Predigt am Hochfest der Geburt von Johannes dem Täufer

Das Wort Gottes braucht auch heute eine Stimme!

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Von Pfarrer Ulrich Engel*

RODGAU-WEISKIRCHEN, 24. Juni 2012 (ZENIT.org). -

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

drei Geburtsfeste sind es insgesamt, welche die Kirche im Verlauf des Kirchenjahres liturgisch feiert: Die Geburt des Herrn an Weihnachten (das fälschlicherweise häufig für das höchste Fest im Kirchenjahr gehalten wird, weil es romantisch ist und es da Geschenke gibt), dann das Geburtsfest der Muttergottes am 8. September (übrigens neun Monate vorher bzw. drei Monate später feiern wir das Hochfest ihrer unbefleckten Empfängnis), sowie dann heute das Fest der Geburt Johannes des Täufers. Das lässt bereits ganz deutlich erkennen, wie bedeutsam die Gestalt des Täufers in der Heilsgeschichte ist. Die Heiligengedenktage, die wir sonst feiern, knüpfen in aller Regel an den Sterbetag an, also an ihren Geburtstag für den Himmel, aber nicht an den Tag, an dem dieser Heilige das Licht der Welt erblickt hat.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, nicht nur liturgisch wird die Bedeutung des Täufers deutlich, sondern auch bereits aufgrund der Umstände seiner Geburt. Seine Geburt wird uns im Evangelium in ähnlicher Weise verkündet, wie dann auch die Geburt des ewigen Wortes Gottes an die Jungfrau von Nazareth. Und sowohl bei der Verkündigung des Johannes an seinen Vater Zacharias im Tempel wie auch bei der Verkündigung des Herrn an die Jungfrau von Nazareth, jeweils durch denselben Erzengel Gabriel, wird auch beiden - Zacharias, dem werdenden Vater und Maria, der Muttergottes - zugleich vom Engel gesagt, welchen Namen sie ihren Kindern geben sollen. Zacharias wird gesagt: „Deinem Sohn sollst du den Namen Johannes geben”. Und der Jungfrau von Nazareth wird gesagt: „Ihm sollst du den Namen Jesus geben”. Es gibt also hier sehr deutliche Parallelen, in denen sich auch schon die große Nähe zwischen diesen beiden Gestalten, Johannes d. T. und Jesus von Nazareth, zeigt, dem Vorläufer und dem Retter, der Stimme und dem Wort. Aber bei aller Vergleichbarkeit ist doch die Unvergleichbarkeit beider immer noch größer. Das wird auch deutlich durch die Umstände bei der Geburt und im Zusammenhang der Geburt beider Kinder. Da ist zunächst einmal der Umstand, dass Zacharias dem Engel nicht glaubt: „Ich und Vater werden? Ich bin ein alter Mann und Elisabeth ist eine alte Frau. Wo soll denn das Kind herkommen?” Es wird geboren, indem Gott selbst eingreift und die Natur, die Biologie, die ursprüngliche natürliche Fruchtbarkeit aktiviert. Ganz anders ist es bei der Muttergottes. Hier greift Gott nicht in die Natur ein, sondern sein Handeln geschieht vollkommen an der Natur vorbei. Die Jungfrau von Nazareth empfängt allein in der übernatürlichen göttlichen Kraft des Heiligen Geistes und nicht auf natürliche Weise. Die Mutter Johannes des Täufers ist eine Greisin, die Jungfrau von Nazareth eine ganz junge Frau.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, Sie sehen, wie diese historischen Ereignisse zugleich metaphorisch über sich hinausweisen und eine über sich hinausgehende, heilsgeschichtliche Bedeutung haben. Dass Johannes von einer Greisin geboren wird, zeigt, dass Johannes noch ganz im Alten Bund steht. Johannes gehört noch ins Alte Testament, aber er steht schon an der Schwelle zum Neuen Testament, das durch Christus aus Maria der Jungfrau, aus der jungen Frau, kommt und nicht aus einer Greisin. Dann gibt es auch noch den Umstand, dass die Muttergottes ganz gläubig ist. Die Muttergottes empfängt im Glauben, während  Zacharias ungläubig ist und deshalb stumm wird. Erst bei der Geburt des Johannes, genauer: erst als er selbst diesen Namen Johannes, den ihm der Engel Gabriel genannt hatte, schriftlich verfügt hatte, zerreißt das Band, das seine Zunge bis dahin gefesselt hatte, und er konnte wieder sprechen. Die Stimme des Wortes war freigegeben, und das Wort selbst ist der Herr und Heiland.

Der Name Johannes heißt: „Gott ist gnädig”, „Gott zeigt sein Erbarmen” – genau das verkörpert Johannes auch und entspricht seiner Sendung, die er von Gott hat. Johannes verkündet das Erbarmen und die Gnade Gottes, die dann das ewige Wort Gottes, das  Mensch wird, leibhaftig sein wird. Indem er gerade die Buße und die Umkehr verkündet, wird das Wort Gottes an die Welt und an die Menschen vermittelt. Und indem er die Menschen zur Umkehr auffordert, will er ihre Herzen öffnen, damit sie empfänglich werden für diese Gnade. Johannes will die Herzen des Alten Bundesvolkes, des Volkes Israel, für seinen Messias, den Jeschuach, öffnen, denn der Name Jesus heißt: „Gott rettet”, im Unterschied zu “Gott ist barmherzig”, wie es der Name Johannes bedeutet. Und Johannes ist dann auch der ganz große Prophet noch im Alten Bund, der größte neben Elija überhaupt. Von Elija heißt es in den Schriften des Alten Bundes, er werde am Ende der Zeiten wiederkommen. Johannes selbst wird von manchen Leuten auch mit Elija verglichen. Ob er etwa Elija sei? Die Apostel selbst fragen den Herrn: „Am Ende soll doch Elija wiederkommen?” Der Herr erwidert: “Ja, Elija wird wiederkommen. Er ist sogar schon da, aber sie haben mit ihm gemacht, was sie wollten.” Da merkten sie, dass er Johannes den Täufer meinte.

Johannes der Täufer ist der wortgewaltige Prophet, die Stimme des Wortes Gottes, das im Begriff ist zu kommen, um die Verheißungen des Neuen Bundes an das alttestamentliche Volk Israel zu verwirklichen, indem er ihm durch die Mitteilung des fleischgewordenen Wortes Gottes die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zuinnerst zuteil werden lässt. Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, Sie merken: Was uns zunächst historisch erzählt wird, kann man einfach so zur Kenntnis nehmen - da hört man dann etwas darüber, wie die Umstände der Geburt Johannes des Täufers waren, aber wir kommen eigentlich kaum auf den Gedanken, einmal zu überlegen, dass mit diesen Umständen eigentlich noch mehr und Größeres gemeint sein könnte. Johannes ist die Stimme des ewigen Wortes Gottes, das selbst im Begriff ist, seinem Volk Israel als dessen erwarteten Messias zu begegnen. Damit wird nicht nur eine Nähe zwischen Johannes und dem Herrn deutlich, sondern auch sogar eine gewisse Beziehung - fast hätte ich gesagt „Abhängigkeit”. Insofern nämlich, als das Wort ohne die Stimme stumm ist und ein bloßer Gedanke bleibt. Umgekehrt ist die Stimme ohne das Wort leer, nur Laut, Schall und Rauch, mehr nicht. Die Stimme bedarf des Wortes, aber das Wort auch der Stimme. Sonst kann sich das Wort nicht mitteilen. Stimme und Wort sind aufeinander verwiesen. Die Stimme ist das Transportmittel des Wortes zu den Adressaten. Johannes ist zunächst die Stimme des Wortes Gottes an das alttestamentliche Bundesvolk. Aber das Wort Gottes ist lebendig, es stirbt nicht und lebt auch heute und will verkündet werden. Es ist so frisch wie damals vor zweitausend Jahren. Aber es braucht auch heute eine Stimme.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, eine wichtige Botschaft des heutigen Hochfestes lautet: Das Wort Gottes braucht auch heute eine Stimme! Diese Stimme ist zuerst einmal der amtliche Verkünder. So heißt es heute auch in den Tagestexten in der Gebetsliturgie und überhaupt in den Texten vom heutigen Hochfest, dass Johannes der Zeuge für die Wahrheit gewesen sei. „Zeuge für das Licht”, wie es im Prolog des Johannesevangeliums heißt. Der amtliche Verkünder muss zuerst einmal Zeuge dieses Wortes sein, das Jesus Christus in Person ist. Das bedeutet, die Wahrheit vollständig zu verkünden und nicht die Wahrheit zu verschlucken, zu verstecken oder sogar überhaupt zu ersticken, wie wir das heute sehr oft erleben können, weil sie den Leuten nicht schmeckt.

Ich sage an dieser Stelle auch einmal wieder in aller Deutlichkeit: Es ist ein sehr weit verbreiteter, aber gefährlicher Irrtum, zu meinen, das Volk sei die Kundschaft des Priesters, des amtlichen Verkünders oder gar die Kundschaft Gottes. Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, was ist denn das für ein Unsinn! Welcher Priester lebt denn von den Leuten, oder lebt Gott gar von den Leuten? Nein, das Volk lebt von der Wahrheit, die allein Christus ist und die der Priester zu verkünden hat, sonst vegetiert es nur dahin und ist um die Wahrheit  betrogen – was ganz schlimm ist. Die Leute sind keine Kundschaft. Das ist ein fataler Irrtum! Ich habe Ihnen als Priester nur ein geistliches Angebot zu machen. Das können Sie annehmen oder ausschlagen. Das ist ganz in die Freiheit, aber damit auch in die Verantwortung jedes einzelnen gestellt. Ganz einfach. Sagen Sie es draußen weiter, das kann man nicht laut genug sagen, und ich würde mich auch nicht scheuen, es auf der „Zeil“ in Frankfurt zu sagen. Wir leben als Christen von Christus und sind darauf angewiesen, dass er uns füttert durch seine Verkünder, die er gesandt hat, sonst verhungern und verdursten wir geistlich. Das ist die eine Seite und ein ganz wichtiger Aspekt vom „Stimme-des-Wortes-Sein“.

Worin besteht dieses „Stimme-des-Wortes-Sein“ in der amtlichen wahren Verkündigung weiter? Gerade und insbesondere auch in der Verkündigung der Umkehr. Der Täufer ist vor allem ein Prediger und Verkünder der Umkehr und der Buße. Das heißt: „Macht die Herzen auf, zeigt dem lieben Gott euer Gesicht und nicht mehr den Rücken, Herzen auf für den Messias, Herzen auf für euren Erlöser! Ich, Johannes, dessen Name bedeutet „Gott ist Gnädig“, ich verkünde euch die Gnade Gottes, aber die könnt ihr nur dann erhalten, wenn ihr euch ihm auch mit offenem Herzen zuwendet, das heißt, wenn ihr euch bekehrt.“ Und so verkündet er die Umkehrtaufe und spendet sie selbst im Jordan, wie Sie wissen, auch dem Herrn selbst.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, in welcher Weise muss der amtliche Verkünder eigentlich noch Stimme sein? Durch seine ganze Existenz und Lebensweise! Bspw. durch seine Ehelosigkeit, den Zölibat, der heute und in diesen Wochen wieder so sehr geschmäht wird. Wieso denn das? Die leere Seite neben dem Priester, die Frau, die ihm sichtbar fehlt, müsste uns auf etwas anders hinweisen. Diese „Lücke“ weist ebenso wie auch die Texte des heutigen Tages über sich hinaus, sodass man sich fragen muss: Wo ist denn die Braut? Oder gibt es vielleicht noch eine andere Braut als die sichtbare an seiner Seite oder eine andere Hochzeit? Ja, genau: Es gibt noch ein andere Hochzeit, und das ist die eigentliche Hochzeit, von der die Welt heutzutage nichts mehr weiß und - was noch viel schlimmer ist - auch gar nichts wissen will. Es interessiert sie gar nicht. Heute wird alles nur konsumiert, so mitgenommen in „One-night-stands”, wie es neudeutsch heißt.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, ja, der Priester muss durch seine ganze Existenz verkünden - auch gerade durch den Zölibat. Und darum darf ich auch hier in aller  Deutlichkeit sagen: Ein Homosexueller taugt nicht zum Priestertum. Das hat man die ganze Zeit in der Verkündigung so klar nicht gesagt. Nun bekommt die Kirche kalte Füße aufgrund der Skandale. Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, wir sollen doch offen sein, es soll alles offengelegt werden müssen. Ich beteilige mich sofort an der Offenlegung, auch wenn das sicher nicht immer gern gesehen bzw. gehört wird. Es gibt in der Kirche ja nicht nur Missstände, für die sich die Staatsanwaltschaft interessiert, sondern auch solche, die der Staatsanwaltschaft völlig egal sind, aber der Kirche niemals egal sein dürfen. Ich meine die vielfältigen geistlichen Missstände, ohne die es die vielen beklagenswerten Missstände vielleicht überhaupt nicht gegeben hätte, die aber, wie es scheint, kein Thema sind und  auch nicht werden. Gerade die neu entfachte beschämende Zölibatsdiskussion zeigt, dass sogar Oberhirten der Kirche deren Heil nicht etwa in einer Intensivierung der geistlichen Substanz suchen, sondern gerade in deren noch weiterem Abbau, d.h. aber in einer noch weiteren Verweltlichung und Funktionalisierung des Klerus. Wer es fassen kann, der fasse es!

Die Braut ist die Kirche, und die eigentliche, ewige Hochzeit, für welche die Ehe nur ein vorläufiges, leibhaftiges und sinnfälliges Vorausbild ist, ist die Hochzeit zwischen dem ewigen Bräutigam Christus und seiner Braut im himmlischen Hochzeitssaal. An der nehmen wir bereits hier auf Erden zeichenhaft, das heißt in sakramentaler Weise, teil, nämlich in jeder Heiligen Kommunion! Das heißt: Was wir „oben“ in aller Sinnfälligkeit in der Ewigkeit von Angesicht zu Angesicht feiern, ist nichts anderes als das, was wir eigentlich hier schon feiern - nur in verborgener Weise an der Kommunionbank. Da muss natürlich dann auch alles stimmen zwischen Braut und Bräutigam, vor allem auch unsere bräutliche Liebe zum Bräutigam Christus. Das ist dann eben auch klar. Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, das Wort braucht eine Stimme! Die amtliche Stimme, aber auch die Stimme der Christen überhaupt: „Ihr sollt meine Zeugen sein!“ Und wie sind wir Stimme? Am besten in der Weise, dass wir auch auf existentielle Weise diese Stimme sind und das Wort in der Weise verkünden, wie wir es am vergangene Sonntag gehört haben: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, er nehme tagtäglich sein Kreuz auf sich und so folge er mir nach.“ Selbstverleugnung und Kreuzesnachfolge in seiner Spur: Das bedeutet im Widerspruch zur Welt leben, und damit werden wir die Welt auf uns aufmerksam machen, ohne dass wir auch nur einen Ton sagen müssten. Wir sollen die Welt auf diese Kreuzesnachfolge und auch auf den, dem wir nachfolgen, auf Christus, aufmerksam machen, damit die ganze Welt oder so viele wie möglich dem Herrn in seiner Spur nach Golgota nachfolgen, aber über Golgota hinaus und durch die Finsternis des Todes hindurch auch in die Auferstehung und die Herrlichkeit des neuen und ewigen göttlichen Lebens.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, der Priester ist in einer ganz besonderen Weise - und ich darf deutlich sagen, so habe ich mich selbst eigentlich auch immer verstanden - ein  Mittler zwischen den Christen, dem Volk Gottes, und dem Bräutigam und niemals ein Ramschwarenanbieter nach dem Geschmack der Leute. Dieser Mittler ist ein Brautführer! So hat sich auch Johannes selbst verstanden, und das können wir nachlesen im  Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 29: “Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam, und der Brautführer freut sich, wenn er den Schrei des Bräutigams im Brautgemach hört”, das heißt, wenn der Brautführer sieht, dass ihm die Verbindung, die Vereinigung von Braut und Bräutigam, durch seine Predigt und durch sein Lebenszeugnis gelungen ist. Dann sind Braut und Bräutigam hochzeitlich vereint, dann ist die tiefste Sehnsucht des Bräutigams Christus gestillt und hat sich auch für die Bräute der einzige Sinn ihres Lebens erfüllt, und dazu ist keine Steigerung mehr möglich. Zugleich besteht darin der Auftrag des Priesters und Brautführers und der Sinn seines einmaligen unwiederholbaren Lebens. Das ist sein Glück und die Sinnerfüllung seines priesterlichen Dienstes!

Johannes der Täufer ist die Stimme des Wortes, der Vermittler des Retters an die zu Erlösenden und zu Rettenden. Und er ist ein Vorbild für alle, die insbesondere als amtliche Verkünder in diesem Verkündigungs- und Vermittlungsdienst stehen, aber auch für uns, die wir auf unsere Weise Stimme des Wortes sein sollen, indem wir dem Herrn einfach konsequent und unbeirrt von der Welt und den Zeitläuften nachfolgen auf seinem Kreuzweg.

Amen.

*Ulrich Engel studierte zunächst Jura in Mainz und absolvierte sein Referendariat in Kassel. Danach Studium der Theologie in Mainz und Münster in Westfalen, 1984 Priesterweihe in Mainz. Seit 1990 Pfarrer von Rodgau-Weiskirchen und Rodgau-Hainhausen bei Offenbach am Main. Er ist langjähriger Referent bei „Radio Horeb“ und Autor des Buches „Die Liturgie der Karwoche und der Osternacht. Ihre Symbole, Zeichen, liturgischen Besonderheiten und deren Bedeutung – Eine liturgisch geistliche Betrachtung. ISBN: 978-3-9813003-1-4