Predigt von Papst Benedikt XVI. zum Fest Maria Mutter Gottes und dem 45. Weltfriedenstag am 1. Januar 2012

Wie Maria ist die Kirche Mittlerin des Segens Gottes für die Welt

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VATIKANSTADT, 1. Januar 2012 (ZENIT.org). – Am Fest Maria Mutter Gottes und gleichzeitig dem 45. Weltfriedenstag mit dem Thema „Die Jugend zur Gerechtigkeit und Frieden erziehen“ zelebrierte Papst Benedikt heute Morgen unter Konzelebration zahlreicher Kardinäle die hl. Messe in Petersdom.

Wir veröffentlichen die offizielle deutsche Übersetzung seiner Predigt:

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Liebe Brüder und Schwestern!

Am ersten Tag des Jahres lässt die Liturgie in der Kirche auf der ganzen Welt den alten priesterlichen Segen wieder erklingen, den wir in der ersten Lesung gehört haben. „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil" (Num 6,24-26). Durch die Vermittlung von Mose wurde dieser Segen Aaron und seinen Söhnen, das heißt den Priestern des Volkes Israel, von Gott anvertraut. Es ist ein dreifacher Wunsch voller Licht, der von der Wiederholung des Namens Gottes, des Herrn, und vom Bild seines Angesichts ausströmt. In der Tat, um gesegnet zu werden, muss man in der Gegenwart Gottes sein, seinen Namen über sich empfangen und im Strahl des Lichtes bleiben, das von seinem Antlitz ausgeht, an dem Ort, der von seinem Blick, der Gnade und Friede verströmt, erleuchtet wird.

Dies ist die Erfahrung, die auch die Hirten von Bethlehem, die uns im heutigen Evangelium noch einmal begegnen, gemacht haben. Sie haben die Erfahrung gemacht, in der Gegenwart Gottes zu sein, unter seinem Segen zu stehen nicht im Saal eines imposanten Palastes oder im Angesicht eines großen Herrschers, sondern in einem Stall, vor einem „Kind, das in der Krippe lag" (Lk2,16). Gerade von diesem Kind strahlt ein neues Licht aus, das im Dunkel der Nacht leuchtet, wie wir auf vielen Gemälden, die die Geburt Christi darstellen, sehen können. Und von ihm kommt nun der Segen: von seinem Namen – Jesus, das bedeutet: „Gott rettet" – und von seinem menschlichem Angesicht, in dem Gott, der allmächtige Herr des Himmels und der Erde, Fleisch annehmen und seine Herrlichkeit unter dem Schleier unseres Fleisches verbergen wollte, um uns seine Güte vollends zu offenbaren (vgl. Tit 3,4).

Die erste, die mit diesem Segen erfüllt wurde, war die Jungfrau Maria, die Braut des Josef, die Gott im Voraus vom ersten Augenblick ihrer Existenz an dazu erwählt hat, die Mutter seines menschgewordenen Sohnes zu werden. Sie ist die „Gesegnete unter den Frauen" (vgl. Lk 1,42) – wie sie die heilige Elisabeth grüßt. Ihr ganzes Leben ist im Licht des Herrn, im Wirkungsbereich des Namens und des Antlitzes Gottes, der in Christus Mensch geworden ist, der „gesegneten Frucht ihres Leibes". So stellt sie uns das Lukasevangelium vor: ganz darauf ausgerichtet, in ihrem Herzen alles, was ihren Sohn Jesus betrifft, zu bewahren und zu bedenken (vgl. Lk2,19.51). Das Geheimnis ihrer göttlichen Mutterschaft, das wir heute feiern, enthält in überreichem Maße jenes Geschenk der Gnade, das jede menschliche Mutterschaft in sich trägt, so sehr, dass die Fruchtbarkeit des Mutterschoßes immer in Verbindung mit dem Segen Gottes gesehen wurde. Die Mutter Gottes ist die erste Gesegnete, und sie ist es, die den Segen bringt; sie ist die Frau, die Jesus in sich aufgenommen hat und ihn für die ganze Menschheitsfamilie geboren hat. So beten wir in der Liturgie: „Im Glanz unversehrter Jungfräulichkeit hat sie der Welt das ewige Licht geboren, unseren Herrn Jesus Christus" (Marienpräfation I).

Maria ist Mutter und Urbild der Kirche, die in ihrem Glauben das göttliche Wort aufnimmt und sich Gott darbietet als „guter Boden", in dem er sein Geheimnis der Erlösung weiter vollbringen kann. Auch die Kirche hat teil am Geheimnis der göttlichen Mutterschaft mittels der Verkündigung, die in der ganzen Welt den Samen des Evangeliums aussät, und mittels der Sakramente, die den Menschen die Gnade und das göttlichen Leben schenken. Insbesondere im Sakrament der Taufe lebt die Kirche diese Mutterschaft, wenn sie Kinder Gottes hervorbringt aus dem Wasser und dem Heiligen Geist, der in jedem von ihnen „Abba! Vater!" (Gal 4,6) ruft. Wie Maria ist die Kirche Mittlerin des Segens Gottes für die Welt: Sie empfängt den Segen, da sie Jesus aufnimmt, und sie teilt ihn mit, indem sie Jesus bringt. Jesus ist die Barmherzigkeit und der Friede, den sich die Welt aus sich heraus nicht geben kann und den sie immer wie und viel mehr als das Brot braucht.

Liebe Freunde, der Friede in seinem vollen und tieferen Sinn ist die Summe und die Zusammenfassung allen Segens. Deshalb grüßen sich zwei befreundete Menschen, wenn sie sich treffen, und wünschen dabei einander den Frieden. Auch die Kirche ruft am ersten Tag des Jahres in besonderer Weise dieses höchste Gut herab; und sie tut das wie die Jungfrau Maria, indem sie allen Jesus zeigt., Denn „er ist unser Friede (Eph2,14), wie der Apostel Paulus betont, und zugleich ist er selbst der „Weg", über den die Menschen und Völker dieses Ziel, nach dem wir alle streben, erreichen können. Mit diesem tiefen Wunsch im Herzen freue ich mich, euch alle hier zu grüßen und willkommen zu heißen, die ihr heute zum 45. Weltfriedenstag im Petersdom zusammengekommen seid: die Herren Kardinäle; die Botschafter vieler befreundeter Länder, die bei diesem erfreulichen Anlass mehr denn je mit mir und dem Heiligen Stuhl den Willen teilen, die Bemühungen zur Förderung des Friedens in der Welt zu erneuern; den Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, der mit dem Sekretär und den Mitarbeitern in besonderer Weise für dieses Ziel arbeitet; alle anderen anwesenden Bischöfe und Autoritäten; die Vertreter der Vereinigungen und kirchlichen Bewegungen und euch alle, Brüder und Schwestern, besonders jene, die von euch im Bereich der Jugenderziehung arbeiten. Denn ich habe, wie ihr wisst, in meiner diesjährigen Botschaft auf den Aspekt der Erziehung hingewiesen.

„Die Jugend zur Gerechtigkeit und zum Frieden zu erziehen" ist eine Aufgabe, die jede Generation betrifft, und, Gott sei Dank, hat die Menschheitsfamilie nach den Tragödien von zwei großen Weltkriegen gezeigt, dass sie sich dessen immer mehr bewusst ist. Dies bestätigen einerseits internationale Erklärungen und Initiativen, andererseits die Tatsache, dass in den letzen Jahrzehnten bei den Jungendlichen selbst viele und verschiedene Formen des gesellschaftlichen Einsatzes auf diesem Gebiet zu finden sind. Für die kirchliche Gemeinschaft gehört die Erziehung zum Frieden zu der von Christus erhaltenen Sendung und ist integraler Bestandteil der Evangelisation, denn das Evangelium Christi ist auch das Evangelium der Gerechtigkeit und des Friedens. Die Kirche aber hat sich in letzter Zeit zum Sprachrohr einer Forderung gemacht, die alle betrifft, die dem Los der Menschheit gegenüber ein feineres und verantwortungsvolleres Gewissen haben, nämlich der entscheidenden Herausforderung zu entsprechen, die eben in der Erziehung besteht. Warum „Herausforderung"? Zumindest aus zweierlei Gründen: erstens, weil in der gegenwärtigen Zeit, die stark von einer technologischen Mentalität geprägt ist, erziehen und nicht bloß unterrichten zu wollen nicht selbstverständlich ist, sondern eine Entscheidung darstellt; zweitens, weil die relativistische Kultur eine radikale Frage stellt: Hat es noch einen Sinn, zu erziehen?, und dann: Zu welchem Ziel erziehen?

Natürlich können wir jetzt auf diese Kernfragen, die ich bei anderer Gelegenheit zu beantworten versucht habe, nicht eingehen. Ich möchte aber folgendes hervorheben: Angesichts der Schatten, die heute den Horizont der Welt verdunkeln, die Verantwortung zu übernehmen, Jugendliche zur Kenntnis der Wahrheit, der grundlegenden Werte und Tugenden zu erziehen, bedeutet mit Hoffnung in die Zukunft zu blicken. Und zu diesem Einsatz für eine ganzheitliche Bildung gehört auch die Erziehung zu Gerechtigkeit und Frieden. Die Jungen und Mädchen von heute wachsen in einer Welt auf, die sozusagen kleiner geworden ist, in der beständige, wenn auch nicht immer direkte Kontakte zwischen den verschiedenen Kulturen und Traditionen bestehen. Für sie ist es heute mehr denn je unerlässlich, den Wert und den Weg des friedlichen Zusammenlebens, der gegenseitigen Achtung, des Dialogs und des Verstehens zu lernen. Die Jungendlichen sind von ihrer Natur her offen für diese Haltung, doch können gerade die gesellschaftlichen Gegebenheiten, in denen sie aufwachsen, sie dazu bringen, in ihrem Denken und Handeln eine entgegengesetzte, sogar intolerante und gewalttätige Weise anzunehmen. Nur eine solide Gewissensbildung kann sie vor diesen Risiken bewahren und dazu befähigen, immer und allein im Vertrauen auf die Kraft der Wahrheit und des Guten zu kämpfen. Diese Erziehung beginnt in der Familie und setzt sich weiter fort in der Schule und in den anderen charakterbildenden Erfahrungen. Es geht wesentlich darum, den Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden zu helfen, eine Persönlichkeit zu entwickeln, die einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit mit der Achtung vor dem anderen verbindet, mit der Fähigkeit, Konflikten ohne Anmaßung zu begegnen, mit der inneren Kraft, das Gute zu bezeugen, selbst wenn es Opfer kostet, sowie mit der Vergebung und Versöhnung. So können sie Männer und Frauen werden, die wahrhaft friedfertig und Friedensstifter sind.

In dieser Erziehungsarbeit gegenüber den neuen Generationen kommt auch den Religionsgemeinschaften eine besondere Verantwortung zu. Jeder Weg einer echten religiösen Bildung begleitet den Menschen von frühester Kindheit an, damit er lernt, Gott zu erkennen, ihn zu lieben und seinen Willen zu tun. Gott ist die Liebe, er ist gerecht und friedfertig, und wer ihn ehren möchte, muss sich vor allem wie ein Kind verhalten, das dem Beispiel des Vaters folgt. Ein Psalm sagt: „Der Herr vollbringt Taten des Heiles, Recht verschafft er allen Bedrängten. … Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte" (Ps 103,6.8). In Gott wohnen Gerechtigkeit und Friede vollkommen, wie Jesus uns durch das Zeugnis seines Lebens gezeigt hat. In Jesus sind „Liebe und Wahrheit" einander begegnet, haben sich „Gerechtigkeit und Friede" geküsst (Ps 85,11). In diesen Tagen feiert die Kirche das große Geheimnis der Menschwerdung: Die Wahrheit Gottes ist aus der Erde hervorgesprossen, und die Gerechtigkeit hat vom Himmel hernieder geblickt, die Erde hat ihren Ertrag gegeben (Ps 85,12.13). Gott hat in seinem Sohn Jesus zu uns gesprochen. Hören wir, was Gott sagt: „Frieden verkündet der Herr" (Ps 85,9). Jesus ist ein gangbarer Weg, der allen offen steht. Er ist der Weg des Friedens. Heute weist die Jungfrau und Mutter auf ihn hin, sie zeigt uns den Weg: Folgen wir ihm! Und du, heilige Mutter Gottes, begleite uns mit deinem Schutz. Amen.

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