Predigt von George Kardinal Pell am Fest der Geburt Johannes des Täufers

Johannes Aufruf zur Reue und folglich zur Vergebung ist heute nicht weniger aktuell als vor 2.000 Jahren

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ROM, 28. JUNI 2012 (ZENIT.org). - Letzten Sonntag, am Hochfest der Geburt des heiligen Johannes des Täufers, feierte Kardinal George Pell die heilige Messe in der Kirche San Silvestro in Capite in Rom. Diese Kirche, die im achten Jahrhundert erbaut wurde und ursprünglich als Heiligtum zur Aufbewahrung der Reliquien der Märtyrer und Heiligen aus den römischen Katakomben gedacht war, besitzt ein Stück des Schädels von Johannes dem Täufer. Der gotische Reliquienschrein wurde in den vergangenen Monaten intensiv gereinigt und restauriert und anlässlich des Festtags in der Seitenkapelle der Kirche neu ausgestellt. An der Messe, die in englischer Sprache gefeiert wurde, nahmen die Mitglieder einer kleinen englischsprachigen Gemeinde teil, die aus australischen, amerikanischen und irischen Priestern und Seminaristen besteht. Hinzu kamen verschiedene andere in Rom ansässige Englischsprechende.

[Wir dokumentieren die Predigt im Wortlaut in einer eigenen Übersetzung:]

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Johannes der Täufer, Sohn des Priesters Zacharias und seiner Frau Elisabet, einer Kusine der Jungfrau Maria, kam sechs Monate vor Jesus zur Welt. Das Lukasevangelium berichtet, dass der Erzengel Gabriel Zacharias im Tempel erschien und verkündete, dass Elisabeth einen Sohn empfangen werde, der den Namen Johannes empfangen solle, was „Jahwe ist gnädig“ bedeutet.  Er werde viele Israeliten zum Herrn, ihrem Gott, bekehren und mit dem Geist und der Kraft des Elija dem Herrn vorangehen. In seinem Lobgesang, der als das „Benedictus“ bekannt ist, besingt Zacharias seinen Sohn als „Prophet des Allerhöchsten“. Die Überlieferung will, dass Johannes in der Stadt Ain Karim geboren sei, etwa 5,5 Kilometer westlich von Jerusalem. Lukas berichtet auch, Johannes habe seine Jugend in der Wüste zugebracht.

Johannes wirkte in der Region um den Jordan als Asket und Bußprediger. Seine Hauptaufgabe war es, die Ankunft Jesu Christi, des Messias, zu verkünden. Tatsächlich taufte er Jesus. Johannes trat in Kamelhaar gekleidet auf, das traditionelle Gewand der Propheten, wie auch Elija es getragen hatte.

Johannes kam als „eine Stimme, die in der Wüste ruft“, um es mit Jesaia zu sagen. Das vierte Evangelium berichtet, dass Johannes kategorisch leugnete, Elija oder der Messias zu sein. Aber er war tatsächlich der letzte alttestamentarische Prophet.

Der Inhalt von Johannes‘ Predigten ist eher hart und streng (Mt 3,7-12; Mk 1,7-8; Lk 3,7-18): „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt“. Lukas allerdings betont auch die positiven, menschlichen Aspekte der Botschaft des Täufers. Keiner Berufsgruppe wird die Rettung untersagt; alle werden in erster Linie dazu aufgerufen, Gerechtigkeit und Nächstenliebe auszuüben.

Im Johannesevangelium beschreibt der Täufer sich selbst als der Freund des Bräutigams, der im gleichen Maß kleiner werden muss, wie Christus wächst; er bezeichnet Jesus als das Lamm Gottes.

Johannes sammelte eine Schar von Jüngern um sich, die ihm bis zu seinem Tod treu blieben; selbst die Apostel Andreas und Johannes waren seine Jünger gewesen, bevor sie Christus folgten. Sowohl die synoptischen Evangelien als auch das Johannesevangelium berichten von Meinungsverschiedenheiten zwischen den Jüngern Johannes‘ und denen Christi bezüglich Fasten und Taufe. Der Täufer selbst jedoch riet seinen Jüngern, Jesus zu folgen.

Die Evangelisten schreiben auch: „die Leute von Jerusalem und ganz Judäa zogen zu ihm hinaus“. Der alte jüdische Historiker Josephus und auch die Evangelisten berichten von der Reaktion des Herodes Antipas, der aus Furcht vor einem Aufstand Johannes ins Gefängnis warf. Johannes hatte auf furchtlose Weise die sündige Eheverbindung zwischen Herodes und Herodias, der Frau seines Bruders, angeprangert. Deswegen brachte Herodias ihre Tochter Salome dazu, Johannes‘ Tod zu verlangen; ihretwegen ließ Herodes den Täufer enthaupten, obwohl er ihn als einen frommen und gerechten Mann schätzte. Während er im Gefängnis war, schickte Johannes seine Jünger zu Jesus und ließ ihn fragen, ob er der Messias sei. Manche Kritiker glauben, Johannes habe es schwer gefunden, einen milden und vergebungsvollen Messias zu akzeptieren; er habe eher eine Gestalt in der Art des Elija erwartet. In seiner Antwort verweist Jesus auf seine Erfüllung der alttestamentarischen messianischen Erwartungen, wie sie insbesondere bei Jesaia stehen. Er greift auch die Gelegenheit auf, um Johannes zu preisen: er sei „mehr als ein Prophet… Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer“.

Die Schriftrollen vom Toten Meer wurden von einem Hirtenjungen im Jahr 1947 entdeckt. Sie waren von der Qumran-Gemeinde verfasst worden, wahrscheinlich eine jüdische Glaubensgemeinschaft, die als Essener bekannt ist.

Viele Forscher glauben, dass die Qumran-Gemeinde in der Wüste von Judäa einen wichtigen Einfluss auf den Täufer hatte. Manche behaupten, Johannes habe selbst eine Zeitlang der Gemeinde angehört, und ich bin geneigt, dies auch zu glauben.

Die Ähnlichkeiten sind stark; z.B. in der Erwartung des Messias. Die Qumran-Gemeinde bestand aus Priestern; Johannes entstammte ebenfalls einer Priesterfamilie, die eine starke Hoffnung auf das Kommen des Messias setzte. Sowohl Johannes als auch die Gemeinde von Qumran wurden vom Text Jesajas inspiriert, der von einer Stimme in der Wüste spricht, die dem Herrn den Weg bereitet (vgl. Jes 40,3). Johannes predigte eine Taufe der Umkehr; die Qumran-Gemeinde kannte rituelle Waschungen, aber es gibt keinen Hinweis dafür, dass sie diesem Ritual eine moralische Bedeutung zuwies. Während die Qumran-Anhänger dieses Ritual mehrmals wiederholten, scheint die Taufe des Johannes als einmaliger Akt gedacht gewesen zu sein. Johannes verkündete eine zweite Taufe mit dem Heiligen Geist und mit Feuer; das heißt, ein eschatologisches Gericht. Auch die Asketen von Qumran predigten von einer zweiten Taufe, die ein Werk des Geistes Gottes sein und eschatologischen Charakter haben werde.

Ein wichtiger Unterschied zwischen Johannes dem Täufer und der Qumran-Gemeinde liegt jedoch im universalen Charakter der Lehre des Täufers, die im starken Kontrast zur Verschlossenheit der Qumran-Gruppe steht, die alle Außenstehenden als „Söhne der Finsternis“ betrachtete.

Johannes’ Aufruf zur Reue und folglich zur Vergebung ist heute nicht weniger aktuell als vor 2.000 Jahren, aber bis zur Entdeckung der Schriftrollen des Klosters von Qumran war die Glaubwürdigkeit der Überlieferung, Johannes habe in seiner Jugend jahrelang in der Wildnis oder in der Wüste gelebt, immer anfechtbar gewesen. Die moderne Forschung hat das Leben dieser exotischen Gestalt verständlicher gemacht. Alle Gläubigen sind diesen Forschern daher zu Dank verpflichtet. Amen.

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]