Philomena

Hervorragend gespielter Film von Stephen Frears, der aber erheblich an Glaubwürdigkeit verliert, weil der englische Regisseur es mit der Wahrheit nicht sonderlich genau nimmt

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 227 klicks

Die 2003 in London lebende Philomena Lee (Judi Dench) sehnt sich nach dem Sohn, den sie fünfzig Jahre zuvor zur Adoption freigab. Als junge, ledige Schwangere war sie Anfang der fünfziger Jahre von ihrem Vater in das irische Kloster Roscrea abgeschoben worden, wo sie Anthony zur Welt brachte. Mit drei Jahren wird ihr Sohn Anthony von Adoptiveltern abgeholt. Zwar wurde Philomena damals – wie sie selbst später deutlich macht – nicht gezwungen, das Schriftstück zu unterzeichnen, in dem sie erklärt, dass sie niemals nach ihrem Sohn suchen wird. Sie hat jedoch ein halbes Jahnhundert lang jeden Tag an ihn gedacht. Als Philomenas Tochter Jane den bekannten Journalisten Martin Sixsmith (Steve Coogan) zufällig kennenlernt, erzählt sie ihm davon. Sixsmith hat gerade seine Arbeit als Regierungsberater verloren und überlegt, ein Buch zu schreiben. So kommt der Journalist auf seine „Story“. Gemeinsam beginnt das ungleiche Duo eine Suche, die in Irland ihren Anfang nimmt und sie in die Vereinigten Staaten führen wird.

„Verfluchte Katholiken“, ruft in einem bestimmten Augenblick Martin Sixsmith auf. Dieser Aufschrei bringt die Kluft zwischen ihm und Philomena auf den Punkt. Denn die ältere Dame hält weiterhin an ihrem katholischen Glauben fest – die echte Philomena Lee wurde am 9. Februar vom Papst Franziskus empfangen. Der Gegensatz zwischen dem intellektuellen, zynischen Journalisten und der einfachen, warmherzigen älteren Frau steht im Mittelpunkt des Spielfilms „Philomena“, bei dem Stephen Frears nach einem auf Martin Sixsmiths Tatsachenroman „The Lost Child of Philomena Lee: A Mother, Her Son and A Fifty-Year Search“ beruhenden Drehbuch von Steve Coogan und Jeff Pope Regie führt. Der Journalist kann nicht verstehen, wie Philomena nach all dem, was sie erlebt hat, weiterhin an Gott und die Kirche glauben kann. Auf diese oder ähnliche „Theodizee“-Fragen antwortet sie mit einem Achselzucken: „Verfluchter Idiot“. Denn trotz ihrer vordergründigen Einfalt vermag sie ihm zu entgegnen, dass Journalismus „den Menschen schaden“ kann. Woraufhin Sixsmith keine Antwort hat.

Obwohl „Philomena“ über lange Strecken die Waage zwischen beiden kaum überbrückbaren Einstellungen hält, ja seine Spannung geradezu aus diesen Gegensätzen bezieht, ergreifen die Filmemacher doch noch am Ende Partei. In einem Gespräch zwischen dem Journalisten und der damals für die Adoptionen zuständigen, inzwischen sehr gealterten Schwester Hildegard – das aber laut aktuellen Angaben der Schwester Julie Rose vom Kloster Roscrea auf dem englischen Online-Portal „protectthepope.com“ in der Wirklichkeit nie stattfand, weil Schwester Hildegard bereits 1995 starb und Martin Sixsmith die Recherchen für sein Buch im Jahre 2004 begann – findet ein sehr bezeichnender Dialog statt. Die Nonne weist darauf hin, dass sie selbst ihr Keuschheitsgelübde eingehalten, während „diese Mädchen ihre Fleischeslust nicht kontrolliert“ hätten, woraufhin der Journalist antwortet: „Sie meinen, sie hatten Sex“. 

Über die Absicht hinaus, die alte Nonne lächerlich zu machen (Schwester Julie Rose berichtet, dass während einer Probevorführung in dieser Szene Entsetzenslaute zu hören gewesen seien), zeugt die flapsige Antwort des fiktiven Martin Sixsmith von der Unfähigkeit oder der mangelnden Bereitschaft, sich in die Lage von ledigen Müttern Anfang der fünfziger Jahre hineinzuversetzen. Anachronismus kommt in Spielfilmen wie in Romanen nicht selten vor: Vergangene Zeiten werden aus heutiger Sicht be- und allzu oft auch verurteilt. Dies ist bei „Philomena“ jedoch umso bedauerlicher, als diese Ereignisse lediglich sechzig Jahre zurückliegen. Abgesehen davon, dass dieser Anachronismus aus der nicht unerheblichen Anmaßung herrührt, „wir heute“ wüssten alles besser als vergangene Generationen, hätten Drehbuch-Mitautor Steve Coogan und Regisseur Stephen Frears wissen müssen, dass in dieser Zeit „Sex haben“ schwerwiegende Konsequenzen nach sich zog. In ihrem Film streift es sogar Philomena Lee selbst, als sie davon berichtet, ihr Vater habe sie nicht nur ins Kloster abgeschoben, sondern auch „sich geschämt, und allen erzählt, ich sei tot“. Dass Heime für „gefallene Mädchen“ oder solche Kloster wie Roscrea die einzige Zuflucht für eine ledige Mutter waren, gehört ebenfalls zur Allgemeinbildung, was den Filmemachern allerdings offenbar entgangen ist. Stattdessen inszenieren sie die Arbeit der Mädchen im Kloster als Ausbeutung billiger Arbeitskräfte.

Außerdem erhebt der Film schwerwiegende Vorwürfe gegen die Schwestern: Das Kloster Roscrea soll absichtlich Unterlagen vernichtet haben, um „seine unchristlichen Geschäftspraktiken zu vertuschen: Für 1000 Pfund konnten wohlhabende Amerikaner im Kloster ein Kind kaufen.“ Dazu erklärt Schwester Julie Rose: Die Behauptung, das Kloster habe Dokumente mutwillig zerstört oder Informationen zurückgehalten, entbehre jeglicher Grundlage. „Im Gegensatz zur Darstellung im Film half Schwester Hildegard vielen Müttern, ihre Kinder nach Jahren zu finden.“ Ebenso sei unrichtig, dass die Nonnen für Adoptionen jemals Zahlungen erhalten hätten. Es ist bedauerlich, dass in ihrem Streben nach Dramatisierung der Ereignisse die Filmemacher es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Denn dadurch verliert ein hervorragend gespielter, in vielen Momenten berührender Film, der darüber hinaus dank seinem trockenen Humor nicht ins Rührselige abdriftet, erheblich an Glaubwürdigkeit.

*

Filmische Qualität: Zweieinhalb Sterne   
Regie: Stephen Frears
Darsteller:  Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Anna Maxwell Martin, Ruth McCabe, Kate Fleetwood
Land, Jahr: Großbritannien 2013
Laufzeit: 98 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: Erwachsene
Einschränkungen: U
im Kino: 2/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.