Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der Eröffnung des Priesterjahres

„Unsere Sendung verlangt vollkommene Treue“

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ROM, 23. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Papst Benedikt XVI. am 19. Juni beim Vespergottesdienst zur feierlichen Eröffnung des Priesterjahres im Petersdom gehalten hat.

„Sich ganz von Christus vereinnahmen lassen! Das war die Absicht des ganzen Lebens des heiligen Paulus, auf den wir während des Paulusjahres, das sich nunmehr seinem Ende zuneigt, unsere Aufmerksamkeit gerichtet haben; das war die Absicht des ganzen Dienstes des heiligen Pfarrers von Ars, den wir während des Priesterjahres besonders anrufen werden; das möge auch das Hauptziel eines jeden von uns sein."

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Liebe Brüder und Schwestern!

In der Antiphon zum Magnifikat werden wir gleich singen: „Der Herr hat uns in sein Herz aufgenommen - Suscepit nos Dominus in sinum et cor suum". Im Alten Testament ist 26 Mal vom Herzen Gottes die Rede, das als Organ seines Willens verstanden wird: nach dem Herzen Gottes wird der Mensch beurteilt. Aufgrund der Schmerzen, die Sein Herz wegen der Sünden der Menschen empfindet, schickt Gott die Sintflut, doch dann rührt ihn die Schwäche des Menschen und er verzeiht ihm. Es gibt dann einen alttestamentarischen Abschnitt, in dem das Thema des Herzens Gottes in ganz deutlicher Weise Ausdruck findet: im Kapitel 11 des Buches des Propheten Hosea, wo die ersten Verse die Dimension der Liebe beschreiben, mit der sich der Herr zu Beginn seiner Geschichte an Israel gewandt hat: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten" (V. 1). In Wirklichkeit antwortet Israel mit Gleichgültigkeit und sogar mit Undankbarkeit auf die unermüdliche Liebe Gottes. „Je mehr ich sie rief - ist der Herr gezwungen festzustellen - desto mehr liefen sie von mir weg" (V. 2). Dennoch überlässt Er Israel nie den Händen der Feinde, denn, so bemerkt der Schöpfer des Universums: „Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf" (V. 8).

Das Herz Gottes lodert vor Mitleid! Am heutigen Fest des Heiligsten Herzens Jesu lädt die Kirche uns dazu ein, über dieses Geheimnis nachzudenken, das Geheimnis des Herzens eines Gottes, der Mitleid empfindet und seine ganze Liebe über die Menschheit ausgießt. Eine geheimnisvolle Liebe, die uns in den Texten des Neuen Testaments als unermessliche Leidenschaft Gottes für den Menschen offenbart wird. Er gibt weder angesichts der Gleichgültigkeit noch angesichts der Ablehnung des Volkes auf, das er sich erwählt hat; vielmehr sendet er aus unendlicher Barmherzigkeit seinen eingeborenen Sohn in die Welt, damit er das Schicksal der zerstörten Liebe auf sich nehme; damit er durch den Sieg über die Macht des Bösen und des Todes den Menschen, die zu Sklaven der Sünde geworden sind, die Würde der Kindschaft wiedergeben könne. All dies hat einen hohen Preis: der eingeborene Sohn des Vaters opfert sich am Kreuz: „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung" (Joh 13, 1). Zeichen dieser Liebe, die über den Tod hinausgeht, ist seine von einer Lanze durchbohrte Seite. Dazu berichtet der Apostel Johannes als Augenzeuge: „Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus" (Joh 19, 34).

Liebe Brüder und Schwestern, danke, dass Ihr in Erwiderung auf meine Einladung zahlreich zu dieser Feier gekommen seid, mit der wir das Priesterjahr beginnen. Ich grüße die Kardinäle und die Bischöfe, vor allem den Kardinalpräfekten und den Sekretär der Kongregation für den Klerus mit ihren Mitarbeitern, sowie den Bischof von Ars. Ich grüße die Priester und Seminaristen der verschiedenen Seminare und Kollegien Roms, die Ordensmänner und Ordensfrauen sowie alle Gläubigen. Einen besonderen Gruß richte ich an Seine Seligkeit Ignace Youssef Younan, den Patriarchen von Antiochien der Syrer, der nach Rom gekommen ist, um mit mir zusammenzutreffen und öffentlich die „ecclesiastica communio" zum Ausdruck zu bringen, die ich ihm gewährt habe.

Liebe Brüder und Schwestern, halten wir gemeinsam inne, um das durchbohrte Herz des Gekreuzigten zu betrachten. Wir haben es gerade in der kurzen Lesung aus dem Brief des heiligen Paulus an die Epheser noch einmal gehört: „Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. ... Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben" (Eph 2, 4-6). Im Herzen Jesu kommt der wesentliche Kern des Christentums zum Ausdruck; in Christus ist uns die ganze revolutionäre Neuheit des Evangeliums offenbart und geschenkt worden: die Liebe, die uns erlöst und uns bereits in der Ewigkeit Gottes leben lässt. Der Evangelist Johannes schreibt: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat" (3, 16). Sein göttliches Herz ruft also unser Herz; es lädt uns dazu ein, aus uns selbst hinauszugehen, unsere menschlichen Sicherheiten aufzugeben, um uns Ihm anzuvertrauen und uns selbst, seinem Beispiel folgend, in vorbehaltloser Liebe zu verschenken.

Wenn sich auch die Einladung Jesu „in seiner Liebe zu bleiben" (vgl. Joh 15, 9) an jeden Getauften richtet, so erklingt diese Einladung am Fest des Heiligsten Herzens Jesu, dem Tag der Heiligung der Priester, mit größerer Kraft für uns Priester, vor allem heute Abend, dem feierlichen Beginn des Priesterjahres, das ich aus Anlass des einhundertfünfzigsten Todestages des Pfarrers von Ars ausgerufen habe. Mir kommt gleich eine schöne und ergreifende Aussage von ihm in den Sinn, die im Katechismus der Katholischen Kirche wiedergegeben wird: „Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu" (Nr. 1589). Wie sollte man sich nicht voller Bewegung in Erinnerung rufen, dass unmittelbar aus diesem Herzen das Geschenk unseres priesterlichen Dienstes hervorgegangen ist? Wie könnte man vergessen, dass wir Priester geweiht sind, um demütig und glaubwürdig dem allgemeinen Priesteramt der Gläubigen zu dienen? Unsere Sendung ist unerlässlich für die Kirche und für die Welt, und verlangt vollkommene Treue zu Christus sowie die unablässige Verbindung zu Ihm; sie erfordert also, dass wir, so wie der heilige Johannes Maria Vianney, beständig nach Heiligkeit streben. In dem Brief, den ich aus Anlass dieses besonderen Jubeljahres an Euch, liebe Brüder im Priesteramt, gerichtet habe, wollte ich unter Verweis auf das Beispiel und die Lehre des heiligen Pfarrers von Ars, des Vorbilds und Schutzpatrons aller Priester und vor allem der Gemeindepfarrer, einige charakteristische Aspekte unseres Amtes herausstellen. Möge mein Schreiben Euch eine Hilfe und eine Ermutigung sein, dieses Jahr zu einer guten Gelegenheit werden zu lassen, um in der Vertrautheit zu Jesus zu wachsen, der auf uns, seine Diener, zählt, um sein Reich zu verbreiten und zu festigen. Daher habe ich meinen Brief mit den Worten beendet: „Nach dem Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars lasst euch von ihm vereinnahmen, dann seid in der Welt von heute auch ihr Boten der Hoffnung, der Versöhnung und des Friedens."

Sich ganz von Christus vereinnahmen lassen! Das war die Absicht des ganzen Lebens des heiligen Paulus, auf den wir während des Paulusjahres, das sich nunmehr seinem Ende zuneigt, unsere Aufmerksamkeit gerichtet haben; das war die Absicht des ganzen Dienstes des heiligen Pfarrers von Ars, den wir während des Priesterjahres besonders anrufen werden; das möge auch das Hauptziel eines jeden von uns sein. Um Diener des Evangeliums zu sein, ist das Studium mit einer sorgfältigen und permanenten pastoralen Ausbildung gewiss nützlich, doch noch notwendiger ist jene „Wissenschaft der Liebe", die sich nur „von Herz zu Herz" mit Christus erfahren lässt. Ist Er es doch, der uns ruft, um das Brot seiner Liebe zu brechen, um die Sünden zu vergeben und um die Herde in seinem Namen zu führen. Gerade deswegen dürfen wir uns niemals von der Quelle der Liebe entfernen, von Seinem am Kreuz durchbohrten Herzen.

Nur so werden wir in der Lage sein, wirksam am geheimnisvollen „Plan des Vaters" mitzuwirken, der darin besteht, „Christus zum Herzen der Welt zu machen"! Ein Plan der sich in der Geschichte verwirklicht, indem Christus allmählich das „Herz" der menschlichen Herzen wird, angefangen bei denen, die dazu berufen sind, ihm näher zu stehen: den Priestern. An diese ständige Verpflichtung erinnern uns unsere „priesterlichen Versprechen", die wir am Tag unserer Weihe abgelegt haben und die wir jedes Jahr in der Chrisammesse am Gründonnerstag erneuern. Sogar unsere Mängel, unsere Grenzen und unsere Schwachheiten müssen uns zum Herzen Jesu zurückführen. Wenn die Sünder, indem sie Ihn betrachten, von Ihm den notwendigen „Schmerz über die Sünde" lernen müssen, der sie zum Vater zurückführt, so gilt dies um so mehr für die Priester. Wie könnte man in dieser Hinsicht vergessen, dass nichts den Leib Christi, die Kirche, so sehr leiden lässt, wie die Sünden ihrer Hirten, vor allem derjenigen, die sich in „Schafsdiebe" verwandeln (vgl. Joh 10, 1ff.), entweder weil sie diese mit ihrer privaten Lehre vom Weg abbringen, oder weil sie sie mit Schlingen der Sünde und des Todes einengen? Auch für uns, liebe Priester, gilt der Ruf zur Umkehr und zur Anrufung der göttlichen Barmherzigkeit, und gleichermaßen müssen wir eindringlich und unablässig voller Demut die Bitte an das Herz Jesu richten, uns vor der schrecklichen Gefahr zu bewahren, denjenigen zu schaden, zu deren Rettung wir verpflichtet sind.

Gerade habe ich in der Chorkapelle die Reliquie des heiligen Pfarrers von Ars verehren können: sein Herz. Ein Herz, das von göttlicher Liebe entzündet war, das vom Gedanken an die Würde des Priesters ergriffen war und mit bewegenden und erhabenen Tönen zu den Gläubigen sprach und sagte: „Nach Gott ist der Priester alles! ... Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen" (Schreiben zum Beginn des Priesterjahres).

Wir wollen, liebe Brüder, dieselbe Ergriffenheit pflegen, sowohl um unser Amt mit Großherzigkeit und Hingabe auszuüben, als auch um in der Seele eine wirkliche „Gottesfurcht" zu bewahren: die Furcht, die uns anvertrauten Seelen durch unsere Nachlässigkeit oder unsere Schuld um so viel Gutes zu bringen oder ihnen - Gott bewahre! - Schaden zuzufügen. Die Kirche bedarf heiliger Priester; Amtsträger, die den Gläubigen helfen, die barmherzige Liebe des Herrn zu erfahren und überzeugtes Zeugnis von ihr ablegen. In der eucharistischen Anbetung, die der Vesperfeier folgen wird, werden wir den Herrn bitten, das Herz jedes Priesters mit jener „pastoralen Liebe" zu entzünden, die sein persönliches „Ich" dem des Priesters Jesus anzugleichen vermag, so dass sie Ihm in der vollkommenen Selbsthingabe nachfolgen können. Möge die Jungfrau Maria, deren Unbeflecktes Herz wir morgen mit lebendigem Glauben betrachten werden, uns diese Gnade erwirken. Sie hat der heilige Pfarrer von Ars mit kindlicher Ergebenheit verehrt, so dass er bereits im Jahr 1836, vor der Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis, seine Pfarrei der, „ohne Sünde empfangenen" Maria geweiht hatte. Er behielt die Gewohnheit bei, die Pfarrei häufig der Heiligen Jungfrau anzuempfehlen und lehrte die Gläubigen, sie bräuchten sich „nur an sie zu wenden, um erhört zu werden", aus dem einfachen Grund, dass „sie uns vor allem glücklich sehen will". Möge die Heilige Jungfrau, unsere Mutter, uns durch das Priesterjahr begleiten, das wir heute beginnen, damit wir sichere und erleuchtete Führer für die Gläubigen sein können, die der Herr unserer pastoralen Sorge anvertraut. Amen!

[Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller; © Die Tagespost vom 16.6.2009]