Predigt von Papst Benedikt XVI. beim WJT während der Messe mit Seminaristen

„Seminarzeit ist Zeit der inneren Stille und des beständigen Gebets“

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MADRID, 20. August 2011 (ZENIT.org). – Um 10. Uhr feierte Papst Benedikt XVI. in der Kathedrale Santa María La Real de la Almudena in Madrid die Hl. Messe mit den Seminaristen, die aus der ganzen Welt gekommen sind, um am WJT teilzunehmen. Er wurde vom Erzbischof von Madrid, Kardinal Antonio María Rouco Varela, und einem Seminaristen begrüßt.

Wir dokumentieren den Wortlaut seiner Predigt in der offiziellen deutschen Übersetzung.

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Herr Kardinalerzbischof von Madrid!

Verehrte Brüder im Bischofsamt!

Liebe Priester und Ordensleute!

Liebe Rektoren und Ausbilder!

Liebe Seminaristen!

Liebe Freunde alle!

Ich freue mich zutiefst, mit euch allen, die ihr Priester Christi zum Dienst an der Kirche und an den Menschen werden wollt, die heilige Messe zu feiern, und danke für die freundlichen Begrüßungsworte, mit denen ihr mich empfangen habt. Diese ehrwürdige Kathedralkirche Santa María La Real de la Almudena ist heute gleichsam ein riesiger Abendmahlssaal, wo der Herr mit brennendem Verlangen sein Paschamahl mit denen hält, die sich danach sehnen, eines Tages in seinem Namen die Geheimnisse der Erlösung zu feiern. Wenn ich euch sehe, stelle ich neuerlich fest, dass Christus weiterhin junge Jünger beruft, um sie zu seinen Aposteln zu machen, und auf diese Weise die Sendung der Kirche und das Angebot des Evangeliums an die Welt lebendig bleibt. Als Seminaristen seid ihr auf dem Weg zu einem heiligen Ziel: den Auftrag, den Christus vom Vater erhielt, weiterzuführen. Von ihm berufen, seid ihr seiner Stimme gefolgt, und angezogen von seinem liebevollen Blick geht ihr auf das heilige Amt zu. Richtet eure Augen auf ihn, der durch seine Menschwerdung der höchste Offenbarer Gottes und durch seine Auferstehung der getreue Erfüller seiner Verheißung ist. Dankt ihm für dieses Zeichen seiner besonderen Liebe, die er einem jeden von euch entgegenbringt.

Die erste Lesung, die wir gehört haben, zeigt uns Christus als den neuen und endgültigen Priester, der sein Leben ganz aufgeopfert hat. Die Antiphon des Psalms lässt sich vollkommen auf ihn anwenden, der bei seinem Eintritt in die Welt an seinen Vater gewandt sagte: „Ja, ich komme, deinen Willen zu tun" (vgl. Ps 40,8-9). In allem suchte er, dem Vater zu gefallen: in seinem Reden und Tun, im Umherziehen und in der Aufnahme der Sünder. Sein Leben war ein Dienst und sein Sich-Verzehren eine immerwährende Fürsprache, wenn er im Namen aller als Erstgeborener vieler Brüder vor den Vater trat. Er hat – so versichert der Verfasser des Hebräerbriefes – durch diese Hingabe uns, die wir zur Teilhabe an seiner Sohnschaft berufen sind, zur ewigen Vollendung geführt (vgl. Hebr 10,14).

Die Eucharistie, von deren Einsetzung das vorhin verkündete Evangelium spricht (vgl. Lk 22,14-20), ist der tatsächliche Ausdruck dieser bedingungslosen Hingabe Jesu für alle, auch für jene, die ihn verrieten. Hingabe seines Leibes und Blutes für das Leben der Menschen und zur Vergebung ihrer Sünden. Das Blut, Zeichen des Lebens, wurde uns von Gott zum Bund gegeben, damit wir dort, wo wegen unserer Sünde der Tod herrscht, die Kraft des Lebens einsetzen und so die Sünde zerstören können. Der gebrochene Leib und das vergossene Blut Christi, das heißt seine hingegebene Freiheit, wurden durch die eucharistischen Zeichen zur neuen Quelle der erlösten Freiheit der Menschen. In Ihm erhalten wir die Verheißung einer endgültigen Erlösung und die sichere Hoffnung auf die künftigen Güter. Durch Christus wissen wir, dass wir nicht auf dem Weg in den Abgrund, in das Schweigen des Nichts und des Todes sind, sondern Pilger unterwegs zu einem verheißenen Land, zu Ihm, der unser Ziel und auch unser Ursprung ist.

Liebe Freunde, bereitet euch darauf vor, Apostel mit Christus und wie Christus zu sein, um Weggefährten und Diener der Menschen zu sein! Wie können diese Jahre der Vorbereitung gelebt werden? Vor allem sollen es Jahre innerer Stille, beständigen Gebets, ausdauernden Studiums und der schrittweisen Einbindung in die pastoralen Tätigkeiten und Strukturen der Kirche sein. Kirche ist Gemeinschaft und Institution, Familie und Sendung, Schöpfung Christi durch seinen Heiligen Geist und zugleich Ergebnis all derer, die wir sie mit unserer Heiligkeit und mit unseren Sünden gestalten. So hat es Gott gewollt, der keine Bedenken hat, Arme und Sünder zu seinen Freunden und Werkzeugen für die Erlösung des Menschengeschlechts zu machen. Die Heiligkeit der Kirche ist vor allem die objektive Heiligkeit der Person Christi selbst, seines Evangeliums und seiner Sakramente, die Heiligkeit jener Kraft von oben, welche sie beseelt und anspornt. Wir müssen heiligmäßig sein, um nicht einen Widerspruch zu erzeugen zwischen dem Zeichen, das wir sind, und der Wirklichkeit, die wir zum Ausdruck bringen wollen.

Denkt eingehend über dieses Geheimnis der Kirche nach, während ihr die Jahre eurer Ausbildung mit tiefer Freude, mit Lernbereitschaft, in Klarheit und radikaler Treue zum Evangelium sowie in liebevoller Beziehung zur Zeit und zu den Personen, unter denen ihr lebt, verbringt. Keiner wählt den Rahmen noch die Zielpersonen seiner Sendung aus. Jede Zeit hat ihre Probleme, doch Gott gewährt in jeder Zeit die erforderliche Gnade, um sie mit Liebe und Realismus anzunehmen und zu bewältigen. Deshalb muss der Priester in jeder Situation, in der er sich befindet – so schwierig sie auch sein mag –, in jeder Art von guten Werken Frucht bringen, während er dafür in seinem Inneren die Worte des Tages seiner Weihe immer lebendig bewahrt, mit denen er aufgefordert wurde, sein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes des Herrn zu stellen.

Sich unter Christi Geheimnis zu stellen, liebe Seminaristen, schließt ein, dass man sich immer mehr mit demjenigen identifiziert, der für uns zum Diener, Priester und Opfer geworden ist. Ihm gleichförmig zu werden ist in Wirklichkeit die Aufgabe, für welche sich der Priester sein ganzes Leben lang verzehren muss. Wir wissen natürlich, dass sie uns übersteigt und es uns nie gelingen wird, sie vollkommen zu erfüllen, doch, wie der hl. Paulus sagt, streben wir dennoch das Ziel an in der Hoffnung, es zu erreichen (vgl. Phil 3,12-14).

Doch Christus, der Hohepriester, ist auch der Gute Hirt, der sich um seine Schafe kümmert bis zur Hingabe seines Lebens für sie (vgl. Joh 10,11). Um auch darin den Herrn nachzuahmen, wird euer Herz im Seminar dadurch reifen müssen, daß ihr euch dem Meister völlig zur Verfügung stellt. Diese Verfügbarkeit, die Gabe des Heiligen Geistes ist, inspiriert zu der Entscheidung, den Zölibat um des Himmelreiches willen, die Abkehr von den irdischen Gütern, die Anspruchslosigkeit und den aufrichtigen, ungeheuchelten Gehorsam zu leben.

Bittet ihn also darum, dass er euch gewähre, ihn in seiner Liebe zu allen bis zum äußersten nachzuahmen, ohne die Fernstehenden und Sünder abzulehnen, so dass sie sich mit eurer Hilfe bekehren und den richtigen Weg einschlagen. Bittet ihn, dass er euch lehre, den Kranken und den Armen einfach und großherzig ganz nahe zu sein. Stellt euch dieser Herausforderung unvoreingenommen und mit voller Kraft. Sie sei euch vielmehr eine bedeutungsvolle Weise, das menschliche Leben in Selbstlosigkeit und Dienst zu verwirklichen, und zwar als Zeugen des menschgewordenen Gottes, als Botschafter der höchsten Würde des Menschen und folglich seine bedingungslosen Verteidiger. Auf seine Liebe gestützt, lasst euch nicht von einer Umgebung einschüchtern, in der man Gott ausschließen will und in der Macht, Besitz oder Vergnügen oft die Hauptkriterien sind, nach denen sich das Dasein richtet. Es kann sein, dass man euch verachtet, wie es gewöhnlich denen widerfährt, die sich auf höhere Ziele berufen oder die Idole entlarven, vor denen heute viele auf den Knien liegen. Das wird dann der Fall sein, wenn ein Leben, das tief in Christus verwurzelt ist, sich denen, die Gott, die Wahrheit und die Gerechtigkeit echt suchen, wirklich als eine Neuheit offenbart und sie nachdrücklich anzieht.

Ermutigt von euren Ausbildern, öffnet eure Seele dem Licht des Herrn, um zu sehen, ob dieser Weg, der Mut und Glaubwürdigkeit erfordert, euer Weg ist. Und so schreitet nur dann auf dem Weg zum Priestertum voran, wenn ihr fest davon überzeugt seid, dass Gott euch dazu beruft, seine Diener zu sein, und ihr voll dazu entschlossen seid, es im Gehorsam gegenüber den Weisungen der Kirche auszuüben.

In diesem Vertrauen lernt von dem, der sich selber als gütig und von Herzen demütig bezeichnet hat. Dabei macht euch von allen menschlichen Wünschen frei dadurch, dass ihr nicht euch selbst sucht, sondern durch eure Haltung eure Brüder aufbaut, wie es der Schutzpatron des spanischen Weltklerus, der hl. Johannes von Ávila, getan hat. Angeregt von seinem Beispiel, blickt vor allem auf die Jungfrau Maria, die Mutter der Priester. Sie wird nach dem Vorbild Christi, ihres göttlichen Sohnes, eure Seele zu formen wissen und euch lehren, immer die Güter zu hüten, die er auf Golgota für die Rettung der Welt erworben hat. Amen.

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