Pius X. ist ein missverstandener Papst

Interview mit Pater Bernard Ardura, Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Deborah Castellano Lubov | 432 klicks

Papst Pius X. (weltlicher Name Giuseppe Melchiorre Sarto) war ein wahrer Kirchenreformer, wird dem Präsidenten des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften zufolge jedoch missverstanden.

Am vergangenen Donnerstag führte ZENIT im Rahmen eines dem Pontifikat gewidmeten Studientages unter dem Titel „Der heilige Pius X. – ein Reformpapst vor den Herausforderungen des neuen Jahrhunderts“ ein Gespräch mit Pater Bernard Ardura.

Das Pontifikat Pius X. begann 1903 und endete mit seinem Tod im Jahre 1914.

***

Erzählen Sie uns bitte über Ihre Rolle und die Verwirklichung der Idee, diesen dem hl. Pius gewidmeten Tag einzurichten.

P. Ardura: Ich bin der Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften. Wir befassen uns mit der Gestaltung aller historischen Aspekte in Zusammenhang mit der Kirchengeschichte.

In diesem Jahr wird der 100. Todestag von Papst Pius X. begangen. Er starb in der Nacht des 21. August 1914; drei Wochen nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs, im 11. Jahr seines Pontifikates. Während seiner Amtszeit führte er sehr wichtige Reformen durch. Allerdings musste er zwischen seinen Reformaktivitäten auch zu Fragen der Lehre Stellung nehmen, zumal er mit einer schwierigen Bewegung, dem so genannten Modernismus, konfrontiert war. Seine Verurteilung des Modernismus überschattete die positiven Aspekte seines Amtes. Er ging als Papst der Verurteilung in die Geschichte ein, war in Wahrheit jedoch ein großer Reformer, ein großer Erneuerer. Er verurteilte den Modernismus zwar, doch tatsächlich war er sehr modern und das zeigt sich an seinen Reformen.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

P. Ardura: Er reformierte die Römische Kurie, die 1538 entstanden war und heute immer noch existiert. Ihm war stärker bewusst als manchen Vorgängern, dass sich der Status des Pontifikates nur vorwärts und nicht rückwärts bewegen könne. Daher war sein Pontifikat durchdrungen von dem Kerngedanken, dass die Kirche geistlich sei und den Auftrag habe, das Leben in der Welt zu inspirieren und die Welt zu erneuern. Aus diesem Grund folgten alle Aktivitäten Pius X. einem reformatorischen Ansatz, denn er setzte sich für die Förderung des christlichen Lebens, der Person des Menschen und des Friedens ein.

Ein weiterer Schlüsselbeitrag bezog sich auf den Empfang der Sakramente, besonders der Kommunion. Er vertrat die Auffassung, dass junge Menschen im Alter von etwa sieben Jahren die Erstkommunion empfangen könnten, selbst wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch über kein vollständiges Wissen um die Lehre der Kirche verfügten. Ebenso sprach er sich für einen häufigeren Gang zur Kommunion für Erwachsene aus. Zuvor dachte man, nur zur Kommunion gehen zu können, wenn man zuvor gebeichtet hatte. Obwohl er eine regelmäßige Beichte befürwortete, plädierte er für eine häufige Kommunion und lud die Christen sogar zur täglichen Kommunion ein.

Wichtig waren auch seine liturgischen Reformen einschließlich jener bezüglich der sakralen Musik.

Als weiterer Aspekt des kirchlichen Lebens ist der Umstand zu nennen, dass die bisherigen Gesetze auf verschiedene Dokumente verstreut und gleichsam überall zu finden waren. Pius X. hingegen bat erstmals um die Veröffentlichung eines klaren Kodes des Kirchenrechtes. Dies ist tatsächlich geschehen und der Kode hatte nach seinem Tod einen bleibenden Einfluss.

Daher haben wir heute Gelegenheit, gemeinsam all diese ihm so wichtigen Reformen und Weiterentwicklungen zu betrachten. Ihre Bedeutung betraf nicht nur die Erneuerung der Kirche, sondern auch die Fähigkeit der Kirche, das christliche Leben zu inspirieren.

Gibt es aus Ihrer Sicht Ähnlichkeiten zwischen Pius X. und Papst Franziskus?

P. Ardura: Ja, das ist sicherlich der Fall. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass ein ganzes Jahrhundert zwischen den beiden Päpsten liegt. Die Rahmenbedingungen sind daher völlig verschieden. Es stimmt jedoch, dass sowohl Pius X. als auch Papst Franziskus der für die Bezeugung des Evangeliums notwendigen Lebensqualität der Christen – der Laien, Priester und Bischöfe – sehr viel Aufmerksamkeit widmen. Somit teilen sie die Sichtweise, dass alles Reformierbare zu reformieren sei. Ebenso verfügen beide über die Fähigkeit, das Nebensächliche vom Wesentlichen zu unterscheiden.

Ich wünsche mir, dass dieser Tag einen Beitrag zur Entdeckung der reichen Persönlichkeit und der großartigen Reformarbeit des heiligen Pius X. zu leisten vermag.

Er zählt noch immer zu den weniger bekannten Päpsten und man weiss oft nur unzureichend über ihn Bescheid. Daher möchten wir zur Verbreitung seines Bekanntheitsgrads beitragen und dabei helfen, dass man ihn besser versteht.

Warum halten Sie ihn für missverstanden?

P. Ardura: Man verstand ihn falsch und seine gute Reformarbeit erhielt aufgrund der Frage des Modernismus kaum Anerkennung. Angesichts seiner Verurteilung des Modernismus wurde er daher vielerorts als Papst betrachtet, der die Moderne insgesamt ablehnte, doch das war unrichtig.

Wie kann der Modernismus denjenigen erklärt werden, die nicht wissen, worum es sich dabei handelt?

P. Ardura: Es handelt sich um einen philosophischen Fehler, der alles gleichsam relativiert und aus hinsichtlich der Lehre heikel ist. Beispielsweise wurden im spezifischen kulturellen Kontext der Zeit verschiedene Ideen verbreitet. Heute müssen diese unterschiedlichen Sichtweisen der Lehre jedoch nicht relativiert werden. Wir können sagen, dass Pius X. unter besonderen Rahmenbedingungen wirkte.

Die Kirche, an die wir glauben, wird vom Heiligen Geist in einem Kontext inspiriert, der nicht zufällig zustande kam, sondern das Wesen der vom Heiligen Geist inspirierten Lehren enthält. Folglich müssen wir diese grundlegenden Gegebenheiten nicht relativieren, da wir sonst alle Inhalte unseres Glaubens infrage stellen müssten.

Welche der von ihm geförderten Reformen ist Ihres Erachtens die wichtigste und nötigste für die Kirche der Gegenwart?

P. Ardura: Die Reform der Bekehrung des Herzens, eine Reform des Inneren. Wir müssen uns an die folgenden Worte Jesu erinnern: Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, ist es nutzlos. Wie ein Licht sollen wir Zeugen des Evangeliums sein. Wie die Botschaft und die Anstrengungen von Pius X. uns vor Augen führen, müssen wir daher ständig Reformen durchführen.