Predigt von Papst Benedikt XVI. beim 25. Nationalen Eucharistischen Kongress

Ohne Gott gibt man dem Menschen Steine statt Brot

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ANCONA, 12. September 2011 (ZENIT.org). – Die Eucharistie muss Zentrum christlichen Lebens sein, sie ist Quelle und Ursprung allen christlichen Wirkens: so Papst Benedikt bei der Abschlussmesse des XXV. Nationalen Eucharistischen Kongresses  mit ca. 100.000 Teilnehmern  im Hafen von Ancona.

Wir dokumentieren den Wortlaut der Predigt in einer eigenen deutschen Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Vor sechs Jahren führte mich die erste Apostolische Reise meines Pontifikats nach Bari zum vierundzwanzigsten Nationalen Eucharistischen Kongress. Heute bin ich gekommen, um den fünfundzwanzigsten hier in Ancona feierlich zu beenden. Ich danke dem Herrn für diese intensiven Augenblicke des kirchlichen Lebens, die unsere Liebe zur Eucharistie stärken und uns um die Eucharistie vereint sehen. Bari und Ancona, zwei Städte mit Blick auf das Adriatische Meer; zwei Städte, reich an Geschichte und christlichem Leben; zwei Städte, offen zum Osten hin, zu seiner Kultur und zu seiner Spiritualität; zwei Städte, die dazu beigetragen haben, die Themen des Eucharistischen Kongresses nahe zu bringen: In Bari gedachten wir des Themas „Ohne den Sonntag können wir nicht leben“. Unser heutiges Treffen findet statt im Zeichen des Themas „Die Eucharistie für das tägliche Leben“.

Bevor ich euch einige Überlegungen anbiete, möchte ich euch für diese eure zahlreiche Beteiligung danken: In euch umarme ich in geistlicher Weise die ganze Kirche Italiens. Einen besonderen Dank richte ich an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, für seine herzlichen Worte, die er auch im Namen von euch allen an mich gerichtet hat; an meinen Gesandten auf diesem Kongress, Kardinal Giovanni Battista Re; an den Erzbischof von Ancona-Osimo, Msgr. Edoardo Menichelli; an die Bischöfe der Metropole, der Marken und an diejenigen, die aus allen Teilen des Landes zusammen gekommen sind. Zusammen mit ihnen begrüße ich die Priester, die Diakone, die Ordensmänner und –frauen, die gläubigen Laien, unter denen ich viele Familien und Jugendlichen sehe. Mein Dank gilt auch den Zivil- und Militärbehörden und allen, die in vielfältiger Weise zum Gelingen dieses Ereignisses beigetragen haben.

„Diese Rede ist hart! Wer kann sie hören?“ (Joh 6,60). Die Reaktion der Jünger, von denen viele Jesus verlassen, auf seine Rede über das Brot des Lebens in der Synagoge von Kaphanaum ist nicht weit entfernt von unseren Widerständen gegen die totale Selbsthingabe Jesu. Denn dieses Geschenk anzunehmen, bedeutet, sich selbst zu verlieren, sich hineinziehen und umgestalten zu lassen, bis dahin, dass wir von ihm leben, wie uns der Apostel Paulus in der zweiten Lesung erinnert: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn“ (Röm 14,8).

„Diese Rede ist hart!“. Sie ist hart, weil wir oftmals Freiheit mit dem Fehlen von Bindungen verwechseln und mit der Überzeugung, allein handeln zu können, ohne Gott, der als Begrenzung der Freiheit angesehen wird. Das ist eine Illusion, die sich bald in Enttäuschung verwandelt, Unruhe und Ängste erzeugt und paradoxerweise dazu führt, den Ketten der Vergangenheit  nachzutrauern. „Wären wir doch in Ägypten durch die Hand des Herrn gestorben...“ – sagten die Juden in der Wüste (Ex 16,3), wie wir gehört haben. In Wirklichkeit werden wir nur durch die Offenheit für Gott, durch die Annahme seines Geschenkes wahrhaft frei; frei von der Knechtschaft der Sünde, die das Antlitz des Menschen verunstaltet, und fähig, dem wahren Wohl der Brüder zu dienen.

„Diese Rede ist hart!“. Sie ist hart, weil der Mensch oftmals der Illusion verfällt, „Steine in Brot verwandeln“ zu können. Nachdem man Gott beiseite gestellt oder ihn als eine private Entscheidung geduldet hat, die sich nicht mit dem öffentlichen Leben überschneiden darf, haben gewisse Ideologien darauf gesetzt, die Gesellschaft kraft der Macht und der Wirtschaft zu gestalten. Die Geschichte zeigt uns auf dramatische Weise, wie das Ziel, Entwicklung, materielles Wohlergehen und Frieden für alle zu sichern, indem man von Gott und seiner Offenbarung absieht, dazu geführt hat, den Menschen Steine anstelle von Brot zu geben. Das Brot, liebe Brüder und Schwestern, ist „die Frucht der menschlichen Arbeit“. In dieser Wahrheit ist die ganze Verantwortung enthalten, die unseren Händen und unserem Einfallsreichtum anvertraut ist. Aber das Brot ist auch und sogar zuerst „die Frucht der Erde“, die von oben Sonne und Regen empfängt. Es ist ein zu erbittendes Geschenk, das uns allen Hochmut nimmt und uns mit demütigem Vertrauen flehen lässt: „Vater ..., unser tägliches Brot gib uns heute“ (Mt 6,11).

Der Mensch vermag nicht sich selbst das Leben zu geben. Er versteht sich nur von Gott her: Es ist die Beziehung zu ihm, die unserem Menschsein Bestand gibt und unser Leben gut und gerecht macht. Im „Vater-unser“ bitten wir, dass „sein“ Name geheiligt werde, dass „sein“ Reich komme und dass „sein“ Wille geschehe. Es ist vor allem der Vorrang Gottes, den wir in unserer Welt und in unserem Leben zurückgewinnen müssen, weil dieser Vorrang uns gestattet, die Wahrheit dessen, was wir sind, wiederzufinden. Und in der Anerkennung und im Befolgen des Willens Gottes finden wir unser wahres Wohl. Gott Zeit und Raum zu geben, damit er der lebendige Mittelpunkt unserer Existenz ist.

Von wo sollen wir, gleichsam als Quelle, ausgehen, um den Vorrang Gottes wiederzuerlangen und zu bekräftigen? Von der Eucharistie: Hier kommt Gott uns so nahe, dass er unsere Speise wird; hier macht er sich zur Kraft auf dem oft schwierigen Weg; hier wird er zur freundschaftlichen Gegenwart, die verwandelt. Schon das Gesetz, das durch Mose gegeben wurde, wurde als „Brot des Himmels“ angesehen, dank dessen Israel zum Volk Gottes wurde; aber in Jesus wird das letzte und endgültige Wort Gottes Fleisch und kommt uns als Person entgegen. Er, das ewige Wort, ist das wahre Manna; er ist das Brot des Lebens (vgl. Joh 6,32-35). Die Werke Gottes zu tun, bedeutet, an ihn zu glauben (vgl. Joh 6,28-29). Beim Letzten Abendmahl fasst Jesus sein ganzes Leben in einer Geste zusammen, die sich in den großen österlichen Lobpreis Gottes einschreibt; die Geste, dass er sein Sohn-Sein als Danksagung an den Vater für seine unermessliche Liebe lebt. Jesus bricht das Brot und teilt es aus, aber mit einer neuen Tiefe, weil er sich selbst gibt. Er nimmt den Kelch und reicht ihn weiter, damit alle daraus trinken können; aber mit dieser Geste schenkt er den „Neuen Bund in seinem Blut“; er gibt sich selbst. Jesus nimmt den Akt der höchsten Liebe in Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters vorweg: das Kreuzesopfer. Das Leben wird ihm am Kreuz genommen werden, aber schon jetzt opfert er es von sich aus. So bleibt der Tod Jesu nicht beschränkt auf eine gewaltsame Hinrichtung, sondern wird von ihm verwandelt in einen freien Akt der Liebe und Selbsthingabe, der siegreich den Tod durchläuft und das Gutsein der Schöpfung bestätigt, die aus den Händen Gottes hervorgegangen ist, durch die Sünde erniedrigt und schließlich erlöst wurde. Dieses unermessliche Geschenk wird uns im Sakrament der Eucharistie zugänglich: Gott schenkt sich uns, um unsere Existenz auf ihn hin zu öffnen, um sie in das Geheimnis der Kreuzesliebe hineinzuziehen, um sie am ewigen Geheimnis teilhaben zu lassen, aus dem wir kommen, und um den neuen Zustand eines erfüllten Lebens in Gott vorwegzunehmen, in dessen Erwartung wir leben.

Aber was bedeutet dieses Ausgehen von der Eucharistie für das tägliche Leben, um den Vorrang Gottes zu bekräftigen? Die eucharistische Gemeinschaft, liebe Freunde, entreißt uns unserem Individualismus; sie teilt uns den Geist des gekreuzigten und auferstandenen Christus mit; sie macht uns ihm gleichförmig. Sie vereinigt uns innig mit den Brüdern in jenem Geheimnis der Gemeinschaft, das die Kirche ist, in der ein einziges Brot aus den Vielen einen einzigen Leib (1 Kor 10,17) macht. In ihr wird das Gebet der christlichen Urgemeinde verwirklicht, das in der Didaché überliefert ist: „Wie dieses gebrochene Brot zerstreut war auf den Bergen, und zusammengebracht eins geworden ist, so soll deine Kirche zusammengebracht werden von den Enden der Erde in dein Reich“ (IX,4). Die Eucharistie stärkt und verwandelt das ganze tägliche Leben. Wie ich in meiner ersten Enzyklika erinnerte: „In der eucharistischen Gemeinschaft ist das Geliebtwerden und das Weiterlieben enthalten“. Und daher gilt: „Die Eucharistie, die nicht praktisches Liebeshandeln wird, ist in sich selbst fragmentiert“ (Deus caritas est, 14).

Die zweitausendjährige Geschichte der Kirche ist von heiligen Männern und Frauen übersät, deren Leben ein vielsagendes Zeichen dafür ist, wie gerade aus der Gemeinschaft mit dem Herrn, aus der Eucharistie eine neue und intensive Annahme von Verantwortung auf allen Ebenen des gemeinschaftlichen Lebens entsteht, wie daraus folglich eine positive gesellschaftliche Entwicklung hervorgeht, die die Person - besonders die arme, kranke und bedürftige - in den Mittelpunkt stellt. Sich von Christus zu ernähren, ist der Weg, um nicht fremd und gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Brüder zu bleiben und um in dieselbe Logik der Liebe und Hingabe des Kreuzesopfers einzutreten. Wer vor der Eucharistie die Knie zu beugen versteht, wer den Leib des Herrn empfängt, kann gegenüber den menschenunwürdigen Situationen im gewöhnlichen Tagesgeschehen nicht unaufmerksam sein. Er versteht es, sich mit seiner eigenen Person über den Bedürftigen zu beugen, das eigene Brot mit dem Hungrigen zu brechen, das Wasser mit dem Dürstenden zu teilen, den Nackten zu bekleiden, den Kranken und den Gefangenen zu besuchen (vgl. Mt 25,34-36). Er kann in jeder Person denselben Herrn sehen, der nicht gezögert hat, sich selbst für uns und für unser Heil hinzugeben. Eine eucharistische Spiritualität ist daher das wahre Gegenmittel gegen den Individualismus und den Egoismus, die oftmals das tägliche Leben prägen. Sie führt zur Wiederentdeckung der Unentgeltlichkeit und der zentralen Bedeutung der Beziehungen, ausgehend von der Familie, in besonderer Aufmerksamkeit für die Heilung der Wunden der auseinander gebrochenen Familien. Eine eucharistische Spiritualität ist die Seele einer kirchlichen Gemeinschaft, die Trennungen und Gegensätze überwindet und die Verschiedenheit der Charismen und Dienste wertschätzt, indem sie sie in den Dienst der Einheit der Kirche, ihrer Lebendigkeit und ihrer Sendung stellt. Eine eucharistische Spiritualität ist der Weg zur Wiederherstellung der Würde des Menschen in seinem Alltag und damit  bei seiner Arbeit. Sie sucht deren Vereinbarkeit mit den Zeiten für Fest und Familie und bemüht sich, die Unsicherheit eines befristeten Arbeitsverhältnisses und das Problem der Arbeitslosigkeit zu überwinden. Eine eucharistische Spiritualität hilft uns auch, uns den verschiedenen Formen der menschlichen Gebrechlichkeit in dem Bewusstsein zu nähern, dass sie den Wert der Person nicht mindern, sondern Nähe, Annahme und Hilfe verlangen. Aus dem Brot des Lebens wird eine erneuerte, erzieherische Fähigkeit ihre Kraft schöpfen, die darauf achtet, die grundlegenden Werte des Lebens, des Wissens und des spirituellen und kulturellen Erbes zu bezeugen. Seine Lebenskraft lässt uns die Stadt der Menschen mit der Bereitschaft bewohnen, uns im Hinblick auf das Allgemeinwohl für den Aufbau einer gerechteren und brüderlicheren Gesellschaft einzusetzen.

Liebe Freunde, lasst uns aufbrechen aus den Marken kraft der Eucharistie zu einer beständigen Osmose zwischen dem Geheimnis, das wir feiern, und unseren alltäglichen Lebensbereichen. Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in der Eucharistie die angemessene Form findet, um in Fülle gelebt zu werden: Das tägliche Leben soll also der Ort des geistlichen Kultes werden, um in allen Gegebenheiten den Vorrang Gottes zu leben, in der Beziehung zu Christus und als Hingabe an den Vater (Vgl. Sacramentum caritatis, Nachsynodales, Apostolisches Schreiben, Nr. 71). Ja, „der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt“ (Mt 4,4): Wir leben vom Gehorsam gegenüber jenem Wort, das das lebendige Brot ist, bis wir uns wie Petrus mit liebendem Verstand hingeben: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Heilige Gottes bist“ (Joh 6,68-69).

Wie die Jungfrau Maria wollen auch wir ein bereiter „Schoß“ werden, um dem Menschen unserer Zeit Christus anzubieten, indem wir den tiefen Wunsch nach jenem Heil wieder wachrufen, das allein von ihm kommt. Der ganzen Kirche Italiens einen guten Weg mit Christus, dem Brot des Lebens!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals - © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]