Predigt von Benedikt XVI. am Hochfest Peter und Paul

Papst übergab 43 Metropolit-Erzbischöfen das Zeichen der Verbundenheit mit Rom

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ROM, 29. Juni 2012 (ZENIT.org). - Am heutigen Hochfest Peter und Paul übergab Papst Benedikt XVI. im Petersdom 43 Metropolit-Erzbischöfen feierliche das heilige Pallium, das die besondere Verbundenheit mit Rom signalisiert. Drei weitere Würdenträger werden das Pallium in ihren Metropolit-Sitzen in Empfang nehmen.

In seiner Predigt während der heiligen Messe ging Benedikt XVI. auf den Festgehalt des heutigen Tages ein. Er begrüßte besonders den „Chor der Westminster Abbey”, der zu diesem Anlass nach Rom gereist war und zusammen mit der Capella Sistina den liturgischen Dienst des Gesangs übernahm.  

[Wir dokumentieren die Ansprache des Papstes in der offiziellen deutschen Übersetzung:]

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Meine Herren Kardinäle,

verehrte Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst,

liebe Brüder und Schwestern!

Wir sind um den Altar versammelt, um in festlichem Glanz die heiligen Apostel Petrus und Paulus, die Hauptpatrone Roms, zu feiern. Unter uns weilen die im letzten Jahr ernannten Erzbischöfe der Metropolitansitze; sie haben soeben das Pallium erhalten, und ihnen gilt mein besonderer und freundschaftlicher Gruß. Ebenfalls anwesend ist eine von Seiner Heiligkeit Bartholomäus I. entsandte hochrangige Delegation des ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, die ich in brüderlicher wie herzlicher Verbundenheit empfange. In ökumenischem Geist freue ich mich, den Chor der Westminster Abbey, der gemeinsam mit der Cappella Sistina die musikalische Gestaltung der Liturgie übernommen hat, zu begrüßen und ihm zu danken. Ich grüße auch die Damen und Herren Botschafter sowie die Repräsentanten des öffentlichen Lebens: Allen danke ich für ihre Anwesenheit und für ihr Gebet.

Vor der Petersbasilika stehen bekanntlich zwei imposante Statuen der Apostel Petrus und Paulus, die leicht an ihren Attributen – den Schlüsseln in der Hand des Petrus und dem Schwert in den Händen des Paulus – zu erkennen sind. Auch auf dem Hauptportal der Basilika Sankt Paul vor den Mauern sind Szenen aus dem Leben und aus dem Martyrium dieser beiden Säulen der Kirche gemeinsam dargestellt. Die christliche Überlieferung betrachtet von je her die heiligen Petrus und Paulus als untrennbar – zusammen stehen sie tatsächlich für das ganze Evangelium Christi. In Rom hat dann ihre Verbindung als Brüder im Glauben eine besondere Bedeutung erlangt. Die christliche Gemeinde dieser Stadt sah sie nämlich als eine Art Gegenaltar zu den mythischen Gestalten von Romulus und Remus, dem Brüderpaar, auf das man die Gründung Roms zurückführte. Man könnte auch noch an eine andere kontrastierende Parallele denken, ebenfalls zum Thema der Bruderschaft: Das erste Brüderpaar der Bibel zeigt uns nämlich die Wirkung der Sünde, als Kain den Abel tötet. Dagegen haben Petrus und Paulus, obwohl sie menschlich sehr verschieden waren und es in ihrer Beziehung nicht an Konflikten gefehlt hat, eine neue, nach dem Evangelium gelebte Art, Brüder zu sein, verwirklicht – eine authentische Art und Weise, die eben durch die in ihnen wirkende Gnade des Evangeliums Christi möglich wurde. Nur die Nachfolge Christi führt zur neuen Brüderlichkeit: Das ist die erste grundlegende Botschaft, die das heutige Hochfest jedem von uns überbringt und deren Bedeutung sich auch in dem Ringen um jene volle Gemeinschaft widerspiegelt, die der Ökumenische Patriarch und der Bischof von Rom wie auch alle Christen ersehnen.

In dem Abschnitt aus dem Matthäus-Evangelium, den wir eben gehört haben, legt Petrus ein Zeugnis seines Glaubens an Jesus ab, indem er ihn als Messias und Sohn Gottes bekennt; er tut das auch im Namen der anderen Apostel. Als Antwort offenbart der Herr ihm die Sendung, die er ihm anvertrauen will, nämlich „petra”, der „Fels” zu sein, das sichtbare Fundament, auf dem das gesamte geistliche Gebäude der Kirche errichtet ist (vgl. Mt 16,16-19). Doch in welcher Weise ist Petrus der Fels? Wie muß er diese Sonderposition verwirklichen, die er natürlich nicht für sich selbst erhalten hat? Die Erzählung des Evangelisten Matthäus sagt uns zunächst, dass die Erkenntnis der Identität Jesu, die Simon im Namen der Zwölf kundgetan hat, nicht aus „Fleisch und Blut”, das heißt aus seinen menschlichen Fähigkeiten hervorgegangen ist, sondern auf einer besonderen Offenbarung Gott Vaters beruht. Unmittelbar danach, jedoch, als Jesus sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung ankündigt, reagiert Simon Petrus genau nach dem Impuls von „Fleisch und Blut”: Er „machte ihm Vorwürfe … Das darf nicht mit dir geschehen!” (16,22). Und Jesus erwiderte: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen” (V. 23). Der Jünger, der durch die Gabe Gottes ein starker Fels werden kann, zeigt sich auch als das, was er in seiner menschlichen Schwachheit ist: ein Stein auf der Straße, ein Stein, an dem man anstoßen und zu Fall kommen kann – skandalon, auf Griechisch. Hier tritt die Spannung, die zwischen der Gabe, die von Herrn kommt, und den menschlichen Fähigkeiten besteht, offen zutage. Und in dieser Szene zwischen Jesus und Simon Petrus sehen wir das Drama der Geschichte des Papsttums, die gerade durch das Miteinander dieser beiden Elemente gekennzeichnet ist, gewissermaßen vorweggenommen: Einerseits ist das Papsttum dank dem Licht und der Kraft aus der Höhe das Fundament der in der Zeit pilgernden Kirche; andererseits kommt im Laufe der Jahrhunderte auch die Schwäche der Menschen zum Vorschein, die nur durch ein Sich-Öffnen auf das Handeln Gottes hin verwandelt werden kann.

Und es erscheint im heutigen Evangelium mit Nachdruck die klare Verheißung Jesu: „Die Mächte der Unterwelt”, das heißt die Mächte des Bösen, werden nicht die Oberhand gewinnen können, „non praevalebunt”. Dabei kommt einem die Erzählung von der Berufung des Propheten Jeremias in den Sinn, zu dem der Herr, als er ihm die Sendung aufträgt, sagt: „Ich selbst mache dich heute zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer gegen das ganze Land, gegen die Könige, Beamten und Priester von Juda und gegen die Bürger des Landes. Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen – non praevalebunt –; denn ich bin mit dir, um dich zu retten” (Jer 1,18-19). In Wirklichkeit ist die Verheißung, die Jesus dem Petrus gibt, noch größer als diejenigen, welche den alten Propheten gemacht wurden: Diese waren nämlich nur durch ihre menschlichen Feinde bedroht, während Petrus gegen die „Mächte der Unterwelt”, gegen die zerstörerische Macht des Bösen verteidigt werden muß. Jeremias empfängt eine Verheißung, die ihn als Menschen und seinen prophetischen Dienst betrifft; Petrus wird in bezug auf die Zukunft der Kirche, der neuen Gemeinschaft beruhigt, die von Jesus Christus gegründet ist und sich über das persönliche Leben des Petrus hinaus auf alle Zeiten erstreckt.

Kommen wir nun zum Symbol der Schlüssel, von dem wir im Evangelium gehört haben. Es verweist auf den Spruch des Propheten Jesaja über den Verwalter Eljakim, von dem es heißt: „Ich lege ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter. Wenn er öffnet, kann niemand schließen; wenn er schließt, kann niemand öffnen” (Jes 22,22). Der Schlüssel stellt die Autorität über das Haus David dar. Und es gibt im Evangelium noch ein anderes Wort Jesu, das an die Schriftgelehrten und an die Pharisäer gerichtet ist, denen der Herr vorwirft, den Menschen das Himmelreich zu verschließen (vgl. Mt 23,13). Auch diese Aussage hilft uns, die Verheißung an Petrus zu verstehen: Ihm als dem treuen Verwalter der Botschaft Christi kommt es zu, die Tür des Himmelreiches zu öffnen und zu beurteilen, wer aufzunehmen und wer zurückzuweisen ist (vgl. Offb 3,7). So drücken die beiden Bilder – das der Schlüssel und das des Bindens und Lösens – ähnliche Bedeutungen aus und bestärken sich gegenseitig. Das Wort vom „Binden und Lösen” gehört zum rabbinischen Sprachgebrauch und spielt einerseits auf doktrinelle Entscheidungen an und andererseits auf die Disziplinargewalt, also auf die Macht, die Exkommunikation zu verhängen und aufzuheben. Die Parallele „auf Erden … im Himmel” gibt die Gewähr, dass die Entscheidungen Petri in der Ausübung dieser seiner kirchlichen Funktion auch vor Gott Gültigkeit besitzen.

Im 18. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, das dem Leben der kirchlichen Gemeinde gewidmet ist, finden wir ein weiteres Wort Jesu an seine Jünger: „Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 18,18). Und der heilige Johannes gibt in seiner Erzählung von der Erscheinung des auferstandenen Christus am Osterabend inmitten der Apostel dieses Herrenwort wider: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22-23). Im Licht dieser Parallelen wird deutlich, dass die Autorität zu lösen und zu binden in der Macht besteht, die Sünden zu vergeben. Und diese Gnade, die den Kräften des Chaos und des Bösen ihre Wirksamkeit entzieht, liegt im Herzen des Mysteriums und des Dienstes der Kirche. Die Kirche ist nicht eine Gemeinschaft von Vollkommenen, sondern von Sündern, die zugeben müssen, dass sie der Liebe Gottes bedürfen, dass sie es nötig haben, durch das Kreuz Jesu Christi gereinigt zu werden. Die Aussagen Jesu über die Autorität Petri und der Apostel lassen gerade dieses erahnen: dass die Macht Gottes die Liebe ist, die Liebe, die ihr Licht von Golgotha her ausstrahlt. So können wir auch begreifen, warum in der Erzählung des Evangeliums unmittelbar auf das Glaubensbekenntnis des Petrus die erste Leidensankündigung folgt: Mit seinem Tod hat Jesus tatsächlich die Mächte der Unterwelt besiegt, in seinem Blut hat er einen riesigen Strom der Barmherzigkeit über die Welt ausgegossen, der mit seinen heilbringenden Wassern die gesamte Menschheit tränkt.

Liebe Brüder und Schwestern, wie ich zu Anfang sagte, stellt die ikonographische Tradition den heiligen Paulus mit dem Schwert dar, und wir wissen, dass dies das Werkzeug ist, mit dem er getötet wurde. Wenn wir jedoch die Schriften des Völkerapostels lesen, entdecken wir, dass sich das Bild des Schwertes auf seine ganze missionarische Sendung bezieht. So schreibt er zum Beispiel, als er den Tod herannahen spürt, an Timotheus: „Ich habe den guten Kampf gekämpft” (2 Tim 4,7). Sicher nicht den Kampf eines Feldherrn, sondern den eines Verkünders des Wortes Gottes, in der Treue zu Christus und seiner Kirche, wofür er sich ganz hingegeben hat. Und genau deshalb hat der Herr ihm den Kranz der Herrlichkeit verliehen und ihn gemeinsam mit Petrus als Säule in das geistliche Haus der Kirche gestellt.

Liebe Metropoliten, das Pallium, das ich euch überreicht habe, wird euch immer daran erinnern, dass ihr in der und für die Kirche eingesetzt seid; sie ist das große Geheimnis der Gemeinschaft, das geistliche Bauwerk, das auf Christus, dem Grundstein, und – in seiner irdischen und geschichtlichen Dimension – auf dem Felsen Petrus errichtet ist. Beseelt von dieser Gewissheit, wollen wir uns alle als Mitarbeiter der Wahrheit fühlen, die bekanntlich einzig und “sinfonisch” ist und von jedem von uns wie auch von unseren Gemeinschaften den ständigen Einsatz der Umkehr zum Herrn in der Gnade des einen Geistes fordert. Es führe und begleite uns auf unserem Weg des Glaubens und der Liebe die heilige Mutter Gottes. Königin der Apostel, bitte für uns! Amen.

[© 2012 Libreria Editrice Vaticana]