Plädoyer für das typisch Männliche (Teil 1)

Interview mit US-Autor Anthony Esolen

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PROVIDENCE, 6. Juni 2007 (ZENIT.org).- „Das Rätsel von Mann und Frau wurde und wird in der Literatur schon seit Jahrtausenden erforscht“, erklärt Anthony Esolen, Englisch-Professor am Providence-College im US-Bundesstaat Rhode Island. Gegenüber ZENIT tritt er unumwunden für die Bewahrung echter Männlichkeit ein. Dies sei nämlich, so Esolen, für den Erhalt der abendländischen Bildungs- und Gesellschaftsordnung unabdingbar.



Esolen ist leitender Herausgeber des Magazins „Touchstone“ und hat vor kurzem Dantes „Göttliche Komödie“ für „Modern Library“ übersetzt und in drei Bänden herausgegeben. Sein Buch „Ironies of Faith“ wird im Sommer 2007 bei „ISI Press“ erscheinen.

ZENIT sprach mit dem Autor über seine Thesen, echter Männlichkeit nicht zuletzt dank einer entsprechenden Erziehung in der Kindheit zum Durchbruch zu verhelfen und „Männlichkeit als Antrieb zu führen“, was ein ganz besonderer Dienst sei.

ZENIT: In jüngst erschienenen Artikeln haben sie über Männlichkeit und Mannsein geschrieben. Das Thema ist aktuell. Wie unterscheidet sich ihre Auffassung darüber vom propagierten Mainstream?

-- Prof. Esolen: Wenn ein hoher Wert, eine Tugend, auf der Strecke bleibt, wenn er keine gelebte Wirklichkeit mehr ist, die in ihren mannigfaltigen Formen von einer Gemeinschaft wahrgenommen und anerkannt wird, bekommen wir nur hier und da einen billigen Abklatsch von ihm vor Augen. Das gilt heute, wie ich meine, für beides, für Mannsein und Frausein.

So wachsen zum Beispiel Millionen von Jungen in Amerika in Familien ohne Väter auf. Und so suchen sie sich selbst „Väter“ auf den Straßen oder in den krankhaften, albernen Phantasien der Massenunterhaltung: Muskelprotze, die ganze Städte niederreißen, oder charismatische Gangsterbosse, die geheime Drogenarsenale von da nach dort gehen und aufregende Dinge geschehen lassen.

Die Kinder haben nicht die Chance bekommen zu erleben, dass es eine versteckte Stärke gibt, die von einer ethischen Sicht und weit blickenden Opferbereitschaft ausgeht. Die männlichen Helden in den Unterhaltungsromanen für Jungen, die vor 80 oder 90 Jahren, mit Gewehr oder Schwert bewaffnet, im Umlauf waren, mochten wohl angehen, aber es gab da auch bebrillte Professoren wie Mr. Chips, dessen Disziplin eine Form von Liebe war.

Ich sehe Männlichkeit als den Antrieb zu führen, als Antrieb zum Dienst durch Führung: zu führen, indem der Mann der echten Führerschaft seines Vaters oder eines Priesters oder Kapitäns in Treue folgt.

Der Mann lebt die Liebe, indem er sich darin übt, in den gewöhnlichen Dingen des Alltags auf sich selbst gestellt zu sein - nicht aus Stolz, sondern aus dem aufrichtigen Wunsch heraus, die anderen für ihre eigenen Pflichten frei zu halten und sich selbst für Dinge frei zu machen, die nicht zu den alltäglichen, gewöhnlichen Pflichten gehören.

Der Mann muss sich auch der Neigung widersetzen, es seinen Gefühlen zu erlauben, ihn von der Pflicht - auch von der Pflicht, die Wahrheit zu lernen und ihr zu folgen - abzubringen. Dies ist eine schwierige Form der Selbstaufopferung.

Der Mann liebt seine eigene Familie, aber er liebt seine Familie auch dadurch, dass er sich widersetzt, der Versuchung zu erliegen, die ganze bürgerliche Ordnung dem Wohlergehen seiner Familie unterzuordnen. Er ist sich bewusst, dass von seiner Pflichterfüllung auch andere Familien außer seiner eigenen profitieren werden.

ZENIT: Bücher über die Männlichkeit wie etwa „Der ungezähmte Mann“ des christlichen Schriftstellers John Eldredge haben vor kurzem Popularität erlangt. Was ist mit unserer Gesellschaft und Kirche los, dass die Männer veranlasst sind, ihre Männlichkeit ganz neu zu verstehen?

-- Prof. Esolen: Die Männer sind heute allein gelassen - und sie lassen sich auch nicht vollkommen von der Ideologie des Androgynismus zum Narren halten, die sie zu einem Zwitterwesen machen will und ihnen Tag für Tag um die Ohren gehauen wird: in der Schule, in der Kirche, am Arbeitsplatz und in den Medien.
Leider glaube ich nicht, dass sie „neue” Betrachtungsweisen ihrer Männlichkeit finden. Sie finden eine sehr alte, oder vielmehr eine sonderbar verzerrte und letzten Endes unbefriedigende Version dieser althergebrachten Sicht.

Tatsächlich hat sich die Gattung Mensch seit den Tagen des Homer und des Moses nicht geändert; Männer und Frauen haben sich nicht geändert. Und das Rätsel von Mann und Frau wurde und wird in der Literatur schon seit Jahrtausenden erforscht. Wir müssen daher einen Schritt zurücktreten, einen Blick auf diese Literatur werfen oder einen Blick auf das, was Männer zu unseren Lebzeiten zu tun pflegten.

So sind es zum Beispiel die Männer (und nicht die Frauen), die, obwohl sie sicher wildere Geschöpfe sind als die Frauen - was die Quelle sowohl ihrer positiven Dynamik als auch ihrer zerstörerischen Wirkung ist -, die die staatliche Ordnung schaffen, so wie es die Frauen (und nicht die Männer) sind, die die Ordnung im privaten Bereich schaffen. Unsere Unfähigkeit, diese beiden Ordnungen auseinander zu halten, und unsere Vernachlässigung beider in der Verfolgung unserer individuellen „Träume“ hat uns ein armseliges häusliches Leben hinterlassen, während in den meisten Gegenden in Amerika und wahrscheinlich auch in Europa ein pulsierendes staatsbürgerliches Leben fast ganz der Vergangenheit angehört.

ZENIT: Es gab eine große Debatte über den „Genius der Frau“, einen Begriff, den Papst Johannes Paul II. prägte („Brief an die Frauen“ vom 29. Juni 1995). Wie steht es mit „dem Genius des Mannes“?

-- Prof. Esolen: Männer haben eine Leidenschaft für die Wahrheit, und sie suchen diese Wahrheit im Allgemeinen nicht intuitiv, sondern durch komplexe Strukturen verschiedener Art. Das können Machtstrukturen sein oder Strukturen des Intellekts. So haben wir das großartige System der Universitäten, das von den Bettelorden und den Studentenvereinigungen in Europa geschaffen wurde, deren Lehrplan oft einer Art euklidischer Geometrie oder newtonscher Berechnungen theologischer und philosophischer Lehrsätze glich.

Männer entwerfen „Grammatiken“ - Mittel, die dazu dienen, kaum miteinander zu vereinbarende Phänomene in ein System zu bringen und die Dinge zu begreifen. Schon die einfache Rückseite einer Baseballkarte mit ihrem ausgeklügelten Datengitter zeugt von dieser Faszination.

Ohne diese nüchterne „Urteilsfähigkeit“ - damit meine ich die klare Trennung zwischen dem, was von einer Sache mit systematischen Mitteln, die sich zur Beurteilung dieses Gegenstands eignen, ausgesagt werden kann und was nicht – wäre alles sehr kompliziert, wie zum Beispiel ein Rechtssystem, die Verwaltung einer Stadt, höhere Bildung oder eine Kirche - ganz zu schweigen von Philosophie und Theologie.

Auch Männer, die keinen so starken Intellekt haben, akzeptieren instinktiv solche Ordnungsstrukturen, und hier spielen Emotionen eine wichtige Rolle. Männer können sich, genau so natürlich und spontan, wie sie sich in eine Frau verlieben, die sie vielleicht heiraten wollen, für eine Führerpersönlichkeit begeistern, wobei starke Gefühle der Loyalität und Freundschaft miteinander zusammenspielen.

Wenn eine Gesellschaft die Jungen nicht dazu erzieht, solche Männer zu werden, oder wenn sie erwachsenen Männern nicht erlaubt, zum Nutzen des staatsbürgerlichen Lebens, solche natürlichen Freundschaften mit anderen Männern zu knüpfen, wird sie degenerieren. Das ist keine Theorie. Es ist eine Tatsache, die gerade jetzt in amerikanischen und europäischen Großstädten bestätigt wird.