Plädoyer für eine humane Medizin: Chirurgen besuchen Papst Benedikt

Auch die Würde von unheilbar Kranken gehört geachtet

| 1053 klicks

ROM, 20. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Eine hoch technologisierte Medizin, der es an „hinreichender“ Menschlichkeit mangle, laufe Gefahr, den Kranken als eine „Sache“ zu betrachten und somit die unverletzliche Würde des Menschen nicht zu achten, warnte Benedikt XVI. heute im Vatikan.



Beim Empfang der Teilnehmer des 110. Nationalkongresses der Italienischen Gesellschaft für Chirurgie, der dem Thema: „Für eine Chirurgie, die den Kranken achtet“, gewidmet ist, wies der Heilige Vater auf die Bedeutung der vertrauensvollen Beziehung zwischen Arzt und Patienten hin. Dieses Vertrauensverhältnis lasse im Kranken die Hoffnung auf Heilung erstarken.

Benedikt XVI. bekräftigte, wie wichtig es sei, die Medizin zu „humanisieren“, das heißt menschlicher zu machen. Damit das gelinge, müsse sich der Arzt verhalten, wie es der Würde des kranken Menschen entspreche.

Der medizinische Fortschritt habe es möglich gemacht, die Situation des Kranken immer mehr zu verbessern, so dass heutzutage Heilung eine normalerweise verwirklichbare Perspektive sei, stellte der Papst fest. Daraus ergebe sich allerdings auch eine neue Gefahr: jene, „den Patienten in dem Augenblick aufzugeben, in dem die Unmöglichkeit wahrgenommen wird, nennenswerte Ergebnisse zu erzielen“.

Auch ohne die Aussicht auf nennenswerte Ergebnisse könne viel für den Patienten getan werden, bekräftigte Benedikt XVI. Seine Leiden könnten gelindert und er selbst begleitet werden, was seine Lebensqualität verbessere.

Papst Benedikt warnte vor der Unterschätzung der Tatsache, dass jeder Patient – auch der unheilbare – einen unbedingten Wert in sich trage, „eine zu achtende Würde, die den unerlässlichen Grund jeglichen ärztlichen Handelns bildet“. Deshalb bekräftigte der Bischof von Rom: „Die Achtung der menschlichen Würde erfordert die unbedingte Achtung eines jeden Menschen, ob geboren oder nicht, ob gesund oder krank, ja, in welcher Lage er sich auch immer befinden mag.“ In diesem Zusammenhang sei die besondere Bedeutung des wechselseitigen Vertrauensverhältnisses von Arzt und Patient zu sehen, so dass ein Therapieplan festgelegt werden könne. Der Papst verwies auf den Einfluss, den die Mitteilungen des Arztes auf den Patienten hätten, und erklärte, Ziel müsse ein „wahrer therapeutischer Bund“ zwischen Arzt und Patient sein, der durch eine angemessene Kommunikation ermöglicht werde.

Auch die Betonung der individuellen Autonomie des Patienten, die heute im Vordergrund stehe, müsse darauf ausgerichtet sein, dass der Arzt den Kranken nicht als Antagonisten, sondern als aktiven und der Therapie gegenüber verantwortlichen Mitarbeiter ansehe. Jedem Einmischungsversuch von außen in diese delikate Arzt-Patienten-Beziehung müsse mit Misstrauen begegnet werden, so der Papst. Einerseits sei es unleugbar, dass die Selbstbestimmung des Patienten respektiert werden müsse, auch wenn man nicht vergessen dürfe, dass die individualistische Überbewertung der Autonomie zu einer unrealistischen Lesart der menschlichen Wirklichkeit führe.

Und andererseits „muss die sich aus seinem Beruf ergebende Verantwortung des Arztes diesen dazu bringen, eine Behandlung vorzuschlagen, die auf das wahre Wohl des Patienten abzielt“. Der Arzt sollte sich dabei bewusst sei, dass er eher in der Lage sei, die Situation zu bewerten, als der Patient selbst.

Im heutigen höchst technologisierten gesellschaftlichen Kontext laufe der Patient Gefahr, „verdinglicht“ zu werden. Oft werde er von Regeln und Praktiken dominiert, die seiner Art zu sein völlig fremd seien. Deshalb sei es sehr wichtig, aus dem therapeutischen Verhältnis den existentiellen Kontext des Patienten und dabei vor allem die Familie nicht auszuschließen. Insofern müsse der Verantwortungssinn der Familienangehörigen des Patienten gestärkt werden. Dadurch könne eine „weitere Entfremdung“ vermieden werden, „die dieser fast unvermeidlich erleidet, wenn er einer hoch technologisierten Medizin anvertraut ist, der es aber am notwendigen menschlichen Einfühlungsvermögen mangelt“.