Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch

Hochamt am Weihnachtstag, 25. Dezember 2012, in Freiburg

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Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch,
zum Hochamt am Weihnachtstag, 25. Dezember 2012, in Freiburg

Gott hilft seinem Volk!

Jes 52, 7-10; Hebr 1,1-6; Joh 1,1-18

1. Es gibt eine Sehnsucht in uns Menschen – eine Sehnsucht, die unabhängig ist von Alter, Geschlecht, Nation und Epoche. Es ist die Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und Frieden. Von dieser Sehnsucht sind die Worte erfüllt, die wir eben in der Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja hörten: „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt.“ Die so sehr ersehnte Botschaft von Frieden und Rettung war einst, vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren, an die von Nebukadnezzar ins Exil nach Babel verschleppten Judäer gerichtet. „Brecht in Jubel aus“, wagt da der Prophet seinen betrübten, ja der Resignation anheimgefallenen Zeitgenossen zuzurufen. Warum sollen gerade sie jubeln? Weil der Herr, weil Gott selbst „sein Volk tröstet“. Oder noch prägnanter ins Deutsche übersetzt: Weil „der Herr seinem Volk hilft“.

2. Diese großartige Verheißung, liebe Schwestern, liebe Brüder, hat sich tatsächlich an Weihnachten erfüllt. Seit Weihnachten ist der Frieden nun nicht mehr nur angekündigt, die Rettung nicht nur nahe. Nein, das wahre Licht, das Licht des Friedens und der Liebe, das jeden Menschen erleuchtet, ist da und strahlt uns aus der Krippe entgegen. Wer dies begreift, kann gar nicht anders als dem Anderen zuzurufen: „Brecht in Jubel aus! Jauchzt alle zusammen! Der Herr hilft seinem Volk!“ Gott hat sich nicht in eine dunkle Sphäre des Kosmos zurückgezogen oder gar die Welt und uns Menschen dem Schicksal überlassen. Im Gegenteil: Sein Herz brennt für uns, wie Liebende füreinander brennen und einander nah sein wollen. Gott wird Mensch, um uns in allem gleich zu sein – außer der Sünde. Der Allmächtige macht sich klein, um uns auf Augenhöhe zu begegnen. Das ist die überraschende, ja für viele unserer Zeitgenossen geradezu provozierende Botschaft von Weihnachten. Das ist weit mehr als Tannenduft und Lichterglanz. Es ist die Antwort Gottes auf unsere Sehnsucht nach Liebe, nach Anerkennung und Frieden. Wir jubeln und feiern, nicht nur weil Jesus vor 2000 Jahren geboren wurde, sondern weil er für immer mit uns und bei uns lebt. Gott spricht nicht von oben herab über unsere Köpfe hinweg zu uns, sondern er kommt in unser Leben, in unser aller „Fleisch“. In der Sprache des Evangelisten Johannes heißt dies: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14).

3. Er hat unter uns gewohnt. Was heißt das damals bei seiner Geburt in Bethlehem? Da galt der römische Kaiser Augustus als Retter und Friedensbringer für das ganze Römische Reich. Und das hieß: Für die ganze damals bekannte Welt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Geburt Jesu und sein Anspruch, der Retter und Erlöser zu sein, für die Menschen geradezu lächerlich. Dieser Anspruch steht in krassem Kontrast zur weltlichen Macht des Kaisers, der wegen seiner politischen und militärischen Taten göttliche Verehrung verlangt. Wer ist nun der Retter der Welt? Wer ist der Heiland der Menschheit? Weihnachten fordert zur Entscheidung – damals wie heute: Wer die weihnachtliche Botschaft hört, wird vor die Entscheidung gestellt: Zwischen denen, die in der Welt absolute Macht und Herrschaft beanspruchen, und dem, der in einem armseligen Stall zur Welt kommt. Jesus offenbart seine Herrschaft anders als die Mächtigen dieser Welt. Für ihn gelten andere, neue, ungewohnte Maßstäbe. Er wirkt, indem er sich hingibt und dient: Hingabe an Gott, seinen Vater; da sein für die Menschen und verfügbar für sie.

4. So kommt der Freudenbote und Friedenskönig. Er kommt an einen Ort, zu dem die Armen und einfachen Leute, die Hirten auf den Fluren Bethlehems, sich trauen, ohne Scheu zu kommen. Zweifellos sind auch sie überrascht, den Retter der Welt in einer Futterkrippe zu finden. Doch sie lassen sich führen. Sie trauen den Engeln. Ja, sie vertrauen Gott und trauen ihm zu, auch anders zu handeln, als sie selbst es sich vorstellen. Wer so auf Gott vertraut, der weiß ihn auch dann an seiner Seite, wenn andere, die nur auf die eigenen Kräfte vertrauen, nichts mehr erwarten. Gott lässt sich auch heute finden, inmitten einer säkularen und technisierten Welt. Doch, so sagt uns die Botschaft von Weihnachten: Gott kommt oft überraschend, unscheinbar und auf den ersten Blick völlig hilflos daher: Als Kind, das auf seine Eltern angewiesen ist. Ein Kind, das sich nach Zuwendung und nach Liebe sehnt und ohne Hintergedanken Liebe schenkt. Ein Kind, das Menschen zusammenführt und Beziehung stiftet – unter uns Menschen und zwischen Mensch und Gott. Das Kind in der Krippe schaut uns an – und ist uns nah. Wo Armut und Not mit Händen zu greifen sind – Gott ist nah! Wo Nacht und Kälte sich ausbreiten – Gott ist nah! Wo Menschen nach ihm ausschauen, er ist nah!

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

5. Steht diese frohe und freudige Botschaft von Weihnachten nicht in Gefahr, Erwartungen zu wecken, die in einem Strohfeuer festlicher Stimmung vergeblich nach Entsprechung im Alltag suchen? Ein Fest der Illusionen, denen man sich gleichsam als Atempause im Jahrestrott hingibt? Das Fest der Liebe, das Fest des Friedens inmitten von Zwietracht, Gewalt und Krieg? In Deutschland und Mitteleuropa sind wir – Gott sei Dank! – seit nahezu 70 Jahren verschont von Krieg. Aber wir brauchen gar nicht nach Amerika zu gehen, um Amokläufe zu erleben. Menschliche Aggression zeigt sich auch bei uns – nahezu täglich: ob als häusliche Gewalt, ob auf Straßen oder Plätzen: Wenn Menschen wie im November auf dem Alexanderplatz in Berlin mit Füßen getreten und zu Tode geprügelt werden; wenn Gewalt in Schulen oder in Fußballstadien erschreckend zunimmt. In einem Land, in dem Fernsehsender sogar an Weihnachten stundenlang Action-Streifen und brutale Thriller ausstrahlen, wo Scharfschützen- und Gangster-Filme am Fest der Liebe und des Friedens viele Wohnzimmer beherrschen, darf uns das eigentlich nicht wirklich überraschen.

Wir dürfen nicht übersehen: Gewalt beginnt bereits mit verbaler Entgleisung und hasserfülltem Reden. Worte können zerstörerisch, ja tödlich wirken. Darauf wies der vor einem Jahr verstorbene frühere tschechische Staatspräsident, Dramaturg und Intellektuelle, Václav Havel, nachdrücklich hin. Seine unvergessene Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Oktober 1989 überschrieb er mit dem Titel: Ein Wort über das Wort. Er wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, wovon er sprach, wenn er sagte: Das menschliche Wort ist eine „geheimnisvolle, vieldeutige, ambivalente, verräterische Erscheinung. Es kann ein Lichtstrahl im Reich der Finsternis sein, doch es kann auch ein todbringender Pfeil sein. Es kann einmal große Hoffnung ausstrahlen, ein andermal nur Todesstrahlen aussenden. Es kann einmal ein Baustein des Friedens sein, und ein anderes Mal kann jeder einzelne seiner Laute vom Echo der Maschinengewehre dröhnen.“ Wie viele Verletzungen und Verwundungen, liebe Schwestern, liebe Brüder, entstehen durch die Sprache: Wenn die Bereitschaft zur Versöhnung abhandengekommen ist – zwischen Ehepaaren, Verwandten, Bekannten und Freunden. Wenn der politische Gegner zum Feind gemacht wird und die Diskussion nicht mehr der Sache dient, sondern der Demontage des Kontrahenten. Wenn selbst in der Kirche und unter Christen nicht mehr gilt, „seht, wie sie einander lieben“, sondern – wie leider allzu oft heute – „seht, wie sie einander bekämpfen“ – durch Worte und Begriffe, die nicht von Respekt und gegenseitiger Achtung, geschweige denn von Liebe geprägt sind, sondern von Besserwisserei, Selbstgerechtigkeit und Demütigung. Wenn unter dem Deckmantel der Anonymität des Internets Menschen verleumdet und entwürdigt werden. Zweifellos erschallt auch heute allzu oft das Wort vom Weihnachts-Frieden inmitten einer zerstrittenen und erlösungsbedürftigen Welt. Die dunkle Nacht der Rücksichtslosigkeit, die ungastliche Situation des Egoismus, die trostlosen Rahmenbedingungen der Geburt Jesu in Bethlehem finden auch mitten unter uns ihr Echo. So erwarten wir auch heute in unserer technisierten und globalisierten Welt den, der uns Frieden bringt und eine frohe Botschaft, die Heil und Rettung verheißt.

6. Wenn wir auf das Kind in der Krippe schauen, dann ist da der Friede mit Händen zu greifen. Das Kind in der Krippe führt Menschen zusammen, die sonst wohl kaum zusammenfinden würden; Menschen, die ihre Sehnsucht nach Liebe und Frieden in Gott erfüllt sehen – Hirten von den Fluren Bethlehems und Weise aus dem Morgenland, Arme und Reiche. Wo die Botschaft von Weihnachten im Alltag gelebt wird, da schließt sich die Schere zwischen Arm und Reich und führt zusammen; da reichen wir uns die Hände und stehen füreinander ein. Da finden wir Worte des Dankes, der Ermutigung und Wertschätzung. Solche Eintracht stiftet Gott. Solcher Friede entsteht durch Begegnung mit Gott und im Zugehen aufeinander. Das Kind in der Krippe ruft uns zu, was Jesus nach Tod und Auferstehung seinen Jüngern zusagt: „Der Friede sei mit euch!“ Der Friede, den ER uns zuspricht, will durch uns wachsen; der Friede Gottes will durch einen jeden von uns Hände und Füße bekommen. Die Gabe des Friedens wird uns zur Aufgabe gegeben. Eine Gesellschaft, die sich dieser Aufgabe nicht stellt, ist eine arme Gesellschaft – auch wenn sie materiell noch so reich wäre. Eine Gesellschaft aber, die dem Frieden dient, in Gerechtigkeit und Nächstenliebe, ist im tiefsten Sinne des Wortes „wohlhabend“, da sie das Wohl der Menschen im Blick hat. Das unscheinbare weihnachtliche Licht in der Nacht von Bethlehem leuchtet dann umso heller, wenn wir das Unsere dazu tun.

7. Weihnachten, liebe Schwestern, liebe Brüder, führt uns vor Augen: Dieses Licht des wahren Friedens kommt, es kommt von Gott. Die Begegnung mit dem Kind in der Krippe bringt Frieden, bringt in vollem Sinn Shalom. Und das ist weit mehr als Waffenstillstand; weit mehr als das Ende des Krieges oder ein Leben nach der Devise „tu ich dir nichts, tust du mir nichts“. Die Wurzeln des Unfriedens stecken in uns selbst. Eine Wurzel allen Unfriedens ist eben auch Unzufriedenheit. Und wir wissen nur zu gut: Je unzufriedener der einzelne Mensch, desto unfriedlicher ist unser Zusammenleben. Ja, manchmal frage ich mich: Weshalb gibt es in unserem materiell so reichen Land so viele unzufriedene und missgestimmte Menschen? Nicht wenigen wird von Kindesbeinen eingeimpft, was die Journalistin Petra Prinzler mit dem Titel ihres Buches so treffend zum Ausdruck bringt: „Immer mehr ist nicht genug!“ Ja, so manche Zeitgenossen meinen, immer den neuesten Trend mitmachen und die aktuellste Mode kaufen zu müssen, um „in“ und angesehen zu sein – und gerade dadurch bleibt die Unzufriedenheit des Herzens zurück, die Sehnsucht nach Frieden, wahrer Anerkennung und echter Liebe.

8. Der Frieden, den Jesus bringt, ist beides: der innere und äußere Friede; es ist der Friede, der uns wahre Zufriedenheit, Glück und tiefe Freude schenkt. Dieser Friede wird uns in jedem Gottesdienst nicht nur in Erinnerung gerufen, sondern neu zugesagt: „Der Friede sei mit Euch“. Doch wir wissen aus eigener Erfahrung: Auch Grußformeln können sich abnützen, können sich verbrauchen, können verblassen und zur Floskel werden. Meist sind es auch nicht die Banknachbarin oder der Banknachbar neben uns, die uns beim Friedensgruß zu denken geben. Aber wie ist es, wenn wir uns umdrehen und plötzlich entdecken: In der Bank hinter mir steht mein Wohnungsnachbar, mit dem ich in Streit lebe, mein Kollege, der mir den Arbeitsplatz streitig macht? Plötzlich kann mir bewusst werden, welche Herausforderung und welche Chance in solch einem Friedensgruß liegen. Liebe und Frieden sind weder leicht noch selbstverständlich. Das erleben wir in unserem Alltag. Und unsere  Blicke in manche Länder der Erde – die täglichen Nachrichten – zeigen deutlich, wie mächtig Hass und Feindschaft in unserer Welt sind.

9. Als Kind musste ich selbst brutal erleben, was Krieg, Vertreibung und Flucht bedeuten; was es heißt, von einem Regime als Mensch nicht geachtet, sondern verachtet zu werden. Umso dankbarer bin ich, dass Versöhnung und Frieden in Europa tatsächlich möglich wurde; dass feindliche Nationen einander die Hände reichten; dass Mauern und Grenzen fielen; dass wir in Freiheit, Frieden und in einer Demokratie leben dürfen. Diese Grundlage unseres Zusammenlebens dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Auch dann nicht, wenn unsere Aufmerksamkeit auf große finanzielle Rettungspakete gelenkt wird. Europa – ein sprechendes Zeichen, das deutlich macht: Es lohnt sich, die Sprache der Verständigung zu sprechen, das Alphabet von Frieden und Liebe zu erlernen. Durch das Wort Gottes, das Mensch geworden ist, durch den Glauben an Jesus Christus kann Wirklichkeit werden, was wir alle ersehnen: ein Europa als Gemeinschaft aus vielen Völkern, Nationen und Sprachen, das auch in finanziell und wirtschaftlich schwierigen Zeiten getragen ist von Solidarität und Frieden: Weil wir um die Verantwortung vor Gott und den Menschen wissen. Weil wir spüren: Wo das Wort Gottes durch uns wirkt und lebendig wird, da wird auch anscheinend Unmögliches möglich.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, lassen wir Gott in unser Leben und Zusammenleben, und werden selbst zu Freudenboten, die den Frieden verkünden wie Papst Benedikt XVI. dies in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am kommenden 1. Januar hervorhebt: „Friedensstifter im Sinne Jesu ist derjenige, der das Wohl des anderen sucht, das umfassende Wohl von Seele und Leib, heute und morgen“. Amen.