Predigt von Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst in der Schlussandacht der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

Versuchung ist groß, sich vom Wind der Meinungen verwehen zu lassen

| 1216 klicks

ROM, 3. Oktober 2012 (ZENIT.org/PM DBK). – Mit Hinweis auf den hl. Bonifatius, an dessen Grab sich die deutschen Bischöfe anlässlich ihrer Herbstkonferenz versammelt hatten, beschwor der Limburger Bischof Tebartz-van Elst in seiner Predigt bei der Schlussandacht, sich nicht „vom Gegenwind, der der Kirche entgegenblase, verwehen zu lassen“.

***

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst!
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Jedes Jahr im Herbst, wenn unsere Vollversammlung hier in Fulda stattfindet, beginnen unsere Beratungen mit dem Gebet am Grab des Hl. Bonifatius. Dazu steigen alle Bischöfe hinab in die Krypta des Domes. Diese Schritte sind für mich jedes Mal wie eine Berührung mit dem Anfang der Kirche in unserem Land. Sie sind eine Begegnung mit dem Apostel der Deutschen im Gebet. Am Grab dieses großen Glaubenszeugen kann man unmittelbar spüren, was Papst Johannes Paul II. im Blick auf die Heiligen der Kirchengeschichte gesagt hat: „Heilige veralten nie; sie verlieren nie ihre Gültigkeit. Sie bleiben ständig Zeugen für die Jugend der Kirche. Sie werden nie Menschen der Vergangenheit, Männer und Frauen von gestern. Im Gegenteil: Sie sind immer Männer und Frauen von Morgen, Menschen der im Evangelium verheißenen Zukunft. Zeugen der kommenden Welt.“

Wer in die Krypta des Domes in Fulda hinabsteigt, begreift: „Geschichte ist Geschichtetes.“ Zeugnisse des Glaubens werden zum Fundament für neue Erfahrungen mit dem Evangelium, die sich aus bestandenen Herausforderungen bilden. Unser Glaube basiert auf Gewissheiten, für die Menschen vor uns einstehen. Wer sich an das Grab des Hl. Bonifatius begibt, begreift, dass seine Mission die Grundlage ist für ein Bekenntnis zu Jesus Christus und seiner Kirche gerade in stürmischen Zeiten.

Bonifatius kennt die Erfahrung von Gegenwind. Es ist eine Zeit des Umbruchs im gesellschaftlichen Leben, der auch die Kirche nicht unberührt lässt. Es ist eine Zeit mit Meinungen und Mentalitäten, die versuchen, der Kirche Gottes durch Menschen ‚habhaft’ zu werden, sie ‚passend’ zu machen im gesellschaftlichen Mainstream; sie anzugleichen, damit sie nicht quer steht zu dem, was Politiker und Potentaten wollen. Gegen solche ‚Lüfte des Laissez faire’ setzt Bonifatius auf eine innere Kirchenreform. Er weiß, dass innere Erneuerung nicht mit äußeren Strukturen und Strategien zu erreichen ist, die darauf setzen, die Kirche mit der Gesellschaft zu egalisieren. Er weiß, dass nicht Sitzungen und Satzungen den Glauben vitalisieren. Er fördert, was hilft, sich mit Christus zu identifizieren. Sein Einsatz für die „mit Rom verbundene Landeskirche“ ist eine innere Treue, die sich das doppelte Bekenntnis des Petrus zu eigen macht: Es ist der Mut von Caesaräa Phillippi, zu sagen, wer Christus ist, gegen so viele Meinungen, die ihn in seiner Macht minimalisieren wollen: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16b). Und es ist die Bereitschaft zur Umkehr, aus der eine Läuterung und Leidenschaft wird, die die Kirche von innen erneuert: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebhabe“  (Joh 21,17).

Wo Kirche diesen Kurs fährt, ist sie nicht konform. Der Apostel der Deutschen schreibt in einem seiner Briefe: „Die Kirche, die wie ein großes Schiff auf dem Meer dieser Welt dahinfährt und von den verschiedenen Flutwellen der Versuchungen hin- und hergeworfen wird, dürfen wir nicht verlassen; wir müssen vielmehr das Steuer ergreifen und sie auf Kurs halten.“ Die Kirche zur Zeit des Bonifatius war – wie wir heute – manchem Gegenwind ausgesetzt. Dieser große Missionar wusste darum, dass solche Zeiten immer beides beinhalten: die Versuchung sich von der Hysterie des Gegenwindes aufpeitschen zu lassen, von Bord zu gehen, das Schiff treiben zu lassen und die Gnade, die Gott gibt, wo Menschen treu bleiben. Auch in der Krise, die die Kirche heute zu bestehen hat, ist bei manchen Christen die Versuchung groß, sich vom Wind der Meinungen verwehen zu lassen, auszutreten oder sich zurück zu ziehen. Gerade in solchen Stürmen brauchen wir Menschen mit der Festigkeit von Felsen in der Brandung. Diese Standfestigkeit zeichnet den Hl. Bonifatius aus. Seine Mission zeigt den Mut zu einer Freiheit unter den Zwängen (medial) verordneter Meinungen. Drei Grenzerfahrungen können sich im Horizont des Glaubens zum Gebot der Stunde wandeln:

Die Versuchung zur Hysterie und der Verweis auf die Besonnenheit

Eine Vorlesung aus meiner Zeit als Theologiestudent ist mir mehr als andere in Erinnerung geblieben. Es war der Freiburger Alttestamentler Alfons Deissler, der uns zu einer Wachsamkeit für die notwendige Kritik an der Kritik aufrief. Gerade in der Gegenwart kommen mir diese prophetischen Worte wieder in Erinnerung. Wir erleben, wie Meinungen ‚gemacht’ werden und wie schwer es ist, sich mit gebotener Einsicht und notwendiger Differenzierung den wirklichen Problemen zu stellen. Wo es eine Hegemonie des Verdachtes und pauschaler Verurteilung gegenüber der Kirche gibt, kann notwendige Umkehr und zaghafter Aufbruch erstickt werden. Läuterung braucht die Luft der Liebe, damit eine neue Leidenschaft für Gott und die Menschen keimen kann. Weil Hysterie zur Apathie führt, brauchen wir in unserer Gesellschaft den Geist des Bonifatius, der ein Klima der Verständigung schafft. Nur wo Gott beim Namen genannt wird, können auch die Wunden der Kirche so ausgesprochen werden, dass Heilung in Gang kommt.

Aus dem Tonfall der Diagnose ergibt sich die Nachhaltigkeit der Therapie. Aus der Lauterkeit gebotener konstruktiver Kritik erwächst die Läuterung zur gottgewollten Erneuerung. Dieser Zusammenhang ermöglicht einen, für unsere Gesellschaft so notwendigen Wandel von manchmal verleumderischer Hysterie zu einer bewegenden Empathie. Es ist die Bewegung zu der Gewissheit des Glaubens in den Grenzen unserer Gesellschaft, die der Apostel Paulus im zweiten Timotheusbrief anspricht: „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7). Hysterie verunsichert und lähmt. Besonnenheit ordnet und orientiert. Nur in diesem Tenor kann ein Dialog entstehen, der so aufeinander hören und miteinander sprechen lässt, dass Ursprüngliches im Glauben der Kirche wieder neu zu fließen beginnt. Was in Mannheim und Hannover begonnen hat; braucht den weiteren Weg zur Quelle wie wir ihn mit dem Eucharistischen Kongress im kommenden Jahresthema der Liturgie beschreiten wollen. Denn nur in einer innerlich erschlossenen „Gemeinsamkeit im Wollen“ lässt sich eine zweite Grenze angehen und darin das Gebot der Stunde begreifen:

Die Versuchung, das Schiff zu verlassen und die Einladung, zu bleiben

Bonifatius weiß um die Flutwellen der Versuchung, das Schiff zu verlassen, - zu resignieren - auszutreten. Wo Menschen sich vordergründig entscheiden, eine Freundschaft, eine Gruppe oder eine Aufgabe aus Unzufriedenheit aufzukündigen, merken sie oft erst mit der Zeit, dass dies vielleicht dem ersten Ärger Luft gemacht hat, der Seele aber doch keinen Frieden gibt. Nur wer bleibt, kann verändern! Wer geht, fehlt, wenn es darum gehen muss, unserem Glauben wieder ein lebendiges Gesicht zu geben. Diese innere Stärke, zu bleiben, wo andere gehen, zeichnet wahre Jüngerschaft aus. Die Frage ist nicht neu. Die Auseinandersetzungen um den Weg und die Worte Jesu konfrontiert ihn selbst mit der Erfahrung, dass viele nicht mehr mitgehen. In dieser aufgewühlten Stimmung kommt ihm die nachdenkliche Frage: „Wollt auch ihr weggehen?“ (Joh 6,67). Wieder wird Petrus zum Fels in der Brandung und zum Sprecher der Kirche: „Herr, zu wem sollen wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68). Dieser Kurs hat Zukunft! Bonifatius schlägt ihn ein und gibt damit der Kirche in unserem Land eine Navigation, die auch heute weiterführt.

Zu bleiben, wo andere gehen, ist wohl das stärkste Zeichen einer Freundschaft, von dem wir Menschen, von dem die Kirche zu allen Zeiten lebt. Man vergisst im Leben nicht, wer geblieben ist, als andere gingen. Mit Leidenschaft lädt Jesus seine Jünger (im Johannesevangelium) ein, zu bleiben. Das griechische Wort für „bleiben“ lautet „diameno“. Darin enthalten ist das uns geläufige Wort Diamant. Diamanten bestehen aus Kohlenstaub, der sich über Millionen von Jahren abgelagert hat und so zu den festesten Materialien geworden ist, die wir überhaupt kennen. Aber erst dann, wenn solche Steine geschliffen werden, entsteht das bezaubernde Funkeln eines Schmuckstücks, das sie zu den teuersten Juwelen macht, die wir kennen. So ist es auch mit dem „bleiben“, mit der gelebten Treue im Glauben. Sie funkelt und strahlt aus, sie zieht an, wo sie erlebt wird.

Mission in der Intention des Hl. Bonifatius: das ist eine innere Treue, die um Gottes Zukunft auch für seine Kirche weiß. Das Jahr des Glaubens, das Papst Benedikt XVI. in wenigen Tagen in Rom für die ganze Weltkirche eröffnen wird, will die offene Türe zum inneren Grund des Glaubens zeigen. Die erhoffte ‚Neu-Evangelisierung der Welt’ will das Bleibende in allem Wandel als das wirklich Bewegende begreifen. Das ist mehr als Programm und Aktion. Es ist Prozess und Umkehr. Es ist die Bereitschaft, aller in der Kirche, sich persönlich formen zu lassen und „täglich durch diese Tür zu gehen“ einen Weg einzuschlagen, der das ganze Leben fortdauert.“ Diese „Porta fidei“ ist die Schwelle über das Bekenntnis in das Bleibende, über das Bewegende in das Bergende! Diese innere Gewissheit hilft eine dritte Grenze so zu bestehen, wie der Hl. Bonifatius sie angegangen ist:

Die Versuchung, das Schiff treiben zu lassen und die Mahnung, das Steuer in die Hand zu nehmen.


Boote, die sich von den Wellen treiben lassen, laufen Gefahr, zu kentern. Christen, die sich der Strömung, dem Mainstream einer säkularen Gesellschaft überlassen, werden irgendwann untergehen. Von dem früheren Münsteraner Bischof Heinrich Tenhumberg kommt das Wort: „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom!“ Das Evangelium Jesu Christi, unser Glaube, versteht sich wie eine Gegenstromanlage in einer säkularen Gesellschaft. Sie fordert heraus und kräftigt das Stehvermögen von Menschen, die für Gott eintreten wollen. Missionarischer Glaube braucht Christen, die bereit sind, in dieser Verantwortung zusammenzustehen, damit der Kurs der Kirche im Glauben Orientierung geben kann.

Zu allen Zeiten beginnt die Erneuerung der Kirche mit Christen, die sich aus Leidenschaft und Liebe für die Sache Jesu, für seine Kirche, zu eigen machen, was der Hl. Bonifatius schreibt: „Lasst uns nicht wie stumme Hunde sein, nicht wie Menschen, die nur zusehen und schweigen. Lasst uns nicht wie Mietlinge sein, die fliehen, wenn der Wolf kommt.“ Nur wer bleibt, wird auch das andere erfahren: „Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung und Bewährung Hoffnung“ (Röm 5,3). Diese Worte des Apostels Paulus sprechen an, wie Läuterung zu einer neuen Leidenschaft führt. Nicht zusehen, sondern hinsehen; nicht kritisieren, sondern engagieren; nicht lamentieren, sondern motivieren; - diese Mentalität des Hl. Bonifatius zeigt, welchen Mut zur Mission die Kirche auch heute braucht. Hier – am Grab des Apostels der Deutschen – finden wir gerade in den gegenwärtigen Herausforderungen die tröstende Zuversicht: „Heilige sind nie Menschen der Vergangenheit, sondern immer Zeugen für die Zukunft der Kirche.“