Predigt von Benedikt XVI. bei der Begrüßungsfeier beim WJT in Madrid

Sich nicht selber für Götter halten

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MADRID, 19.8.2011 (ZENIT.org). – Die Worte Jesu dienten nicht der Unterhaltung, sondern müssten Wurzeln in den Herzen schlagen. So der Papst in seiner Ansprache an die Jugendlichen in Madrid bei der Begrüßung am Donnerstag. Sie sollten sich nicht damit begnügen, Modeströmungen zu folgen und somit auf Sand zu bauen, sondern immer auf der Suche nach dem wirklich Wahren bleiben und als Licht Christi in die Welt hineinstrahlen. Dies müsse ohne Mittelmäßigkeit im Streben nach Heiligkeit verwirklicht werden.

Wir dokumentieren den gesamten Wortlaut der Predigt in einer Übersetzung von Radio Vatikan.

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Liebe Freunde!


Ich danke für die liebevollen Worte, die die jungen Vertreter der fünf Kontinente an mich gerichtet haben. Von Herzen grüße ich alle, die hier versammelt sind, Jugendliche aus Ozeanien, Afrika, Amerika, Asien und Europa; und auch jene, die nicht haben kommen können. Ich denke immer an euch und bete für euch. Nun hat Gott mir die Gnade gewährt, euch aus der Nähe zu sehen und zu hören und gemeinsam mit euch auf sein Wort zu hören.

In der Lesung, die vorgetragen wurde, haben wir einen Abschnitt aus dem Evangelium gehört, in dem davon die Rede ist, die Worte Jesu aufzunehmen und sie in die Tat umzusetzen. Es gibt Worte, die nur zur Unterhaltung dienen und wie der Wind vergehen; andere schulen den Geist in mancher Hinsicht; die Worte Jesu, hingegen, müssen bis ins Herz dringen, darin Wurzeln schlagen und das ganze Leben prägen. Andernfalls bleiben sie leer und verflüchtigen sich. Sie bringen uns ihm nicht näher. Und auf diese Weise bleibt Christus weiterhin fern, wie eine Stimme unter vielen anderen, die uns umgeben und an die wir uns schon gewöhnt haben. Überdies lehrt der Meister, der spricht, nicht, was er von anderen gelernt hat, sondern das, was er selber ist. Er ist der Einzige, der den Weg des Menschen zu Gott wirklich kennt, denn er selbst hat ihn für uns geöffnet, ihn geschaffen, damit wir das wirkliche Leben erreichen können, das immer zu leben lohnt, unter allen Bedingungen, und das nicht einmal der Tod zerstören kann. Das Evangelium fährt fort, indem es diese Dinge mit dem eindrucksvollen Bild erklärt, dass, wer auf den festen Felsen baut, den Angriffen der Widerwärtigkeiten standhält, im Gegensatz zu dem, der auf Sand baut, vielleicht an einem paradiesischen Ort, könnten wir heute sagen. Doch beim ersten Windstoß zerbröckelt sein Bau und wird zur Ruine.


Liebe junge Freunde, hört wirklich auf die Worte des Herrn, damit sie in euch „Geist und Leben“ (Joh 6,63) seien, Wurzeln, die euer Sein ernähren, Verhaltensmaßstäbe, die uns der Person Christi ähnlich werden lassen: arm im Geiste, hungernd nach Gerechtigkeit, barmherzig, reinen Herzens, friedliebend. Tut es jeden Tag mit Beharrlichkeit, wie man es mit dem wahren Freund tut, der uns nicht betrügt und mit dem wir den Lebensweg teilen wollen. Ihr wisst genau, dass wir, wenn wir nicht an der Seite Christi vorangehen, der uns führt, uns auf anderen Wegen verlieren: wie dem unserer blinden und egoistischen Impulse, dem Weg der verlockenden Vorschläge, die aber eigennützig, trügerisch und unbeständig sind und Leere und Enttäuschung hinterlassen.
Nutzt diese Tage, um Christus besser kennenzulernen und die Gewissheit zu haben, dass, wenn ihr in ihm verwurzelt bleibt, eure Begeisterung und eure Fröhlichkeit, euer Sehnen, das Gewöhnliche zu überschreiten, zu dem zu gelangen, was erhabener ist, bis hin zu Gott – dass all das immer eine sichere Zukunft hat, denn das Leben in Fülle ist schon in euch angelegt. Lasst es wachsen mit der göttlichen Gnade, großherzig und ohne Mittelmäßigkeit, indem ihr ernsthaft das Ziel der Heiligkeit ins Auge fasst. Und angesichts unserer Schwächen, die uns manchmal bedrücken, verlassen wir uns auch auf die Barmherzigkeit des Herrn, der immer bereit ist, uns erneut die Hand zu reichen, und der uns durch das Sakrament der Buße die Vergebung gewährt.


Wenn ihr auf den sicheren Felsen baut, wird euer Leben nicht nur fest und beständig sein, sondern es wird dazu beitragen, das Licht Christi auf eure Altersgenossen und auf die gesamte Menschheit scheinen zu lassen, indem es eine wertvolle Alternative aufzeigt für viele, die sich im Leben haben gehen lassen, weil die Fundamente ihrer Existenz nicht haltbar waren. Für viele, die sich damit begnügen, den Modeströmungen zu folgen, die im unmittelbaren Nutzen ihre Zuflucht suchen und dabei die wahre Gerechtigkeit vergessen oder sich auf ihre eigenen Ansichten zurückziehen, anstatt die Wahrheit „ohne wenn und aber“ zu suchen.


Ja, es gibt viele, die sich für Götter halten und meinen, keine anderen Wurzeln noch Fundamente zu brauchen als sich selbst. Sie würden gern ganz allein entscheiden, was Wahrheit ist und was nicht, was gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht ist; entscheiden, wer wert ist zu leben und wer hingegen auf dem Altar anderer Perspektiven geopfert werden kann. Sie möchten jeden Moment ihren Schritt dem Zufall überlassen, ohne einen festgesetzten Kurs, indem sie sich vom Impuls den Augenblicks leiten lassen. Diese Versuchungen lauern stets im Hinterhalt. Es ist wichtig, ihnen nicht zu erliegen, denn in Wirklichkeit führen sie zu etwas, das dahinschwindet wie ein Leben ohne Horizonte, eine Freiheit ohne Gott. Wir wissen dagegen sehr wohl, dass wir als Freie erschaffen worden sind, nach dem Bild Gottes, und zwar damit wir Protagonisten auf der Suche nach der Wahrheit und nach dem Guten sind, verantwortlich für unser Handeln und nicht bloß blinde Vollstrecker; kreative Mitarbeiter bei der Aufgabe, das Werk der Schöpfung zu pflegen und zu verschönern.

Gott wünscht sich einen verantwortlichen Partner, jemanden, der mit ihm sprechen und ihn lieben kann. Durch Christus können wir das wirklich erreichen, und wenn wir in ihm verwurzelt bleiben, verleihen wir unserer Freiheit Flügel. Ist das nicht der große Grund unserer Freude? Ist das nicht ein fester Boden, um eine Kultur der Liebe und des Lebens zu errichten, die fähig ist, jeden Menschen zu vermenschlichen?
Liebe Freunde, seid klug und weise, baut euer Leben auf den festen Grund, der Christus ist. Diese Weisheit und Klugheit wird eure Schritte leiten, nichts wird euch in Furcht setzen, und in eurem Herzen wird der Friede herrschen. Dann werdet ihr selig, glücklich sein, und eure Freude wird die anderen anstecken. Sie werden sich fragen, was das Geheimnis eures Lebens ist, und sie werden entdecken, dass der Fels, der das ganze Gebäude trägt und auf den sich euer ganzes Leben stützt, die Person Christi selbst ist, euer Freund, Bruder und Herr, der menschgewordene Sohn Gottes, der dem gesamten Universum Beständigkeit verleiht. Er starb für uns und ist auferstanden, damit wir das Leben haben, und nun lebt er fort und ist vom Thron des Vaters aus weiterhin allen Menschen nah, indem er ständig liebevoll über jedem einzelnen wacht.


Ich vertraue die Früchte dieses Weltjugendtags der Allerseligsten Jungfrau Maria an, die ihr „Ja“ zum Willen Gottes zu sagen vermochte und die uns wie kein anderer die Treue zu ihrem göttlichen Sohn lehrt, dem sie bis zu seinem Tod am Kreuz folgte. Über all das werden wir an den verschiedenen Stationen des Kreuzwegs noch eingehender nachdenken. Beten wir, dass unser heutiges „Ja“ zu Christus wie das ihre auch ein bedingungsloses „Ja“ zu seiner Freundschaft sei, am Ende dieses Weltjugendtages und unser ganzes Leben hindurch. Danke.

[© Radio Vatican 2011]