Post haec in terris visus est: Bildbetrachtung zum Hochfest der Erscheinung des Herrn

Rogier van der Weyden, Die Anbetung der Weisen

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Von Nicki Schaepen*

TÜBINGEN, 6. Januar 2012 (ZENIT.org). - Rogier van der Weyden, Die Anbetung der Weisen, Mitteltafel des Columba-Altares, um 1455, Öl auf Holz, 138 x 153 cm, Alte Pinakothek, München.

Das Bild findet sich hier

Beim ersten Blick auf die Mitteltafel des Columba-Altares wird der Betrachter mit einer großen Fülle an Eindrücken konfrontiert: Gebäude und Personen zeigen sich in buntfarbener Vielfalt, mehrere Bildebenen drängen sich dicht aneinander, hie und da blitzen Lichtakzente auf, welche die Aufmerksamkeit des Betrachterauges in unterschiedlichen Graden auf sich lenken. Bei näherem Hinsehen indes entdeckt man, dass die ordnende Hand des Malers Rogier van der Weyden dem Ganzen eine strenge Komposition zugrunde legte, mittels derer es gelingt, diesen ersten suchenden Blick des Auges sorgsam zu leiten und im weiteren Zusehen zu einem ausgewogenen Gesamteindruck zu führen.

Im Zentrum der Komposition, das vermittels eines von einer zweibögigen Arkatur abgeschlossenen Freipfeilers markiert wird, befindet sich auch der Höhepunkt der Anbetungsszene: Christi Hand wird von dem ältesten der drei Weisen zärtlich aufgegriffen und mit einem innigen Kuss verehrt. In gerader Linie darüber befindet sich ein Kruzifix, das Bethlehem und Golgotha in engste Beziehung setzt. Die Mutter des Herrn, die achsial leicht versetzt, durch den ihr Haupt umgebenden Nimbus und das tiefe Blau ihres Gewandes aber sichtlich hervorgehoben wird, ist in die Betrachtung ihres Sohnes versunken. Ihre Hand weist demutsvoll auf die Brust, eine Geste, die daran erinnert, wie Maria das Wort des Herrn, das nun fleischgeworden, in ihrem Herz erwogen und somit angenommen hatte, zudem ist sie jene, die uns Jesus zeigt. Um Maria gruppieren sich Ochs und Esel, der heilige, in rote schlichte Gewänder gehüllte Nährvater des Herrn, der als „familiarum columen“ vor einem Eckpfeiler steht und schließlich, auf der rechten Bildhälfte, die drei Weisen, die sich als Repräsentanten der drei Lebensalter dem Kinde in prachtvoller burgundischer Hoftracht mit ihren Gaben von Gold, Weihrauch und Myrrhe nähern und denen sich ein gemischtes Gefolge anschließt.

Die vorhin genannten Pfeiler sind Teil eines diese zentrale Personengruppe rahmenden Gebäudes, das durch seine Architektur auf die einstige Würde seines Besitzers weist, nun aber verlassen als Ruine dasteht und notdürftig mit Reed bedeckt, der Heiligen Familie als Unterschlupf dient. In direkter Diagonale vom ältesten Weisen über die Mutter des Herrn ist am linken Rand des alten Hausgiebels jener Stern hell strahlend zu entdecken, dessen Lauf die Weisen bis hierher gefolgt waren.

Lassen wir unsere Bildbeschreibung damit bewenden und greifen wir einige wenige inhaltliche Aspekte auf, die wir mit folgender Perikope aus Mt 2,1f zu erwägen beginnen wollen: „Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen“.

Jener Stern, der dort am Himmel erstrahlte, und auf unserem Bild am Dach der Herberge zu sehen ist, wurde ausgesandt, die Heiden zu erleuchten, und zwar vom Herrn aller Sterne, von dem der Prophet Baruch sagt: „Wer stieg zum Himmel hinauf, holte die Weisheit und brachte sie aus den Wolken herab? … Er entsendet das Licht und es eilt dahin; er ruft es zurück und zitternd gehorcht es ihm … Er hat den Weg der Weisheit ganz erkundet und hat sie Jakob, seinem Diener, verliehen, Israel, seinem Liebling. Dann erschien sie auf der Erde und hielt sich unter den Menschen auf“ (Bar 3, 29ff).

Der Stern erschien „zur Zeit des Königs Herodes“. Wie wir wissen, war Herodes der erste, dem die römischen Besatzer den Titel eines Königs von Judäa gaben. Von seiner Abkunft her war er Idumäer, ein Fremdling. Was anderes sinnbildet seine Thronbesteigung, als dass nun das Zepter vom Stamme Juda auch formell gewichen ist. Gemäß der Weissagung Jakobs ist damit die Zeit gekommen, in der der Messias erscheinen soll: „Nie weicht von Juda das Zepter, der Herrscherstab von seinen Füßen, bis der kommt, dem er gehört, dem der Gehorsam der Völker gebührt“ (Gen 49,10). Könnte die einst so würdevolle, nun aber zerfallene Behausung unseres Bildes jene Besitzung der Familie des hl. Josephs zu Bethlehem sein, der ja aus dem Hause Davids stammte. So erscheint den Weisen der legitime neugeborene König der Juden, auf dem Sitz der Weisheit thronend, der „sedes sapientiae“, der jungfräulichen Gottesmutter.

Die Berufung der Weisen wurzelte in der allgemeinen Kenntnis „uralter Prophezeiungen, wurde gefördert durch das Studium der Weisheit und endlich vollendet durch das Aufleuchten des wunderbaren Sterns und durch die innere Erleuchtung der Gnade. Gottes Vorsehung hat über diesen erlauchten Männern gewacht und ihnen zur Gabe der Wissenschaft, des Reichtums und des Ansehens die unschätzbare Gnade eines einfachen, demütigen, aufrichtigen und frommen Herzens hinzugegeben“ [1]. Die Gaben der Weisen waren: Gold für den König, Weihrauch für Gott und Myrrhe für den Heiland Jesus, in denen sich auch die Geheimnisse von Tod, Auferstehung und Erlösung manifestieren. Mehr noch als diese Gaben sind es aber ihre Herzen, die sie dem Herrn durch ihre gläubige Anbetung darbringen.

Der Herr wohnt noch immer unter uns. Verborgen in der Eucharistie bringt er die Menschen um sich her in Bewegung durch sein Licht und seine Anregung, durch heilige Empfindungen und Entschlüsse, die er ihnen eingibt und die oft wunderbar sind und auf den ersten Blick sich als Eingebungen der Gnade erweisen; denn sie führen zur Demut und zur Ertragung des Kreuzes Christi, ganz so, wie es auf unserer Bildtafel in der Vereinigung von demütiger Anbetung und Kruzifix dargestellt ist. Die Kirche erscheint so als Bethlehem, das Haus des Brotes, in dem der rechtmäßige neugeborene König der Juden in der Brotsgestalt erscheint und sich den Menschen, die an ihn glauben und seinem Stern folgen, zur Speise gibt. Unser Bild bezieht diesen innigen Moment des anbetenden Weisen, der dem fleischgewordenen Logos fast so nahe kommt, wie wir in der Kommunion und zeigt, wie beides in der Eucharistie zugegen ist: Bethlehem und Golgotha.

Beschließen wir so unsere Betrachtung mit dem Gebet: „O mein Herr und König, der du verborgen im heiligsten Sakrament verweilst, herrsche über mein Herz, erleuchte es, zeige ihm den Weg des Heiles und gib ihm einen folgsamen Willen, deine Gebote und Räte auszuführen“.

[1] Ludwig Lercher SJ, Erhebungen des Geistes zu Gott. Betrachtungspunkte über das Leben unseres Herrn Jesu Christi, 1. Band, Die Schöpfungsgeschichte. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes und die Kindheit Jesu, Regensburg, Rom Wien 1919, 332.

*Nicki Schaepen, 1977 in Hechingen geboren, studierte Kunstgeschichte und neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und schloss sein Studium mit einer Arbeit über Anton van Dycks Selbstbildnis mit der Sonnenblume ab. Im Jahr 2007 trat er in das Bischöfliche Theologenkonvikt in Tübingen ein, wo er zurzeit seine Priesterausbildung vollendet, in deren Rahmen er sich auch für längere Zeit in Rom aufhielt.