Predigt von Joachim Kardinal Meisner in der Brotvermehrungskirche in Tabgha (Israel)

Vom „Wunder vor dem Wunder der eigentlichen Brotvermehrung“ und vom Gebet

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TABGHA, 6. März 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am 27. Februar in der Brotvermehrungskirche in Tabgha am Nordufer des Sees Genezareth in Galiläa gehalten hat.



Wer Gott im Gebet seine Zeit schenkt, wird nach Worten von Kardinal Meisner die Erfahrung machen können, „dass die so in Gott verlorene Zeit sich wandelt zu der für uns Menschen gewonnenen Zeit und dass sie reichste und vollendete Zeit ist. Im Fluss des Zeitenlaufes ist das Gebet hingegen die Zeit, welche im Strom der Zeiten nicht zerrinnt, weil sie zu Gott gehört.“

In Tabgha nahmen die Bischöfe und Diözesanadministratoren aus allen 27 deutschen Bistümern im Rahmen ihrer gemeinsamen Pilgerfahrt ins Heilige Land, die am Sonntag zu Ende ging, unter anderem an der Grundsteinsegnung für den Neubau des dort ansässigen Benediktinerklosters teil.

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. „Herr, lehre uns beten!“ (Lk 11, 1) ist eine der wesentlichsten Bitten der Apostel an den Herrn. Während meines Theologiestudiums fragte mich unser Spiritual bei einem Vieraugengespräch: „Ist es für Sie anstrengender, an einem Tag nicht zu beten, als zu beten?“ Er wollte mir damit zu verstehen geben, dass man nur dann die geistliche Reife zum Empfang der Priesterweihe hat, wenn das Gebet die größte Selbstverständlichkeit am Tage ist. Und in der Tat dehnt sich im Gebet die Ewigkeit in die Zeit hinein. Im Gebet lebe ich meine Zeit vor Gott und mit Gott. Damit tauche ich ein in Gottes Ewigkeit. Aus dieser Erfahrung heraus hat die Kirche ihre Zeit durch das Gebet strukturiert, damit sie heilserheblich für Zeit und Ewigkeit wird. So feiert die Kirche zunächst am Sonntag jeder Woche die Eucharistie; dann prägt sie den Tag mit dem Stundengebet; und schließlich strukturiert sie das Jahr mit den immer wiederkehrenden Festkreisen. Das Gebet prägt also in der Kirche das Leben des Christen.

Für den modernen Menschen ist Gebet „verlorene Zeit“. Und damit hat er nicht ganz Unrecht. Es ist aber – so muss man ergänzen – in Gott verlorene Zeit. Vor Jahrzehnten stellte man im Winter als Schmuck Papierblumen auf unsere Altäre. Wenn das Fest vorüber war, wanderten sie zurück in den Sakristeischrank und konnten beim nächsten Fest wieder auf den Altar gestellt werden. Papierblumen können sich dem Altar nur borgen, während natürliche Blumen am Altar verbluten, verwelken, verleben. Sie borgen sich nicht dem Altar, sondern sie schenken sich dem Altar. Wir Menschen sind keine Papierblumen-Existenzen.

Wir können uns im Gebet dem Herrn nicht borgen, sondern verschenken, uns in ihm verlieren. In der halben Stunde, in der ich bete, auch wenn ich keine heiligenden Gefühle in das Gebet mitbringe, schenke ich Gott einen Brocken meines unwiederbringlichen Lebens, nämlich 30 Minuten am soundsovielten von 7.00 bis 7.30 Uhr. Größeres kann man eigentlich gar nicht verschenken, als konkret sich selbst, indem ich ein Stück meines einmaligen Lebens in die Hände Gottes zurückgebe. Wer das versucht, wird erspüren, dass die so in Gott verlorene Zeit sich wandelt zu der für uns Menschen gewonnenen Zeit und dass sie reichste und vollendete Zeit ist. Im Fluss des Zeitenlaufes ist das Gebet hingegen die Zeit, welche im Strom der Zeiten nicht zerrinnt, weil sie zu Gott gehört.

2. Das „Vaterunser“, das der Herr seinen Jüngern übergibt, ist der Zugang zur Welt des Gebetes. Das Herrengebet beginnt gerade nicht bei unseren Bestrebungen und Wünschen, sondern es setzt an bei den drei Bitten, in denen die Angelegenheiten Gottes zur Geltung kommen: die Heiligung seines Namens, das Kommen seines Reiches und das Geschehen seines Willens. Das Vaterunser will den Beter bewegen, sich um die Angelegenheiten Gottes zu kümmern und seine eigenen Angelegenheiten sekundär werden zu lassen. Aber diese folgen dann auch im zweiten Ansatz, wo es um die Angelegenheiten des Menschen geht, nämlich um das tägliche Brot, die Vergebung unserer Schuld und die Bewahrung vor Versuchung, um dem Bösen nicht in die Hände zu fallen.

3. Hier, an diesem heiligen Ort in der Brotvermehrungskirche, dürfen wir schon einen Blick auf das erste menschliche Anliegen des Herrengebetes werfen, nämlich auf das für unser Leben notwendige tägliche Brot. Damals sind dem Herrn fünftausend Männer in die Wüste nachgefolgt. Ihre Taschen waren leer, ihre Mägen ebenfalls. Und weit und breit gab es nichts zu kaufen. Die Jünger bitten den Herrn, die Menschen zu entlassen, damit sie nicht verhungern. Der Herr aber fordert die Leute auf, sich zu lagern. Die Aufforderung an die fünftausend Männer, sich mit leeren Taschen und leerem Magen in der Wüste hinzusetzen, ist gleichsam eine Aufforderung zum Selbstmord. Die Jünger wollten ja, dass sich die Leute auf die Beine machen, um sich etwas zum Essen zu organisieren, damit sie überleben können. – Hier verlangt der Herr genau das Gegenteil: nicht die Aktion, sondern die Passion, nicht das Agieren, sondern das Warten. Und dass sich die Leute tatsächlich niedergesetzt haben, halte ich für das größere Wunder als die darauf folgende Brotvermehrung selbst. Sie müssen Jesus doch zugetraut haben, dass er ihnen das nötige Brot beschaffen konnte, sonst hätten sie sich nicht hingesetzt. Sie müssen doch geglaubt haben, dass er sie mit dieser unsinnigen Aufforderung nicht in eine Katastrophe führen will, sondern dass er schon einen Ausweg weiß.

Wie oft sind wir in ähnlichen Situationen: leere Taschen, leere Hände, leere Herzen. Und in unserer Umgebung kein Vorrat zur Abhilfe. „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mt 6, 37), sagt der Herr in dieser ausweglosen Situation den Jüngern, sagt er uns auch heute. Wir wissen, besonders hier an diesem heiligen Ort, dass die Menschenmenge nicht vergebens gehofft, vertraut und geglaubt hat. Sie alle wurden satt, und der Überfluss wurde in zwölf großen Körben eingesammelt. Sie stehen im Evangelium für den nie aufzubrauchenden Überfluss Gottes in seiner Kirche. Er ist aber nur im Vertrauen, im Glauben und in der Hoffnung erreichbar. Das Wunder vor dem Wunder der eigentlichen Brotvermehrung möchte sich in unserem Dasein und Sosein fortsetzen. Diese Hoffnung der Fülle Gottes erbitten wir in diesen Tagen für das Heilige Land, das ja Tatort der Wunder Gottes ist.

4. Die Anliegen Gottes und die Anliegen des Menschen sind im Vaterunser zu einer Einheit verbunden. Mit den Augen Gottes schauen wir im Herrengebet auf unsere menschlichen Bedürfnisse. Und in unseren vielfältigen Bedrängnissen mühen wir uns um die Angelegenheiten Gottes in unserer Welt. Leidenschaft nach dem Himmel wird wirksam in der Leidenschaft für die Erde. Und umgekehrt: Die Leidenschaft für die Erde zeigt sich in der Leidenschaft für den Himmel. Das Vaterunser ist wirklich das Urgebet der Christen geworden. Es bewegt uns, unser Leben mit all seinen Anliegen und Wünschen einzuordnen in die Absichten Gottes im Hinblick auf sein Reich.

Indem im Herrengebet vor dem täglichen Brot das Wort „unser“ steht, dann ebenfalls in der Gebetsbitte um Vergebung der Schuld, also unsere Schuld, und indem in der Anrede hinter dem Vater auch wieder „unser“ steht, wird aus diesem Gebet auch immer Fürbitte. Im Mitbeten der Worte Jesu betreten wir die große Familie derer, die dem Herrn nachfolgen und die unsere Schwestern und Brüder sind. Im Herrengebet werden wir eingeladen, in die Sohnesbeziehung Jesu zu seinem Vater einzutreten und in die geschwisterlichen Beziehungen zu all denen, die ebenfalls dieses Gebet sprechen. Das Herrengebet will uns in unserem gesamten Gebetsleben befähigen, in den Willen Gottes einzuwilligen und mit seinen Absichten konform zu werden. „Herr, lehre uns beten!“, sollte unsere Bitte sein, weil er wirklich Meister des Gebetes ist und wir immer darin Anfänger bleiben. Das Gebet ist die einzige Möglichkeit, der Ewigkeit Gottes in unserer Zeit zu begegnen. Sie bewahrt uns davor, uns in der Zeit zu verlieren und unsere Aufgabe zu vergessen. Amen.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]