Prälat Walter Brandmüller: Vorbereitungsjahr für Seminaristen

Zum „Jahr des Priesters" 2009/2010 - „Treue zu Christus, Treue des Priesters"

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ROM, 25. April 2009 (ZENIT.org).- In seiner Ansprache an die zum „Ad limina“-Besuch in Rom weilenden deutschen Bischöfe ging Papst Benedikt XVI. auch auf Probleme der Priesterausbildung ein.

Es kann nicht verwundern, dass er die vielerorts in Seminarien üblichen gruppendynamischen Übungen, Selbsterfahrungsgruppen und andere psychologische Experimente ablehnte. Was er hingegen mit Nachdruck forderte, war die Einrichtung des im Konzilsdekret „Optatam totius“ über die Priesterausbildung vorgeschriebenen „ausreichend langen Einführungskurses“ vor dem Beginn des eigentlichen philosophisch-theologischen Studiums: „In dieser Einführung soll das Heilsmysterium so dargelegt werden, dass die Alumnen den Sinn, den Aufbau und das pastorale Ziel der kirchlichen Studien klar sehen; dass ihnen zugleich geholfen werde, ihr ganzes persönliches Leben auf den Glauben zu gründen und mit ihm zu durchdringen; dass sie endlich in der persönlichen und frohen Hingabe an ihren Beruf gefestigt werden“.

Zuvor hatte das Konzil schon gefordert, dass die Seminaristen jenen „Grad humanistischer und naturwissenschaftlicher Bildung erreichen, der in ihrem Land zum Eintritt in die Hochschulen berechtigt. Sie sollen zudem soviel Latein lernen, dass sie die zahlreichen wissenschaftlichen Quellen und die kirchlichen Dokumente verstehen und benutzen können. Das Studium der dem eigenen Ritus entsprechenden liturgischen Sprache „- das ist in unserem Falle das Latein – „muss als notwendig verlangt werden; die angemessene Kenntnis der Sprachen der Heiligen Schrift und der Tradition soll sehr gefördert werden“. Wie steht es nun damit in Deutschland?

Bislang wurde gewöhnlich auf die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems verwiesen, um die Notwendigkeit einer solchen Vorbereitung zu verneinen.
Es hätte jedoch nicht der ernüchternden Ergebnisse der „Pisa“-Studien bedurft, um das Gegenteil zu beweisen.

Wer immer in den letzten Jahrzehnten eine akademische Lehrtätigkeit ausübte, Examens- oder Seminararbeiten, ja sogar Dissertationen und Habilitationsschriften zu begutachten hatte, weiß ein Lied davon zu singen, dass selbst von Beherrschung der deutschen Muttersprache in vielen Fällen nicht die Rede sein konnte. Natürlich gilt dies in weit höherem Maße von der Kenntnis moderner Fremdsprachen und besonders des Lateinischen und Griechischen.

Kann man jedoch wirklich noch von akademischem Niveau sprechen, wenn für Seminararbeiten kaum fremdsprachige Literatur herangezogen werden kann, wenn lateinische und griechische Quellentexte nur in Übersetzungen benutzt werden können, wobei die Studenten nicht in der Lage sind, die Korrektheit einer Übersetzung zu überprüfen nicht vorhanden ist? Dies aber ist heute und seit langem weithin der Fall. Noch schlimmer ist, dass man vor diesem Bildungsnotstand seit Jahrzehnten die Augen schließt. In Wahrheit verzichtet man damit auf wissenschaftliche Ausbildung überhaupt.

Die Frage ist, ob die Kirche sich einen derart oberflächlich ausgebildeten Klerus leisten kann. Sie kann und darf es keinesfalls, wenn immer sie am intellektuellen Diskurs der Gegenwart teilnehmen und als Gesprächspartner ernst genommen werden will. Es geht also nicht ohne solide Kenntnisse der klassischen und der einen oder anderen modernen Sprachen.

Bedenkt man nun, dass ein zunehmender Teil des Priesternachwuchses sich aus Absolventen naturwissenschaftlich-technisch, musisch oder ökonomisch orientierter Schulen rekrutiert, deren Lehrpläne weder Latein- noch erstrecht Griechischunterricht vorsehen, dann wird vollends klar, dass zur Erreichung des vom Konzilsdekret gesteckten Zieles irgendein Vorbereitungskurs niemals genügen kann. Es ist vielmehr hierfür ein ganzes Jahr notwendig.
Man kann doch nur von einem dürftigen Feigenblatt sprechen, wenn wie bisher, in den ersten beiden Studienjahren Latinums- bzw. Graecumskurse mit je zwei Wochenstunden angeboten werden. Auf diese Weise kann weder ein halbwegs befriedigender Kenntnisstand in den klassischen Sprachen erzielt, noch das eigentliche Studium ernsthaft betrieben werden. Was dabei herauskommt ist eine Farce.

Und nun die deutsche Muttersprache! Von ihrer Beherrschung hängt die kirchliche Verkündigung in hohem Maße ab. Das Wort Gottes verlangt ein dem Inhalt angemessenes Sprachgewand. Ebenso verlangen die Zuhörer vom Prediger ein gehobenes Sprachniveau. Das aber erreicht ein junger Mann nur, wenn er sich in der deutschen Literatur - auch in der Gegenwart – umgesehen hat. Auf diese Weise gewinnt er außerdem Zugang zum Lebensgefühl der Gesellschaft und zu den Fragen, die die Menschen unserer Zeit bewegen. Gerade auf sie muss aber der Prediger und Religionslehrer aus dem Glaubensgut der Kirche Antwort geben können – wenn er sie denn kennt.

Beinahe noch dringlicher ist der Handlungsbedarf hinsichtlich des Katechismuswissens und der religiösen Praxis der Studienanfänger. Es ist hierbei zu konstatieren, dass die Curricula der höheren Schulen eine umfassende Darstellung der Glaubens- und Sittenlehre sowie der Lehre von Gebet und Sakramenten nicht vorsehen.

In nicht wenigen Fällen entstammen junge Leute, die sich mit dem Gedanken an das Priestertum tragen, aus Familien, in denen sie keine normale katholische religiöse Praxis – Gebet, Sonntagsmesse – Beichte – Kommunion – Feier des Kirchenjahres etc. kennen gelernt haben. Selbst viele Pfarreien vermitteln all dies nicht mehr in zureichendem Maße. Wie aber soll nun ein junger Mann, dem all dies eher fremd ist, sich im Seminar zurechtfinden, ein persönliches Glaubens – und Gebetsleben aufbauen, sich um seine sittliche, charakterliche Formung bemühen und fehlende altsprachliche Kenntnisse erwerben – wenn das alles neben dem Studium herlaufen muss?

Glaubte man, der gegenwärtige Zustand habe so seine Richtigkeit, wäre dies ein Zeichen mehr für die – uneingestandene – Geringschätzung der intellektuellen und geistlichen Formung des Priesternachwuchses, von dem man wohl eher „soziale Kompetenz“, kommunikative und didaktische Fähigkeiten erwartet als solide wissenschaftliche und allgemeine Bildung. Dass ein so defizitär ausgebildeter Klerus den pastoralen Herausforderungen von heute gewachsen sein könnte, ist jedoch eine Illusion. Man sollte sich ernstlich die Frage stellen, ob der Auszug aus den Kirchen nicht auch eine Folge davon ist, dass die Predigt weithin hinter den Anforderungen der Zeit zurückbleibt.
II

Was also ist – von einer ohnehin notwendigen gründlichen Reform der theologischen Studien einmal abgesehen – zu tun? Es müssten erneut die Voraussetzungen für ein fruchtbares Studium geschaffen werden – durch die Einrichtung eines Vorbereitungsjahres, das den eigentlichen Philosophie- und Theologiestudien vorausgeht – im Sinne des II. Vatikanums.
Wie aber könnte ein solches Vorbereitungsjahr aussehen? Nun, zuallererst müsste es sich um ein wirkliches, ganzes Jahr handeln.

In einem Stundenplan wäre sodann angesichts der weit verbreiteten religiösen Unwissenheit jeden Tag eine Stunde der Lektüre und Erklärung des „Katechismus der katholischen Kirche“ zu widmen. Ein wichtiger Effekt davon wäre es auch, dass die Studenten an die Universität ein solides Gerüst religiösen Grund-Wissens mitbrächten, das es ihnen gestattete, das in den Vorlesungen Gehörte in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Sie könnten dann, und das ist im Hinblick auf die akademische Wirklichkeit nicht zu unterschätzen, - auch erkennen, ob die Lehre der Professoren mit jener der Kirche übereinstimmt – oder nicht.

In vielen Fällen hätte dieser Katechismusunterricht auch die Folge, dass dadurch den Studenten erstmals ein umfassender Überblick über das Ganze des kirchlichen Glaubens – und damit eine solide Grundlage für den persönlichen Glauben vermittelt würde.

Von der Muttersprache war schon die Rede und von ihrer Bedeutung für die Verkündigung in Predigt und Unterricht. Der deutschen Sprache und Literatur wäre gleichfalls jeden Tag eine Stunde einzuräumen. Das gleiche gilt für das Latein und das Griechische. In eine fünfte Stunde am Tag könnten sich eine moderne Fremdsprache, Kunst- und Musikgeschichte teilen.

Mögen diese Disziplinen auch am Gymnasium gelehrt worden sein, so bedürften sie doch für den künftigen Priester einer besonderen Ausrichtung und Vertiefung. Es genügt, darauf hinzuweisen, wie viele historisch und künstlerisch bedeutende Kirchenbauten wir besitzen. Hinzu kommt die vielerorts beachtliche Ausstattung mit wertvollem Inventar an Statuen, Gemälden, liturgischen Gefäßen und Gewändern.

Ein verantwortlicher Kirchenrektor, der nicht in der Lage ist, dergleichen in seinem Wert zu erkennen, es zeitlich wenigstens ungefähr einzuordnen, kann hier nicht wieder gut zu machenden Schaden anrichten. Wenigstens allgemeine Kenntnisse auf diesem Gebiet können jedenfalls ein entsprechendes Problembewusstsein vermitteln, das zur Vorsicht im Umgang mit dem künstlerischen Erbe anleitet.

Schließlich hat ein für eine historisch bedeutendere Kirche verantwortlicher Priester auch mit den Behörden der Denkmalspflege, mit Handwerkern und Restauratoren zu verhandeln. Hat er von all dem keine Ahnung wird er eine denkbar schlechte Figur abgeben und von seinen Gesprächspartnern nicht ernst genommen werden.

Analoges gilt von der Musik, die wegen ihrer unentbehrlichen Funktion für den Gottesdienst besonderer Aufmerksamkeit durch den Klerus bedarf. Da nun geht es darum, die Auswahl der zu singenden oder zu spielenden Kompositionen im Einklang mit den Erfordernissen der Liturgie vorzunehmen. An den wenigsten Kirchen sind Kirchenmusiker tätig, die auch eine liturgische Ausbildung erhalten haben. Gewöhnlich sind Chorleiter und Organisten eben Musiker – oder gar Dilettanten. So kommt dem Priester bei der musikalischen Gestaltung der Liturgie eine wichtige Rolle zu.

Ein anderes Problem stellen die sich häufenden Konzerte in Kirchen dar, wobei darauf zu achten ist, dass nur geistliche Musik dargeboten wird. Im Vorfeld solcher Planungen sollte ein Pfarrer in der Lage sein, die Spreu vom Weizen zu scheiden. Ohne entsprechende Kenntnisse ist er dazu nicht in der Lage – ergo ist eine gewisse musikalische Bildung vonnöten. Von diesem eher pragmatischen Gesichtspunkt abgesehen sind es doch gerade die großen Schöpfungen der Musik, die die schönsten Erlebnisse bereiten. Zu ihnen sollten auch die Seminaristen hingeführt werden.

Die Nachmittage und Abende könnten sodann für persönliches Studium, Sport und musische Aktivitäten frei bleiben. Eine gelegentliche Unterweisung in guten Umgangsformen sollte nicht fehlen. Wenn dann noch die eine oder andere Exkursion, eine gemeinsame Wallfahrt, Theater- bzw. Opernbesuch hinzukämen, könnten die jungen Leute ein reiches und schönes Jahr erleben.

Würden die künftigen Seminaristen ein solchermaßen gestaltetes Vorbereitungsjahr durchlaufen, könnten sie ihr eigentliches Studium unbelasteter und gewinnbringender antreten als ohne die so vermittelten Fähigkeiten und Kenntnisse.

III

Ein Vorteil dieses dem eigentlichen Seminareintritt vorgeschalteten Jahres bestünde darin, dass eine weitere Klärung der Frage nach der Echtheit der Berufung zum Priestertum erfolgen könnte. Sollte der eine oder andere diese Frage am Ende negativ beantworten, so hätte er eigentlich nichts verloren, sondern einen Zuwachs an Bildung, und wohl auch religiösen Gewinn erfahren.

Wird hingegen die Entscheidung bis zum Ende des Studiums in der Schwebe gehalten, dann ist bei einem Wechsel des Berufszieles viel verloren. Nicht wenige denken in dieser Lage an einen kirchlichen Beruf als Pastoralassistent etc. Wie problematisch eine solche Lösung sowohl für den Betroffenen als auch für die Kirche ist, sollte nicht verkannt werden.

Für die Seminarvorstände böte das Vorbereitungsjahr auch die Möglichkeit, dass sie die jungen Leute während eines ganzen Jahres immer besser kennen lernen könnten, was für eine seriöse Beurteilung der Kandidaten nur hilfreich wäre.

Es ist schwer verständlich, dass im ganzen deutschen Sprachraum dieser Forderung des 2. Vatikanischen Konzils vierzig Jahre nach dessen Abschluss noch immer nicht entsprochen wurde.

Zum Schluss sei noch eines bemerkt: Noch nie hat es zur Verbesserung bestehender Verhältnisse gedient, wenn man Hürden abbaute. Im Gegenteil! Es gilt, die Latte couragiert höher zu legen. Solche Forderungen schrecken nur den Schwachen ab. Intelligente, kraftvolle Jugend ziehen sie an.

[Vom Autor zur Verfügung gestelltes Original. Der Aufsatz erschien in: „Die Neue Ordnung“ (61) 2007, S. 227-230. Das weltweite Priester-Jahr wird am 19. Juni 2009 eingeläutet werden]