Post-Abortion-Syndrom bei Männern (Teil 1)

Interview mit Kevin Burke von „Rachel’s Vineyard“ („Rachels Weinberg“)

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KING of PRUSSIA, 4. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wenn ein Mann aufgrund der Abtreibung seines Kindes leidet und sich anderen darüber mitteilt, gibt er anderen Männern die Möglichkeit, ihre eigene Rolle bei der Abtreibung und die damit verbundenen tiefgreifenden Folgen für ihr eigenes Leben zu bedenken und zu verarbeiten. Das betont Kevin Burke, Spezialist in Sachen Post-Abortion-Problematik, im vorliegenden ZENIT-Interview.



Burke ist zweiter Direktor von „Rachel’s Vineyard Ministries“ und pastoraler Mitarbeiter bei den „Priestern für das Leben“. Zusammen mit David Wemhoff und Marvin Stockwell hat er vor kurzem ein neues Buch mit dem Titel „Redeeming a Father’s Heart“ (Die Heilung eines Vaterherzens) herausgebracht, in dem aufgezeigt wird, wie die Wunden von Männern, deren Kind abgetrieben wurden, verheilen können.

Diese Wunden und Verletzungen, mögliche Wege der Heilung und die Frage, wie Männer Frauen beistehen können, die schon einmal abgetrieben haben, beleuchtet Burke im Folgenden näher.

ZENIT: Ihr neues Buch „Redeeming a Father’s Heart“ handelt vom Leid, das Männer nach der Abtreibung ihres Kindes erfahren. Wie kommt es, dass dieses Thema bisher so wenig Beachtung gefunden hat?

Burke: Wir alle haben jahrelang immer wieder die abgedroschene Phrase gehört: „Die Abtreibung ist eine private und persönliche Entscheidung, die eine Frau mit sich selbst, ihrer Ärztin und ihrem Gott zu fällen hat.“ Die Männer waren in diesem Prozess sozusagen nur Statisten. Sie galten als Personen, die von der „Entscheidung“ der Frau kaum betroffen und an ihr unbeteiligt waren.

Tatsache ist jedoch, dass die Männer in 95 Prozent aller Abtreibungsentscheidungen verstrickt sind und dass sie durch ihre Teilnahme an der Abtreibung ihres Kindes einen tiefen Schock davontragen.

Bei unserer Arbeit als beratende Sachverständige haben meine Frau Theresa und ich mit vielen Einzelpersonen und Paaren zusammengearbeitet, die zu uns kamen, um nach einer Abtreibung Heilung zu finden. In den vergangenen acht Jahren haben wir erlebt, dass immer mehr Männer und Frauen an unseren Rachel's-Vineyard-Kursen teilnehmen.

Viele Männer kommen zusammen mit ihren Frauen, oder nachdem ihre Partnerin an einem dieser Heilungsseminar teilgenommen hat. Wenn sie mit uns über ihre Abtreibung sprechen, erkennen wir sehr schnell, welche verheerenden Folgen für ihr Leben damit verbunden sind.

Ähnlich wie bei den Frauen werden die Männer – wenn sie die Erfahrung machen, dass sie vom Schmerz über die Abtreibung von Grund auf geheilt werden – von Scham und Schuldgefühlen befreit, die sie ins Schweigen und in die Isolation getrieben haben. Dann sind sie bereit, ihre Erfahrung auch mit anderen zu teilen, weil sie schließlich erkennen, dass ihre Gefühle normal sind, dass sie nicht allein dastehen.

Abtreibung tut weh, und sie hat starke Auswirkungen auf die Beziehungen in der Familie und am Arbeitsplatz. Wenn ein Mann seine Erfahrung engen Freunden und Angehörigen mitteilt, gibt er damit anderen Männern die Möglichkeit, ihre eigene Rolle bei der Abtreibung und die damit verbundenen tiefgreifenden Folgen für ihr eigenes Leben zu überdenken und sich ebenfalls mitzuteilen, um so Heilung zu erfahren.

ZENIT: Wie unterscheidet sich – abgesehen davon, dass bei Männern der physische Schmerz ausbleibt, der mit der Durchführung einer Abtreibung verbunden ist – der seelische Schmerz und der Heilungsprozess bei Männern nach einer Abtreibung von der Erfahrung der Frauen?

Burke: Die meisten Männer ermutigen ihre Freundinnen, Lebenspartnerinnen oder Ehefrauen zur Abtreibung oder versuchen, sie dazu zu überreden oder sogar zu zwingen. Viele andere Männer lassen die Mutter ihres Kindes materiell oder auch emotional im Stich, wenn sie erfahren, dass sie schwanger ist.

Die Mutter wird allein gelassen und muss nun allein die volle Last der Entscheidung und die Last der physischen und emotionalen Folgen der Abtreibung tragen. Oft mag der Mann sich einreden, die Abtreibung sei im besten Interesse der Mutter, und er mag ihr seelisches Leid nicht wahrhaben wollen, das die Abtreibung nach sich zieht.

Ein wichtiger Bestandteil der Heilung beginnt für viele Männer mit einer sehr schmerzhaften Reue über ihre Rolle im Abtreibungsgeschehen und darüber, dass sie die Mutter und das Baby nicht vor Schaden geschützt haben. Dieser Akt der Demut öffnet für sie die Tür zur Anerkennung der Tatsache, dass sie einen Sohn oder eine Tochter verloren haben.

Diese Erkenntnis wiederum erlaubt es ihnen, näher zu untersuchen, wie dieser Verlust sich in ihrem Leben ausgewirkt hat; wie er ihr väterliches Herz verwundet hat. Und so werden sie dazu ermutigt, sich nach der Versöhnung mit Gott und ihrem Kind auszustrecken auf dem Weg zur Heilung, zum Frieden und zur Gesundung, zum Heilwerden in Christus.

Am anderen Ende des Spektrums stehen jene Männer, die aus natürlichem Instinkt heraus die Mutter ihres Kindes von einer Abtreibung abhalten wollen. Sie tun alles, was in ihrer Kraft steht, um beiden – Mutter und Baby – Unterstützung anzubieten. Wenn sie erkennen, dass sie machtlos sind und den Tod ihres Sohnes oder ihrer Tochter nicht verhindern können, bekommen sie in der Regel schwere Depressionen und empfinden Wut und Schmerz, was zu einer inneren Selbstzerstörung führen kann. Diese kann vielerlei Formen und Gestalten annehmen. Sie zeigt sich etwa in der Drogen-, Alkohol- und Spielsucht, in einem offensichtlichen Problem bei der Zornbewältigung, in Pornographiesucht usw.

Solche Männer benötigen sofortige Beratung und eine wirksame Betreuung, wie sie das  Rachel’s-Vineyard-Seminar bietet, so dass sie auf emotionaler und spiritueller Ebene Heilung erfahren.

Bedenken Sie, dass auch Männer, die an der Entscheidung zur Abtreibung beteiligt sind und diese unterstützen, Post-Abortion-Symptome erleben – Scham, Schuldgefühle, schwer erklärbaren Kummer, Angstgefühle, Depressionen und Beziehungsprobleme.

Andere Männer leiden wieder an sexuellen Funktionsstörungen, Pornographiesucht und anderen Problemen, die damit verbunden sind.

In der Regel tauchen die Symptome gerade da auf, wo die Wunde wirklich liegt -- häufig in Form von späteren Beziehungsproblemen, Zwangsvorstellungen und Neurosen, die mit der Sexualität zu tun haben.

Die Geschichte von Jonathan Flora in „Redeeming A Father’s Heart“ zeigt, dass die Symptome verborgen sein können, unter der glänzenden Oberfläche eines äußerst erfolgreichen Geschäftsmanns, der viele Jahre lang, emotional scheinbar völlig unbeteiligt, in wechselnden Beziehungen lebt. Sein Herz jedoch ist verwundet, gewissermaßen abgetrennt von Vertrautheit und Liebe, nach der wir alle hungern.

Die Männer sind von selbst oft nicht in der Lage, diese Symptome mit dem Verlust, der eine Abtreibung bedeutet, in Verbindung zu bringen. Sie brauchen einen Berater, einen Geistlichen oder einem Freund, um das herauszufinden; eine geeignete Website oder ein Buch wie „Redeeming a Father’s Heart.“

[Teil 2 erscheint am Freitag]