Predigt von Papst Benedikt XVI. zum Fronleichnamsfest (Hochfest des Leibes und Blutes Christi) am 7. Juni 2012 auf dem Kirchplatz der Lateranbasilika

Vernachlässigte Anbetung wiederbeleben

| 3273 klicks

ROM, 8. Juni 2012 (ZENIT.org). – Die Verehrung des Leibes Christi auf den Moment der Eucharistiefeier zu reduzieren sei eine einseitige Interpretation des zweiten Vatikanischen Konzils und eine Fehldeutung der Heiligen Schrift, was dazu führe, die Dimension der Verehrung und Anbetung zu vernachlässigen. Es führe zu einem entsakralisierten Glauben und überlasse das Feld vielfältigen Surrogaten der Konsumgesellschaft, die leicht zu Götzen würden. Gott habe seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, nicht um das Heilige abzuschaffen, sondern auch ihm seine Erfüllung zu schenken. Dies hob Papst Benedikt XVI. bei seiner diesjährigen Predigt zum Hochfest des Leibes und Blutes Christi hervor, wo er eine Wiederbelebung der Sakralität des Glaubens durch die Anbetung forderte.

[Wir dokumentieren den Wortlaut der Predigt in einer Arbeitsübersetzung des italienischen Originals von Radio Vatikan]


***

Heute Abend möchte ich mit euch über zwei miteinander verbundene Aspekte des eucharistischen Geheimnisses meditieren: Der eucharistische Verehrung und seine Sakralität. Es ist wichtig, diese beiden Aspekte zu überdenken, um sie vor einem unvollständigen Verständnis des eigentlichen Mysteriums zu bewahren, so wie es in letzter Zeit beobachtet werden konnte.

Zunächst eine Reflexion über den Wert der eucharistischen Verehrung, besonders der Anbetung des Allerheiligsten Altarsakraments. Wir werden sie auch an diesem Abend wieder erleben nach der Messe und bei der Prozession, vor ihrem Beginn, bei ihrem Vollzug und an ihrem Ende. Eine einseitige Interpretation des II. Vatikanischen Konzils hat die Dimension der Verehrung vernachlässigt und die Eucharistie praktisch auf den eigentlichen Vollzug in der Feier reduziert. Tatsächlich ist es sehr wichtig gewesen, die Zentralität des Vollzugs der Feier anzuerkennen, in der der Herr sein Volk ruft und es um den zweifachen Tisch des Wortes und des Brot des Lebens versammelt, es nährt und mit sich vereint in der Opfergabe. Diese Wertschätzung der liturgischen Feiergemeinschaft, in der der Herr wirkt und sein Geheimnis der Gemeinschaft verwirklicht, bleibt natürlich gültig, aber sie muss wieder in das rechte Gleichgewicht gerückt werden. Denn um einen Aspekt zu betonen wird – wie so oft – ein anderer aufgegeben. In diesem Fall ist die Betonung des Feiervollzugs der Eucharistie auf Kosten der Anbetung gegangen, die ein Akt des Glaubens ist und ein Akt des Gebets zum Herrn Jesus, der wirklich gegenwärtig ist im Sakrament des Altars. Dieses Ungleichgewicht hat auch Rückwirkungen auf das geistliche Leben der Gläubigen. Indem die ganze Beziehung mit dem eucharistischen Jesus allein auf den Augenblick der Heiligen Messe konzentriert wurde, riskiert man die restliche Zeit und die existenziellen Räume seiner Gegenwart zu entleeren. Und so nimmt man weniger die ständige Gegenwart Jesu mitten unter uns und mit uns wahr, eine konkrete, nahe Präsenz, in unsern Häusern, als „pulsierendes Herz“ der Stadt, des Landes, der Region mit ihren verschiedenen Vollzügen und Aktivitäten. Das Sakrament der Liebe Christi muss unser ganzes Leben durchdringen.

In Wirklichkeit ist es falsch, die Feier und die Anbetung als Gegensätze anzusehen als würden beide in Konkurrenz zueinander stehen. Es ist genau andersherum: Die Verehrung des Allerheiligsten Sakraments schafft gleichsam das geistliche „Ambiente“ in dem eine Gemeinde gut und in wahrhaftiger Weise die Eucharistie feiern kann. Nur wenn ihr diese innere Haltung des Gebets und der Anbetung vorangeht, sie begleitet und ihr folgt, kann die liturgische Handlung ihren vollen Sinn und Wert ausdrücken. Die Begegnung mit Jesus in der Heiligen Messe vollzieht sich wahrhaftig und in vollständiger Weise, wenn die Gemeinschaft erkennt, dass Er im Sakrament gegenwärtig ist in seinem Haus, dass er uns erwartet, dass er uns an seinen Tisch einlädt und – wenn die Versammlung sich aufgelöst hat – Er bei uns bleibt mit seiner diskreten und stillen Präsenz und uns begleitet durch seine Fürsprache und auch weiterhin unsere geistlichen Opfer sammelt, um sie dem Vater darzubringen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Erfahrung hinweisen, die wir auch heute Abend gemeinsam machen werden. Im Augenblick der Anbetung stehen wir alle auf derselben Stufe, auf Knien vor dem Sakrament der Liebe. Das allgemeine Priestertum und das Amtspriestertum sind miteinander vereint bei der Verehrung der Eucharistie. Es ist eine sehr schöne und bezeichnende Erfahrung, die wir mehrfach in der Petersbasilika erlebt haben, aber auch in den unvergesslichen Vigilfeiern mit Jugendlichen – ich erinnere beispielsweise an die in Köln, London, Zagreb, Madrid. Es ist für alle offensichtlich, dass diese eucharistischen Vigilfeiern auf die Feier der Heiligen Messe vorbereiten: sie bereiten die Herzen vor auf die Begegnung, damit diese fruchtbarer sei. Gemeinsam für eine längere Zeit in Stille vor dem im seinen Sakrament gegenwärtigen Herrn zu verharren, ist eine der authentischsten Erfahrungen unseres Kirche-Seins. Diese wird begleitet und ergänzt durch die Feier der Eucharistie, durch das Hören auf das Wort Gottes, singend und gemeinsam an den Tisch des Brot des Lebens tretend. Kommunion und Kontemplation können nicht getrennt werden, sie gehören zusammen. Um wirklich mit einer anderen Person zu kommunizieren, muss ich sie kennen, muss ich in Stille bei ihr bleiben können, auf sie hören und in Liebe anschauen können. Die wahre Liebe und die wahre Freundschaft leben immer von diesem wechselseitigen Blick, von intensivem Schweigen, das zugleich beredt ist und mit großem Respekt und in Verehrung, sodass die Begegnung in tiefgehender Weise erlebt werden kann, persönlich und nicht oberflächlich. Wenn diese Dimension fehlt, kann leider auch der eigentliche sakramentale Kommunionempfang unsererseits eine oberflächliche Geste werden. In der wahren Kommunion hingegen, die vorbereitet worden ist durch das Zwiegespräch des Gebets und des Lebens, können wir dem Herrn Worte des Vertrauens sagen, wie sie eben im Antwortpsalm erklungen sind: „Ich Herr, ich bin doch dein Knecht, dein Knecht bin ich, der Sohn deiner Magd. Du hast meine Fesseln gelöst. Ich will dir ein Opfer des Dankes bringen und anrufen den Namen des Herrn.“ (Ps 116 (115), 16-17)

Nun würde ich gerne kurz auf den zweiten Aspekt zu sprechen kommen: Die Sakralität der Eucharistie. Auch hier haben wir in jüngster Vergangenheit eine gewisse Fehldeutung der authentischen Botschaft der Heiligen Schrift erlebt. Die Neuheit des Christentums bezüglich der kultischen Verehrung ist beeinflusst worden von einer gewissen verweltlichten Mentalität der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Es ist wahr und es wird immer wahr bleiben, dass die Mitte des Kultes nicht mehr die Riten und die Opfer der Vorzeit sind, sondern Christus selbst, mit seiner Person, mit seinem Leben, mit seinem österlichen Geheimnis. Gleichwohl darf man von dieser fundamentalen Neuheit nicht schließen, dass es das Heilige nicht mehr gibt, sondern dass es seine Erfüllung in Christus gefunden hat, der fleischgewordenen göttlichen Liebe. Der Brief an die Hebräer, den wir heute Abend in der zweiten Lesung gehört haben, spricht zu uns von eben dieser Neuheit des Priestertums Christi, des „Hohepriesters der künftigen Güter“ (Hebr 9,11), aber er sagt nicht, dass das Priestertum zu Ende wäre. Christus ist „Mittler eines neuen Bundes“ (Hebr 9,15), geschlossen in seinem Blut, das „unser Gewissen von toten Werken reinigt“ (Hebr 9,14). Er hat den das Heilige nicht abgeschafft, sondern er hat es zur Vollendung geführt und einen neuen Kult errichtet, der vollends geistlich ist, der sich aber dennoch der Zeichen und Riten bedient, solange wir noch unterwegs sind in der Zeit, und der erst an eine Ende kommen wird im himmlischen Jerusalem, wo es keinen Tempel mehr geben wird (vgl. Offb 21,22). Christus sei Dank ist die Sakralität wahrer, intensiver und – wie bei den Geboten – auch fordernder! Es reicht nicht, die Riten zu beachten, sondern es ist eine Reinigung des Herzens nötig und die Miteinbeziehung des ganzen Lebens.

Ich möchte auch unterstreichen, dass das Heilige eine erzieherische Funktion hat und dass sein Verschwinden unvermeidlich auch die Kultur verarmen lässt, besonders bei der Heranbildung der neuen Generationen. Wenn beispielsweise im Namen eines verweltlichten Glaubens, der keine heiligen Zeichen mehr zu brauchen meint, diese städtische Fronleichnamsprozession abgeschafft würde, das spirituelle Profil Roms wäre verflacht und unser persönliches und gemeinschaftliches Gewissen würde geschwächt sein. Oder denken wir an eine Mutter oder einen Vater, die im Namen eines entsakralisierten Glaubens ihre Kinder jeglicher religiösen Ritualität berauben würden: In Wahrheit würde das dazu führen, das Feld den vielfältigen Surrogaten zu überlassen, die es in der Konsumgesellschaft gibt, anderen Riten und anderen Zeichen, die leicht zu Götzen werden können. Gott unser Vater hat die Menschheit nicht so geschaffen: Er hat seinen Sohn in die Welt gesandt, nicht um das Heilige abzuschaffen, sondern auch ihm seine Erfüllung zu schenken. Auf dem Höhepunkt dieser Sendung, beim letzten Abendmahl, hat Jesus das Sakrament seines Leibes und seines Blutes eingesetzt, die Gedächtnisfeier seines österlichen Opfers. In dem er dies getan hat, hat er sich an die Stelle der alten Opfer gesetzt, aber er tat dies im Rahmen eines Ritus, den zu wiederholen er seinen Aposteln aufgetragen hat, als höchstes Zeichen des wahrhaft Heiligen, der er selber ist. In diesem Glauben, liebe Brüder und Schwestern, feiern wir heute und jeden Tag das eucharistische Geheimnis und wir beten es an als die Mitte unseres Lebens und als Herz der Welt. Amen.

[© Radio Vatikan 8.6.2012]