Plädoyer für das typisch Männliche (Teil 2)

Interview mit US-Autor Anthony Esolen

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PROVIDENCE, 8. Juni 2007 (ZENIT.org).- Echte Männlichkeit muss heute wieder neu gelehrt und erlernt werden. Das bekräftigt Professor Esolen, der sich für die Bewahrung echter Männlichkeit einsetzt.

 Der Englisch-Professor und Buchautor aus den USA plädiert für die Achtung der feinen Unterschiede, die das Leben zwischen Mann und Frau bereichern. In diesem zweiten Teil eines ZENIT-Interviews stellt der Literaturwissenschaftler Jesus als den Mann schlechthin vor.

„Die Menschen können sowohl von der katholischen als auch von der protestantischen Literatur der Vergangenheit die Wertschätzung für das Wunder des menschlichen Leibes und den Wert einer reinen Liebe lernen“, betont Esolen, der leidenschaftlich für eine geschlechtsspezifische Schulausbildung eintritt, damit sich jedes der beiden Geschlechter optimal entfalten kann.

Teil 1 dieses Interviews erschien am 6. Juni.

ZENIT: Was können die Männer von Christus als dem Urbild aller Menschen für die Entfaltung ihres Mannseins lernen?

-- Prof. Esolen: Das erste, was sie lernen können ist, sich ihres Mannseins nicht zu schämen. Es ist etwas Heiliges! Es ist Gott gegeben, und aus einem ganz bestimmten Grund hat er es so angelegt.

Darüber hinaus könnten sie zur Kenntnis nehmen, dass Jesus nicht nur der nette Freund ist, zu den ihn viele in unseren Kirchen machen wollen, zu einem, der nie zu weit gehen würde...

Jesus liebt Frauen, so wie es sich für alle wohlerzogenen Männer gehört. Jesus gehorcht seiner Mutter in Kana. Aber Jesus läuft den Frauen nicht nach: Er spricht freundlich mit ihnen, aber so umgänglich, wie nun mal nur ein Mann redet; und wenn er zurechtweist, tadelt er gerade heraus und offen - wie ein Mann.

Seine engsten Gefährten sind Männer, auch wenn es nicht unbedingt die Gruppe jener ist, die er am allermeisten liebt. Er schließt sie zu einer opferbereiten Kampftruppe zusammen. Mit Lob ihnen gegenüber ist er sehr sparsam; sicherlich ist er - wie viele gute, kluge Männer - viel eher darauf bedacht, dass sie ihn wirklich kennen als dass sie mit sich selbst zufrieden sind.

Im Umgang mit seinen Aposteln geht es ihm offensichtlich mehr um eine Liebe, die auf einer echten Kenntnis der Wahrheit beruht, als um eine Liebe, die durch sein liebevolles Verhalten ihnen gegenüber geweckt wird. In der Tat reagieren sie auf ihn so, wie Männer oft reagieren: Sie bewundern ihn als Mann mit um so größerer Loyalität. Und sie folgen dem, der sie ausgerechnet deswegen tadelt, weil sie Angst haben, als ihr Schiff auf den stürmischen Wogen des Sees von Genezareth zu kentern droht.

Männer können von Jesus lernen, die Gesellschaft anderer Männer zu suchen – ihren Frauen zuliebe, aber auch ihrem Volk, der Kirche und der ganzen Welt zuliebe. Sie können lernen, dass das Wort: „Es ist nicht gut , dass der Mensch allein ist“, für zweierlei gilt: Der Mann braucht die ergänzenden Eigenschaften der Frau, und er ist auf andere Männer angewiesen.

ZENIT: Sie haben sich intensiv dem Studium der antiken und mittelalterlichen Literatur gewidmet. Nehmen wir zum Beispiel Dantes „Göttliche Komödie“: Gibt es in solchen Werken heilsame Impulse für die Probleme, vor denen unsere Gesellschaft heute steht?

-- Prof. Esolen: Das ist eine gute Frage. Die Menschen können sowohl von der katholischen als auch von der protestantischen Literatur der Vergangenheit die Wertschätzung für das Wunder des menschlichen Leibes und den Wert der reinen Liebe lernen. Sie können von Dante lernen, dass die Liebe zwischen Mann und Frau ein wunderbares Leitmotiv in der Symphonie der Liebe ist, komponiert von dem, der Sonne und Sterne bewegt.

Von Torquato Tasso und Edmund Spenser können sie lernen, dass die Sünde par excellence gegen die Liebe, die durch die Unkeuschheit verursacht wird, die Flamme der Begierde nicht zusätzlich entfacht, sondern eher dämpft, weil sie Herz und Geist schwächt und kraftlos macht.

Von Spenser können sie lernen, dass die Ehe keine private Angelegenheit ist - einer unserer größten und dümmsten Irrtümer - sondern ein in tiefem Sinn soziales Band, das jene zwei faszinierend verschiedenen Gattungen von Geschöpfen, Mann und Frau, in einer Weise miteinander vereinigt, dass sie mit den Familien, die ihnen vorausgegangen sind, und mit denen, die aus ihrer Liebe hervorgehen werden, verbunden sind. Wer eine Vorstellung von der Ehe hat, die nicht die ganze Menschheit, die ganze natürliche Welt, den physikalischen Kosmos, Himmel und Erde, den Anbruch der Zeit und ihre Vollendung in der Ewigkeit einschließt, dessen Sicht der Ehe ist eine engherzige und armselige Sache. So zumindest lehren es die alten Dichter.

Das Wichtigste, was sie lehren, ist aber vielleicht, wie bezaubernd und begeisternd der gute Mensch ist: die liebliche, bescheidene Frau - Miranda in Shakespeares „Sturm“ - und der tapfere, edle junge Mann - Florizel in Shakespeares „Wintermärchen“. Denn heute gleicht die Phantasie unserer Kinder einem Kriegsschauplatz oder den Trümmern einer Welt von Wiesen und Hügeln, die von Bomben in die Luft gesprengt und durch Giftgas für gut 15 Jahre verseucht worden sind. Sogar die Märchen, jene tiefen christlichen Gleichnisse, die aus dem Volkstum stammen und Zeugnis der Menschwerdung sind, wurden durch eine feministische Überarbeitung verpestet.

Ich vermute, dass wir keine dieser Krankheiten heilen werden können, keine einzige davon, wenn wir nicht die Tugend der Unschuld wieder neu entdecken. Können wir ihre Schönheit, die ja in unserer Vorstellungswelt von Kindheit an eine Rolle spielt und uns fasziniert, aber nicht neu erschließen, dann bleibt uns diese Tugend unbekannt.

ZENIT: Gibt es Dinge, die Sie tun, um Ihren eigenen Sohn anders aufzuziehen, als Männer Ihrer eigenen Generation aufgezogen worden sind?

-- Prof. Esolen: Mein Sohn - das größte Geschenk, das Gott uns machen konnte - ist autistisch. Er kann den ganzen Tag lang über Computersysteme sprechen, und nimmt dann den Computer auseinander, um ihn wieder zusammenzubauen. Die meisten Probleme unserer Zeit berühren ihn nicht besonders, da wir ihn zu Hause unterrichten.

Meiner Meinung nach haben die staatlichen Schulen in Amerika allgemein stark ideologisch geprägte Ansichten darüber, wie Jungen lernen und was sie gerne lernen. Sie sind einfach sehr schlecht, so dass ich eher Himmel und Erde in Bewegung setzen würde, als meinen eigenen Sohn in irgendeine dieser Schulen zu schicken.

Wir brauchen ganz dringend getrennte Ausbildungsstätten für Jungen und Mädchen, und wir brauchen uns auch nicht für diese Option zu schämen. In reinen Jungen-Schulen könnten sich die Jungen gut entfalten, denn wenn sie sich nicht entfalten können, ist unsere Gesellschaft bald ruiniert.