Predigt von Papst Benedikt XVI. zu Fronleichnam

Die Eucharistie, „unentbehrliche Nahrung“ für den Weg durch die Wüste der Welt

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ROM, 9. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine „Radio-Vatikan“-Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. zu Fronleichnam 2007 gehalten hat.


„Wie das Manna für das Volk Israels, so ist die Eucharistie für jede christliche Generation die unentbehrliche Nahrung, die uns auf unserem Weg durch die Wüsten der Welt begleitet, die ausgetrocknet ist von ideologischen und wirtschaftlichen Systemen, die das Leben nicht fördern, sondern vielmehr demütigen.“

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Liebe Brüder und Schwestern,

gerade haben wir in der Sequenz gesungen: „Dogma datur christianis; / quod in carnem transit panis, /et vinum in sanguinem. – „Doch wie uns der Glaube kündet, der Gestalten Wesen schwindet, Fleisch und Blut wird Brot und Wein.“

Heute möchten wir unseren Glauben in der Eucharistie abermals bekräftigen, im Mysterium, dass das Herz der Kirche bildet. In dem jüngsten nachsynodalen Schreiben Sacramentum caritatis habe ich daran erinnert, dass das Mysterium die Heilige Eucharistie, das Geschenk der Selbsthingabe Jesu Christi ist, mit dem er uns die unendliche Liebe Gottes zu jedem Menschen offenbart.

Daher ist Fronleichnam ein einzigartiges Fest, und es bildet eine wichtige Gelegenheit des Glaubens und des Lobes für jede christliche Gemeinschaft. Dies Fest hat seine Wurzeln in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext: Es ist geradezu mit dem Ziel entstanden, den Glauben des Volkes Gottes in Jesus Christus offen, lebendig und tatsächlich gegenwärtig im Allerheiligsten Sakrament der Eucharistie zu beteuern.

Es ist ein Fest, das eingeführt wurde, um den Herrn öffentlich anzubeten, zu loben und Ihm zu danken, der uns im eucharistischen Sakrament weiterliebt bis „bis zur Vollendung“, bis zur Hingabe seines Leibes und seines Blutes. (Sacramentum caritatis, 1).

Die eucharistische Feier heute Abend knüpft an das spirituelle Klima des Gründonnerstags an, des Tages also, an dem Christus am Vorabend seiner Passion beim letzten Abendmahl die Allerheiligste Eucharistie einsetzte. Fronleichnam bildet sozusagen die Wiederaufnahme des Mysteriums am Gründonnerstag, quasi im Gehorsam der Einladung Jesu folgend: „Das predigt auf den Dächern“, was er uns im Geheimnis mitgeteilt hat. Die Gabe der Eucharistie, die die Apostel beim letzten Abendmahl vom Herrn empfangen haben, gilt allen, der ganzen Welt.

Aus diesem Grund wird es verkündet und öffentlich ausgestellt, damit jeder dem „Herrn, der vorbeigeht“ begegnen kann, so wie es in den Straßen von Galiläa, Samaria und Judäa geschah; denn jeder, der Ihn empfängt, wird von der Kraft Seiner Liebe geheilt, erneuert und gestärkt.

Das, liebe Freunde, ist das ewige und lebendige Erbe, das Jesus uns im Sakrament seines Leibes und seines Blutes hinterlassen hat. Ein Erbe, das darum bittet, ständig überdacht und neu gelebt wird, bis es - wie Papst Paul VI. es ausdrückte - „seine unerschöpfliche Wirksamkeit jeden Tag unseres irdischen Lebens prägen kann.“ Als ich im nachsynodalen Apostolischen Schreiben den Ausruf des Priesters nach der Konsekration „Geheimnis des Glaubens!“ kommentierte, schrieb ich: „Mit diesen Worten verkündet er das zelebrierte Mysterium und äußert sein Erstaunen gegenüber dieser wesentlichen Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut des Herrn Jesus (Christus); eine geheimnisvolle Wirklichkeit, die alles menschliche Verstehen übersteigt“ (Sacramentum caritatis, 6).

Gerade weil es sich um eine geheimnisvolle Wirklichkeit handelt, die unser „Verstehen“ übersteigt, dürfen wir uns nicht wundern, wenn auch heute viele Menschen Mühe haben, die reale Präsenz Christi in der Eucharistie zu akzeptieren.

Es kann gar nicht anders sein. Es war so bis zu jenem Tag in der Synagoge von Kafarnaum, als Jesus offen verkündete, dass er gekommen ist, um uns mit seinem Blut und seinem Fleisch satt zu machen (Joh 6, 26-58). Seine Sprache erschien „hart“, und viele zogen sich zurück. Es ist also wie jetzt: Die Eucharistie bleibt ein „Zeichen des Widerspruchs“ und das kann auch gar nicht anders sein, denn ein Gott, der selbst Fleisch geworden ist, sich selbst opfert für das Leben in der Welt, stürzt die Weisheit der Menschen in eine Krise.

Aber mit demütigem Vertrauen macht die Kirche den Glauben Petri und den Aposteln und mit ihnen verkündet sie: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“. Erneuern auch wir heute Abend unser Bekenntnis des Glaubens in dem lebendigen Christus, der in der Eucharistie anwesend ist. Ja: „Doch wie uns der Glaube kündet, der Gestalten Wesen schwindet, Fleisch und Blut wird Brot und Wein.“

Die Sequenz hat uns an ihrem Höhepunkt singen lassen: „Ecce panis angelorum, / factus cibus viatoru: / vere panis filiorum“- Seht das Brot, der Engel Speise, / Brot auf unserer Pilgerreise, / das den Hunger wahrhaft stillt“. Die Eucharistie ist die jenen vorbehaltene Speise, die mit der Taufe von der Sklaverei befreit und Kinder wurden; die Speise, die sie auf ihrem langen Weg der Flucht, des Exodus, durch die Wüste der menschlichen Existenz am Leben hält.

Wie das „Manna“ für das Volk Israels, so ist die Eucharistie für jede christliche Generation die unentbehrliche Nahrung, die uns auf unserem Weg durch die Wüsten der Welt begleitet, die ausgetrocknet ist von ideologischen und wirtschaftlichen Systemen, die das Leben nicht fördern, sondern vielmehr demütigen; eine Welt, in der die Logik der Macht und des Besitzes dominiert anstelle des Dienens und der Liebe. Eine Welt, in der nicht selten die Kultur der Gewalt und des Todes dominiert. Doch Christus kommt uns entgegen und spricht uns Sicherheit zu: „Er selbst ist das „Brot des Lebens“. Er hat es im Gesang des Evangeliums wiederholt: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.“

Das Evangelium, verkündet von Lukas, erzählt uns das Wunder von der Vermehrung – von „fünf Broten und zwei Fischen“, mit der Jesus den Hunger der Menge in der Wüste stillte; er schließt mit den Worten: „Und sie aßen und wurden alle satt“. Ich möchte in erster Linie dieses „Alle“ unterstreichen. Genau das ist der Wunsch des Herrn, dass jedes menschliche Geschöpf sich von der Eucharistie nährt, denn die Eucharistie ist für alle. Wenn am Gründonnerstag die enge Verbindung zwischen dem letzten Abendmahl und dem Mysterium des Todes Christi am Kreuz unterstrichen wird, dann wird heute, am Fest Fronleichnam, mit der Prozession und der gemeinschaftlichen Anbetung der Eucharistie die Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, dass Christus sich hingegeben hat für die ganze Menschheit. Sein Weg zwischen Häusern und Straßen unserer Stadt soll für die, die hier leben, ein Gabe der Freude, des Ewigen Lebens des Friedens und der Liebe sein. Im Evangelium begegnet uns ein zweites Element, das ins Auge sticht: Das Wunder, das der Herr vollbrachte, beinhaltet eine explizite Einladung an jeden, seinen eigenen Beitrag zu leisten.

Die fünf Fische und zwei Brote deuten die Richtung unserer Gabe, arm aber notwendig, die er in ein Geschenk der Liebe für alle zu verwandeln vermag. „Christus fährt auch heute fort“ - so schreibe ich in meinen nachsynodalen Ausführungen – „seine Jünger zu ermahnen, sich als erste zu berufen“. Die Eucharistie ist also ein Ruf zur Heiligkeit und ein Geschenk an sie, an die Brüder, denn die Berufung eines jeden von uns ist die, gemeinsam mit Christus „gebrochenes Brot für das Leben der Welt“ zu sein.

Diese Einladung wendet der Erlöser direkt an uns, liebe Brüder und Schwestern aus Rom, die ihr hier auf diesem historischen Platz um die Eucharistie versammelt seid. Ich grüße euch mit Zuneigung! Mein Gruß gilt in erster Linie dem Kardinalvikar und den Weihbischöfen, den verehrten Kardinälen und Bischöfen, aber auch den vielen Priestern und Diakonen, den Ordensfrauen und -Männern und den unzähligen gläubigen Laien. Am Ende der eucharistischen Feier werden wir uns in einer Prozession zusammenfinden, um Jesus Christus stellvertretend für alle Straßen und Viertel durch Rom zu tragen.

Wir lassen ihn sozusagen eintauchen in unser tägliches Leben, denn er geht, wo wir gehen; er lebt, wo wir leben. Wir wissen nämlich genau, wie uns Apostel Paulus in den Briefen an die Korinther erinnert: Denn so oft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr den Tod des Herren verkündigen, bis dass er kommt. Wir gehen auf den Straßen dieser Erde, wissend, ihn an der Seite zu haben; gehalten von der Hoffnung, ihn eines Tages, in der endgültigen Begegnung, mit unverhülltem Antlitz zu sehen.

In der Zwischenzeit hören wir Seine Stimme, die wiederholt, wie wir es im Buch der Offenbarung hören: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Das Fest Fronleichnam möchte das Klopfen des Herrn hörbar machen, trotz der Unempfindlichkeit unseres inneren Gehörs. Jesus klopft an die Tür unseres Herzens und er bittet uns einzutreten – nicht nur für einen Tag, sondern für immer. Nehmen wir ihn mit Freude auf und lassen wir den gemeinschaftlichen Ruf der Liturgie aufsteigen: „Guter Hirte, wahres Brot, oh Jesus, erbarme dich unser. Führe deine Brüder zum Tisch des Himmels / in der Herrlichkeit deiner Heiligen. Amen!

[Von „Radio Vatikan“ veröffentlichte Übersetzung des italienischen Originals]