Plotin: Enneaden. Aufstieg zum Einen

Von Gereon Piller

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WÜRZBURG, 25. Januar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- „Noli foras ire, in te ipsum redi ... – Geh nicht nach draußen, in dich selbst kehre zurück.“ Dieser berühmte Satz des heiligen Augustinus, jenem ersten großen Denker des christlichen Westens, ist weniger moralisch als Warnung vor Zerstreuung in Äußerlichkeiten, sondern als Anleitung zu systematischer Erkenntnisgewinnung zu verstehen – und begegnet genau so 1.200 Jahre später im Gedanken des „sum cogitans“ als erstem sicherem Wissen wieder bei René Descartes, dem Begründer der Neuzeit und des neuzeitlichen Rationalismus.

Genau mit dieser Zielsetzung aber – und der Einsicht, nochmals mit Augustins Worten: „Im Innern des Menschen wohnt die Wahrheit ...“ – geht der Satz unmittelbar auf Plotin zurück (Enn. I 6,9,7), dem Begründer des Neuplatonismus und letzten großen Denker der heidnischen Spätantike. Dieser eine rote Faden quer durch die Geistesgeschichte kann allein schon die Bedeutung Plotins (204/5–270 n. Chr.) für das abendländische Denken verdeutlichen – eine Linie, die bis Platon zurückreicht, mit der Überzeugung, dass die Wirklichkeit im Wesentlichen geistig erfassbar weil selber wesentlich geistig konstituiert ist. Entsprechend sieht sich Plotin ausdrücklich als „Exeget“ Platons. Gleichwohl verknüpft man zu Recht Plotins Weg „nach innen“ mehr mit seiner mystisch-religiösen Begabung, auf deren Basis er mit dem Platonismus insbesondere die Nous-Lehre des Aristoteles sowie Gedankengut der Stoa und der gnostischen Mystik verband.

Diese Linie ist es auch, die ihn als Vertreter einer ausgesprochenen Metaphysik des Absoluten bekanntgemacht hat – als Lehrer der triadischen Gestuftheit der wahren Wirklichkeit, ausgehend vom absolut Ersten oder Einen (Hen, auch: das Gute schlechthin oder der rein transzendente Gott), selber unaussprechlich, nur negativ bestimmbar. Daraus geht in einer ersten Ausstrahlung (Emanation), „wie das Licht aus der Sonne“, der Geist (Nous) als zweite eigene Seinsstufe (Hypostase) hervor, aus ihm wiederum als dritte Stufe die Weltseele (Psyche), an der auch die einzelnen menschlichen Seelen teilhaben und über sie auch am Geist wie letztlich am Einen als Ursprung von allem selbst.

Gleichwohl: Hinabgestiegen in die Materie, die sinnliche Welt, eingegangen in einen irdischen Leib, sind die Menschen mit ihrem unteren Seelenteil von jenem Wesensgrund weit entfernt. Zu ihm zurückzufinden – eben auf dem Weg nach innen, sich versenkend in den eigenen Grund, zum oberen Menschen hin – ist folglich die wahre Bestimmung der Seele. In diesem Aufstieg, in meditativer, ekstatisch mystischer Vereinigung (Henosis) mit dem Einen als dem göttlichen Weltgrund kann sie allein nur ihr Glück sowie die wahre Erkenntnis des Seienden erlangen.

Plotin hat diese Lehre relativ spät, als Vierzigjähriger, mit Gründung einer Schule in Rom, öffentlich vertreten und erst mit 50 Jahren begonnen, sie schriftlich festzuhalten. Sein Schüler Porphyrios ordnete die insgesamt 54 Abhandlungen später in je sechs Neunergruppen und gab damit dem Werk seinen heute geläufigen Namen: Enneaden („Neunheiten“). Mit folgender Systematik: Enn. I enthält ethische Schriften, II–III naturphilosophische, IV handelt von der Seele, V–VI vom Geist und vom Einen.

Das griechische Original erfuhr etliche, zum Teil berühmte Übersetzungen: So bereits früh die Übertragung ins Lateinische durch den Christ gewordenen Neuplatoniker Marius Victorinus, Zeitgenosse des Augustinus, der ihn ausführlich rezipierte – in dieser Kombination geradezu exemplarisch für die Synthese von christlichem und hellenistischem Denken, hier speziell aus dem Geist des Platonismus, wie er für Patristik und Frühmittelalter maßgebend war. Eine andere wichtige Übersetzung ist die des Renaissance-Gelehrten Marcilio Ficino, nunmehr als Ausgangspunkt für eine breite, teils unterschwellige und mehr „säkulare“ Rezeption plotinischen Denkens in der Neuzeit, etwa über Goethe, Novalis, zu Hegel, Schelling und anderen.

Die Abkünftigkeit allen Seins, aller Wirklichkeit vom „Hen“, einem einzigen Prinzip von unbegreiflicher Größe und Souveränität, dies ist der höchste Gedanke Plotins. Kein Wunder, dass christliche Denker darin – wie auch bezüglich Platons selber schon – eine heilsgeschichtliche Vorbereitung der heidnischen Antike auf die Offenbarung sahen. Eine solch anspruchsvolle Vorstellung von Gott als Urheber allen Seins konnte selbst jüdischer Gottesgelehrtheit noch etwas über den vermitteln, den sie als den Einzigen Gott verehrten und eine Ahnung davon geben, wie groß dieser Gott wirklich sein muss – über allem Sein, allem Vielen der Welt. Von hier aus war der Weg zum Monotheismus hin offen, und Plotins Hypostasenlehre gab dann auch Impulse für die Trinitätsspekulation der christlichen Theologen.

Freilich, dass Plotin jene Trias wie auch die Vielheit der Welt durchgängig als „Emanation“ aus dem Einen zu erklären suchte, sozusagen a-personales Ausfließen aus jenem Ursprung, das ließ sich weder mit der Offenbarung eines personalen Gottes noch mit der besonderen Bedeutung Jesu, noch auch mit der Lehre von der creatio ex nihilo, der Schöpfung aus dem Nichts so einfach harmonisieren. Auch die Vorstellung der menschlichen Seele als Teil der einen Weltseele (der „Monopsychismus“), so nach Aristoteles, war mit christlicher Lehre unvereinbar. Und dennoch: Warum war etwa für Augustinus gerade der Neuplatonismus so wichtig? Nun, er hatte erkannt, dass dieser die einzige Instanz in der Spätantike war, die gegen den versteckten Materialismus der Gnosis und den panentheistisch immanentisierten Logosbegriff der Stoa noch den vollen Geistbegriff bewahrt hatte; etwas, was auch uns heute große Probleme macht. Auch wir scheinen nicht mehr in voller Bedeutung erfassen zu können, was „Geist“ heißt und damit etwas von der „Weite“ der Vernunft, mit Papst Benedikt XVI. gesprochen, verloren zu haben; mit Konsequenzen für uns selbst.

Dazu folgende Leseprobe – zur Einstimmung auf Plotin als „hintergründigem“ Lehrer und Mahner auch in unserer Zeit: „Denn ein Wesen, das etwas bewundert und ihm nachjagt, gesteht eben [dadurch] ... ein, ihm unterlegen zu sein; indem es sich aber selbst [somit] ... für unwerter und sterblicher als alle die Dinge hält, die es hochschätzt, kann es niemals den Gedanken von Gottes Wesen und Kraft fassen. Es muss also gegenüber Menschen in dieser Verfassung eine zwiefache Beweisführung statthaben, wenn man sie auf den umgekehrten Weg, zum Ersten hin kehren und hinaufführen will zum Höchsten, dem Einen und Ersten. Und welches sind diese beiden? Die eine zeigt den Unwert dessen, was der Seele jetzt wert ist ... Die andere belehrt die Seele und ruft ihr ins Gedächtnis, wie hoch sie ihrer Herkunft und ihrem Werte nach steht ... von der wollen wir jetzt handeln ...“ (Enn. V 1,1).

[Plotin: Enneaden. Studienausgabe, griech.-dt. (ausgewählte Einzelschriften), besonders Heft 3: Seele – Geist – Eines. Enneade VI 8, V 4, V 1, V 6, V 3, hrsg. von Klaus Kremer. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1990, 145 Seiten, EUR 14,80; aus der Reihe „50 Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 19. Januar 2008]