Petrus und das Déjà Vu

Impuls zum 3. Sonntag der Osterzeit 2014

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 390 klicks

Unter den Erscheinungen des Auferstandenen vor den Jüngern nimmt die am See von Genesareth eine besondere Stellung ein. Sie hat den ganzen Zauber der Auferstehung Jesu und ist zugleich voller Geheimnis.

Die Jünger, die sich trotz verschiedener Begegnungen mit dem Herrn, bei denen sie sich davon überzeugen konnten, dass er wirklich auferstanden war, noch immer nicht von ihrer Niedergeschlagenheit erholt hatten, wissen nicht so recht, wie es nun weiter gehen wird. Es sind mehrere Tage vergangen, aber Jesus hat ihnen noch keine weiteren Anweisungen gegeben.

Um nicht untätig herumzusitzen, beschließen sie, ihrem alten Beruf nachzugehen. Sie machen ihr Fischerboot klar und – fangen die ganze Nacht nichts.

Da steht beim Morgengrauen ein Fremder am Ufer und fragt, ob sie etwas zu essen haben. Sie antworten mit einem kurzen ärgerlichen “Nein”.

Dann aber sagt der Fremde, der in Wirklichkeit Jesus ist, sie sollten die Netze auf der rechten Seite des Bootes auswerfen. Das tun sie, und der Leser bzw. Zuhörer fragt sich, wieso sie die Netze jetzt am Tag auswerfen, wo die Fische sich nach unten verzogen haben. Und das nur, weil ein Fremder sie dazu auffordert. In Ihrem Inneren muss sich etwas Geheimnisvolles abgespielt haben. So etwas wie eine Ahnung oder Erinnerung, ungefähr so: “Etwas Ähnliches haben wir doch schon einmal erlebt. Wo und wann war das doch gleich?”

Wir alle kennen das, es dämmert einem, aber man versteht noch nicht gleich. Man sieht und sieht doch nicht.

Wahrscheinlich war es die Absicht Jesu, dass die Jünger erst nach und nach darauf kommen sollten, dass er bei ihnen war. Geht es uns nicht auch manchmal so, dass wir die Anwesenheit Jesu nicht bemerken, uns aber nachher sagen, da war der Herr ganz nahe?

Als sie aber dann eine außergewöhnlich reiche Ernte an Fischen im Netz haben, dämmert es ihnen: “Jetzt wissen wir wieder, wo wir das schon einmal erlebt haben”. Einen ähnlichen reichen Fischfang hatten sie schon einmal erlebt, und zwar aufgrund der Tatsache, dass sie dem Wort Jesu gehorcht hatten.

Der erste, der Jesus nun erkennt, ist derjenige, der ihn am meisten liebt, Johannes. Er sagt: “Es ist der Herr” (Joh 21,11). Für Petrus gibt es nun kein Halten mehr, er springt, noch unbekleidet, in den See, um so schnell wie möglich beim Herrn zu sein.

Auf geheimnisvolle Weise scheinen Gehorsam und Liebe miteinander zu tun zu haben.

Das nun folgende wundervolle Frühstück am See wird den Jüngern für immer in Erinnerung geblieben sein. Die im Licht der eben aufgehenden Sonne leuchtende Natur, der See, das geheimnisvolle Frühlicht. Als sie ans Ufer kommen, ist schon ein Feuer angezündet und Fische gebraten, ohne dass sie begreifen, woher der “Fremde”, der doch eben erst nach etwas zu essen gefragt hatte, das alles hat.

Die Szene hat etwas anrührend Feierliches. Und in der Tat, es ist der Moment, wo der Herr die Leitungsgewalt der Kirche an Petrus überträgt. Beim Herrn ist alles anders als wir Menschen es uns ausdenken würden. Er wählt Petrus aus, nicht weil er der Intelligenteste oder Charakterstärkste ist, sondern nur aufgrund des einzigen Kriteriums, das bei Jesus zählt: die Liebe. Dreimal fragt er Petrus: “Liebst du mich?” Beim dritten Mal wird Petrus traurig, weil er meint, dass Jesus ihn an sein dreimaliges Leugnen erinnern will.

Jesus sagt auch nicht: Du sollst nun die Kirche leiten, sondern “Weide meine Schafe, weide meine Lämmer!”

Eben darum geht es in der Kirche. Nicht Herrschaft, Macht oder Geld dürfen das Leben der Kirche ausmachen, sondern derjenige, der leitet, muss die anderen “weiden”. Was bedeutet dieses aus der Landwirtschaft entlehnte Wort? Jesus will damit sagen, dass jeder, der anderen vorsteht, sich so verhalten soll wie ein guter Hirt. Er soll die Seinen betreuen, auf gute Weide führen, dafür sorgen, dass sie glücklich sind.

In erster Linie gilt dies sicher für den Nachfolger des hl. Petrus. Und ich wage zu behaupten, dass wir in unserer Zeit das Glück haben, dass alle Päpste nach dieser Maxime gehandelt haben, wie ein guter Hirt die Gläubigen zu weiden. Die vor einer Woche heilig gesprochenen Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. waren solche guten Hirten. Sie fordern uns alle dazu auf, in unserem Bereich – Familie, Kollegen, Mitarbeiter – ebenfalls die anderen zu “weiden”. Die Welt würde anders sein, wenn das alle täten.

“Freu dich, du Himmelskönigin”, so begrüßen wir Maria in dieser Osterzeit. Möge ihre Freude uns anstecken und bereit machen, den unseligen Wunsch, andere zu beherrschen, ganz beiseite zu lassen.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).