Predigt von Papst Benedikt XVI. in der „Stadt der Päpste"

Pastoralbesuch in Viterbo und Bagnoregio

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ROM, 19. September 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Papst Benedikt XVI. am Sonntag, dem 6. September bei der Eucharistiefeier in der mittelitalienischen Stadt Viterbo gehalten hat (vgl. Programm zum Pastoralbesuch). Wenn man sich Christus anvertraue, brauche man sich nicht zu fürchten, wenn sich das Herz in der Wüste des Lebens verliere, bekräftigte Papst Benedikt.

„Die 'Wüste' kann in ihrer symbolhaften Sprache die dramatischen Ereignisse, die schwierigen Situationen und die Einsamkeit ins Gedächtnis rufen, die nicht selten das Leben zeichnet; die tiefste Wüste ist das Herz des Menschen, wenn es die Fähigkeit des Hörens, des Sprechens, der Kommunikation mit Gott und mit den anderen verliert. So erblindet man, weil man unfähig ist, die Wirklichkeit zu sehen; die Ohren schließen sich, um nicht den Schrei dessen zu hören, der um Hilfe fleht; das Herz verhärtet in der Gleichgültigkeit und im Egoismus. Jetzt aber – so kündigt der Prophet an – ist alles dazu bestimmt, sich zu verändern; dieses 'durstige Land' des verschlossenen Herzens wird von neuem göttlichen Leben getränkt. Und wenn der Herr kommt, sagt er den Verzagten eines jeden Zeitalters mit aller Vollmacht: 'Habt Mut, fürchtet euch nicht!'"

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Liebe Brüder und Schwestern!

Warhaft einmalig und beeindruckend ist die Umgebung, in der wir die heilige Messe feiern: Wir befinden uns im »Tal«, das auf das antike, »FAUL« genannte Tor blickt, dessen vier Buchstaben die vier Hügel des antiken Viterbium in Erinnerung rufen, das heißt Fanum-Arbanum- Vetulonia-Longula. Auf der einen Seite ragt eindrucksvoll der Palast empor, einst Residenz der Päpste, der – wie euer Bischof in Erinnerung gerufen hat – im 13. Jahrhundert Schauplatz von fünf Konklaven gewesen ist; um uns herum befinden sich Gebäude und Plätze, die Zeugen der vielfältigen Geschehnisse der Vergangenheit sind und heute das Gefüge des Lebens eurer Stadt und Provinz bilden. In diesem Kontext, der Jahrhunderte ziviler und religiöser Vergangenheit in Erinnerung ruft, findet sich nun eure ganze Diözesangemeinschaft im Geiste vereint mit dem Nachfolger Petri, um von ihm in der Treue zu Christus und zu seinem Evangelium gestärkt zu werden.

An euch alle, liebe Brüder und Schwestern, richte ich voll Zuneigung meinen Dank für die herzliche Aufnahme, die ihr mir vorbehalten habt. An erster Stelle grüße ich euren geliebten Hirten, Bischof Lorenzo Chiarinelli, dem ich für seine Willkommensworte danke. Zudem grüße ich alle weiteren Bischöfe, besonders jene aus Latium, zusammen mit dem Kardinalvikar von Rom, die lieben Diözesanpriester, die Diakone, die Seminaristen, die Ordensmänner und Ordensfrauen, die Jugendlichen und die Kinder. In meine Gedanken schließe ich auch alle Angehörigen der Diözese ein, die in der jüngsten Vergangenheit in Viterbo mit der Abtei von »San Martino al Monte Cimino« den Zusammenschluß der Diözesen Acquapendente, Bagnoregio, Montefiascone und Tuscania erlebt hat. Dieses neue Gefüge ist jetzt künstlerisch auf den »Bronzeportalen « der Kathedrale dargestellt, die ich segnen und bewundern durfte, als ich meinen Besuch auf der Piazza San Lorenzo begonnen habe. Ehrerbietig wende ich mich an die zivilen und militärischen Obrigkeiten, an die Vertreter des Parlaments, der Regierung, der Region und der Provinz, und in besonderer Weise an den Bürgermeister der Stadt, der stellvertretend die herzlichen Empfindungen der Bevölkerung von Viterbo zum Ausdruck gebracht hat. Ich danke den Sicherheitskräften und grüße die zahlreich in dieser Stadt gegenwärtigen Soldaten wie auch all jene, die im Einsatz der Friedensmissionen in der Welt stehen. Ich grüße die freiwilligen Helfer und alle, die ihren Beitrag zur Verwirklichung meines Besuches geleistet haben, und danke ihnen. Einen ganz besonderen Gruß behalte ich den alten und alleinstehenden Menschen, den Kranken, den Häftlingen und allen anderen vor, die nicht an dieser unsere Begegnung des Gebetes und der Freundschaft teilnehmen konnten.

Liebe Brüder und Schwestern, jede liturgische Zusammenkunft ist Ort der Gegenwart Gottes. Zur heiligen Eucharistie versammelt, verkünden die Jünger des Herrn, daß er auferstanden ist, lebt und das Leben schenkt, und sie bezeugen, daß seine Gegenwart Gnade, Aufgabe und Freude ist. Wir wollen unser Herz seinem Wort öffnen und das Geschenk seiner Gegenwart annehmen! In der ersten Lesung des heutigen Sonntags spricht der Prophet Jesaja (35,4–7) den »Verzagten« Mut zu und verkündet diese wunderbare Neuheit, die von der Erfahrung bestätigt wird: Wenn der Herr gegenwärtig ist, dann werden die Augen der Blinden sehend, die Ohren der Tauben sind wieder offen, der Lahme »springt« wie ein Hirsch. Alles wird neu geboren und alles lebt neu auf, da wohltuende Quellen die Wüste bewässern. Die »Wüste« kann in ihrer symbolhaften Sprache die dramatischen Ereignisse, die schwierigen Situationen und die Einsamkeit ins Gedächtnis rufen, die nicht selten das Leben zeichnet; die tiefste Wüste ist das Herz des Menschen, wenn es die Fähigkeit des Hörens, des Sprechens, der Kommunikation mit Gott und mit den anderen verliert. So erblindet man, weil man unfähig ist, die Wirklichkeit zu sehen; die Ohren schließen sich, um nicht den Schrei dessen zu hören, der um Hilfe fleht; das Herz verhärtet in der Gleichgültigkeit und im Egoismus. Jetzt aber – so kündigt der Prophet an – ist alles dazu bestimmt, sich zu verändern; dieses »durstige Land« des verschlossenen Herzens wird von neuem göttlichen Leben getränkt. Und wenn der Herr kommt, sagt er den Verzagten eines jeden Zeitalters mit aller Vollmacht: »Habt Mut, fürchtet euch nicht!« (V. 4).

In engem inhaltlichem Zusammenhang steht hierzu die Episode aus dem Evangelium, die der hl. Markus berichtet (7,31–27): Jesus heilt auf heidnischem Gebiet einen Taubstummen. Zuerst empfängt er ihn und nimmt sich seiner mit der Sprache der Gesten an, die unmittelbarer als Worte sind; dann sagt er zu ihm mit einem Wort in aramäischer Sprache: »Effata«, das heißt »öffne dich«, und gab so jenem Mann wieder Gehör und Sprache. Außer sich vor Staunen rief die Menschenmenge aus: »Er hat alles gut gemacht!« (V. 37). Wir können in diesem »Zeichen« den glühenden Wunsch Jesu sehen, im Menschen die vom Egoismus geschaffene Einsamkeit und mangelnde Kommunikation zu überwinden, um einer »neuen Menschheit« ein Antlitz zu verleihen, der Menschheit des Hörens und des Wortes, des Dialogs, der Kommunikation, der Gemeinschaft mit Gott. Eine »gute« Menschheit, so wie die ganze Schöpfung Gottes gut ist; eine Menschheit ohne Diskriminierungen, ohne Ausgrenzungen – wie der Apostel Jakobus in seinem Brief mahnt (2,1–5) –, so daß die Welt wirklich für alle ein »Raum der wahren Brüderlichkeit« ist (Gaudium et spes, 37), in der Offenheit gegenüber der Liebe zum gemeinsamen Vater, der uns erschaffen und zu seinen Söhnen und Töchtern gemacht hat.

Liebe Kirche von Viterbo, Christus, den wir im Evangelium sehen, als er dem Taubstummen die Ohren öffnet und die Zunge von ihrer Fessel befreit, möge dein Herz öffnen und dir immer die Freude des Hörens seines Wortes, die Fähigkeit, mit Gott und mit den Brüdern und Schwestern zu sprechen, und schließlich den Mut zur Entdeckung des Antlitzes Gottes und seiner Schönheit schenken! Aber damit dies geschehen kann – so ruft der hl. Bonaventura von Bagnoregio in Erinnerung, wohin ich mich heute nachmittag begeben werde – muß der Geist »in der Kontemplation über alles hinausgehen, und er muß nicht nur über die sinnliche Welt hinausgehen, sondern auch über sich selbst« (Itinerarium mentis in Deum VII,1). Dies ist der vom Licht des Wortes Gottes erhellte und von den Sakramenten genährte Weg des Heiles, der alle Christen miteinander verbindet.

Von diesem Weg, den auch du, geliebte Kirche, die in diesem Land lebt, beschreiten sollst, möchte ich nun einige geistliche und pastorale Grundlinien aufnehmen. Eine Priorität, die eurem Bischof so sehr am Herzen liegt, ist die Erziehung zum Glauben als Suche, als christliche Initiation, als Leben in Christus. Es handelt sich hierbei um das »Christ werden«, das in jenem »Christus lernen« besteht, das der hl. Paulus mit dem Wort zum Ausdruck bringt: »Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,20). In diese Erfahrung sind die Pfarreien, die Familien und die verschiedenen Vereinigungen miteinbezogen. Die Katecheten und alle Erzieher sind aufgerufen, sich zu engagieren; die Schule ist aufgerufen, ihren Beitrag anzubieten, angefangen bei der Grundschule bis hin zur »Università della Tuscia«, die immer wichtiger und angesehener wird, und insbesondere die katholische Schule mit dem theologisch-philosophischen Institut »San Pietro«. Es gibt immer aktuelle Vorbilder, wahre Pioniere der Erziehung zum Glauben, an denen man sich inspirieren kann. Unter anderen möchte ich die hl. Rosa Venerini (1656–1728) erwähnen – die ich vor nunmehr drei Jahren heiligsprechen konnte –, eine wahre Wegbereiterin der Mädchenschulen in Italien, dies gerade im Jahrhundert der »Aufklärung«; die hl. Lucia Filippini (1672–1732), die mit Hilfe des verehrungswürdigen Kardinals Marco Antonio Barbarigo (1640– 1706) die verdienstvollen »Maestre Pie« gegründet hat. Aus diesen geistlichen Quellen kann man gewinnbringend schöpfen, um mit Klarheit und Entschlossenheit dem heutigen unausweichlichen und vorrangigen »Erziehungsnotstand« zu begegnen, der eine große Herausforderung für jede christliche Gemeinschaft sowie für die ganze Gesellschaft darstellt. Dies ist gewissermaßen ein Prozeß des »Effata«, bei dem die Ohren und Augen geöffnet und die Zunge von ihren Fesseln befreit werden müssen.

Mit der Erziehung muß das Glaubenszeugnis einhergehen. »Der Glaube«, so schreibt der hl. Paulus, »ist in der Liebe wirksam« (Gal 5,6). In dieser Perspektive nimmt das karitative Wirken der Kirche Gestalt an: Ihre Initiativen und Werke sind Zeichen des Glaubens und der Liebe Gottes, der die Liebe ist – wie ich in den Enzykliken Deus caritas est und Caritas in veritate eingehend in Erinnerung gerufen habe. Hier blüht die Präsenz der freiwilligen Helfer auf, deren Tätigkeit immer mehr gefördert werden muß – sowohl auf individueller Ebene wie auch auf der Ebene der Vereinigungen – und die ihren vorwärtsbringenden und erzieherischen Impuls in der caritas findet. Die junge hl. Rosa (1233–1251), Mitpatronin der Diözese, deren Fest gerade in diesen Tagen begangen wird, ist ein glänzendes Beispiel für Glauben und Großherzigkeit gegenüber den Armen. Wie sollte man des weiteren nicht daran erinnern, daß die hl. Giacinta Marescotti (1585– 1640) von ihrem Kloster aus in der Stadt die eucharistische Anbetung förderte und Einrichtungen und Initiativen für die Häftlinge und Ausgegrenzten ins Leben rief? Ebensowenig dürfen wir das franziskanische Zeugnis des heiligen Kapuziners Crispino (1668–1759) vergessen, das nach wie vor wohlverdiente Hilfseinrichtungen inspiriert. Es ist bedeutsam, daß in dieser Atmosphäre eines Eifers, der dem Evangelium entstammt, viele Häuser des geweihten Lebens entstanden sind, sowohl für Männer als auch für Frauen, und insbesondere Klausurklöster, die einen sichtbaren Hinweis auf den Primat Gottes in unserem Dasein bilden und uns in Erinnerung rufen, daß die erste Form der Liebe gerade das Gebet ist. Diesbezüglich ist das Vorbild der seligen Trappistin Gabriella Sagheddu (1914–1939) emblematisch: im Kloster von Vitorchiano, wo sie bestattet ist, wird weiterhin, genährt von beharrlichem Gebet, jener geistliche Ökumenismus vorgeschlagen, den das II. Vatikanische Konzil lebhaft anmahnt (vgl. Unitatis redintegratio, 8). Ich erinnere dann auch an den aus Viterbo stammenden seligen Passionisten Domenico Bàrberi (1792– 1849), der 1845 den später zum Kardinal ernannten John Henry Newman in die katholische Kirche aufnahm, eine Gestalt von hohem intellektuellen Profil und leuchtender Spiritualität.

Schließlich möchte ich eine dritte Linie eures Pastoralplanes anschneiden: die Aufmerksamkeit gegenüber den Zeichen Gottes. In derselben Weise, wie Jesus es an dem Taubstummen getan hat, fährt Gott fort, uns seinen Plan durch »Geschehnisse und Worte« zu offenbaren. Das Hören seines Wortes und die Unterscheidung seiner Zeichen und müssen daher für jeden Christen und jede Gemeinde eine Pflicht sein. Das unmittelbarste Zeichen Gottes ist sicherlich die Aufmerksamkeit gegenüber dem Nächsten, entsprechend dem, was Jesus gesagt hat: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,40). Wie das II. Vatikanische Konzil bekräftigt, ist der Christ darüber hinaus dazu berufen, »vor der Welt Zeuge der Auferstehung und des Lebens Jesu, unseres Herrn, und ein Zeichen des lebendigen Gottes [zu] sein« (Lumen gentium, 38). Dies muß vor allem der Priester sein, den Christus ganz für sich auserwählt hat. Betet in diesem Priester-Jahr mit größerer Innigkeit für die Priester, die Seminaristen und die Berufungen und daß diese ihrer Berufung treu sind! Zeichen des lebendigen Gottes müssen ebenso jede geweihte Person und jeder Getaufte sein.

Liebe Laien, Jugendliche und Familien, fürchtet euch nicht, den Glauben in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, in den vielfältigen Situationen des menschlichen Daseins zu leben und zu bezeugen! Viterbo hat auch in dieser Beziehung angesehene Gestalten hervorgebracht. Bei dieser Gelegenheit ist es eine Pflicht und Freude, des jungen Mario Fani aus Viterbo zu gedenken, des Gründers des »Circolo Santa Rosa«, der zusammen mit Giovanni Acquaderni aus Bologna jenes erste Licht entzündet hatte, das dann zur historischen Erfahrung des Laientums in Italien werden sollte: die Katholische Aktion. Die Zeitalter der Geschichte folgen aufeinander, es ändern sich die sozialen Kontexte, die Berufung der Christen jedoch, das Evangelium in Solidarität mit der Menschheitsfamilie zu leben, ändert sich nicht und gerät nie aus der Mode. Das also ist der Grund des sozialen Engagements, des dem politischen Wirken eigenen Dienstes, der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung.

Liebe Brüder und Schwestern! Wenn sich das Herz in der Wüste des Lebens verliert, so fürchtet euch nicht, vertraut euch Christus an, dem Erstgeborenen der neuen Menschheit: einer Familie aus Geschwistern in der Freiheit und in der Gerechtigkeit, in der Wahrheit und in der Liebe der Kinder Gottes. Zu dieser großen Familie gehören die euch teuren Heiligen: Laurentius, Valentin, Hilarius, Rosa, Lucia, Bonaventura und viele andere. Unsere gemeinsame Mutter ist Maria, die ihr unter dem Namen der »Madonna della Quercia « als Schutzherrin des ganzen Bistums in seiner neuen Gestalt verehrt. Sie mögen euch stets vereint behüten und in jedem den Wunsch nähren, mit Worten und Werken die Gegenwart und die Liebe Christi zu verkünden. Amen.

 

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