Präsident der italienischen Zentralbank: Keine echte Entwicklung ohne Ethik!

Mario Draghi analysiert „Caritas in veritate“

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ROM, 9. Juli 2009 (ZENIT.org).- In einem Beitrag für die vatikanische Zeitung „L’Osservatore Romano“ vom 9. Juli würdig der Präsident der italienischen Zentralbank, Mario Draghi, die Enzyklika Caritas in veritate und betont dabei die Unverzichtbarkeit der Ethik für die Verwirklichung einer echten Entwicklung.



Mario Draghi promovierte am Massachusetts Institute of Technology (Cambridge, USA), arbeitete für die Weltbank und lehrte 2001 in Harvard, bevor er als Investmentbanker zu Goldman Sachs nach London wechselte. Draghi gilt als einer der wichtigsten und kompetentesten Finanzexperten Italiens. Seit Februar 2006 ist Draghi Präsident der italienischen Zentralbank. Um einen Interessenkonflikt zu vermeiden, verkaufte er vor seinem Amtsantritt als Notenbankchef seine Goldman Sachs-Anteile und übertrug den Gewinn an einen „Blind Trust”, das heißt an einen Treuhand-Fond, der die geschäftlichen Interessen einer Person verwaltet, wobei der Inhalt dem Begünstigten nicht bekannt ist.

In seinem Beitrag für den Osservatore bekennt Draghi, dass die aktuelle Krise die Notwendigkeit einer Beziehung zwischen Ethik und Wirtschaft bestätige. Die Krise decke die Schwäche eines Modells auf, das bei Exzessen nicht eingreife, die dann dessen Scheitern verursachten.

Draghi wendet sich entschieden gegen ein Modell, in dem alles erlaubt zu sein scheint und der blinde Glaube an die Fähigkeit zur Selbstregulierung des Marktes vorherrschend ist. Diese könne nicht das Wachstumsmodell für die Welt sein.

Die Enzyklika Benedikts XVI. kehre zum antiken Bezug zwischen Ethik und Wirtschaft zurück, der von Aristoteles bis zu Adam Smith Aktualität gehabt habe. Für Aristoteles sei die Wirtschaft auf natürliche Weise mit dem Studium der Ethik verbunden gewesen. Adam Smith habe einen „Kodex der Handelsethik“ für unverzichtbar gehalten, um die Tugenden des Marktes freizusetzen.

Relativ neu sei die Verselbständigung der Wirtschaftslehre als einer eigenen Disziplin, was auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgehe. Die Folge davon sei eine Trennung des Bandes mit den Moralwissenschaften gewesen. Die Wirtschaftswissenschaftler hätten dies für notwendig erachtet, um eine eigene Wissenschaft entstehen zu lassen, die in der Lage sei, die Handlungsprinzipien des „homo oeconomicus“ auf der Grundlage der Rationalität und der Maximierung des individuellen Wohlstands zu erarbeiten.

In den letzten Jahrzehnten sei diese Eliminierung der Ethik aus dem Bereich der Wirtschaft aufgrund der sich daraus ergebenden Folgen kritisiert worden. Damit sei deutlich geworden, dass die Wirtschaftswissenschaftler, die in der Zukunft das Funktionieren von Wirtschaftssystemen erklären wollen, diese Kritiken aufnehmen müssen, um zu einem Paradigma zu kommen, das komplexer, jedoch vollständiger sei als dasjenige, das das Denken des letzten Jahrhunderts beherrscht habe.

Draghi verweist in seinem Beitrag auf die Bedeutung der katholischen Soziallehre. Wenn die wirtschaftlichen Instrumente kein Mittel mehr seien, um zu einem Ziel zu gelangen – dem Gemeinwohl –, so komme es zur Gefahr, dass der Profit Armut erzeugt.

Die Entwicklung, so Draghi, werde nicht in sich von unpersonalen Kräften gewährleistet, sondern bedürfe der Menschen, die sie voranbringen, indem sie in ihren Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl lebten.

„Jede wirtschaftliche Entscheidung hat moralische Folgen“, so Draghi. Dies sei umso wahrer im Zeitalter der Globalisierung, das die nationale Steuerung der Wirtschaft schwäche und so die Nützlichkeit der „schulmäßigen Unterscheidung“ zwischen Produktion von Reichtum und seiner Redistribution seitens des öffentlichen Wesens aus Gründen der Gerechtigkeit bedränge.

Benedikt XVI. erkenne im Prinzip der Subsidiarität ein wichtiges Instrument, um eine Antwort auf die gegenwärtige Krise zu finden. Sein Vorschlag bestehe darin, die Steuerung der Globalisierung einer polyzentrischen (polyarchen) Autorität anzuvertrauen (vgl. Caritas in veritate 57), die in mehrere Stufen und verschiedene Ebenen gegliedert ist und die Elemente der Zivilgesellschaft einschließt. Für Draghi besteht die Aktualität dieses Vorschlages darin, dass er auf eine über der Wirtschaft stehende Autorität verweist, die nicht auf wenige Interessenskonflikte reduzierbar ist.

In diesem Zusammenhang lenke der Papst auch die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit einer „politischen Weltautorität“, die sowohl von Papst Johannes XXIII. als auch von Immanuel Kant bereits vor 200 Jahren gefordert worden sei. Diese Forderung des Papstes folge dem Bewusstsein, dass sich mit der Globalisierung die äußeren Folgen in einem bisher ungeahnten Maß vermehrt hätten. Draghi verweist dabei als Hauptbeispiel auf die Problematik des Klimawandels. Es sei ein planetarischer Horizont der Regierung vonnöten.

Unmittelbar sei eine Reform des internationalen Finanzwesens notwendig, um ein besseres Funktionieren der Märkte zu erzielen. Dieses Ziel sei unauflöslich mit einem ethischen Profil verbunden, da es im Letzten um den Schutz der Schwächeren gehe.

„Eine langfristige Entwicklung ist unmöglich ohne Ethik. Dies ist für den Wirtschaftsfachmann eine grundlegende Implikation der ‚Liebe in der Wahrheit’, von der der Papst in seiner Enzyklika schreibt.“ Es müsse das Vertrauen der Unternehmen, der Familien, der Bürger, der Menschen, die zu einem stabilen Wachstum der Wirtschaft fähig seien, wiederhergestellt werden.

„Langfristig kann dieses Vertrauen nicht von einer moralischen Instanz, von der tiefen Hoffnung getrennt werden, ‚ein Wirtschaftsmodell zu schaffen, das jedem Menschen dient’, wie dies Johannes Paul II. in der Verkündigungsbulle des großen Jubiläums 2000 erklärt hatte.“