Predigt von Kardinal Joachim Meisner in der Eucharistiefeier bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Gehetzt und doch nicht verlassen

Trier, (ZENIT.org) | 1340 klicks

Die aktuelle öffentliche Wahrnehmnung der katholischen Kirche in Deutschland stellte Kardinal Meisner an den Beginn seiner Predigt während der heutigen Eucharistiefeier in Trier anlässlich der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischöfe. Ebenso betonte er noch einmal die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zur Geburt, die Zweipoligkeit menschlicher Existenz als Mann und Frau und erteilte der Gendertheorie erneut eine Absage. Der Kölner Erzbischof betonte die Aktualität des bevorstehenden Eucharistischen Kongresses, der die Gelegenheit biete, sich der stärkenden Gegenwart des Herrn in Gemeinschaft aufs Neue zu vergewissern, besonders in dieser Zeit der Bedrängnis.

[Wir dokumentieren die Predigt im Wortlaut]:

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Liebe Mitbrüder,
liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ (Joh 6, 68). Dieses Leitwort zum Eucharistischen Kongress vom 5. bis 9. Juni in Köln, das sich wie eine ratlose Frage anhört, hat sich in schmerzlicher Weise als hochaktuell erwiesen. Was hat sich seit unserem Beschluss vom 5. Oktober 2011, unter diesem Wort einen Eucharistischen Kongress in Deutschland durchzuführen, alles ereignet! Mit dem heiligen Paulus im 2. Korintherbrief können wir sagen: „Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu in unserem Leib sichtbar wird“ (2 Kor 4,8-10). Der große Vertrauensverlust, der über uns hereingebrochen ist, kommt aus unserem eigenen Versagen als Kirche: die sexuellen Missbräuche und die Abweisung einer vergewaltigten Frau in zwei unserer katholischen Krankenhäuser. Das schmerzt immer besonders, wenn das Unheil vom Innern der Kirche nach außen geht. Und es liegt in der politischen Großwetterlage unserer Gesellschaft, dass unser Versagen als katholische Kirche dramatisiert und multipliziert wird, als ob es nichts anderes mehr bei uns gäbe.

Daneben gibt es das Ärgernis unserer Kirche in die Gesellschaft hinein, das uns das Evangelium aufgetragen hat. Worüber unsere heutige Gesellschaft glaubt, verhandeln zu können, müssen wir sagen: Es ist nicht erlaubt: die Ehe anders zu definieren als Gemeinschaft von einem Mann und einer Frau und in der Familie die Frucht der Ehe zu sehen. Das menschliche Leben ist von der Empfängnis bis zum Sterben vor jeder Manipulation zu schützen. Die schöpfungsgemäße Zweipoligkeit menschlichen Daseins als Mann und Frau darf nicht durch die Gender-Ideologie aufgelöst werden. Es steht nun einmal vor den 10 Geboten: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ (Ex 20,3). Und das müssen wir weitersagen um Gottes willen und um der Menschen willen, auch wenn uns dafür nur Hohn und Ablehnung entgegenschlägt. Die Treue zum Evangelium findet Widerspruch und Ablehnung, manchmal sogar innerhalb der Kirche und ganz bestimmt in der Gesellschaft, aber das hat uns der Herr vorausgesagt.

2. „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ Dieses Wort des Apostels Petrus ist ebenfalls in einer Krisensituation des Jüngerkreises gesprochen worden. Nach der wunderbaren Brotvermehrung wollten die Juden Jesus zum Brotkönig machen. Er aber lehnt diese Rolle ab, indem er sagt: Ihr braucht dieses Brot nicht mehr, denn ich selbst gebe mich mit meinem Leib und Blut zur Speise hin. Viele nahmen daran Ärgernis und gingen nicht mehr mit ihm. Und nun sagt Jesus zu den wenigen Zurückgebliebenen: „Wollt auch ihr weggehen?“ (Joh 6,67). Und jetzt kommt Petrus mit seinem Bekenntnis in der Gestalt einer Frage: „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ Wir haben keine Alternative zu dir. „Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,68b-69). Hier liegt die hohe Aktualität unseres Eucharistischen Kongresses. Uns geht es als katholische Kirche in Deutschland genauso. Auch wir haben zu Christus keine Alternative. Nur er hat Worte ewigen Lebens.

Deshalb wollen wir eben als katholische Kirche in Deutschland vom 5. bis 9. Juni in Köln dieses Bekenntnis zum Herrn vor aller Welt ablegen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“. Er ist im eucharistischen Sakrament wirklich, wahrhaft und wesentlich als Person in unserer Mitte. Sich dieser stärkenden Gegenwart in großer Gemeinschaft aufs Neue zu vergewissern, sollte die Frucht dieser gesegneten Tage werden. In der Eucharistie ist Gott in seinem Sohn Jesus Christus herabgestiegen in unser Elend, in unseren grauen Alltag, in unsere Bedrängnisse, damit wir Menschen den Aufstieg zur Herrlichkeit Gottes nicht verfehlen. Er wird uns in den armseligen Gaben von Brot und Wein – hier ist das Wort „armselig“ wirklich am Platz – wahrhaftig gegenwärtig und anwesend.

Wenn Gott selbst auch nach der Offenbarung durch seinen Sohn ein undurchdringliches Geheimnis bleibt, dann kann eine Verbindung mit Gott, wie sie Christus uns in der Eucharistie geschenkt hat, nur auf eine geheimnisvolle Art zustande kommen, die der grenzenlosen Hingabe Gottes und der beschränkten Aufnahmefähigkeit des Menschen entspricht. Das geschieht im Sakrament des Brotes. „Brot vom Himmel hast du ihnen gegeben“ (vgl. Joh 6.30). Der Mensch muss im Glauben die ganze Intimität Christi in dieser Speise spüren und sie empfangen, wenn er wirklich das Leben in Fülle haben möchte. In der Messfeier bitten wir, dass wir selbst wie Christus und mit Christus Eucharistie werden und so für Gott wohlgefällig und für die Menschen dann genießbar sind. Es gibt genug Menschen, denen Leben nur so viel bedeutet wie Essen und Trinken. Sie brauchen nur Arbeit und Verdienst, sie brauchen aber keine Geheimnisse mehr. Sie brauchen nur die richtigen Gehaltsstufen. Sie leben vom Brot allein und brauchen kein besonderes Brot zum Leben. Der Herr aber sagt, dass er das lebendige Brot selbst ist, das vom Himmel herabgekommen ist. Das dürfen wir berühren und anbeten.

Jesus beobachtet mit seinen Jüngern eines Tages, wie die Menschen an den Opferkasten im Tempel von Jerusalem treten und ihre Gaben abgeben. Er wies auf eine Frau und sagte seinen Jüngern: Diese hat mehr gegeben als alle anderen. Die anderen haben zwar materiell mehr gegeben als diese Frau, aber es war weniger. Denn es war immer nur etwas von ihrem Besitz. Sie aber gab alles. Sie hatte nur diese zwei Pfennige, die sie in den Opferkasten warf. (vgl. Mk 12,41-44). Das erinnert an das Geheimnis der Eucharistie. Die kleine Hostie ist materiell fast ein Nichts. Legt man sie auf eine Briefwaage, da gibt es kaum einen Ausschlag. Und doch ist sie Gottes ein und alles. Mehr hat er uns nicht zu geben als sich selbst in seinem Sohn Jesus Christus. Glauben wir das? – Dann müsste doch die Freude an Gott und seiner Liebe zu uns Menschen in unsere Herzen einziehen.

3. Vor unseren Tabernakeln brennt das kleine, so genannte „Ewige Licht“. Es ist gleichsam ein Nichts gegen das Licht der Sonne, aber das Ewige Licht ist unser ein und alles für unser Leben. Es leuchtet vor dem Herrn, der das Licht der Welt ist. Es leuchtet für uns, die wir ohne ihn kein Leben haben können. Kümmern wir uns um dieses Licht, dass es durch unseren Unglauben nicht ausgeht. Wenn wir Christus nicht mehr kennen und wahrnehmen, dann leben wir in der Finsternis. Wir merken es vielleicht gar nicht. Wir meinen, noch sehen zu können, und wissen nicht, dass wir blind sind. Wenn wir aber noch zum Tabernakel gehen und unsere Knie beugen, leben wir im Bannkreis des Lichtes, das Christus selbst ist. Wer noch betet, hat immer Licht genug für den nächsten Schritt. Wer nicht mehr betet, lebt im Dunkeln. Wir gehen zum Tabernakel und sagen das „Ja“ zu ihm: zu seinen Worten, zu seinem Leben, zu seiner Gnade. Wir brauchen ihm weiter nichts zu sagen, nur dieses eine Wort: „Ja“. Alles andere weiß er schon. Es muss aber ein ehrliches „Ja“ sein, ohne Klausel und ohne Hintertürchen. Was er nachher tun wird, bleibt ihm überlassen. In diesem unbedingten „Ja“ vor dem Tabernakel finden wir die rechte Haltung vor Gott.

Die persönliche Kommunikation des Christen mit Christus findet in der eucharistischen Anbetung ihre Mitte. Die eucharistische Anbetung ist nämlich die Verlängerung dessen, was in der Eucharistiefeier geschieht, und sie ist gleichzeitig Hinführung zur Eucharistiefeier, wie der heilige Augustinus ausdrücklich sagt: Niemand kann das eucharistische Brot essen, ohne vorher angebetet zu haben: „Nemo autem illam carnem manducat, nisi prius adoravit“. Pater Cantalamessa fügt richtig hinzu: „Konsekration und Kommunion werden aufhören – die Kontemplation (Anbetung) des für uns geopferten Lammes aber wird nie enden. Genau dies nämlich ist es, was die Heiligen im Himmel tun (vgl. Offb 5,1ff.). Wenn wir vor dem Tabernakel knien, dann stimmen wir bereits ein in den Chor der Kirche in jener Welt: sie vor, wir gleichsam hinter dem Altar; sie in der Schau, wir im Glauben“ (R. Cantalamessa, Die Eucharistie – Unsere Heiligung, Köln 1998, S.111).

Im Beten begegnen sich das Ich und das Du. Sie stehen einander gegenüber wie Erde und Sonne. Die Erde kehrt nach ihren Gesetzen immer wieder zur Sonne zurück, wenn sie merkt, dass es so nicht weitergeht. Aber der Mensch kehrt nicht immer zu Gott zurück. Nirgendwo können wir diesem „Ja“ so nahe kommen wie in der heiligen Messe. Die Heilige Messe ist der Lichtverstärker für die Sprache des kleinen, Ewigen Lichtes. Es kann uns auch sonst in seiner zurückhaltenden Art viel erzählen von Gottes Güte und Segen. Aber wenn die Kerzen angezündet werden zur Feier des heiligen Opfermahls, dann gewinnt das kleine Licht eine Ausdrucksart der Sprache, wie sie dem menschlichen Wort nicht gegeben ist. Wir können es so schlecht mit Worten sagen, was es um die Liebe Gottes ist. Aber das Licht kann es, wenn es um den Kelch leuchtet, um den Kelch, der uns von der Würde und dem Wert des sich hingebenden Menschen berichtet, und von dem Preis, der gezahlt worden ist für uns. Darum haben wir Grund zu einem großen Wert- und Siegesbewusstsein. Wenn der Herr das alles für uns einsetzt, welchen unermesslichen Wert muss dann mein Leben für ihn und für die Welt sein! Der Glaube an die Eucharistie bekommt im Wertbewusstsein des eucharistischen Menschen seine Antwort. Amen.