Predigt des Erzbischofs von Köln, Joachim Kardinal Meisner, anlässlich der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

Zum Gedenktag des hl. Bruno von Köln, des Gründers des Kartäuserordens

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FULDA, 6. Oktober 2011 (ZENIT.org/DBK). – Der strengste Orden der katholischen Kirche, der noch nie reformiert werden musste, war Thema der Predigt von Kardinal Meisner anlässlich der Herbst-Vollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda.

[Wir dokumentieren den gesamten Wortlaut der Ansprache:]

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Liebe Brüder, liebe Schwestern!

1. Dass es so etwas gibt: Ein kleiner, aber wichtiger Teil der Kirche, der seit 900 Jahren existiert, brauchte noch nie reformiert zu werden, weil er seine ursprüngliche Frische, Kraft und Tiefe bewahrt und immer vermehrt hat! –  Das ist der Kartäuserorden, dessen Gründers, des hl. Bruno von Köln, die Kirche heute in ihrer Liturgie gedenkt. „O bonitas“, das war wohl das einzige Wort, das von diesem schweigenden Menschen ab und zu zu hören war. Gott war sein Bonus, der ihn zutiefst erfüllte und beglückte. Die wirkliche Liebe zu ihm hatte ihn so im Innersten ergriffen, dass er ihr auch ganz entsprechen wollte. Und weil wahre Tiefe und wirkliche Liebe keine Augenblicksmomente sind, wählte er auf Dauer eine Lebensform für sich und für seine Jünger, in der das am besten möglich war. Darum wollten der hl. Bruno und seine Gefährten sich immer mehr entäußern, immer leerer werden, um die Liebe Gottes immer besser aufnehmen zu können. Das war der Grund dafür, dass sie in die Einsamkeit gingen. Sie waren damit auch wirklich Kirche in der Welt, aber nicht von der Welt. Die Biographie jedes Kartäusers ist ein tiefes Liebesverhältnis zwischen Gott und dem eigenen Herzen. „O bonitas“ – er ist die einzige und wirkliche Bonität in seinem Leben.

2. Der kartäusische Lebensstil ist geprägt vom Eremitentum und vom Zönobitentum. Der Lebensstil gleicht einer Ellipse: Der erste Punkt ist eine kleine Kartause, ihr kleines Haus als Ort der einsamen Gottesbegegnung, und der zweite Ellipsenpunkt ist das gemeinsame Gotteshaus, die Begegnung des lebendigen Gottes mit den Brüdern. Die Liebe zu Gott braucht – wie alles im menschlichen Leben – feste Gestalt und innere Ordnung, sie braucht den rechten Ausdruck und muss nach außen das richtige Profil gewinnen. Dazu hilft dem Kartäuser die Gemeinschaft, die den Mönch aus seinem Einzeldasein in die Gemeinschaft der Brüder täglich ruft. Dort wird der Bruder dem Bruder zur Norm des Glaubens. Der eine wird für den anderen zum Mitbeter, zum Mitglaubenden, zum Mitliebenden. Die Liebe des Herzens zu Gott bekommt eine Stütze und eine Objektivierung, damit sie gesund bleibt und an ihrer Kraft nichts verliert.

3. Der Lebensstil der Kartäuser ist geprägt vom Schweigen, das im Grunde genommen anbetende Liturgie ist. Dieses horchende Schweigen macht sie aufnahmefähig für die Ratschlüsse Gottes und die Einsprechungen des Heiligen Geistes. Dieses „Silentium religiosum“, dieses „religiöse Schweigen“ macht das Leben eines Kartäusers zu einem beständigen Gebet. Der Kartäuser Augustin Göllerath schreibt: „In den Tiefen unserer Seele gibt es weite Räume, wo man nicht mehr denkt und diskutiert, sondern schaut, kostet und liebt. Lasst uns beharrlich in diesen Tiefen leben. Dort ist das Reich des Friedens, denn hier wohnt der Gott des Friedens (1 Kor 14,33). Hier vollzieht sich ungestört unsere Vereinigung mit Gott“.

Ein Kriterium für die Aufnahme bei den Kartäusern ist von entscheidender Bedeutung: ob der Kandidat wirklich Gott um Gottes Willen sucht, ob er aus einer wirklichen Sehnsucht nach Gott heraus gekommen ist oder ob er in der Einsamkeit vielleicht nur seinen eigenen Interessen nachgehen will. Natürlich wird ein Kartäuser durch seinen Lebensstil nicht zu einem Engel. Er bleibt ein Mensch. Und darum sind die Strenge und die Abtötung im Orden nicht übertrieben. Sie genügen, um den Mönch in Zucht zu nehmen, ohne den Körper zu schwächen. Dieser Mäßigung ist es sicherlich mit zuzuschreiben, dass der Orden bis auf den heutigen Tag sein ursprüngliches Profil bewahren konnte.

4. Die Kartäuser schreiben weithin die Möglichkeit ihres verborgenen Lebens und Dienens dem Beistand der allerseligsten Jungfrau Maria zu. Die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria nimmt in ihrem Leben einen großen Raum ein. Sie beten täglich neben dem Tagesoffizium immer auch das Marienoffizium. Die außerordentliche Liebe der Kartäuser zu Maria zeigt sich seit den ersten Zeiten des Ordens auch dadurch, dass täglich am Hauptaltar eine Marienmesse gefeiert und möglichst jeden Samstag ihr zu Ehren die Konventsmesse gesungen wird. Darin besteht ein besonderer Dienst des Ordens am Volke Gottes.

Wir bezeichnen den größten Teil des Lebens Jesu, die ersten 30 Jahre in Nazareth, als sein verborgenes Leben, aus dem wir nur sehr Weniges wissen können. Aber wie alles im Leben Jesu sind diese 30 Jahre von einer großen Heilsbedeutung für Mensch und Welt. Denn diese 30 Jahre sind gefüllt mit dem Dasein des Sohnes Gottes in der Alltäglichkeit menschlichen Lebens, die – ich sage es nochmals – von großer Wichtigkeit und Heilsbedeutung für das Volk Gottes sind. Maria ist die authentischste Zeugin dieses verborgenen Lebens, weil sie dabei war. Die Schrift sagt ausdrücklich: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19). Dazu gehört sicher die intime Familienkatechese von Nazareth, in der wohl der Herr im geschützten Raum von Nazareth seinen irdischen Eltern von seiner eigentlichen Existenz vor seiner Menschwerdung, also von Ewigkeit zu Ewigkeit erzählt hat. Und Maria sollte dann der Kirche das ins Ohr flüstern, was sie in der Verborgenheit Jesu gehört und gesehen hatte, damit sie es dann von den Dächern in die Welt hinabrufe. Hier ist die tiefe Marienverehrung der Kartäuser begründet. In ihrer klösterlichen Verborgenheit werden sie zu Mitgenossen der Verborgenheit von Nazareth. Sie tauchen ein in das verborgene Leben Jesu neben Maria und mit Maria, um diese Verborgenheit für die Gegenwart der Kirche fruchtbar werden zu lassen.

5. Aber vielleicht werden wir einwenden, dass die kirchliche Öffentlichkeit weder von den Kartäusern etwas sehen noch hören kann. Und doch gibt ihr Dasein der Kirche die nötige Schwerkraft und den nötigen Tiefgang, damit die Kirche in den Stürmen der Zeit nicht scheitert. Papst Johannes Paul II. schrieb im Jahr 1984 einen eigenen Brief an die Kartäuser. Darin schreibt er ausdrücklich: „Unsere Zeit braucht offensichtlich euer Beispiel und euren Dienst: Die Menschen werden von so vielen Meinungen hin und her gerissen. Nicht selten werden sie verwirrt und geraten in große geistliche Gefahren durch so viele Schriften, die überall unterschiedslos veröffentlicht werden, vor allem jedoch durch die Massenmedien, die eine so große Einflussmöglichkeit auf die Herzen besitzen, häufig jedoch der christlichen Wahrheit und Moral widersprechen. Daher spüren die Menschen das Bedürfnis, das Absolute zu suchen und es durch ein vorgelebtes Zeugnis bestätigt zu sehen. Eure Aufgabe besteht nun gerade darin, ihnen dieses Zeugnis deutlich zu zeigen. Aber auch diejenigen Söhne und Töchter der Kirche, die sich dem Apostolat in der Welt mit ihren ständigen Veränderungen und Entwicklungen widmen, brauchen einen Halt in der Beständigkeit Gottes und seiner Liebe. Diese Beständigkeit sehen sie von euch bezeugt, habt ihr doch auf dieser irdischen Pilgerschaft in besonderer Weise daran Anteil. Die Kirche selbst muss als der Mystische Leib Christi der göttlichen Majestät unaufhörlich ein Lobopfer darbringen. Das gehört zu ihren wichtigsten Aufgaben. Hierfür braucht sie euren frommen Eifer, die ihr täglich ‚auf göttlichem Wachposten ausharrt‘, wie der hl. Bruno schrieb“. Was Papst Benedikt XVI. in seiner Freiburger Rede sagte: „Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird die Kirche auch immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung nehmen müssen, sich gewissermaßen ‚entweltlichen‘“, wird von den Kartäusern exemplarisch für uns alle praktiziert.

Wir wissen wahrscheinlich gar nicht, was wir der einzigen Kartause in Deutschland zu verdanken haben! Und ihre Treue zu ihrer Berufung zeigt sich gerade darin, dass von ihr kaum in unserer kirchlichen Gegenwart die Rede ist. In jedem Christen müsste ein Stück kartäusischer Existenz vorhanden sein. Er sollte in seiner Wohnung einen Gebetsort, eine Gebetsecke haben, wo er wie ein Kartäuser oder wie eine Kartäuserin täglich ein gutes Stück Einkehr halten kann. Karthäuser Praxis und Gesinnung lassen einen Christen bei Gesprächsrunden auf keinen Fall länger reden als er täglich betet. In einem Bischof muss ein gutes Stück Kartäuser-Existenz vorhanden sein, wenn er nicht in den täglichen Herausforderungen zerrissen, zerfasert und zerstreut werden will und dabei dann sein Herz verliert.

6.    Die Kartäuser stellen keine harmlose, gemütliche Form der Nachfolge Christi in unserer Welt dar. Ganz im Gegenteil! Der Antichrist, die Gottesfeinde spüren, dass die Kartäuser der radikalste Widerspruch zur Selbstvergötzung des Menschen ist. Darum waren sie besonders in den Verfolgungen, die mit der so genannten Aufklärungszeit ihren Anfang nahm, immer die ersten Opfer. Die meisten Klöster der Ordensfamilien wurden in der Säkularisation enteignet und weltlichen Zwecken zugeführt. Ihre Bewohner wurden mit einer kargen Rente abgespeist. Kartäuser konnten nicht für ein säkulares Seniorendasein gekauft werden, um ihrer Kartausen habhaft zu werden. Sie wurden schlicht getötet, erschlagen oder ermordet. Über die Pforte eines jeden Kartäuserklosters schrieb der hl. Bruno immer die Worte „Stat crux, dum volvitur orbis“ – „Das Kreuz steht, während die Welt sich dreht“. Diese Ordensfamilie zeigt, dass Christi Kreuz der Kirche eingestiftet ist, sodass sie von daher ihre Stabilität, ihren Tiefgang und ihre Kraft zur Erneuerung findet. Der Orden, der nie der Reform bedurfte, kann uns aber sehr deutlich zeigen und sagen, wie das „Ecclesia semper reformanda“, die permanente nötige Reform der Kirche, zu verwirklichen ist, indem der einzelne Christ sich von der Liebe Gottes erfüllen, bewegen und inspirieren lässt. Die Liebe zu Gott ist das Größte der Gebote, sagt der Herr, ein zweites ist ihm gleich, nämlich die Liebe zu den Menschen. Aber ohne das Erste wird das Zweite unwirksam. Wer wie Bruno von Köln im Hinblick auf Gott in anbetender Ehrfurcht sagt: „O bonitas“, wird den Menschen die nötige Bonität nicht schuldig bleiben. Amen.

 [© Copyright dbk vom 6.10.11]