Predigt von Papst Benedikt XVI. im Marienwallfahrtsort Pompeji

„Ja, die Liebe Gottes hat die Macht, alles zu erneuern, angefangen beim menschlichen Herzen“

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ROM, 11. November 2008 (ZENIT.org) .- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. am 19. Oktober während des Pontfikalhochamts auf dem Vorplatz des Päpstlichen Marienheiligtums in Pompeji gehalten hat.

Die inneritalienische Reise des Papstes am Weltmissionssonntag stand im Zeichen der Verleihung der „Goldenen Rose“ an die Madonna del Rosario (Madonna vom Rosenkranz). Der Bischof von Rom wollte die Jungfrau und Gottesmutter Maria um ihre Fürsprache bitten, damit Gott die Arbeiten der Weltbischofssynode über das Wort Gottes (5. bis 26. OKtober) reichlich segnen würde.

Benedikt XVI. erinnerte die Gläubigen in besonderer Weise an eine sehr wertvolle geistliche „Waffe“ im Kampf gegen das Böse - das Rosenkranzgebet.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Auf den Spuren des Dieners Gottes Johannes Paul II. habe ich heute diese Pilgerreise nach Pompeji unternommen, um gemeinsam mit euch die Jungfrau Maria, Königin des Heiligen Rosenkranzes, zu verehren. Vor allem bin ich gekommen, um der Muttergottes, in deren Schoß das Wort Fleisch geworden ist, die Versammlung der Bischofssynode anzuvertrauen, die zur Zeit im Vatikan über das Thema des Wortes Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche stattfindet. Mein Besuch fällt auch mit dem Weltmissionssonntag zusammen: In Maria betrachten wir diejenige, die das Wort Gottes in sich aufgenommen und es der Welt geschenkt hat, und so werden wir in dieser Messe für alle beten, die in der Kirche ihre Kräfte im Dienst der Verkündigung des Evangeliums an alle Nationen einsetzen. Danke, liebe Brüder und Schwestern, für euren freundlichen Empfang! Ich umarme euch alle mit väterlicher Zuneigung, und ich danke euch für die Gebete, die ihr von hier ohne Unterlaß für den Nachfolger Petri und für die Bedürfnisse der Universalkirche zum Himmel aufsteigen laßt.

Einen herzlichen Gruß richte ich zunächst an Erzbischof Carlo Liberati, Prälat von Pompeji und Päpstlicher Delegat für das Heiligtum. Ich danke ihm für die Worte, durch die er eure Empfindungen zum Ausdruck gebracht hat. Mein Gruß gilt auch den anwesenden zivilen und militärischen Obrigkeiten, insbesondere dem Minister für die Kulturgüter in Vertretung der Regierung, sowie dem Bürgermeister von Pompeji, der mich bei meiner Ankunft im Namen der ganzen Einwohnerschaft sehr herzlich willkommen geheißen hat. Ich grüße die Priester der Prälatur sowie die Ordensmänner und Ordensfrauen, die im Heiligtum ihrem täglichen Dienst nachgehen. Unter ihnen möchte ich die Dominikanerinnen vom Heiligen Rosenkranz von Pompeji und die Schulbrüder erwähnen; ich grüße die freiwilligen Helfer, die verschiedene Dienste leisten, und die eifrigen Apostel der Muttergottes vom Rosenkranz in Pompeji. Und wie könnte man in diesem Augenblick die Leidenden und Kranken vergessen, die alleinstehenden alten Menschen, die Jugendlichen, die in schwierigen Situationen leben, die Häftlinge und all jene, die unter Armut und unter sozialen und wirtschaftlichen Entbehrungen leiden? Alle und jeden Einzelnen möchte ich meiner geistigen Nähe versichern und ihnen meine Liebe bezeugen. Jeden von euch, liebe Gläubige und Bewohner dieses Landstrichs, und auch euch, die ihr über Radio und Fernsehen im Geiste mit dieser Feier verbunden seid – euch alle vertraue ich Maria an, und ich lade euch ein, stets auf ihren mütterlichen Beistand zu vertrauen.

Sie, unsere Mutter und Lehrmeisterin, möge uns jetzt beim Nachdenken über das Wort Gottes leiten, das wir gehört haben. Die Erste Lesung und der Antwortpsalm bringen die Freude des Volkes Israel über das von Gott geschenkte Heil zum Ausdruck. Dieses Heil ist die Befreiung vom Bösen und die Hoffnung auf neues Leben. Die Prophezeiung des Zefanja ist an Israel gerichtet, das »Tochter Zion« und »Tochter Jerusalem« genannt und zur Freude aufgerufen wird: »Juble … jauchze … frohlocke von ganzem Herzen!« (Zef 3,14). Es ist derselbe Aufruf, den der Engel Gabriel an Maria in Nazaret richtet: »Sei gegrüßt, du Begnadete« (Lk 1,28). »Fürchte dich nicht, Zion« (Zef 3,16), sagt der Prophet; »Fürchte dich nicht, Maria« (Lk 1,30), sagt der Engel. Und der Grund für das Vertrauen ist derselbe: »Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt« (Zef 3,17), sagt der Prophet; »der Herr ist mit dir« (Lk 1,28), versichert der Engel der Jungfrau Maria. Auch das Danklied des Jesaja endet so: »Jauchzt und jubelt, ihr Bewohner von Zion; denn groß ist in eurer Mitte der Heilige Israels« (Jes 12,6). Die Gegenwart des Herrn ist ein Quell der Freude, denn dort, wo er ist, ist das Böse besiegt und triumphieren das Leben und der Friede. Ich möchte vor allem die wunderbaren Worte des Zefanja hervorheben, der zu Jerusalem sagt: Der Herr »erneuert seine Liebe zu dir« (3,17). Ja, die Liebe Gottes hat die Macht, alles zu erneuern, angefangen beim menschlichen Herzen, das ihr Meisterwerk ist und wo der Heilige Geist sein verwandelndes Wirken in höchster Form vollbringt. Durch seine Gnade erneuert Gott das Herz des Menschen, indem er ihm seine Sünde vergibt, ihn mit sich versöhnt und ihn nach dem Guten streben läßt. All das wird im Leben der Heiligen offenbar, und hier sehen wir es besonders im apostolischen Werk des sel. Bartolo Longo, dem Gründer des neuen Pompeji. Und so öffnen wir in dieser Stunde auch unser Herz für diese Liebe, die den Menschen und alle Dinge erneuert.

Von ihren Anfängen an hat die christliche Gemeinde in der Personifizierung Israels und Jerusalems durch eine weibliche Gestalt eine bedeutsame und prophetische Parallele zur Jungfrau Maria erblickt. Sie wird als »Tochter Zion« erkannt und als Urbild des Volkes, das beim Herrn »Gnade gefunden hat«. Diese Auslegung finden wir auch im biblischen Bericht über die Hochzeit von Kana (Joh 2,1–11). Der Evangelist Johannes bringt zeichenhaft zum Ausdruck, daß Jesus der Bräutigam Israels ist, des neuen Israel, das wir alle im Glauben sind, der Bräutigam, der gekommen ist, um die Gnade des Neuen Bundes zu bringen, die durch den »guten Wein« symbolisiert wird. Gleichzeitig hebt das Evangelium auch die Rolle Marias hervor. Sie wird am Anfang als »Mutter Jesu« bezeichnet, aber später nennt sie der Sohn selbst »Frau« – und das hat eine sehr tiefe Bedeutung: Es heißt nämlich, daß Jesus zu unserem Erstaunen der Verwandtschaft das geistliche Band voranstellt, demzufolge Maria die geliebte Braut des Herrn verkörpert, also das Volk, das er auserwählt hat, um seinen Segen über die ganze Menschheitsfamilie kommen zu lassen. Das Zeichen des Weines, gemeinsam mit dem des Festmahls, nimmt das Thema der Freude und des Festes wieder auf. Darüber hinaus spielt der Wein, ebenso wie die anderen biblischen Bilder vom Weinberg und vom Weinstock, sinnbildlich auf die Liebe Gottes an: Gott ist der Winzer, Israel ist der Weinberg, ein Weinberg, der seine vollkommene Verwirklichung in Christus finden wird, dessen Reben wir sind; und der Wein ist die Frucht, also die Liebe, denn eben die Liebe erwartet Gott von seinen Kindern. Und beten wir zum Herrn, der Bartolo Longo die Gnade geschenkt hat, die Liebe an diesen Ort zu tragen, daß auch unser Leben und unser Herz diese Frucht der Liebe hervorbringen und so die Erde erneuern mögen.

Zur Liebe ermahnt uns auch der Apostel Paulus in der Zweiten Lesung, die dem Brief an die Römer entnommen ist. In diesem Abschnitt finden wir das Lebensprogramm einer christlichen Gemeinde abgesteckt, deren Glieder durch die Liebe erneuert wurden und die sich bemühen, sich ständig wieder zu erneuern, um stets zu prüfen und zu erkennen, was der Wille Gottes ist, und sich nicht an diese Welt anzugleichen (vgl. 12,1–2). Das neue Pompeji ist, wenn auch mit den Grenzen jeder menschlichen Wirklichkeit, ein Beispiel für diese neue Zivilisation, die sich unter dem mütterlichen Blick Marias gebildet und entwickelt hat. Und das Merkmal der christlichen Zivilisation ist die Liebe: die Liebe Gottes, die zur Nächstenliebe wird. Wenn nun der hl. Paulus an die Christen von Rom schreibt: »Laßt nicht nach in eurem Eifer, laßt euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn« (12,11), dann gehen unsere Gedanken zu Bartolo Longo und zu den vielen Werken der Liebe, die er für die ärmsten und bedürftigsten unserer Brüder ins Leben rief. Angespornt von der Liebe, war er fähig, eine neue Stadt zu planen, die dann um das Marienheiligtum herum entstand, gleichsam als Abglanz seines Lichts des Glaubens und der Hoffnung: eine Hochburg Marias und der Nächstenliebe, die jedoch nicht von der Welt getrennt ist – keine, wie man so schön sagt, »Kathedrale in der Wüste« –, sondern die in dieses Tal und seine Umgebung eingebunden ist, um ihnen Erlösung und Unterstützung zu bringen. Die Geschichte der Kirche ist – Gott sei Dank – reich an Erfahrungen dieser Art, und auch heute finden sich etliche davon in allen Teilen der Erde. Es sind Erfahrungen der Brüderlichkeit, die das Antlitz einer anderen Gesellschaft zeigen, die als Sauerteig in das weltliche Umfeld hineingestellt ist. Die Kraft der Liebe ist unwiderstehlich: Die Liebe ist es, die wirklich die Welt voranbringt!

Wer hätte jemals gedacht, daß hier neben den Überresten des antiken Pompeji ein Marienheiligtum von Weltrang entstehen würde – und so viele soziale Werke, durch die das Evangelium zum konkreten Dienst an Menschen wird, die sich in größter Not befinden? Wo Gott hinkommt, dort blüht die Wüste! Auch der sel. Bartolo Longo legt durch seine persönliche Bekehrung von dieser geistlichen Kraft Zeugnis ab, die den Menschen innerlich verwandelt und ihn fähig macht, große Dinge zu tun, die Gottes Plan entsprechen. Die Geschichte seiner geistlichen Krise und seiner Bekehrung ist heute sehr aktuell. Er hatte sich nämlich während seiner Studienzeit in Neapel unter dem Einfluß immanentistischer und positivistischer Philosophen vom christlichen Glauben entfernt, war zu einem militanten Antiklerikalen geworden und gab sich auch spiritistischen und abergläubischen Praktiken hin. Seine Bekehrung, durch die Entdeckung des wahren Antlitzes Gottes, enthält für uns eine äußerst vielsagende Botschaft, denn leider fehlt es in unseren Tagen nicht an derartigen Tendenzen. Jetzt im Paulusjahr möchte ich hervorheben, daß auch Bartolo Longo, wie der hl. Paulus, vom Verfolger zum Apostel wurde: zum Apostel des christlichen Glaubens, der Marienverehrung und besonders des Rosenkranzes, in dem er eine Synthese des ganzen Evangeliums erblickte.

Diese von ihm neugegründete Stadt ist daher ein geschichtlicher Beleg dafür, wie Gott die Welt verwandelt: Er erfüllt das Herz eines Menschen mit Liebe und macht ihn zu einem »Motor« der religiösen und gesellschaftlichen Erneuerung. Pompeji ist ein Beispiel dafür, wie der Glaube in der Stadt des Menschen wirken kann, indem er Apostel der Nächstenliebe erweckt, die sich in den Dienst der Geringen und Armen stellen und darauf hinwirken, daß auch die Letzten in ihrer Würde geachtet werden und Annahme und Förderung finden. Hier in Pompeji versteht man, daß Gottesliebe und Nächstenliebe untrennbar sind. Hier findet das echte christliche Volk, die Menschen, die täglich dem Leben gegenüberstehen und viele Opfer bringen, die Kraft, im Guten auszuharren, ohne Kompromisse einzugehen. Hier, zu Füßen Marias, finden die Familien erneut die Freude der Liebe, die sie vereint hält, oder festigen sie. Es war daher sehr passend, daß vor genau einem Monat in Vorbereitung auf meinen heutigen Besuch eine besondere »Wallfahrt der Familien für die Familie« unternommen worden ist, um diese grundlegende Keimzelle der Gesellschaft der Muttergottes anzuvertrauen. Die allerseligste Jungfrau möge über jede Familie und das ganze italienische Volk wachen!

Vor allem mögen dieses Heiligtum und diese Stadt auch weiterhin stets einem einzigartigen Geschenk Marias verbunden bleiben: dem Rosenkranzgebet. Wenn wir auf dem berühmten Gemälde der Muttergottes von Pompeji sehen, wie die jungfräuliche Mutter und das Jesuskind der hl. Katharina von Siena und dem hl. Dominikus die Rosenkränze überreichen, dann verstehen wir sofort, daß dieses Gebet uns durch Maria zu Jesus führt, wie uns auch der teure Papst Johannes Paul II. im Apostolischen Schreiben Rosarium Virginis Mariae gelehrt hat, in dem er den sel. Bartolo Longo und das Charisma von Pompeji ausdrücklich erwähnt. Der Rosenkranz ist ein kontemplatives Gebet, das allen zugänglich ist: Großen und Kleinen, Laien und Klerikern, Menschen mit gehobener und anderen mit geringer Bildung. Er ist ein geistliches Band mit Maria, um mit Jesus vereint zu bleiben, um ihm ähnlich zu werden, sich seine Empfindungen zu eigen zu machen und sich so zu verhalten, wie er sich verhalten hat. Der Rosenkranz ist eine geistliche »Waffe« im Kampf gegen das Böse, gegen jede Gewalt, für den Frieden in den Herzen, in den Familien, in der Gesellschaft und in der Welt.

Liebe Brüder und Schwestern, in dieser Eucharistiefeier, der unerschöpflichen Quelle des Lebens und der Hoffnung, der persönlichen und gesellschaftlichen Erneuerung, wollen wir Gott danken, daß er uns in Bartolo Longo einen leuchtenden Zeugen dieser Wahrheit des Evangeliums geschenkt hat. Und wir wollen unser Herz noch einmal Maria zuwenden mit den Worten des Bittgebets, das wir nachher gemeinsam beten werden: »Du bist unsere Mutter, unsere Fürsprecherin, unsere Hoffnung. … O Mutter, hab Erbarmen mit uns … Erbarme Dich aller, du Mutter der Barmherzigkeit«. Amen.

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