„Positive Laizität“ stellt für den Glauben keine Bedrohung dar

Kardinal Bertone zur Reise Benedikts XVI. nach Frankreich

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ROM, 11. September 2008 (Zenit.org).- In einem Interview mit der französischen katholischen Zeitung „La Croix“ vom 10. September 2008 äußert sich Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone am Vorabend der zehnten internationalen Pastoralreise Benedikts XVI. nach Frankreich (12.-15. September) zum Verhältnis von Glaube und Laizität.

Der Kardinal stellt unter anderem fest, dass sich in den letzten zehn Jahren das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Frankreich „zum Glück weiterentwickelt“ habe. Einen Beleg hierfür sieht Bertone in der Ansprache des französischen Staatspräsidenten Sarkozy während seines Rom-Besuchs am 20. Dezember in der Lateran-Basilika. Dort hatte der Präsident von einer „positiven Laizität“ gesprochen, innerhalb derer die Bedeutung und der Wert der Religionen anerkannt werde.

„Die großen Religionen, auch der Islam in Frankreich, müssen sich auf ruhige Weise äußern, mit einer Botschaft der Liebe und des Friedens“, hatte Sarkozy im Jahr 2007 erklärt. „Für mich ist es wichtig, dass sie das tun können. Es fehlt an intellektuellen Christen, an großen Stimmen, die die gesellschaftlichen Debatten vorantreiben und zeigen, dass das Leben nicht ein Konsumgut ist wie jedes andere.“ Die Botschaft Christi sei eine sehr ermutigende Botschaft, denn sie verkünde einen verzeihenden Gott und ein Leben nach dem Tod. „Ich denke nicht, dass diese Botschaft voll Mut und vollkommener Hoffnung gedämpft werden darf.“

Bertone zog eine Bilanz zum aktuellen Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Frankreich. „Die französische Idee von Laizität“, so der Kardinal, „neigte lange dazu, den Glauben auszugrenzen und in den Privatbereich zu verdrängen. Ihrerseits hatte die französische Kirche, die es gewohnt ist, mit den anderen Konfessionen und den anderen in der französischen Gesellschaft gegenwärtigen Denkfamilien im Dialog zu stehen, oft große Mühe damit, es verstehen zu lassen, dass sie nicht als Lobby spricht oder handelt, die ihre eigenen Interessen voranbringen will, sondern dass sie durch ihr Eingreifen einen Beitrag zur Suche nach dem Gemeinwohl leisten will.“

Heute neige der Staat dazu, die Tatsache in Betracht zu ziehen, dass trotz der fortschreitenden Säkularisierung viele Bürger ein geistliches Leben führten, das sich auf die Gesellschaft auswirke.

Nach Worten von Kardinal Bertone ist es weder richtig noch fruchtbar, dieser „sozialen Realität“ nicht Rechnung zu tragen. „Wenn die Worte eine Bedeutung haben“, so Bertone weiter, „bildet die positive Laizität keine Bedrohung für das Prinzip der Laizität.“ Es handle sich ebenso wenig um einen Bruch. Es werde nur zum Ausdruck gebracht, dass diese Laizität „nicht blind ist und die religiöse Gegebenheit nicht ablehnt“. Es handle sich dabei um eine Evolution, die Laizität gesünder mache.

Aufgrund ihrer starken historischen Verwurzelung in der Gesellschaft sowie aufgrund ihres missionarischen und intellektuellen Bedürfnisses habe die Kirche in Frankreich immer ihr Wort zu den sozialen Fragen und immer dort erhoben, wo die Menschen lebten und arbeiteten. In diesem Zusammenhang könne die Aufmerksamkeit verstanden werden, die die Kirche bioethischen Problemen, der Erziehung und der Familie, dem Leben in den Peripherien, der Aufnahme und Integration von Einwanderern sowie der Kultur widme. Die Kirche wolle, so Bertone zum Schluss des Interviews, dieser Tradition treu bleiben und weiterhin mit ihrem Blick und Einsatz die Gesamtheit der menschlichen Wirklichkeiten umfassen.