Pharisäer und Sadduzäer

Kommentar zum Evangelium am 30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

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Von Msgr. Dr. Peter v. Steinitz*

MÜNSTER, 21. Oktober 2011 (ZENIT.org). – „In jener Zeit, als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie bei ihm zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen…..“ (Mt 22,34-40)

Wieder eines der Streitgespräche Jesu mit der religiösen Obrigkeit, die zwar von ihm fasziniert ist, aber immer wieder meint, ihn maßregeln zu müssen. Der Rabbi aus Nazareth passt nicht in ihr Schema. Freilich kann man ihnen zugutehalten, dass sie ihre Verantwortung dafür spürten, die überlieferten Bräuche und Vorschriften zu wahren. 

Bis zu einem gewissen Grade können wir eine Parallele erkennen zwischen ihnen und den Theologen unserer Zeit, denen man auch grundsätzlich die gure Absicht unterstellen muss. Die Pharisäer sind die Konservativen und die Sadduzäer die Progressiven. Die Sadduzäer haben aus einer liberalen Grundhaltung heraus manche überlieferte Glaubenslehren beiseitegelassen. Sie glauben praktisch nur an das Diesseitige, Geister, Engel, Seelen der Verstorbenen, das ewige Leben etc. sind für sie nicht existent. Das finden wir mühelos bei einigen Theologen unserer Zeit wieder. Man erschrickt, wenn man ab und zu Statistiken liest, in denen davon die Rede ist, dass soundso viel Prozent der Pfarrer (vorwiegend der evangelischen, aber dasselbe findet sich auch bei katholischen) nicht an ein Weiterleben nach dem Tode glauben.

Da sieht es bei den Pharisäern ganz anders aus. Für sie ist die traditionelle Theologie außerordentlich wichtig. Wenn jemand daran rührt, werden sie hellwach. Warum aber sind uns die Pharisäer so besonders unsympatisch? Die wahre Lehre hochzuhalten, müsste doch zunächst einmal positiv sein. Das ist es auch, aber sie verkennen, dass Jesus, wie er selber sagt, gar nicht gekommen ist, um das Überlieferte aufzuheben. Vielmehr ist er gekommen, um es zu erfüllen. Er ist ja der Messias, von dem alle Propheten jahrhundertelang gesprochen haben. Warum erkennen sie es nicht? Die einfachen Menschen, die Fischer, die Zöllner, ja die Sünder, erkennen ihn als den verheißenen Erlöser. Wahrscheinlich weil diese sich erlösungsbedürftig fühlen. Ja, das ist genau der Grundfehler der „Pharisäer: sie haben keinen Bedarf erlöst zu werden, sie machen ja alles richtig, und sie führen ein gesichertes Leben. Und doch weist ihnen Jesus nach, dass sie zwar die Gesetzesvorschriften aus dem ff kennen, aber ihnen das Wichtigste fehlt. Einer der Pharisäer fragt ihn: ‚Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?‘ Und da zeigt sich Jesus, der Sohn Gottes, als ein treuer Sohn Israels. Er zitiert das berühmte ‚Sch‘ma Israel!‘ ‚Höre Israel!‘ ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken…“ und genauso wichtig das Gebot der Nächstenliebe.

Die Pharisäer wissen alles, aber rühren selbst keinen Finger, um das Gebot der Liebe zu erfüllen. Jesus rät den Leuten, die Aussagen der Pharisäer zu respektieren, denn sie sitzen ja auf dem Stuhl des Mose, aber man solle sich nicht nach ihren Taten richten.

Auf unsere Zeit übertragen: es genügt nicht, die Tradition zu bewahren (wohlgemerkt, was die Sadduzäer tun, ist noch schlimmer), aber wir müssen uns unserer Erlösungsbedürftigkeit mehr bewusst sein. Erst dann sind wir in der Lage, das Doppelgebot der Liebe zu sehen und zu erfüllen.

Der Hl. Vater beklagt die „seltsame Gottvergessenheit“ der heutigen Menschen in den Wohlstandsländern.

Muss denn unbedingt etwas Schlimmes passieren – ein Tsunami, Überschwemmungen oder gar ein Krieg – damit die Menschen wieder an den Herrgott denken? Gott ist die Liebe. Er hat kein Interesse daran zu strafen. Wenn möglichst viele Menschen sich auf das Gebot Gottes besinnen, wird Ninive verschont. 

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.