Plädoyer für politisches Engagement

Interview mit Rechtsanwältin Dr. Stephanie Merckens

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WIEN, 18. September 2008 (ZENIT.org).- Die Rechtsanwältin und karenzierte Lebensschutzbeauftragte der Erzdiözese Wien, Stephanie Merckens, ist in die Politik eingestiegen, weil sie davon überzeugt ist, dass man tatsächlich etwas „bewegen“ kann.



„Christliche Grundsätze für moderne Lösungen sind heute an allen Ecken und Enden gefragt: bei der Integration, bei der europäischen Friedenspolitik, bei der Verteilung der Güter, bei der Steuer, beim Umgang mit Menschen, die sozial geschwächt sind“, bekräftigt die 32-jährige verheiratete Mutter von zwei Kindern gegenüber ZENIT. „Persönlich geht es mir besonders um zwei große Bereiche: Dem Ja zum Leben und dem Ja zur Familie.“

Wirklich „bewegen“ könne nur, wer sich auch auskenne. Und auch wenn das „angesichts der Fülle von Wissenswertem“ alles andere als leicht sei, dürfe man den Kopf nicht in den Sand stecken. In der Politik seien „Visionen und Realismus“ erforderlich.

ZENIT: Während bei vielen Menschen große Politikverdrossenheit herrscht, haben Sie sich dazu entschlossen, selbst aktiv tätig zu werden. Wie macht man das, was braucht es dafür?


Dr. Merckens: Mit Ihrer Frage sprechen Sie ein ganz wichtiges Thema an. Viele Menschen sind von der Politik enttäuscht. Sie haben das Gefühl, dass sie sowieso nichts beitragen können, dass ihre Stimme nicht gehört wird. Dass nichts weitergeht. Doch das stimmt nicht. Ich habe persönlich immer wieder gemerkt, dass man mit Mut, Kreativität und Einsatz doch etwas bewegen kann. Dabei muss uns immer bewusst sein, dass wir nur ein Teil von vielen sind, die ihre Anliegen und Ideen einbringen. Und dass daher meistens nur ein Kompromiss herauskommen kann. Aber was für ein Kompromiss wäre das, wenn unser Einsatz ausbliebe?

Gerade weil ich davon überzeugt bin, dass unsere christlichen Werte für jedermann eine gute Lösung weisen können, möchte ich sie zum Allgemeinwohl in einen demokratischen Prozess einbringen.

Und persönlich ist für mich die schleichende Politikverdrossenheit geradezu ein Ansporn. Wenn jemand sagt, da muss man doch was tun, finde ich mich in diesem „man“ wieder. Das geht natürlich nicht überall. Aber ein „Nein, das geht nicht“ oder „Nein, da ist nichts zu machen“ habe ich bisher immer noch hinterfragt.

ZENIT: Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen, und welche Opfer, aber auch Freuden sind mit ihm verbunden?

Dr. Meckens: Seit vielen Jahren bin ich im Bereich Lebensschutz und Bioethik tätig. Aus dem Kontakt mit Beratungsstellen habe ich gemerkt, wie viel man noch – vor allem – politisch umsetzen könnte, um den Menschen mehr Mut zu Kindern zu machen. Dazu kamen dann die vielen Themen im bioethischen Bereich, die über uns hereinbrechen. Vor allem als Juristin habe ich mir Gedanken gemacht, welche gesetzlichen Bestimmungen, aber auch politische Bekenntnisse wir bräuchten, damit wir wieder mutiger Ja zum Leben in allen seinen Phasen sagen können.

Als mich dann Wilhelm Molterer selber auf der Bundesliste haben wollte, um ein Signal für diese Themen zu sein, habe ich mich zur Verfügung gestellt. Denn ich sehe darin eine Chance, für das Ja zum Leben und das Ja zur Familie neue Akzente zu setzen. Wenn wir wollen, dass christliche Werte in der Politik besser vertreten werden, dann müssen wir uns als Christen auch persönlich zu Verfügung stellen.

Das war für mich nicht einfach. Denn ich habe zwei kleine Töchter – die jüngere habe ich gerade erst abgestillt – und möchte auch meinen Mann, der beruflich sehr gefordert ist, unterstützen. Aber meine Familie hat mir durch ihre Bereitschaft, mich zu unterstützen, den Schritt dann sehr erleichtert. Und seither erfahre ich sehr viel Zustimmung. Oft von Menschen, von denen ich es mir gar nicht erwartet habe. Das stärkt und motiviert.

ZENIT: Haben Sie Vorbilder, die Sie gerade auch in politischer Hinsicht besonders inspirieren und ermutigen?


Dr. Merckens: In der derzeitigen Politik ist vor allem Doraja Eberele, Landesrätin in Salzburg, ein Vorbild für mich. Aber auch Wilhelm Molterer, vor allem wenn es darum geht, wie er mit Angriffen auf seine Person und seine persönliche Art, die ich schätze, umgeht.

Und dann gibt es da Sr. Hildegard Teuschl oder auch Franz-Josef Huainigg. Und wenn ich so nachdenke, kommen immer mehr dazu.

Ganz allgemein sind mir Menschen, die mit persönlichem, oft körperlichem Leid umgehen müssen, ein Vorbild. Das rückt dann meine eigenen Probleme immer wieder auf den richtigen Platz.

Schließlich komme ich immer wieder zurück zu dem Satz (ich denke, er stammt von Bonhoeffer): „Mach aus mir ein Werkzeug…!“ Gerade wenn es eng wird, gibt mir das immer wieder Orientierung.

ZENIT: Sie sind zwar schon ein wenig darauf eingegangen, aber dennoch: Lässt sich in der Politik wirklich etwas „bewegen“?


Dr. Merckens: Ja. Auch wenn man meistens nicht genau das an Erfolg hat, was man an Einsatz hineingesteckt hat. Ich glaube, wenn man etwas in der Politik bewegen will, dann braucht es zumindest einen, der sich mit der jeweiligen Thematik gut auskennt, und einen – vielleicht denselben –, der weiß, wer darüber entscheidet und vor allem wann und wie. Dann aber braucht es viele, die diese Personen unterstützen. Durch Stellungnahmen, Leserbriefe, Aktionen.

Außerdem bedeutet in der Politik „bewegen“ nicht immer nur die Umsetzung einer Idee, sondern immer wieder auch die Verhinderung einer Entwicklung, die dieser Idee entgegensteht.

ZENIT: Sind „Visionen“ in der Politik heute noch am Platz, und wenn ja, können sie Bestand haben? Sind sie nicht dazu verdammt, im Alltags-Hickhack aufgerieben zu werden, um dem „Realismus“ Platz zu machen?

Dr. Merckens: Ich glaube, das ist keine „Entweder-oder-Frage“. Es braucht beides, Visionen und Realismus. Ich war immer schon der Ansicht – egal, in welcher Lebenssituation –, dass es sich lohnt, einem Ideal zu folgen, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass man es nicht erreichen kann. Ich sehe mich dann immer wie ein Esel, dem die Karotte – das Ideal – vor die Nase gehängt wird, damit er weiß, in welche Richtung es gehen soll.

Gerade im politischen Alltag ist es wichtig, das Ideal oder die Vision nicht aus den Augen zu verlieren. Aber man darf auch nicht aufgeben, wenn die Wege steinig und die Schritte nur klein sind.

ZENIT: Was sind die Themen, die Ihnen ganz besonders am Herzen liegen? Wofür lohnt es sich zu kämpfen?

Dr. Merckens: Christliche Grundsätze für moderne Lösungen sind heute an allen Ecken und Enden gefragt: bei der Integration, bei der europäischen Friedenspolitik, bei der Verteilung der Güter, bei der Steuer, beim Umgang mit Menschen, die sozial geschwächt sind. Persönlich geht es mir besonders um zwei große Bereiche: Dem Ja zum Leben und dem Ja zur Familie.

Heute wird uns immer wieder vorgegaukelt, das Leben sei durch und durch planbar. Fast jedem von uns fällt auf Anhieb eine Begebenheit ein, die diese Suggestion ad absurdum führt. Ich finde das auch überhaupt nicht erstrebenswert. Wir Menschen wachsen am Leben, unsere Liebe wächst am Leben. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass wir uns den Herausforderungen, die uns das Leben bringt – und dazu gehört auch ein unerwartetes Kind –, stellen. Und ich möchte mich dafür einsetzen, dass die Menschen darin – soweit der Staat das kann – unterstützt werden. Konkret heißt das: schnelle, unbürokratische Hilfe für schwangere Frauen in Konfliktsituationen; eine Hinweispflicht der Ärzte auf Information und Beratung; Ausbau der Hospizangebote und der Palliative Care, und vieles mehr.

Unsere Gesellschaft braucht ein klares Bekenntnis zum ungeborenen Kind und ein klares Nein zur aktiven Sterbehilfe. Und wir müssen den gesellschaftlichen Beitrag der Familie wieder in den Mittelpunkt stellen.

Unsere jungen Leute wünschen sich überwiegend, einmal selbst eine stabile Familie zu führen. Denn Familie ist – wenn sie funktioniert – der ideale Ort, wo Menschen leben, wachsen und aufgehoben sein können. Die Politik muss sich dafür einsetzen, dass Familienleben möglich ist. Durch steuerliche Gerechtigkeit, durch Vereinbarkeit mit den beruflichen Anforderungen, durch öffentliche Wertschätzung.

In diesem Zusammenhang setze ich mich auch für eine besondere Art der Frauensolidarität ein: Als berufstätige Mutter profitiere ich sehr oft von der Bereitschaft meiner Freundinnen, die sich ganztags um ihre Kinder kümmern, mir zu helfen. Es ist mir eine große Erleichterung zu wissen, dass meine Kinder – wenn ich mich nicht selbst um sie kümmern kann – bei Freunden sein können, in Haushalten, wo sie Geborgenheit erfahren, wo sie sich spielerisch entwickeln können, wo sie Familie erleben können, auch wenn ich nicht dabei bin.

Ich finde es daher ganz besonders wichtig, dass wir Frauen uns nicht gegeneinander aufspielen, sondern uns schätzen, egal, welche berufliche Entscheidung wir für unseren Lebensweg gewählt haben.

ZENIT: Wie können unsere Leser bei der Gestaltung ihres Landes Hand anlegen? Was kann man außer dem Einstieg in die Politik noch alles tun, um nachhaltig am Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft, einer Zivilisation der Liebe mitzuarbeiten?

Dr. Merckens: Sie sagen es schon selbst in Ihrer Frage: Jeder von uns kann etwas tun. Jeder dort, wo seine Talente liegen. Die einen können sich im sozialen Ehrenamt einbringen, die anderen, indem sie die politischen Entwicklungen verfolgen und vor allem auch die großen Fragen, die uns im Bereich der Gesellschaftspolitik, des Lebensschutzes und der Bioethik gestellt werden.

Was mir oft fehlt, ist die Bereitschaft, sich mit komplexeren Fragen in diesen Themen auseinanderzusetzen. Denn wie ich schon gesagt habe: Bewegen kann man nur etwas, wenn man sich auskennt. Das ist jetzt natürlich ein großes Wort, denn wer kennt sich schon aus? Aber wir dürfen angesichts der Fülle von Wissenswertem nicht den Kopf in den Sand stecken.

Der Zug der Zeit rollt. Das stimmt. Aber wie schnell und manchmal sogar in welche Richtung, das können wir schon beeinflussen.

[Das Interview führte Dominik Hartig]