Predigt Benedikts XVI. beim Vespergottesdienst zum Hochfest der heiligen Petrus und Paulus

„Es braucht Zeugen und Märtyrer wie den heiligen Paulus“

| 934 klicks

ROM, 28. Juni 2007 (ZENIT.org).- Um 17.30 Uhr feierte Papst Benedikt XVI. heute, Donnerstag, in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern die Erste Vesper des Hochfests der heiligen Petrus und Paulus. Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung seiner Predigt.



Der Heilige Vater verwies auf die Einheit der beiden Apostelfürsten und rief für die Zeit vom 28. Juni 2008 bis zum 29. Juni 2009 ein besonderes Jubeljahr zu Ehren des „Apostels der Heiden“ aus. Alle Anwesenden ermutigte er, die Opferbereitschaft des Paulus nachzuahmen.

„Liebe Brüder und Schwestern, wie zu Beginn braucht Christus auch heute Apostel, die bereit sind, sich selbst zu opfern. Er braucht Zeugen und Märtyrer wie den heiligen Paulus.“

* * *

Liebe Kardinäle,
verehrte Brüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

In dieser Ersten Vesper des Hochfests der heiligen Petrus und Paulus gedenken wir dankbar dieser beiden Apostel, deren Blut, zusammen mit jenem vieler anderer Zeugen des Evangeliums, die Kirche von Rom fruchtbar gemacht hat.

In ihrem Gedenken freue ich mich, euch alle, liebe Brüder und Schwestern, begrüßen zu dürfen, beginnend mit dem Kardinal Erzpriester und den anderen Kardinälen und Bischöfen, die zugegen sind, mit dem Abt und der benediktinischen Gemeinschaft, der diese Basilika anvertraut ist, bis hin zu den Geistlichen, den Ordensmännern und Ordensfrauen und den Laien, die hier zusammengekommen sind. Einen besonderen Gruß richte ich an die Delegation des ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, die die Teilnahme der Delegation des Heiligen Stuhls in Istanbul am Fest des heiligen Andreas erwidert.

Wie ich vor einigen Tagen sagen konnte, stellen diese Begegnungen und Initiativen nicht lediglich einen Austausch von Höflichkeiten zwischen den Kirchen dar, sondern drücken eine gemeinsame Verpflichtung aus, alles nur irgend Mögliche zu tun, um die volle Gemeinschaft zwischen den Christen des Ostens und des Westens zu beschleunigen.

Mit diesen Empfindungen richte ich mich an die Metropoliten Emmanuel und Gennadios, die von dem geliebten Bruder Bartholomäus I. gesandt worden sind, an den ich voller herzlicher Dankbarkeit denke. Diese Basilika, die Ereignisse von tiefer ökumenischer Bedeutung gesehen hat, erinnert uns daran, wie wichtig es ist, gemeinsam zu beten, um die Gabe der Einheit zu erflehen, jener Einheit, für die die heiligen Petrus und Paulus ihre Existenz bis zum letzten Blutsopfer hingegeben haben.

Eine uralte Tradition aus der Zeit der Apostel erzählt, dass unweit von diesem Ort ihre letzte Begegnung vor ihrem Martyrium stattfand: Die beiden haben sich umarmt und einander gesegnet. Und auf dem Hauptportal dieser Basilika sind sie zusammen dargestellt, mit den Szenen des Martyriums der beiden. Von Beginn an hat die christliche Tradition daher Petrus und Paulus als unzertrennlich von einander erachtet, auch wenn jeder von ihnen einen anderen Missionsauftrag zu erfüllen hatte: Petrus hat als erster den Glauben an Christus bekannt; Paulus wurde damit beschenkt, diesen Reichtum vertiefen zu können. Petrus hat die erste Gemeinschaft der Christen gegründet, die aus dem auserwählten Volk stammten; Paulus wurde der Apostel der Heiden. Mit verschiedenen Charismen arbeiteten sie beide für den gleichen Zweck: für den Aufbau der Kirche Christi. In der Vigil bietet uns das Stundengebet den folgenden bekannten Text des heiligen Augustinus zu unserer Betrachtung an: „Dem Fest der beiden Apostel ist ein einziger Tag geweiht. Denn auch sie waren eins. Obwohl sie an verschiedenen Tagen hingerichtet wurden, bildeten sie eine Einheit. Petrus ging voran, und Paulus folgte ihm. Daher wollen wir dieses Fest feiern, das durch das Blut der Apostel für uns geweiht wurde“ (Disc. 295, 7.8). Und der heilige Leo der Große kommentiert: „Über ihre Verdienste und ihre Tugenden, die über das hinausgehen, was wir ausdrücken können, können wir nichts denken, was sie einander entgegensetzen würde, nichts, was sie trenne würde, weil sie durch das Auserwähltsein einander ebenbürtig, durch die Mühen einander ähnlich und durch das Ende einander gleich wurden“ (In natali apostol., 69, 6-7).

In Rom hat die Verbindung, die Petrus und Paulus in der Mission vereint, seit den ersten Jahrhunderten eine ganz besondere Bedeutung. Wie das mythische Paar der Brüder Romulus und Remus, auf die die Geburt Roms zurückgeführt wird, so wurden Petrus und Paulus als die Gründer der Kirche von Rom erachtet. So sagt der heilige Leo der Große, an die Stadt gerichtet: „Das sind deine heiligen Väter, deine wahren Hirten, die, um dich des Himmelreichs würdig zu machen, viel besser und viel glückseliger erbaut haben, als jene die sich einsetzten, um deine Grundmauern zu erschaffen“ (Omelie 82,7). Soviel sie sich auch im Menschlichen voneinander unterscheiden mögen und obwohl ihre Beziehung zueinander nicht frei von Spannungen war, erscheinen also Petrus und Paulus als die Initiatoren einer neuen Stadt, als die Verwirklichung einer neuen und authentischen Art von Brüderlichkeit, die durch das Evangelium Jesu Christi erst möglich wurde.

Deshalb könnte man sagen, dass die Stadt Rom heute den Tag ihrer Geburt feiert, da diese beiden Apostel ihr Fundament gelegt haben. Außerdem nimmt Rom heute ihren Missionsauftrag und ihre Größe bewusster wahr. Der heilige Johannes Chrysostomus schreibt: „Wenn die Sonne ihre Strahlen verbreitet, ist der Himmel nicht so prächtig, wie die Stadt Rom, die die Pracht jener brennenden Fackeln (Petrus und Paulus) in die ganze Welt hinaus strahlt... Das ist der Grund, warum wir diese Stadt lieben... wegen dieser beiden Stützpfeiler der Kirche“ (Komm. zu Röm 32).

Morgen werden wir des Apostels Petrus besonders gedenken, wenn wir das göttliche Opfer in der vatikanischen Basilika feiern, die auf dem Platz erbaut wurde, wo er das Martyrium erlitten hat. Heute Abend richtet sich unser Blick auf den heiligen Paulus, dessen Reliquien in tiefer Verehrung in dieser Basilika verwahrt werden.

Zu Beginn des Briefs an die Römer, den wir vor kurzem gehört haben, begrüßt er die Gemeinde von Rom und stellt sich vor als „Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel“ (1,1). Er gebraucht den Begriff „Knecht“, auf griechisch „doulos“, der auf eine Beziehung der vollkommenen und bedingungslosen Zugehörigkeit zu Jesus, dem Herrn, verweist und eine Übersetzung des hebräischen „‘ebed“ ist und auf diese Weise auf die großen Knechte anspielt, die Gott auserwählt und zu einer wichtigen und besonderen Mission berufen hat.

Paulus ist sich bewusst, dass er „zum Apostel berufen“ ist, das heißt nicht durch Eigenkandidatur, noch durch menschlichen Auftrag, sondern einzig und allein durch die göttliche Berufung und Auserwählung. In seinen Briefen wiederholt der Apostel mehrfach, dass alles in seinem Leben Frucht der freien und barmherzigen Initiative Gottes ist (vgl. 1 Kor 15,9-10; 2 Kor 4,1; Gal 1,15).

Er wurde auserwählt, um „das Evangelium Gottes zu verkündigen“ (Röm 1,1), um die göttliche Gnade zu proklamieren, die den Menschen in Christus mit Gott, mit sich selbst und mit den anderen versöhnt.

Aus seinen Briefen wissen wir, dass Paulus alles andere als ein fähiger Redner war; im Gegenteil, er teilte mit Moses und Jeremia den Mangel an Redegewandtheit: „Sein persönliches Auftreten ist matt, und seine Worte sind armselig“ (2 Kor 10,10), sagten seine Gegner über ihn. Die außerordentlichen apostolischen Ergebnisse, die er erzielen konnte, können daher nicht einer brillanten Redekunst oder raffinierten apologetischen und missionarischen Strategien zugeschrieben werden. Der Erfolg seines Apostolats hängt vor allem von einer persönlichen Teilnahme ab an der Verkündigung des Evangeliums mit einer völligen Hingabe an Christus; einer Hingabe, die sich vor Risiken, Schwierigkeiten und Verfolgungen nicht fürchtete: „Weder Tod noch Leben“, schreibt er an die Römer, „weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (8,38-39). Daraus können wir etwas äußerst Wichtiges für jeden Christen lernen. Das Wirken der Kirche ist in dem Maß glaubwürdig und wirksam, in dem ihre Anhänger bereit sind, ihre Treue zu Christus persönlich zu bezahlen, in jeder Situation. Wo eine solche Bereitschaft fehlt, mangelt es auch an dem entscheidenden Argument der Wahrheit, von dem die Kirche selbst abhängt.

Liebe Brüder und Schwestern, wie zu Beginn braucht Christus auch heute Apostel, die bereit sind, sich selbst zu opfern. Er braucht Zeugen und Märtyrer wie den heiligen Paulus: Ehemals brutaler Verfolger der Christen, gesellt er sich, ohne zu zögern, als er auf dem Weg nach Damaskus, vom göttlichen Licht geblendet, zur Erde stürzt, an die Seite des Gekreuzigten und folgt ihm ohne Bedenken. Er lebte und arbeitete für Christus; für ihn litt er und ist gestorben. Wie zeitgemäß ist doch heute sein Vorbild!

Genau deshalb freue ich mich, offiziell verkünden zu dürfen, dass wir dem Apostel Paulus vom 28. Juni 2008 bis zum 29. Juni 2009 ein besonders Jubeljahr widmen werden, anlässlich der Zweitausendjahrfeier seiner Geburt, die von den Geschichtswissenschaftlern zwischen 7 und 10 nach Christus angesetzt wird. Dieses „Paulinische Jahr“ wird sich bevorzugt in Rom zutragen können, wo seit zwanzig Jahrhunderten unter dem päpstlichen Altar dieser Basilika der Sarkophag verwahrt wird, der nach einhelliger Meinung der Experten und nach unbestrittener Tradition die Überreste des Apostels Paulus beinhaltet.

In der päpstlichen Basilika und in der angrenzenden benediktinischen Abtei mit dem gleichen Namen werden daher zahlreiche liturgische, kulturelle und ökumenische Feiern stattfinden können, wie auch verschiedene pastorale und soziale Initiativen, die sich von der Paulinischen Spiritualität inspiriert sind.

Ferner wird eine besondere Aufmerksamkeit den Wallfahrten geschenkt, die sich aus den unterschiedlichsten Gegenden zur Buße an das Grab des Apostels begeben wollen, um geistlichen Nutzen zu finden. Es werden auch Studientage und besondere Veröffentlichungen zu Paulinischen Texten gefördert, um den unermesslichen Reichtum, der in ihnen verschlossen ist – wahres Vermögen der von Christus erlösten Menschheit –, immer bekannter zu machen.

Außerdem können in allen Teilen der Welt ähnliche Initiativen in den Diözesen, Heiligtümern und Kultstätten veranstaltet werden, durch die religiösen Institute, die Studien- und Assistenzeinrichtungen, die den Namen des heiligen Paulus tragen oder sich an seiner Person und an seiner Lehre inspirieren.

Schließlich gibt es da noch eine besonderen Aspekt, dem während der Paulinischen 2000-Jahr-Feier einzigartige Aufmerksamkeit gebührt: Es geht mir um die ökumenische Dimension. Der Apostel der Heiden, der sich besonders dafür einsetzte, die Frohe Botschaft allen Völkern zu bringen, hat sich vollkommen für die Einheit und die Eintracht aller Christen verausgabt. Möge er uns während dieser 2000-Jahr-Feier leiten, schützen und uns helfen, in der bescheidenen und aufrichtigen Suche nach der vollen Einheit aller Glieder des mystischen Leibes Christi voranzuschreiten. Amen!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]