor Behinderungen nicht anstecken ließen, sondern sich dafür entschieden haben, Babys zur Welt zu bringen, die nicht "vollkommen" sind. Nach Angaben der Autorin werden diese Frauen häufig ins gesellschaftliche Abseits gedrängt: "Sie sind gewissermaßen genetische Parias."

Die gesammelten Erfahrungen ließen zudem Zweifel an der Kompetenz und am Berufsethos einiger Ärzte aufkommen. Manche Frauen erhielten beispielsweise beunruhigende Diagnosen über ihre ungeborenen Kinder, die vollkommen gesund oder aber mit viel weniger schwerwiegenden Behinderungen geboren worden seien als ursprünglich angenommen. Einige Ärzte hätten sich zudem schlichtweg geweigert, bei der Geburt eines behinderten Kindes behilflich zu sein.

Melinda Tankard Reist weist in ihrem Buch darauf hin, dass die Wünsche junger Mütter immer öfter übergangen würden. Als Beispiel führt sie den Fall einer Frau an, die vor einer Ultraschalluntersuchung den dezidierten Wunsch geäußert hatte, über etwaige Probleme nicht informiert werden zu wollen. Als sie die Ultraschallaufnahme später zu Hause ansah, fand sie auf dem Bild jedoch eine Reihe von Anmerkungen über mögliche Anomalien. Das Baby kam auf die Welt – ohne jegliche der erwähnten Behinderungen geboren.

Aus einer Vielzahl von Beispielen zieht die Autorin den Schluss, dass die Pränataldiagnostik den Frauen nicht größere Entscheidungsfreiheit bringe, sondern sie vielmehr unter Druck setze – um sie im Fall einer Behinderung zur Abtreibung zu bewegen.

Bei der Pränataldiagnostik bestehe zudem eine weitere Gefahr, die noch heimtückischer sei: Die große Routine, mit der diese Untersuchungen durchgeführt würden, ohne das Wort "Abtreibung" zu erwähnen. Bei der Entdeckung von Anomalien blieben viele mögliche Perspektiven und Lösungswege unbesprochen.

So etwas geschah bei Natalie Withers. Bei ihrem vierten Kind wurde unter anderem ein Herzfehler diagnostiziert. Die Ärzte hätten das Wort "Abtreibung" niemals erwähnt, sondern immer nur von "Einleitung der Geburt" gesprochen – in der 20. Schwangerschaftswoche, sprich 5. Schwangerschaftsmonat! Erst als Natalie Withers im Labor war, habe man sie darüber informiert, dass ihr Kind höchstwahrscheinlich entweder tot geboren oder direkt nach der Geburt sterben werde. Und erst nach dem Eingriff – das Baby überlebte nicht – habe Withers erfahren, dass Kinder mit einer Herzkrankheit wie die bei ihrer ungeborenen und verstorbenen Tochter in der Regel durchaus überlebten und ein gutes Leben führen könnten, wenn sie die richtige Behandlung bekämen.

Tankard Reist kommentiert diese und ähnliche Gegebenheiten mit einer Warnung an die Frauen. Diese dürften nicht blauäugig davon ausgehen, dass der Arzt immer alles am besten wisse, denn so könnte es ihnen passieren, einmal selbst zu regelrechten "Opfern" werden.

Häufig ermutigten die Informationsbroschüren für Mütter von möglicherweise behinderten Kindern zur Abtreibung. In vielen Fällen werde verabsäumt, die Eltern an jene Organisationen zu verweisen, die ihnen helfen könnten, mehr über die angeblich vorliegende Form von Behinderung zu erfahren und was in einem solchen Fall zu tun sei.

Ein großes Problem, auf das die Autorin in ihrem Buch ebenfalls eingeht, besteht darin, mit dem Schock und den Angstgefühlen fertig zu werden, die von beunruhigenden Untersuchungsergebnissen her rühren. Tankard Reist führt einige Studien an, die belegen, dass viele Frauen nach einem unerfreulichen Befund einen schweren Schock, tiefe innere Schmerzen und Panikattacken erleiden. Der ausgelöste psychische Stress kann demnach sogar das Wohlbefinden der Mutter und ihres ungeborenen Kindes beeinträchtigen.

Körperliche Risiken stellen eine andere Form von Gefahr dar. So melden zum Beispiel einige Beobachter Bedenken im Fall der häufigen Ultraschalluntesuchungen an. Ihrer Ansicht nach werde zu wenig an die möglichen negativen Auswirkungen gedacht. Und die Fruchtwasser-Untersuchung (Amniozentese), bei der eine Probe des Fruchtwassers aus der Gebärmutter entnommen und analysiert wird, könne bei einer von 125 Schwangerschaften eine Fehlgeburt auslösen, wie aus einer Meta-Analyse hervorgeht, die im Werk angeführt wird.

In manchen Fällen seien die Diagnosen nicht nur gefährlich, sondern schlichtweg falsch. Eine Analyse von 300 Autopsien an Föten soll in diesem Sinn ergeben haben, dass die Vermutung von Anomalien in nur 39 Prozent der Fälle bestätigt worden sei.

Hinter der Praxis, ungeborene Kinder mit Behinderungen abzutreiben, stehe eine ausgeprägte Eugenik-Mentalität: Eine Erhebung unter Hebammen in England und Wales habe ergeben, dass ein Drittel der Befragten noch vor der Pränataldiagnostik dazu aufgefordert worden sei, eine Einverständniserklärung zur Abtreibung zu unterschreiben, falls bei dem Kind eine Anomalie festgestellt würde. Diese gängige Praxis offenbare die verbreitete Meinung, dass man Kinder, die mit Behinderungen zur Welt kämen, mit einem "minderwertigen Leben" belaste und auf diese Weise "Elend" in die Welt bringen würde. Diese Einstellung lasse eine Art neuer Eugenik entstehen; eine, die sich unter dem Deckmantel der Sorge um die Gesundheit verstecke. Menschen, die einer solchen Argumentationslinie folgen, so Tankard Reist, könnten sich schließlich auch mit dem Gedanken der Selektion und Eliminierung nicht ganz vollkommener Kinder abfinden und beim Kindermord enden.

Andere Erscheinungsformen des gesellschaftlichen Trends zu immer mehr Perfektion sind nach Tankard Reist Schlankheitskuren und Schönheitsoperationen. Und Gentechnik sei für eine Reihe prominenter Genetiker und Ethiker wie zum Beispiel James Watson und Peter Singer eine Möglichkeit, um "perfektere Kinder zu entwerfen".

Immer höhere Gesundheitskosten trügen ebenfalls dazu bei, auf die Mütter Druck zur Abtreibung eines behinderten Kindes auszuüben. Eltern, die sich gegen eine Abtreibung von Kindern mit Behinderungen entscheiden, würden nicht selten als verantwortungslos hingestellt und müssten mit dem Schuldbewusstsein leben, die Gesellschaft zu "belasten".

Tankard Reist zitiert diesbezüglich den australischen Genetiker Grant Sutherland, der vorgerechnet hat, dass die Verhinderung der Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom der Allgemeinheit mehr als eine Million Dollar erspare. Er forderte die Regierungen deshalb dazu auf, an staatlichen Kliniken die Pränataldiagnostik zur Pflicht zu machen.

Der finanzielle Druck dehne sich aber auf andere Gebiete aus: So hätten zum Beispiel behinderte Menschen immer größere Schwierigkeiten, eine Lebensversicherung abzuschließen oder Kinder zu adoptieren.

Ein Bericht, der Ende Mai in der Sonntagsausgabe des Londoner "Telegraph" erschien, illustriert die große Bedeutung der in "Defiant Birth" dargestellten Probleme: Lisa Green befand sich in der 35. Schwangerschaftswoche, als sie die Diagnose erhielt, ihr Kind leide am Down-Syndrom. Es wurde ihr angeboten, das ungeborene Kind sofort abzutreiben. Wie die Betroffene selbst erklärte, habe der Arzt ihr gegenüber nur die negativen Aspekte einer Geburt des Kindes dargelegt. Sie habe den Rat des Arztes nicht befolgt und zwei Wochen später einen Jungen namens Harrison geboren. Er ist heute zwei Jahre alt und nach Angaben der Mutter ein "glückliches und gesundes Kind".