Pietro Palazzini – ein „Gerechter unter den Völkern“ im Priestertalar

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 27. Januar 2009 (ZENIT.org).- Heute gedenkt man in aller Welt der Opfer des Holocaust, der Millionen jüdischer Mitbürger, die durch den nationalsozialistischen und faschistischen Terror den Tod fanden - sei es durch Erschießungskommandos, in einem Gefängnis oder in den Gaskammern der Konzentrationslager des Dritten Reiches. In dieser Zeit des Schreckens aber gab es auch Männer und Frauen, die ihr Gewissen zum Widerstand und zur bedingungslosen Hilfe für ihre verfolgten Mitmenschen aufrief.

Am 19. August 1953 war im israelischen Parlament, der Knesset, das „Gesetz zum Andenken an die Märtyrer und Helden - Yad Vashem" verabschiedet worden. Mit ihm wurde die Gründung einer Holocaust-Gedenkstätte erwirkt, in der man der Opfer der Shoa, aber auch der Nichtjuden gedachte, die sich in dieser dämonischen Zeit als „gerecht" erwiesen hatten. Eine hochrangige Kommission unter der Leitung des Obersten Gerichtshofs des Staates Israel verleiht an Menschen, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden vor dem Tode bewahrten, den Titel „Gerechter unter den Völkern". Die Kriterien, die hierfür gesetzt wurden, sind sehr hoch.

1985 wurde ein katholischer Priester, Kardinal Pietro Palazzini (1912 -2000), in die Reihe der „Gerechten unter den Völkern" aufgenommen. In der Holocaust-Gedenkstätte im Westen Jerusalems, an der „Allee der Gerechten", pflanzte man zu seinen Ehren ein Baum. Was aber hatte die Holocaust-Gedächtnisstätte „Yad Vashem" bewogen, Kardinal Palazzini diese hohe Auszeichnung zu verleihen?

Das, was in jüdischen Augen von Mut, konsequentem Handeln und tiefer Menschlichkeit zeugte, hatte sich in den Jahren 1943 bis 1944 in Rom zugetragen, im Priesterseminar der Diözese des Papstes, als Don Pietro Palazzini dort die Ämter eines Assistenten und Vizerektors innehatte. Über die Geschehnisse, die sich in der Zeit der deutschen Besetzung Roms in seiner Arbeitsstätte ereigneten, schwieg der Purpurträger zumeist, außer er wurde ausdrücklich darauf angesprochen. Erst 1995 konnte man ihn dazu bewegen, seine Erinnerungen aufzuschreiben; sie erschienen unter dem Titel „Il Clero e l'occupazione tedesca di Roma - Il ruolo del Seminario Romano Maggiore" (Der Klerus und die deutsche Okkupation Roms - Die Rolle des römischen Priesterseminars).

Am 25. Juli 1943 war der Duce gestürzt und arretiert worden. Anfang September hatte Marschall Badoglio im Namen des Königs die Kapitulation Italiens erklärt. In den frühen Morgenstunden des 9. Septembers waren Badoglio und die königliche Familie aus Rom geflohen und hatten im schon befreiten Süditalien Zuflucht gefunden. In den von den Alliierten noch nicht eroberten Gebieten übernahmen die deutschen Streitkräfte die Macht. Am 10. September besetzten Truppen der Wehrmacht, Fallschirmjäger und Panzergrenadiere, die Ewige Stadt. In Rom herrschte Angst - Angst vor der SS, der Gestapo und der Rache der italienischen Faschisten. Die „Schwarzhemden" hatten für den „Verrat" Badoglios Vergeltung angekündigt. Und Mussolinis Befreiung durch die deutsche Wehrmacht am 12. September und die Errichtung seiner „Republik von Salò" taten ein weiteres, um in der Bevölkerung Schrecken zu verbreiten.

Viele Menschen, die nun um ihr Leben fürchten mussten, fanden im Vatikan, in dessen exterritorialen Besitzungen und vielen katholischen Ordenshäusern Unterschlupf - die Order hierzu war aus dem Apostolischen Palast, von Papst Pius XII. höchstpersönlich, gekommen. Um Versuche von SS und faschistischer Miliz zu verhindern, sich Zugang zu völkerrechtlich geschützten Gebäuden des Heiligen Stuhl zu verschaffen, wurde als Schutztruppe für diese vatikanischen Besitzungen die Päpstliche Palatingarde mobilisiert.

Auch am Lateran richtete man sich auf einen Zustrom von Flüchtlingen ein. Die exterritoriale Zone bei der Bischofskirche des Papstes umfasste die Basilika, das Gebäude der Scala Santa (Heilige Stiege), den Apostolischen Palast, die Residenzen der Kanoniker und Beichtväter, die Universität Lateranense und das römische Priesterseminar. Jeder, der in der exterritorialen Zone des Laterans Zuflucht fand, hatte eine Erklärung zu unterzeichnen. Er versprach die Neutralität des Vatikanstaates zu respektieren und nichts zu unternehmen, was dieser Neutralität hätte schaden können. Er erhielt eine Verordnung überreicht, die in vier Artikeln das Verhalten der „Gäste" regelte. Zum Schutz der exterritorialen Zone des Laterans waren im Universitätsgebäude sechsunddreißig Angehörige der Päpstlichen Palatingarde stationiert worden.

Oft war es Don Pietro Palazzini, der gefährdete Personen in den sicheren Lateran brachte. An einem Tag im September - zwischen dem 15. und 25. des Monates - bat ihn der Rektor des Seminars, Monsigore Ronca, , die Wohnung von Monsignore Pietro Barbieri in der Via Cernai, Nr. 14, aufzusuchen. Dort befände sich eine Person, die so schnell wie möglich in Sicherheit gebracht werden müsse. Im Haus von Monsignore Barbieri, einem Beamten der römischen Kurie, traf er auf seinen Schutzbefohlenen. Der Unbekannte setzte sofort eine Sonnenbrille auf; dann verließen sie das Haus. Da ihnen kein Auto zur Verfügung stand, fuhren sie mit der Linie 16 der römischen Straßenbahn in Richtung Lateran. Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle, so dass Palazzini seinen Begleiter bald zu seinem Zimmer im Seminar führen konnte. Der Neuzugang war kein Geringerer als der Sozialist Pietro Nenni.

Noch viele andere Personen, die später im italienischen Staat an entscheidender Stelle Verantwortung übernahmen, sollten im Seminar Aufnahme finden. Ein weiterer berühmter Politiker war „Porta". Der Betreffende hat sich so genannt, weil an seiner Zimmertür immer noch der Name des Seminaristen, der hier seine Kammer gehabt hatte, stand: „Don Alfonso Porta".  Hinter dem Pseudonym verbarg sich Alcide De Gasperi, der Mitbegründer der katholischen Volkspartei und späteren „Democrazia Cristiana". Fast die gesamte Führungsgruppe des „Comitato Liberazione Nazionale - C.L.N." (Komitee zur Nationalen Befreiung), an ihrer Spitze der ehemalige sozialistische Ministerpräsident Italiens, Ivanoe Bonemi, lebte im römischen Priesterseminar. Aber auch Mitglieder der Regierung Marschall Badoglios waren hier untergebracht - aus verständlichen Gründen jedoch in einem anderen Trakt des Gebäudes.

Don Pietro Palazzini war von Monsignore Ronca gebeten worden, ein Auge auf die Widerstandsgruppe zu haben; einerseits sollte er sie stets an die Verpflichtung erinnern, die Neutralität des Vatikanstaates zu waren und die anderen Bewohner nicht in Gefahr zu bringen, andererseits aber ihren Patriotismus nicht schmälern und ihnen mit Hochachtung begegnen. Mit anderen Worten - ein Akt auf dem Drahtseil!

Das Haus beherbergte auch Mitglieder des römischen Hochadels, die durch ihr entschiedenes Auftreten für Verfolgte den Besatzern der Stadt aufgefallen waren; unter anderen die Fürsten Giovanni Torlonia (mit seinem Sohn Alessandro), Aspreno Colonna, Massimo Luigi Lancellotti und Francesco Massimo Lancellotti sowie Livio Odescalchi. Ein Blick auf die Berufe der Personen, die Unterschlupf im römischen Seminar fanden, zeigt das breite soziale Spektrum der Flüchtlinge: im Hause befanden sich Ex-Minister, Senatoren, Generäle und einfache Soldaten, Professoren und Studenten, Ärzte, Ingenieure, Unternehmer, Kaufleute, Angestellte und Arbeiter.

Nicht leicht war es jedoch für Palazzini, die verschiedenen Gruppierungen voneinander fernzuhalten, ja sogar, wenn möglich ihre Identität voreinander geheim zu halten - sowohl um etwaige Spannungen zu vermeiden, als auch, um Außenstehenden oder Spitzeln sowenig wie nur möglich von den Interna des Hauses zu verraten. Im Seminar selber fanden 200 Verfolgte Zuflucht, auf dem gesamten Gebiet der exterritorialen Zone des Laterans waren es 1068 Menschen. Über Zahl und Namen der im Seminar untergebrachten Flüchtlinge war der Vatikan genauestens unterrichtet worden; Palazzini hatte dem Substituten des Päpstlichen Staatssekretariates, Monsignore Giovanni Battista Montini (dem späteren Papst Paul VI.), einen ausführlichen Rapport erstattet. Pius XII. selber wusste um die Verhältnisse im Seminar bestens Bescheid; bei einer Audienz bemerkte der Papst zu einem Alumnen, der ihm erzählt hatte, woher er kam: „Ah, del Laterano! Avete tanta gente li, adesso, eh!" (Ah, aus dem Vatikan! Ihr habt dort zur Zeit viele Leute, nicht wahr!).

Die von Palazzini im Seminar vor dem Zugriff der Faschisten beschützten Juden seien hier namentlich genannt: Ing. Gino Coen, Enrico Coen, Dr. Paolo Israel. Pacifico und Angelo Sonnino, die Ingenieure Pier Ettore und Paolo Olivetti Rasson, Angelo Di Segni, Simone Piperno, Raffaele Menasci, Michele Tagliacozzo, Pellegrino Piperno, Angelo Veniziano, Prof. Giorgio Falco sowie Roberto Almagià und dessen Sohn Edoardo. Diese Mitmenschen mosaischen Bekenntnisses waren aber nicht die einzigen ihres Volkes, die ihr Leben Pietro Palazzini zu verdanken hatten. Über weitere Namen und die nicht ungefährliche Aktionen zur Rettung von Juden schwieg der Kardinal beharrlich. Aber es dürften noch sehr viele mehr gewesen sein, die dank seiner Bemühungen der Folter in der Via Tasso entgingen und denen der Weg in die Todeskammern der Konzerntrationslager erspart blieb.

Die Souveränität des Vatikanstaates und der durch das Völkerecht verbriefte Status seiner exterritorialen Besitzungen boten jedoch keinesfalls einen absoluten Schutz vor Übergriffen der Besatzer und ihrer italienischen Helfershelfer. So war es in der Nacht vom 3. zum 4. Februar 1944 zu einer schwerwiegenden Verletzung der exterritorialen Zone von Sankt Paul vor den Mauern gekommen; die faschistische Polizei hatte sich Zugang zu dem Gebäudekomplex verschafft und siebenundsechzig Personen (darunter Widerstandskämpfer, Fahnenflüchtige und Juden) verschleppt.

Kaum zwei Monat später kam es in der Ewigen Stadt zu einer weiteren dramatischen Situation. Am 23. März hatten Partisanen in der Via Rasella ein Attentat begangen, bei dem dreiunddreißig Angehörige des SS-Polizeiregiments Bozen den Tod fanden. Die Antwort der SS ließ nicht lange auf sich warten. Einen Tag später, in den frühen Nachmittagsstunden des 24. März, fand unweit der Kalixtuskatakomben, in den „Fosse Ardeatine" (Ardeatinische Höhlen), ein Massaker statt. Als Vergeltung für den Anschlag befahl der deutsche Polizeichef von Rom, Obersturmbannführer Hermann Kappler, 335 Geiseln erschießen.

Nach dem Überfall in Sankt Paul vor den Mauern und dem Massaker in den Ardeatinischen Höhlen sahen sich Ronca und Palazzini dazu verpflichtet, ihren Schutzbefohlenen zu erklären, dass eine absolute Sicherheit in der exterritorialen Zone des Laterans nicht mehr gewährleistet sei. Auch wollte man den Flüchtlingen nicht verheimlichen, dass sie durch Informanten unterrichtet worden waren, dass man von deutscher und italienischer Seite aus ein besonders Augenmerk auf das römische Seminar richtete.

Nach langen Überlegungen beschloss Alcide De Gasperi als einer der ersten, das Seminar zu verlassen. Es war Pietro Palazzini, der ihn, wieder einmal unter Einsatz seines eigenen Lebens, vorbei an den Patrouillen der Deutschen und italienischen Faschisten, zur Residenz von Monsignore Celso Constantini, des Sekretärs der Propaganda Fide, brachte. Constantinis Haus war schon mit Flüchtlingen überfüllt, dennoch erklärte sich der Prälat sofort bereit, den verfolgten Politiker aufzunehmen; De Gasperi verblieb dort bis zum Eintreffen der Alliierten. Auch einige andere, so Pietro Nenni, verließen das römische Priesterseminar; die meisten jedoch blieben bis zur Befreiung Roms im Haus, manche sogar darüber hinaus, bis sie eine neue Heimstatt gefunden hatten.

Zu einer erneuten Gefahr für die exterritoriale Zone des Laterans wurde der unfreiwillige Aufenthalt einer der wichtigsten Personen des italienischen Widerstands. General Roberto Bencivenga hatte sich in den Lateran begeben, um zu einem kurzen Gespräch mit Ivanoe Bonomi zusammenzutreffen. Beim Verlassen des Seminars rutschte er auf dem glatten Marmorboden aus; er fiel so unglücklich, dass er sich den Oberschenkel brach. Den General in ein Krankenhaus zu bringen, ohne dass er Gefahr lief, in die Hände der Nazis zu fallen, schien unmöglich. Ronca und Palazzini entschieden spontan, den General im Seminar zu verstecken und ihn dort behandeln zu lassen. Aber nicht nur die Präsenz des Generals im Seminar bot Anlass zur Sorge, sondern vor allem das Verhalten zweier seiner Offiziere, das der Obersten Santini und Musco. In den Kellergeschossen des Palastes der Beichtväter der Lateranbasilika hatten die beiden Militärs einen kleinen Radiosender platziert und in Gebrauch genommen. Allein schon auf den Besitz eines solchen Apparates stand die Todesstrafe. Palazzini hatte bei seinen Rundgängen den Sender gehört, ohne ihn jedoch lokalisieren zu können.

Gegen Ende der deutschen Besatzung Rom erlangten die deutschen Nachrichtendienste Kenntnis von dem Aufenthaltsort Bencivengas. Palazzini transferierte den General daraufhin in die Wohnung von Monsignore Lavinio Virgili, des Kapellmeisters der Lateranbasilika. Welche Brisanz der „Fall Bencivenga" bis zuletzt besaß, zeigte ein Vorfall, der sich noch am Tag des Abzuges der Deutschen (4. Juni 1944) ereignete. Von der Via Ambaradam aus feuerte man mehrmals in Richtung Lateran; die Geschosse schlugen unmittelbar über dem Fenster des Zimmers ein, in dem Bencivenga Zuflucht gefunden hatte. Am 5. Juni verließ der General den Laterankomplex, um sich mit General Mark Clark von den alliierten Streitkräften zu treffen; er wurde unmittelbar danach zum zivilen und militärischen Stadtkommandanten des befreiten Roms ernannt.

Viele, denen das Priesterseminar Zuflucht geboten hatte, vergaßen nach der Befreiung Roms ihre Wohltäter nicht. Der Rektor des Seminars erhielt schon in den Tagen, die auf den 4. Juni 1944 folgten, eine Reihe von Dankesschreiben; unter diesen befanden sich Briefe von Alcide De Gasperi, Roberto Bencivenga und Pietro Nenni.

Die Verdienste, die sich Pietro Palazzini unbestreitbar und unvergessen erworben hatte, gab er bescheiden an andere weiter. Er verwies auf den damaligen Rektor des Seminars und auf die Person, die hinter alledem stand: Pius XII. Pietro Palazzini und viele andere Priester der Ewigen Stadt waren keine Männer, die Ehre suchten. Das, was sie taten, empfanden sie als selbstverständlich. Es kam ihnen nicht in den Sinn, in ihrem Handeln etwas anderes zu sehen, als das, was von ihnen als Christ und Priester gefordert war.