Predigt von Kardinaldekan Angelo Sodano während der Messe "Pro eligendo Summo Pontifice"

Messe im Petersdom zur Eröffnung des Konklave am 12. März 2013

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 4856 klicks

Wir dokumentieren die Predigt von Kardinaldekan Angelo Sodano während der hl. Messe „pro eligendo Summo Pontifice (zur Wahl eines Papstes)" am Vormittag in der Petersbasilika in der Arbeitsübersetzung des Heiligen Stuhls (offizielle Übersetzung am 18.3.13).

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Liebe Konzelebranten, erhabene Autoritäten, Brüder und Schwestern im Herrn!

„Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen“ ist der Gesang, der ein weiteres Mal am Grab des Apostels Petrus in dieser wichtigen Stunde in der Geschichte der Heiligen Kirche Christi erklingt. Es sind die Worte des Psalms 89, die auf unseren Lippen erblüht sind, um den Vater im Himmel anzubeten, ihm zu danken und ihn anzuflehen. „Misericordias Domini in aeternum cantabo“: es ist der schöne lateinische Text, der uns in die Betrachtung desjenigen eingeführt hat, der immer mit Liebe über seine Kirche wacht, sie in ihrem Weg durch die Jahrhunderte unterstützt und sie mit seinem Heiligen Geist belebt.

Auch wir wollen uns heute mit dieser inneren Haltung mit Christus dem Vater im Himmel darbieten, um ihm für den liebevollen Beistand zu danken, den er immer für seine Heilige Kirche bereit hält, und insbesondere für das leuchtende Pontifikat, das er uns mit dem Leben und Wirken des 265. Nachfolgers Petri gewährt hat, mit dem geliebten und ehrwürdigen Papst Benedikt XVI., dem wir in diesem Augenblick nochmals unseren ganzen Dank aussprechen.

Zugleich wollen wir heute den Herrn anflehen, dass er uns mit Hilfe der pastoralen Dienstbarkeit der Kardinäle bald einen anderen guten Hirten für seine Heilige Kirche zugestehen möge. Ganz sicher stützt uns in dieser Stunde der Glaube an das Versprechen Christi über den unvergänglichen Charakter seiner Kirche. In der Tat sagte Jesus zu Petrus: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (vgl. Mt 16,18).

Meine Brüder, die Lesungen des Wortes des Herrn, die wir soeben gehört haben, können uns helfen besser den Auftrag zu verstehen, den Christus Petrus und seinen Nachfolgern aufgegeben hat.

1. Die Botschaft der Liebe

Die erste Lesung hat uns ein berühmtes messianisches Orakel aus dem zweiten Teil des Buches Jesaja vorgeschlagen, den Teil, der „Buch des Trostes“ genannt wird (Js 40-66). Es ist eine Prophezeiung, die an das Volk Israel gerichtet ist, das dem Babylonischen Exil entgegengeht. Gott verkündet ihm die Sendung eines Messias voll von Gnade, eines Messias, der wird sagen können: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir … Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Js 61,1-3).

Diese Prophezeiung hat sich gänzlich durch Jesus erfüllt, der in die Welt gekommen ist, um die Liebe des Vaters den Menschen gegenüber zu verwirklichen. Es ist eine Liebe, die sich besonders im Kontakt mit dem Leid bemerkbar macht, mit Ungerechtigkeit, Armut, mit allen Zerbrechlichkeiten des Menschen, seien sie physisch oder moralisch. Dazu bekannt ist die berühmte Enzyklika von Papst Johannes Paul II. „Dives in misericordia“ (Über das göttliche Erbarmen). Darin merkt er an, dass die Art und Weise, in der sich diese Liebe zeigt, gerade im biblischen Wort des Erbarmens zum Ausdruck kommt (vgl. n. 3).

Dieser Auftrag der Barmherzigkeit ist dann von Christus den Hirten seiner Kirche anvertraut worden. Es ist ein Auftrag, der jeden Priester und Bischof verpflichtet, doch noch mehr den Bischof von Rom, den Hirten der Weltkirche. Jesus sagte in der Tat zu Petrus: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als diese mich lieben? ... Weide meine Lämmer“ (Joh 21,15). Der Kommentar des heiligen Augustinus zu diesen Worten Jesu ist bekannt: „sit amoris officium pascere dominicum gregem“, „Es sei das Amt der Liebe, die Herde des Herrn zu weiden“ (In Iohannis Evangelium, 123, 5; PL 35, 1967).

Diese Liebe ist es doch tatsächlich, die die Hirten der Kirche dazu antreibt, ihre Dienstmission für die Menschen jeder Zeit zu leisten, vom unmittelbareren karitativen Dienst bis zum höheren Dienst, dem Dienst nämlich, den Menschen das Licht des Evangeliums und die Kraft der Gnade zu bringen.

So hat es Benedikt XVI. in seiner Botschaft für die Fastenzeit für dieses Jahr formuliert (vgl. Nr. 3). Dort lesen wir: „Manchmal neigt man in der Tat dazu, den Begriff ,Nächstenliebe’ auf die Solidarität oder die einfache humanitäre Hilfeleistung zu beschränken. Es gilt jedoch zu bedenken, dass das höchste Werk der Nächstenliebe gerade die Evangelisierung, also der ,Dienst am Wort’ ist. Es gibt kein heilsameres und somit wohltätigeres Werk am Nächsten, als das Brot des Wortes Gottes mit ihm zu brechen, ihn an der Frohen Botschaft des Evangeliums teilhaben zu lassen, ihn in die Beziehung zu Gott einzuführen: Die Evangelisierung ist die höchste und umfassendste Förderung des Menschen. Wie der Diener Gottes Papst Paul VI. in der Enzyklika Populorum progressio schreibt, ist die Verkündigung Christi der erste und hauptsächliche Entwicklungsfaktor (vgl. Nr. 16).“

2. Die Botschaft der Einheit

Die zweite Lesung stammt aus dem Brief an die Epheser, den der Apostel Paulus hier, in dieser Stadt Rom, während seiner ersten Gefangenschaft ungefähr um 62-63 n.Chr. herum verfasst hat. Es ist ein tiefgründiges Schreiben, in dem Paulus das Mysterium Christi und der Kirche umreißt. Während der erste Teil, die Kapitel 1-3, eher lehrmäßiger Natur sind, verfügt der zweite, zu dem der von uns eben gehörte Text zählt, über einen eher pastoralen Ton; es sind die Kapitel 4-6. Hier zeigt Paulus die praktischen Konsequenzen der Lehre auf, die er zuvor ausgebreitet hat, und beginnt mit einem starken Appell zur Einheit der Kirche: „Ich, der ich um des Herrn willen im Gefängnis bin, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, dieEinheit des Geisteszu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält“ (Eph 4,1-3).

Der heilige Paulus erklärt daraufhin, dass innerhalb der Einheit der Kirche eine Vielfalt der Gaben existiert, der vielfältigen Gnade Christi entsprechend. Aber diese Vielfalt dient dazu, den einen Leib Christi aufzubauen: „Er gab den einen das Apostelamt, andere setzte er als Propheten ein, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten,für den Aufbau des Leibes Christi“ (vgl. 4,11-12).

Es ist genau um der Einheit seines mystischen Leibes willen, dass Christus dann seinen Heiligen Geist gesandt und gleichzeitig seine Apostel berufen hat, unter denen Petrus als sichtbares Fundament der kirchlichen Einheit hervorsticht.

In unserem Text lehrt uns der heilige Paulus, dass auch wir alle zusammenstehen müssen, um die Einheit der Kirche zu errichten, denn um zu ihr zu gelangen, ist es notwendig, dass „der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt [wird] in jedem Gelenk“ (Eph 4,16). Wir alle sind daher aufgefordert, mit dem Nachfolger Petri, dem sichtbaren Fundament jener Einheit der Kirche, zusammenzuwirken.

3.Die Sendung des Papstes

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, das heutige Evangelium führt uns zurück zum Letzten Abendmahl, als der Herr zu seinen Aposteln sagte: „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 15,12). Der Text knüpft damit auch an die erste Lesung aus dem Propheten Jesaja über das Handeln des Messias an und erinnert uns daran, dass die grundlegende Haltung der Hirten der Kirche die Liebe ist. Es ist jene Liebe, die uns dazu veranlasst, unser eigenes Leben für unsere Mitbrüder zu schenken. So sagt uns in der Tat Jesus: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 15,13)

Die grundlegende Haltung jedes guten Hirten ist es also, sein Leben hinzugeben für die Schafe (vgl. Joh 10,15). Dies gilt vor allem für den Nachfolger Petri, den Hirten der universellen Kirche. Denn je höher und universeller das Amt des Hirten ist, desto größer muss seine Liebe sein. Deshalb sind im Herzen jedes Nachfolgers Petri immer die Worte erklungen, die der Göttliche Meister eines Tages an den einfachen Fischer aus Galiläa gerichtet hat: „Diligis meplus his? Pasce agnos meos … pasce oves meas. Liebst Du michmehr als diese? Weide meine Lämmer… weide meine Schafe“ (vgl. Joh. 21, 15-17).

In der Nachfolge in diesem Liebesdienst an der Kirche und der ganzen Menschheit haben die letzten Päpste viel Gutes getan für die Völker und die Weltgemeinschaft und haben sich unablässig für Gerechtigkeit und Frieden eingesetzt. Beten wir dafür, dass der zukünftige Papst dieses Werk unermüdlich weltweit fortführen möge.

Dieser Liebesdienst gehört im Übrigen zum innersten Wesen der Kirche. Papst Benedikt XVI. hat uns daran erinnert, als er sagte: „Auch der Dienst der Liebe ist ein konstitutives Element der kirchlichen Sendung und unverzichtbarer Ausdruck ihres eigenen Wesens.“ (Apostolisches Schreiben in Form eines Motuproprio „Intima Ecclesiae natura“, 11. November 2012, proemio; vgl. Enzyklika Deus caritas est, 25.)

Es ist eine Sendung der Liebe, die der Kirche eigen ist, insbesondere der römischen Kirche, die, nach dem schönen Wort des Heiligen Ignatius von Antiochien, die Kirche ist, die „der Liebesgemeinschaft vorsteht“; „praesidet caritati“ (vgl. Ad Romanos, praef.; Lumen gentium, 13.)

Liebe Mitbrüder, beten wir, damit der Herr uns einen Oberhirten schenkt, der großmütig diese vornehme Sendung erfüllt. Darum bitten wir durch die Fürsprache der Heiligen Maria, Königin der Apostel, und aller Märtyrer und Heiligen, die im Lauf der Jahrhunderte diese römische Kirche ruhmreich gemacht haben. Amen!