Pius XI., ein mutiger Papst neben fünf Diktatoren

Kardinal Bertone eröffnet eine internationale Tagung im Vatikan

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ROM, 27. Februar 2009 (ZENIT.org).- Papst Pius XI. war ein „großer Hirte", der sich durch Mut und Festigkeit auszeichnete. So habe er es verstanden, die Kirche in einer Welt zu leiten, die von zahlreichen und schwierigen Problemen belastet war. Mit diesen Worten würdigte Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone in seinem Einleitungsreferat zu einem internationalen Kongress die Gestalt Pius XI., der zwischen dem Schatten des Ersten Weltkriegs und den Vorzeichen des Zweiten Weltkriegs der römischen Kirche vorstand.

Der Kongress wurde anlässlich des 70. Todestages Papst Rattis (31.5.1857 - 10.2.1939) vom Päpstlichen Komitee für Geschichtswissenschaften organisiert und findet unter dem Leitwort „Die Sorge Pius XI. für die Kirche im Licht der neuen archivarischen Quellen" vom 26. bis 28. Februar im Vatikan statt. Zu den Persönlichkeiten, die sich mit einer der Schlüsselfiguren der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen, gehören neben Kardinal Bertone der Präfekt des Vatikanischen Geheimarchivs, Bischof Sergio Pagano, der französische Historiker Philippe Leviallain, der deutsche Spezialist für die Pontifikate Pius XI. und Pius XII., Thomas Brechenmacher, sowie der Geschichtswissenschaftler und Direktor der vatikanischen Zeitung „Osservatore Romano", Giovanni Maria Vian.

Die Tagung wird am Samstagnachmittag mit einem Festakt ihren Abschluss finden, während dessen das wissenschaftliche Leben und Wirken des Präsidenten des Komitees, Prälat Walter Brandmüller, gewürdigt werden wird. Den Vorsitz der Veranstaltung wird der Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche, Kardinal Raffaele Farina, führen.

Anlässlich des 80. Geburtstags, den Prälat Brandmüller am 5. Januar mit einem Dankgottesdienst in der Kapelle des Kapitels der Petersbasilika begangen hatte, wird des wissenschaftlichen Arbeitens des Theologen und Historikers mit einem Band gedacht, der unter dem Titel „Walter Brandmüller: Scripta maneant" einen Einblick in fast 50 Jahre fruchtbare wissenschaftliche Arbeit ermöglicht.

In seinem umfangreichen Einleitungsreferat zum Kongress betonte Kardinal Bertone, dass Pius XI. im Leben der Kirche am Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts eine herausragende Persönlichkeit gewesen sei. „Die menschliche und kirchliche Geschichte Pius XI. ist wirklich erstaunlich. Ja, sie könnte sogar als ‚unwahrscheinlich' bezeichnet werden", so Bertone.

Nach seiner Wahl zum Papst habe Achille Ratti sofort eine außerordentliche Neigung zur Regierung und zur Leitung des Geschicks der Kirche an den Tag gelegt. Er habe dies mit fester Hand und vorausschauend getan.

Währens seines Pontifikats habe Papst Pius XI. alle Bemühungen der verschiedenen Völker gefördert, die darauf abzielten, die Wunden des Ersten Weltkriegs zu heilen und eine Rückkehr zu den Bruderkriegen zu vermeiden. Dennoch sei seine irdische Pilgerreise gerade in dem Augenblick zu Ende gegangen, als sich die Spannung mit dem faschistischen Regime aufgrund der von Mussolini gewollten Rassengesetze verschärft und sich Europa einem neuen Weltkrieg genähert habe.

Kardinal Bertone rief den Anwesenden in Erinnerung, dass sich „die kirchliche Sendung dieses Papstes vor einem Szenarium abspielte, das nicht finsterer hätte sein können". Papst Ratti habe sich mit fünf Diktatoren konfrontieren müssen: Mussolini in Italien, Salazar in Portugal, Franco in Spanien, Stalin in der Sowjetunion und Hitler in Deutschland. Hinzugekommen seien darüber hinaus die Weltwirtschaftskrise 1929, die Verfolgung der Katholiken in Mexiko und der Bürgerkrieg in Spanien sowie die Eroberung Äthiopiens durch das faschistische Italien und die Rassengesetze.

In dieser schwierigen Zeit habe der Papst entschlossen und mutig gehandelt und sich dabei der wertvollen Hilfe seiner beiden Staatsekretäre bedient: Kardinal Pietro Gasparris und später Kardinal Eugenio Pacellis, des späteren Pius XII.

Bertone bezeichnete das pastorale Wirken Pius XI. als „wirklich überraschend": Es sei ihm nämlich gelungen, mehre Fronten miteinander zu vereinbaren. Die Internationalisierung der Kirche von Rom sei in jenen Jahren in großem Umfang vorangeschritten und durch Entscheidungen geprägt worden, die sich später von wesentlicher Bedeutung offenbaren sollten.

Pius XI. habe es vermocht, die Kirche kraftvoll zu leiten, indem er mit neuen Augen auf die Missionen und die katholische Verwurzelung innerhalb und außerhalb Europas geblickt habe. Der Papst sei gegenüber den hervortretenden kulturellen Fragestellungen sensibel gewesen und habe die Katholiken zum sozialen Einsatz gedrängt.

Abschließend erinnerte Kardinal Bertone daran, dass die Geschichtsschreibung des langen Pontifikats von Pius XI. dank der Öffnung der vatikanischen Archive durch Papst Benedikt XVI. am 30. Juni 2006 neue Impulse erhalten und neue Ergebnisse hervorgebracht habe.