Predigt von Papst Benedikt XVI. zum Abschluss des italienischen Eucharistischen Kongresses

"An der sonntäglichen Messfeier teilzunehmen und sich vom eucharistischen Brot zu nähren, ist für den Christen ein Bedürfnis"

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BARI, 30. Mai 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Papst Benedikt XVI. am Sonntag bei der Abschlussmesse des 24. Italienischen Eucharistischen Kongresses in Bari gehalten hat. In Italien wurde an diesem Tag das Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi gefeiert.



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"Jerusalem, preise den Herrn, lobsinge, Zion, deinem Gott!" (Antwortpsalm). Die Einladung des Psalmisten, die auch in der Sequenz zum Ausdruck gebracht wird, drückt sehr gut die Bedeutung dieser Eucharistiefeier aus: Wir sind zusammengekommen, um den Herrn zu loben und zu preisen. Das ist der Grund, der die Italienische Kirche hierher zum Eucharistischen Kongress nach Bari geführt hat.

Auch ich wollte mich heute mit euch allen vereinen, um auf besonders ehrfürchtige Weise das Hochfest des Leibes und Blutes Christi zu feiern und auf diese Weise Christus, der im Sakrament seiner Liebe anwesend ist zu ehren und auf diese Weise Christus im Sakrament seiner Liebe die Ehre zu geben und gleichzeitig die Bande der Einheit, die mich mit der Kirche in Italien und mit ihren Hirten verbinden, zu festigen. Auch mein geschätzter Vorgänger, Papst Johannes Paul II., hätte dieses bedeutende kirchliche Ereignis gerne mit euch gefeiert. Wir spüren, dass er uns nahe ist und mit uns Christus, den Guten Hirten, verherrlicht, den er jetzt selbst direkt schauen darf.

Alle, die an dieser feierlichen Liturgie teilnehmen, begrüße ich aus ganzem Herzen. Ich güße Kardinal Camillo Ruini und die hier anwesenden Kardinäle; Erzbischof Francesco Cacucci von Bari-Bitonto, die Bischof aus Apulien und die vielen Bischöfe aus den anderen Teilen Italiens; die Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen sowie alle Laien – besonders jene, die bei der Organisation des Kongresses mitgearbeitet haben. Ich begrüße auch alle offiziellen Vertreter des Staates, die durch ihre Anwesenheit zeigen, dass der Eucharistische Kongress Teil der Geschichte und Kultur des italienischen Volkes ist.

Dieser Eucharistische Kongress, den wir heute beschließen, hat sich darum bemüht, den Sonntag erneut als "wöchentliches Osterfest" darzustellen, als Ausdruck der Identität der christlichen Gemeinschaft und als Mittelpunkt ihres Lebens und ihrer Sendung. Das ausgewählte Motto – "Ohne Sonntag können wir nicht leben" – führt uns zurück ins Jahr 304, als Kaiser Diokletian den Christen unter Todesstrafe verbot, die Heilige Schrift zu besitzen, am Sonntag zur Eucharistiefeier zusammenzukommen und Kultstätten für ihre Versammlungen zu errichten. In Abitene, einem kleinen Dorf im heutigen Tunesien, wurden 49 Christen eines Sonntags während der Eucharistiefeier im Haus des Octavius Felix bei der Übertretung der kaiserlichen Gebote überrascht. Sie wurden festgenommen und nach Karthago gebracht, um von Prokonsul Anulinus verhört zu werden.

Viel sagend war vor allem die Antwort des Emeritus, den der Prokonsul gefragt hatte, warum er den Befehl des Kaisers verletzt habe. Er sagte: "Sine dominico non possumus": Ohne uns am Sonntag zur Feier der Eucharistie zu treffen, können wir nicht leben. Wir hätten dann nicht die Kraft, es mit den täglichen Schwierigkeiten aufzunehmen und nicht zu verzagen. Nach grausamer Folter wurden die 49 Märtyrer von Abitene umgebracht. Mit dem vergossenen Blut haben sie ihren Glauben bezeugt. Sie starben, aber sie haben gesiegt. Heute gedenken wir ihrer in der Herrlichkeit des auferstandenen Christus.

Auch wir Christen des 21. Jahrhunderts müssen über die Erfahrung der Märtyrer von Abitene nachdenken. Auch für uns ist es nicht leicht, als Christen zu leben. Geistlich betrachtet leben wir in einer Welt, die oft von zügellosem Konsumismus, von religiöser Indifferenz und von einem Säkularismus geprägt ist, der jeder Transzendenz gegenüber verschlossenen bleibt. Eine solche Welt kann wie eine Wüste erscheinen, die nicht weniger hart ist als die "große und Furcht erregende Wüste" (Deut 8,15), von der wir in der ersten Lesung aus dem Buch Deuteronomium gehört haben.

Gott eilt dem jüdischen Volk in seiner Not mit der Gabe des Mannas zu Hilfe, um es verstehen zu lassen, "dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von jedem Wort lebt, das aus dem Mund des Herrn hervorgeht" (Deut 8,3). Im heutigen Evangelium erklärt uns Jesus, auf welche Art Brot Gott das Volk seines Neuen Bundes durch die Gabe des Mannas vorbereiten wollte. "Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit" (Joh 6,58). Der Mensch gewordene Sohn Gottes konnte zu Brot werden, um dadurch Nahrung zu werden für sein Volk, das sich auf der Reise ins gelobte Land des Himmels befindet.

Wir brauchen dieses Brot, damit wir mit den Mühen und der Erschöpfung dieser Reise fertig werden können. Der Sonntag – er ist der Tag des Herrn – ist die große Gelegenheit, um von ihm, dem Herrn des Lebens, Kraft zu schöpfen. Das Sonntagsgebot ist also nicht nur eine von außen auferlegte Verpflichtung. An der sonntäglichen Messfeier teilzunehmen und sich vom eucharistischen Brot zu nähren, ist für den Christen ein Bedürfnis, das ihm die nötige Kraft verleiht, um auf dem Weg, der noch vor ihm liegt, weiterzugehen. Es ist eine Reise, die nicht in die Irre führt, denn der Weg, den Gott uns durch sein Gesetz weist, führt in die Richtung, die im Wesen des Menschen selbst eingeschrieben ist. Diesem Weg zu folgen bedeutet für den Menschen, sich selbst zu verwirklichen; ihn zu verlieren heißt, sich selbst zu verlieren.

Der Herr lässt uns auf dieser Reise nicht allein. Er ist bei uns. Er möchte sogar unser Los teilen, indem er uns in sich aufnimmt. Im Gespräch, von dem im Evangelium soeben die Rede gewesen ist, sagt er: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm" (Joh 6,56). Wie sollten wir uns über ein solches Versprechen etwa nicht freuen? Dennoch haben wir gehört, dass die Menschen auf die erste Verkündigung hin zu murren uns zu protestieren begannen, anstatt sich zu freuen: "Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?" (Joh 6,52).

Um ehrlich zu sein, hat diese Haltung im Lauf der Geschichte viele Nachahmer gefunden. Es scheint, dass viele Menschen in ihrem Innersten gar nicht wollen, dass ihnen Gott so nahe und für sie so verfügbar ist und dass er in all ihren Angelegenheiten gegenwärtig ist. Die Menschen möchten einen Gott, der groß ist und, mit einem Wort, eher distanziert. Und deshalb werfen sie Fragen auf, die schließlich beweisen sollen, dass eine solche Nähe tatsächlich unmöglich sei.

Die Worte aber, die Christus gerade bei dieser Gelegenheit gesprochen hat, behalten ihre volle Klarheit: "Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch" (Joh 6,53). Angesichts des mürrischen Protests hätte Jesus auch mit beruhigenden Worten einen Rückzieher machen können. Er hätte sagen können: "Freunde, macht euch keine Sorgen. Ich habe von Fleisch gesprochen, aber es handelt sich nur um ein Symbol. Eigentlich möchte ich doch nur von einer tiefen, gefühlsmäßigen Verbundenheit sprechen."

Aber Jesus hat auf derartige Anreize verzichtet. Standhaft blieb er bei seiner Aussage und nahm sogar das Risiko in Kauf, von seinen eigenen Aposteln verlassen zu werden. Den Inhalt seiner Ansprache wollte er auf keine Weise verändern. "Wollt auch ihr weggehen?" (Joh 6,67), fragte er sie. Und Gott sei Dank gab Petrus daraufhin jene Antwort, die auch wir uns heute, vollkommen ihrer Tragweite bewusst, zu Eigen machen wollen: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh 6,68).

In der Eucharistie ist Christus wirklich unter uns gegenwärtig. Seine Gegenwart ist nicht statisch, sondern dynamisch: Sie vereinigt uns mit ihm, damit wir ihm angeglichen werden. Augustinus verstand das sehr gut. Da er eine platonische Ausbildung genossen hatte, fiel es ihm schwer, die Dimension der "Fleischwerdung" im Christentum anzunehmen. Besonders ablehnend reagierte er in Bezug auf das "eucharistischen Mahl", dass er Gottes unwürdig hielt. Bei gewöhnlichen Mahlzeiten kommt der Mensch zu Kräften, denn er ist es, der Nahrung zu sich nimmt, die dann Teil seiner körperlichen Beschaffenheit wird. Erst später begriff Augustinus, das bei der Eucharistie das genaue Gegenteil passiert: Christus ist der Mittelpunkt, der uns zu sich zieht. Er bewirkt, dass wir aus uns herausgehen, damit er uns mit sich vereint (vgl. Bekenntnisse VII,10,16). So führt er uns in die brüderliche Gemeinschaft ein.

An diesem Punkt kommen wir mit einer weiteren Dimension der Eucharistie in Berührung, auf die ich zum Schluss noch kurz eingehen möchte: Christus, dem wir im Sakrament begegnen, ist hier in Bari genau derselbe wie der in Rom, in Europa, Amerika, Afrika, Asien oder Ozeanien. Es handelt sich um den einen und denselben Christus, wie er überall auf der Welt im eucharistischen Brot gegenwärtig ist. Das heißt, dass wir ihm nur zusammen mit allen anderen begegnen können. Wir können ihn nur empfangen, wenn wir untereinander eins sind.

Ist das nicht genau das, was der Apostel Paulus uns in der eben gehörten Lesung gesagt hat? In seinem Brief an die Korinther schreibt er: "Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben Teil an dem einen Brot." (1 Kor 10,17). Die Konsequenz ist klar: Wir können nicht mit dem Herrn kommunizieren, wenn wir nicht miteinander kommunizieren. Wenn wir vor ihm erscheinen wollen, dann müssen wir aus dem anderen entgegengehen. Um das zu tun, müssen wir die große Lektion der Vergebung lernen. Wir dürfen der zerstörerischen Larve der Abneigung keinen Raum in uns geben, sondern wir müssen unser Herz für die Großherzigkeit öffnen, die darin besteht, den andern zuzuhören, sie zu verstehen, mögliche Entschuldigungen anzunehmen und uns selbst großzügig hinzugeben.

Die Eucharistie ist, und das wollen wir wiederholen, das Sakrament der Einheit. Doch leider sind die Christen gerade in diesem Sakrament der Einheit nicht eins. Noch ein Grund mehr, weshalb wir uns – gestützt durch die Eucharistie – ermutigt fühlen, mit allen Kräften nach der vollen Einheit zu streben, die Christus im Abendmahlssaal sehnsüchtig herbeigewünscht hat. Gerade hier in Bari, jener Stadt, in der die Gebeine des heiligen Nikolaus aufbewahrt werden und wo man zur Begegnung und zum Dialog mit den christlichen Brüder des Ostens zusammen gekommen ist, möchte ich meinen Willen bekräftigen, mit meiner gesamten Kraft für die Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit unter allen Anhängern Christen zu arbeiten, was ich als fundamentale Aufgabe betrachte.

Ich bin mir bewusst, dass gute Absichtserklärungen dafür nicht ausreichen. Erforderlich sind vielmehr konkrete Gesten, die den Geist durchdringen, das Gewissen anrühren und so jeden zu dieser inneren Bekehrung einladen, die die Voraussetzung für jeden Fortschritt auf dem Weg der Ökumene ist (vgl. Ansprache Benedikts XVI. vor Vertretern der christlichen Kirchen und Gemeinschaften und anderer nichtchristlichen Religionen, 25. April 2005). Ich bitte alle, entschlossen den Weg dieser geistigen Ökumene zu gehen, die durch das Gebet die Türen öffnet für den Heiligen Geist. Er allein kann Einheit schaffen.

Liebe Freunde, wir sind von verschiedenen Teilen Italiens nach Bari gekommen, um diesen Eucharistischen Kongress zu feiern: Wir müssen die Freude des christlichen Sonntags wiederentdecken. Voller Stolz müssen wir wiederentdecken, was es für ein Privileg ist, an der Eucharistie teilnehmen zu dürfen. Sie ist das Sakrament der Erneuerung der Welt.

Die Auferstehung Christi vollzog sich am ersten Tag der Woche, der für die Juden der Tag der Erschaffung der Welt war. Genau aus diesem Grund erachtete die Urgemeinde den Sonntag als jenen Tag, an dem die Welt neu beginnt, als den Tag, an dem durch Christi Sieg über den Tod die neue Schöpfung beginnt. Durch die Versammlung um den eucharistischen Tisch nahm die Gemeinde die Gestalt des neuen Gottesvolkes an. Der heilige Ignatius von Antiochien nannte deshalb die Christen diejenigen, "die neue Hoffnung geschöpft" hätten. Und er stellte sie als Menschen hin, die "dem Sonntag entsprechend" leben würden ("iuxta dominicam viventes"). Diese Sicht ließ den Bischof von Antiochien fragen: "Wie können wir ohne ihn leben, den die Propheten erwartet haben?" ("Epistula ad Magnesios" 9,1-2).

"Wie können wir ohne ihn leben?" In diesen Worten des heiligen Ignatius vernehmen wir den Widerhall der Feststellung der Märtyrer von Abitene: "Sine dominico non possumus." Von hier steigt unser Gebet auf: Mögen die Christen von heute sich wieder neu der entscheidenden Bedeutung der Sonntagsfeier bewusst werden, damit wir von der Teilnahme an der Eucharistie den nötigen Schwung bekommen, um der Welt Christus, "unseren Frieden" (Eph 2, 14), zu verkünden. Amen!

[Übersetzung des italienischen, vom Heiligen Stuhl herausgegebenen Originals durch ZENIT]