Positive Zeichen eines ökumenischen Dialogs in Zypern

Interview mit Pater Jerzy Kraj, OFM, Vikar des lateinischen Patriarchats von Jerusalem für die zypriotische katholische Gemeinde

Jerusalem, (Lateinisches Patriarchat) | 380 klicks

Die Insel Zypern, isoliert in der Mitte des Mittelmeeres und trotz der Entfernung von Jerusalem zu dieser Diözese gehörig, überlebt die wirtschaftlichen und politischen Stürme dank der Zusammenarbeit verschiedener Kirchen, die den ökumenischen Dialog aufrecht erhalten. Pfarrer Jerzy Kraj, OFM, Patriarchalvikar für die zypriotische katholische Gemeinde, teilt seine Ansichten.

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Die Krise, die die Vereinigten Staaten und Europa erschüttert hat, hat auch Zypern nicht verschont. Der Notverkauf hat ernste Auswirkungen. Wie sehen die Zyprioten diese raue neue Wirklichkeit?

Die Folgen der Wirtschaftskrise sind in vielen Bereichen des sozialen und privaten Lebens der Zyprioten sichtbar. Zunächst gibt es negative Auswirkungen auf die Beschäftigung. Viele Firmen erklärten den Bankrott oder verminderten ihre Aktivitäten. Viele Projekte wurden aus finanziellen Gründen aufgeschoben. Daher sind viele Arbeiter ohne ständige Beschäftigung. Die Situation ist schlimmer in der Privatwirtschaft. Wenn man durch die Straßen geht, sieht man viele geschlossene Geschäfte, und die wenigen, die offen geblieben sind, gehören zur gehobenen Preisklasse, die reiche Kunden anziehen.

Die Wirtschaftskrise hat die Familien gezwungen, ihre eigene Lebenshaltung zu verändern, um so rasch wie möglich zu sparen. Zum Beispiel konnten sich vor der Krise Familien Haushaltshilfen (oft Migranten aus den Philippinen, aus Indien oder Sri Lanka) leisten, das geht jetzt nicht mehr. Die Krise hat auch die Privatschulen beeinflusst. Unsere Franziskanerschule – das „Terra-Santa-Kolleg – sieht sich mit rückläufigen Anmeldezahlen konfrontiert und  mit der Abmeldung von Schülern, deren Eltern das Schulgeld nicht mehr zahlen können.

Die Krise hat zweifellos die Finanzen vieler Familien geplündert, aber nicht ihre Spontanität und Lebensfreude gemindert. Die Bars und Restaurants sind vor allem an Wochenenden und während der Feiertage voll. Die mediterrane Mentalität trifft in diesem Sinn irgendwie das Evangelium: Sorge dich nicht zu viel über die Zukunft, sondern arbeite, um die Folgen der Krise zu bewältigen.

Die orthodoxe Kirche hat großen Einfluss im Land und hat sich rasch im Kampf gegen die Armut engagiert. Ist die katholische Kirche auch in die Unterstützung der Bevölkerung, und besonders der Ärmsten, eingebunden?

Die christliche Gemeinde steht gemeinsam mit der Regierung und Gemeindeeinrichtungen in der ersten Reihe, um die Armen von gestern und heute zu unterstützen und ihnen zu helfen. Die orthodoxe Kirche, zu der die Mehrheit der Gläubigen gehört, ist die Organisation, die finanzielle Unterstützung für verschiedene caritative Initiativen bereitstellt. Hier vergessen wir auch nicht das praktische Engagement der maronitischen Minderheit und der römisch-katholischen Gemeinden. Die Caritas von Zypern (Koinonia), der der maronitische Erzbischof Yousef Suoeif vorsteht, bemüht sich, die Bedürfnisse der Ärmsten abzudecken, und hilft ihnen auch aktiv, die Krise zu bewältigen. Während des letzten Treffens von Beamten und Vertretern unserer Pfarrcaritas wurde gesagt, dass Bildung der Weg sei, den Bedürftigen zu helfen: „Gib dem Mann einen Fisch, und du ernährst ihn einen Tag lang. Lehre einen Mann zu fischen, und du ernährst ihn ein Leben lang.“ Die Caritas von Zypern unterstützt konkret die örtliche und die zugewanderte Bevölkerung. Zusätzlich zur materiellen Hilfe fürs Essen sind Unterkunft und Gesundheitsassistenz wichtige Anliegen und werden vor allem den ausländischen Arbeitskräften, die in Zypern leben, angeboten.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen die Bevölkerung und die Migranten konfrontiert sind, stellen keinesfalls dringendere Situationen in den Schatten. In fast allen Pfarreien wurden Geld und materielle Gaben für die Philippinen nach dem Taifun im November 2013 gesammelt. Auch die Opfer des Krieges in Syrien erfahren die gleiche Großzügigkeit.

Vor 50 Jahren trafen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras einander im Hleiligen Land. In diesem Jahr ist in Jerusalem ein Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Bartholomäus I. geplant, zur Fortsetzung des ökumenischen Dialogs. Sind noch weitere Treffen zwischen Katholiken und Orthodoxen geplant, um die Einheit unserer Kirchen zu stärken?

Zypern ist ein kleines Land mit einer langen Geschichte politischer und religiöser Konflikte. Momentan ist das Land zwischen einer griechisch- christlichen Mehrheit im Süden und einer türkisch-muslimischen Minderheit im Norden geteilt. Die Wunde der Teilung ist groß, aber noch größer ist die Hoffnung auf eine politische Wiedervereinigung von Zypern. Gemeinsam mit diplomatischen Abkommen kann auch ein ernster Dialog zwischen Christen und Moslems entstehen.

Die orthodoxe Mehrheit der Republik Zypern anerkennt und garantiert die Rechte der Minderheiten der anderen christlichen Kirchen: Maroniten, Katholiken und Armenier. In der Folge des prophetischen Treffens zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras vor 50 Jahren sind positive Zeichen eines ökumenischen Dialogs reichlich auf unserer Insel vorhanden. Während der Gebetswoche für die Einheit der Christen im Januar 2014 hatten wir zum Beispiel zwei Treffen mit ökumenischem Charakter: ein Konzert mit Kirchengesängen und Hymnen, aufgeführt von den Chören vierer Gemeinden. Das zweite Treffen wurde vom orthodoxen Erzbischof Chrysostomos II. organisiert. Zusätzlich zu diesen offiziellen ökumenischen Gesten haben wir brüderliche Gesten und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen den christlichen Kirchen für Gottesdienste. Manchmal werden unsere Priester eingeladen, ein Begräbnis in einem orthodoxen oder anderen christlichen Friedhof abzuhalten. Die Tatsache von gemischten Hochzeiten zwischen Orthodoxen und Katholiken ist ein weiteres Beispiel für „praktische Ökumene“.

Natürlich gibt es Priester und orthodoxe Gläubige, die den ökumenischen Geist nicht teilen und eine gewisse Feindseligkeit gegenüber Mitgliedern von anderen Kirchen zeigen. Der Weg ist lang und braucht Gebete und prophetische Gesten. Ich bin sicher, dass der Besuch von Papst Franziskus in Jerusalem und das ökumenische Treffen zur Erinnerung an die Pilgereise von Paul VI. reiche Frucht für unsere Insel Zypern bringen wird.

Im kommenden Mai wird Papst Franziskus in der Diözese Jordanien, Bethlehem und Jerusalem ankommen. Werden zypriotische Katholiken an der Vorbereitung dieser Reise teilnehmen?

Die Ankündigung der Pilgereise des Papstes ins Heilige Land hat die Christen von Zypern mit Freude erfüllt. Alle erinnern sich an den historischen Besuch von Papst Benedikt XVI. im Juni 2010. Diese jüngste Ankündigung hat in einigen Herzen die Hoffnung für ein zukünftiges Treffen mit dem Papst in Zypern genährt.

Die Vorbereitung für das Ereignis im Hleiligen Land ist verbunden mit einer Pilgerreise einer Gruppe von örtlichen Christen, die eine Pilgerreise nach Rom zur Heiligsprechung von Johannes XXII. und Johannes Paul II. machen. Die Gruppe besteht aus einigen Priestern und 30 römisch-katholischen und maronitischen Gläubigen, die alle Pfarreien der Insel repräsentieren. Die Pilgerreise nach Rom wird es unserer Gemeinde ermöglichen, an diesem großen kirchlichen Ereignis teilzuhaben. Ich bin sicher, dass die Teilnahme an der Heiligsprechung in Rom, das Treffen mit Papst Franziskus und die Gebete von Millionen von Gläubigen nicht nur die Pilger, sondern die gesamte christliche Gemeinde von Zypern stärken wird.

Interview von Pierre Loup de Raucourt

(Quelle: Lateinisches Patriarchat von Jerusalem, 05/03/2014)