Predigt von Kardinal Schönborn zur Chrisammesse 2008

„Ich lade euch ein, dass wir innerlich im Herrn verbunden die vor uns liegenden Tage durchleben“

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WIEN, 18. März 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn am Abend des 17. März während der diesjährigen Chrisammesse im Wiener Stephansdom gehalten hat.

Der Vorsitzende der Österreichischen Bischöfe skizzierte eine „eine Art Wegweiser, eine Wanderkarte durch die Karwoche, damit sie uns als Weg gelingt“, und verwies anschließend auf die vorrangige Bedeutung der Eucharistie; sie sei unerlässlich, „damit wir immer mehr als neue Menschen leben können. Christsein heißt ‚in Wandlung leben‘, um mehr und mehr Menschen des Friedens werden zu können.“

Abschließend bekräftigte der Kardinal: „Ich lade euch ein, dass wir uns die Emmausjünger zum Vorbild nehmen, auch für unser brüderliches Miteinander: vom gemeinsamen Klagen und Jammern zum gemeinsamen Zeugnis in der Osterfreude. Und ich lade euch ein, dass wir Ihn, den Auferstanden für uns selbst, für unsere Pfarren und unsere Diözese um eine vertiefte Liebe zur Eucharistie bitten, auf dass wir in guten und schweren Tagen Boten und Zeugen für Ihn sein können, der den innersten Durst nach Leben und Sinn stillen kann.“

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Liebe Brüder und Schwestern,
liebe Mitbrüder im diakonalen Dienst,
liebe Mitbischöfe, besonders erwählter Weihbischof Stephan,
liebe Firmgruppen, besonders aber liebe Mitbrüder
im Presbyterium, im priesterlichen Dienst! 

Wir haben die Heilige Woche mit unseren Gemeinden zu feiern begonnen, jene Heilige Woche, die uns den Grund unserer Hoffnung vor Augen führt, jener Hoffnung, die uns wirklich trägt: Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist. In diesen Tagen bin ich mit meinen Gedanken und Gebeten bei euch, liebe Mitbrüder, besonders oft verbunden und auch jenen Menschen, die euch in euren Pfarren und euren pastoralen Wirkungsfeldern anvertraut sind.

Ich lade euch ein, dass wir diese Heilige Woche als Chance sehen, das große Geheimnis vom Kreuzweg, von Seinem Tod und Seiner Auferstehung neu "mitzuerleben" und auch "mit-zu-vollziehen". Er lädt uns in diesen Stunden ein: "Kommt und seht!" Kommt, verbindet euch innerlich mit mir, und richtet mit mir den Blick auf die Erlösung der Menschen und die Erneuerung der Herzen. Kommt und seht, wie ich euch geliebt habe. So sollt auch ihr einander und die euch anvertrauten Menschen lieben. (vgl. Joh 15,12)

Heute will ich zwei Dinge versuchen:

eine Art Wegweiser, eine Wanderkarte durch die Karwoche, damit sie uns als Weg gelingt.Ein Wort zur Eucharistie, das in einer Anregung mündet.

1. Ergeht es uns in unserem priesterlichen Engagement nicht manches Mal wie Jesus, der in Jerusalem einzieht und umjubelt wird, doch dann - nur wenige Tage danach - erfährt, dass Er von der Menge verstoßen und verachtet wird? Immer wieder erleben auch wir in unserem Dienst an den Menschen dankbare Anerkennung, herzliche Aufnahme und Lob. Doch wer sich bemüht, Zeugnis für Ihn abzulegen und die Menschen wie Er auf den Weg der "Herzensumkehr", die mehr ist als Veränderung von Strukturen, zu führen, erfährt mit Ihm auch immer wieder Ablehnung, üble Nachrede und das Missverstanden-werden. Christus will uns wieder neu ermutigen, in liebender und dienender Haltung und in Treue sein Wort zu verkünden, sühnend das Schwere zu tragen - im Blick auf Ihn und auf das Heil der Menschen.

Wir sind in dieser Woche neu eingeladen, uns mit den Jüngern im Abendmahlsaal um den Herrn an seinem Tisch zu versammeln. Wir dürfen wieder staunend und dankbar auf Ihn schauen, der sich hinab beugt in den Staub (vgl. griech.: dia konia- durch den Staub), um den Jüngern die Füße zu waschen, und um Ihnen schließlich sein Vermächtnis anzuvertrauen - für sie selbst und für die Menschen aller Zeiten und Nationen, die durch ihr Wort zum Glauben kommen werden, das Vermächtnis, das Er selbst ist.

Der Herr lädt uns auch ein, dass wir mit Ihm das Kreuz schultern und den Weg hinauf nach Golgotha mitgehen: das Kreuz unserer eigenen Schwächen, an denen wir immer wieder zu arbeiten haben, damit wir wirklich im Alltag Boten für Ihn und seinen Frieden sein können; das Kreuz der Opfer und Verzichte, die mit unserem Dienst immer wieder verbunden sind; auch das Kreuz, dass manchmal so wenig Früchte unseres Einsatzes zu erkennen sind, und alles wie umsonst erscheint. Ist es Ihm in diesen Stunden nicht ebenso ergangen, als nur Johannes und die wenigen Frauen unter seinem Kreuz standen? Legen auch wir immer wieder bewusst unser Leben und unser Mühen in seine Hände, so wie Er seinen Geist in die Hände des Vaters gelegt hat. Die "Kreuzesstunden" können die fruchtbarsten Stunden unseres Dienstes für die Menschen werden, wenn wir sie wie Christus in geduldiger, fürbittender und hoffender Liebe durchtragen. Wir müssen uns bewusst mit der heute herrschenden Erfolgsmentalität auseinandersetzen. Die "Logik" des Kreuzes ist anders.

Die ganze Heilige Woche zielt hin auf jenen Moment, in dem Christus den Tod und die Sinnlosigkeit überwindet, siegreich aus dem Grab ersteht und den Seinen begegnet. Die Emmausjünger haben sich von den anderen Jüngern und Jerusalem entfernt und waren deshalb zunächst nicht dabei, als der auferstandene Herr erschienen ist. Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit prägen ihren Schritt. Dort, wo wir die Nähe zum Herrn verlieren, gleichsam vom Ort seiner Nähe weggehen, laufen auch wir Gefahr, in Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit zu enden. Immerhin: die beiden jammern gemeinsam. Wie auch wir es oft tun. Sie sind noch gemeinsam auf dem Weg, wenn auch in die falsche Richtung. Doch der Auferstandene ist voll Erbarmen und gesellt sich zu ihnen. In seiner Hirtensorge geht Er jedem Menschen nach und hofft für alle, gerade für jene, die sich von Ihm entfernt oder Ihn noch nicht kennen gelernt haben. Der ganze Emmausweg gipfelt im Brotbrechen, in der "Feier der Eucharistie". Hier werden die Augen der Jünger geöffnet. Indem Er sich ihnen selbst schenkt und ihnen in der Eucharistie ganz nahe kommt, erkennen sie ihn. Hier klingt der hebräische Wortstamm jd', bei dem das   "jemanden erkennen" auch das "jemandem ganz nahe sein " meinen kann. Die Nähe zum Herrn führt auch zum Ihn-Erkennen. Noch zur selben Stunde kehren sie nach Jerusalem zurück.

Es ist die beglückende Erfahrung ihrer persönlichen Begegnung mit dem Auferstandenen, die sie drängt, davon Zeugnis zu geben und diese Freude mit anderen zu teilen. Indem sie mit Ihm Gemeinschaft erleben, drängt es sie, die Gemeinschaft mit den anderen Jüngern wieder zu suchen. Das Miteinander, das sie in ihrer Enttäuschung aufgegeben haben, das suchen sie nun, weil durch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus ihre Herzen berührt und dadurch neu ermutigt wurden.

2. Liebe Brüder! In alldem liegt so viel verborgen an Ermutigung, Hoffnung und auch an Wegweisung für unser Leben und die Situation in unserer Diözese. Als Priester können wir nur andere Menschen zu Christus und zur Osterfreude führen, wenn wir Ihm selber begegnet sind und uns täglich neu bemühen, Ihm nahe zu sein und in Demut, liebenden Gehorsam und geduldiger Ausdauer in Ihm zu bleiben - in guten und schweren Stunden. Die communio mit Christus ist die Quelle unserer communio untereinander und auch die Quelle unserer Erneuerung und der Erneuerung der Kirche. Das schöne Bild von Dorotheus von Gaza vom Kreis und seiner Mitte erinnert uns an das Wesen der Eucharistie und der Kirche: Je näher wir der Mitte kommen, die Christus selbst ist, umso näher kommen wir auch einander. So wie sich bei den Emmausjüngern durch die Begegnung mit dem Auferstanden beim Brotbrechen die Mutlosigkeit vollends in Freude gewandelt hat, so ist die Eucharistie auch für unser Leben die Quelle, damit wir immer mehr als neue Menschen leben können. Christsein heißt "in Wandlung leben", um mehr und mehr Menschen des Friedens werden zu können.

Benedikt XVI. hat es uns mit den zeugnishaften Worten der Christen von Abitene so schön voriges Jahr im Stephansdom in Erinnerung gerufen: "Sine Dominico non possumus!" "Ohne die Gabe des Herrn, ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben". Sine Dominico non possumus: Ohne das Herrenmahl und den Sonntag schaffen wir es nicht.

Wiewohl es mehrere Arten der Gegenwart Christi gibt, so kommt Er uns dennoch in keiner Weise so nahe, wie in dem Moment, wo Er sich uns selbst schenkt: in der Kommunion. Communio mit Ihm ermöglicht communio untereinander. Dort wo Gemeinde sich selbst zur Mitte wird, läuft sie allzuleicht Gefahr, dass sich ihr Blick vom Herrn auf sich selbst richtet und sich folglich Enttäuschungen und Entzweiung breit machen.

Die Feier der Hl. Messe ist somit nicht nur "Dankstelle" (Eucharistie), sondern sie ist auch "Tankstelle"(Mahl). Als Christen leben wir aus ihm! Ohne Ihn, den Auferstandenen, gehen uns der "Lebenssaft", die "Friedenskraft" und der Mut zur selbstlosen und versöhnungsbereiten Liebe in unseren Pfarren und Familien aus.

Sprechen nicht die Zeichen der Zeit so eine deutliche Sprache? Dort, wo Menschen nicht mehr aus Ihm schöpfen, sind sie bald erschöpft, reicht die eigene Kraft zum Miteinander, zum wahren Familienleben und zu dienender Liebe oft nicht. Ist nicht die Tatsache, dass die Emmausjünger am gleichen Abend noch den Weg nach Jerusalem (zu Fuß!) auf sich genommen haben, für uns ein Zeichen, dass auch wir uns einsetzen, unsere Gemeinden schrittweise darauf vorzubereiten und zu ermutigen, ein paar Kilometer/Minuten des Weges auf sich zu nehmen, um bei Bedarf das eine oder andere Mal mit der Nachbargemeinde gemeinsam am Sonntag die Eucharistie zu feiern!? Nicht um das Prinzip der Pfarre aufzulösen, sondern um das Pfarrbewusstsein mit einem Aspekt zu bereichern, den uns die Emmausjünger so deutlich vor Augen führen: dass der Glaube an den Auferstandenen verbindet - über Ortsgrenzen hinweg, und dass Kirche communio ist: im Ort und über alle Grenzen von Ortschaften und Nationen hinweg.

Und nun meine Bitte: wir sind an manchen Strukturfragen dran, langsam, behutsam, viel weniger radikal als in Deutschland (98 Pfarren werden in der Diözese Essen geschlossen, Kirchen, Pfarrhöfe verkauft, abgerissen, was immer; in der französischen Diözese Carcassonne hat der Bischof mit seinen Beratern beschlossen, die Diözese von 250 auf 17 Pfarren zu reduzieren). Wir gehen andere Wege. Aber eines bitte ich euch inständig: Stellen wir die Eucharistie, die Quelle und den Höhepunkt des christlichen Lebens, in die Mitte aller Überlegungen. In der ältesten Beschreibung der Liturgie der Eucharistie, in der 1. Apologie des Hl. Justinus an Kaiser Antonius Pius (um 155) heißt es: "An dem nach der Sonne benannten Tage findet eine Zusammenkunft von allen, die in Städten oder auf dem Lande herum weilen, an einem gemeinsamen Ort statt" (KKK 1345). Ich glaube fest, dass wir in den kommenden Jahren, die für die Christen nicht leichter werden, nur bestehen können, wenn wir uns um den Herrn in der Eucharistie scharen. Daher kommt auch die Energie zur so vordringlichen Mission. Nicht umsonst sagt das 2. Vaticanum, die Eucharistie sei "Quelle und Höhepunkt der ganzen Evangelisation".

Liebe Brüder! "Kommt und seht." und "Kostet und seht, wie gut der Herr ist!" - wie verwandt sind doch diese beiden Worte. Ich lade euch ein, dass wir innerlich im Herrn verbunden die vor uns liegenden Tage durchleben. Ich lade euch ein, dass wir uns die Emmausjünger zum Vorbild nehmen, auch für unser brüderliches Miteinander: vom gemeinsamen Klagen und Jammern zum gemeinsamen Zeugnis in der Osterfreude. Und ich lade euch ein, dass wir Ihn, den Auferstanden für uns selbst, für unsere Pfarren und unsere Diözese um eine vertiefte Liebe zur Eucharistie bitten, auf dass wir in guten und schweren Tagen Boten und Zeugen für Ihn sein können, der den innersten Durst nach Leben und Sinn stillen kann. Gelobt sei Jesus Christus, der Auferstandene!

[Von der Erzdiözese Wien veröffentlichtes Original; © Kardinal Christoph Schönborn]