Predigt zu Allerseelen

Eines Tages bist du das fallende Blatt

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Von Msgr. Dr. Cesar Martinez*

ROM, 2. November 2012 (ZENIT.org). –

„Hast du an einem trüben Nachmittag im Herbst die Blätter fallen sehen? So fallen jeden Tag die Seelen in die Ewigkeit. Eines Tages bist du das fallende Blatt“ (Der Weg Nr. 736).

Meine lieben Schwestern und Brüder,

diese Worte des hl. Josefmaria Escrivá in seinem Buch „Der Weg“ zeigen uns in eindrucksvoller Weise die nüchterne Realität eines Vorgangs, der sich im Leben eines jeden von uns unfehlbar ereignen wird. Eines Tages werden wir tot sein. Denn es ist nun mal so, dass wir Menschen einem offenbar unabänderlichen Gesetz der Entwicklung unterworfen sind. Vom Anfang des Daseins an bis zum Tode erleben wir in uns wesentliche Veränderungen, auf die wir gar keinen Einfluss haben. Wir werden klein geboren, wir wachsen, wir werden reif, wir werden alt und eines Tages sterben wir, werden begraben und machen Platz für die nächste Generation.

Es ist als würde die Existenz des Menschen sich auf einem fahrenden Boden abspielen. Wer nun einmal auf diesem Boden steht, wird auf eine Fahrt mitgenommen, die ihn die verschiedensten, meistens wunderschönen Landschaften am Wegesrand erleben lässt, diese gehen an ihm jedoch schnell vorüber, um nie wieder zurückzukommen. Das Leben des Menschen ist wie das Wasser eines Flusses, das niemals zweimal auf derselben Stelle fließt, sondern unumkehrbar ständig weiter strömt bis es am Ende vom endlos breiten Meer aufgenommen wird. So wird der Mensch zeit seines Lebens auf das Ziel des Todes hin gesteuert.

Ist mit dem Menschen dann endgültig Schluss? War das, was gewesen ist, alles? Sonst nichts mehr? Ist aus jenem Leben, das einst blühte und voller Hoffnung in die Zukunft schaute, nichts geblieben? „Außer Spesen nichts gewesen“? War die Zukunft des Menschen allein dieses Stück Erde, in dem er begraben wird? Ist der Mensch geboren, damit er eines Tages zu Grabe getragen wird? Oder läutet der Tod die letzte und grundlegendeste Veränderung des Menschen ein?

Wir denken nur ungern an den Tod. Und das ist verständlich. Denn der Tod ist dem Empfinden nach zunächst einmal Endstation. Man muss alles lassen, auch das, an dem man so sehnsüchtig gehangen hat. Man nimmt nichts mit ins Grab. Schönheit, Glanz und Reichtum, alles, womit man auf Erden vielleicht geprotzt hat, lässt der Tod zum Staub werden. In der eindrucksvollen Liturgie des Aschermittwochs legt der Priester auf die Stirn der Gläubigen Asche und spricht zu jedem einzeln, ganz persönlich: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst“ (Vgl. Gen 3, 19). Und doch ist der Tod nur beim ersten Zusehen Endstation des Menschen. Denn der Tod beendet lediglich das irdische Leben und lässt die letzte Entwicklungsphase des Menschen anfangen. Mit anderen Worten: das Gesetz der Entwicklung und Veränderung, dem der Mensch unterworfen ist, hört mit dem Tod nicht auf. Der Tod ist auf der Fahrt des Lebens der letzte Tunnel. Wie klein wäre Gott, wenn er uns für nur höchstens 100 Jahre Leben erschaffen hätte! Wäre das ein allmächtiger Gott? Ich glaube, kaum.

Wir sind nicht für diese Erde erschaffen, meine lieben Schwestern und Brüder, sondern für die Ewigkeit. Dorthin gelangt man allerdings nur durch den Tod. Eben der letzte Tunnel vor der großen, wunderschönen Wiese voller Licht, Farbe und Vegetation auf der anderen Seite. Dass der Mensch zu einem neuen Leben auferstehen wird, das kann die Naturwissenschaft nicht beweisen. Das ist eine dieser Erkenntnisse außerhalb der Reichweite des direkten Zugriffs der sinnlichen Erfahrung, von denen Benedikt XVI. sagt, dass die Vernunft auf die Erkenntnis des Glaubens angewiesen ist. Der Glaube bereichert die Vernunft und ermöglicht dem Menschen lebensnotwendige Erkenntnisse, die die Vernunft allein nicht zu erfassen vermag. Der endgültige Beweis, dass Auferstehung tatsächlich geschieht, ist die Auferstehung Jesu am dritten Tag nach seinem Tode am Kreuz. Die Auferstehung Jesu, meine lieben Schwestern und Brüder, ist ein historisches Faktum, wie auch, dass Jesus, nachdem er offenkundig gestorben war, wieder erschien, sich von Menschen berühren ließ, mit ihnen gegessen hat, und zuletzt - wie Paulus sich ausdrückt – „erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen“ (1 Kor 15, 6). Die Auferstehung Jesu ist somit der Beweis, dass Auferstehung keine Erfindung der Theologie ist, sondern dass sie doch tatsächlich stattfindet. Dass das Leben nach dem Tode nicht zu Ende geht, sondern lediglich eine weitere – die endgültige - Veränderung erfährt, das wussten die ersten Anhänger Jesu lange noch vor dem Tode unseres Herrn. Und das ist eine große Stütze für unseren Glauben. Offensichtlich gehörte der Glaube an die Auferstehung der Toten zu den grundlegendsten Glaubensinhalten der christlichen Religion vom Anfang an. „Ich weiß, dass mein Bruder auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tage“, sagte Marta, die Schwester des verstorbenen Lazarus zu Jesus, als dieser ihr sagte, ihr Bruder würde auferstehen. Jesus meinte, sie werde ihren Bruder doch bald in die Arme schließen dürfen, denn er hatte vor, ihn wieder ins Leben zurückzuholen, wie es dann auch tatsächlich geschah. Marta verstand diese Worte jedoch so, als würde Jesus von der Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag reden, und sagte ihm, das wisse sie schon, damit sei ihr aber nicht geholfen. Diese linguistische Fehldeutung der Marta ist für uns heute von enorm großer Bedeutung, denn sie lässt eindeutig erkennen, dass die Auferstehung der Toten schon damals als eine Selbstverständlichkeit im Glaubensgut der aller Ersten Anhänger Jesu war. Dass das Grab nicht die letzte Station des Menschen ist, sondern nur Durchgang zur Besitznahme des endgültigen Zustandes ist also ein grundlegender Teil unseres Glaubens, meine lieben Schwestern und Brüder.

Wie gut, dass es so ist, nicht wahr? Wie gut, dass mit dem Tode nicht alles zu Ende geht! Das spricht uns aus dem Herzen, denn wir empfinden eine grundlegende Abneigung gegen den Tod, nicht nur wegen der möglichen schmerzhaften Begleitumständen, die man so befürchtet, sondern vor allem deswegen, weil wir alle gerne weiter leben möchten, zumal in einem Zustand der Unbeschwerlichkeit und des Glücks. Irgendwie passt der Tod nicht zu uns. Und da haben wir vollkommen Recht. Der Mensch ist in der Tat nicht für den Tod, sondern für das Leben erschaffen. Der Tod, dieser Tod, den wir kennen, weil wir ihn alltäglich an Menschen erfahren, kann also nicht etwas Endgültiges sein. Zu stark und unersättlich sind unsere Sehnsüchte! Das bestätigt der damalige Kardinal Ratzinger, wenn er schreibt: „Die Auferstehung Jesu sagt, dass der Tod nicht prinzipiell und unwiderruflich zur Struktur des Geschaffenen ... gehört“ (Der Gott Jesus Christ, S. 165). Das ist aber eine tiefschürfende Aussage. Sie bedeutet, dass dieser Tod, den wir kennen, kein endgültiger Tod sein kann. Der endgültige Tod, d. h. die totale Vernichtung, das ist die Hölle, nicht aber unser irdischer Tod, der uns nicht nur nicht vernichtet, sondern uns, wenn wir Gott nur nicht absichtlich ablehnen, in die endgültige Nähe Jesu im Himmel führt. Und das ist das neue Leben, zu dem wir eben erschaffen worden sind. Das Leben auf Erden, so schön es auch sein mag, ist somit nicht das endgültige Leben des Menschen, sondern nur dessen Anfang, sozusagen nur eine Vorspeise, mehr nicht; das Bankett kommt erst noch, eben nach dem Tode. Dass auch eine Vorspeise reichlich und ganz gut schmecken kann, wissen wir aus eigener Erfahrung gut. Doch das Bankett ist immer reichlicher als die Vorspeise und auf jeden Fall besser. Jesus hat uns über die Beschaffenheit dieses endgültigen Lebens bereits vorinformiert: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen ... , ich gehe hin, um eine für euch vorzubereiten“, hat er wörtlich gesagt (Joh 14, 2). Und in der Offenbarung des hl. Johannes, dem letzten Buch der Hl. Schrift, erfahren wir Näheres über dieses Leben nach dem Tode, zu dem diejenigen finden werden, die das Liebesangebot Gottes nicht absichtlich ablehnen. „Seht die Wohnung Gottes unter die Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen“ (Off 21, 3-4). Nicht schlecht, nicht wahr?

Dieser Glaube, meine lieben Schwestern und Brüder, begründet die christliche Einstellung zum Vorgang des leiblichen Todes. In der zweiten Lesung der heutigen Hl. Messe erinnert uns der hl. Paulus, dass wir – eben aufgrund unseres Glaubenswissens über den Tod - nicht trauern dürfen wie die Heiden, die keine Hoffnung haben. Im Gegensatz zu diesen wissen wir, dass wir nicht ewig unter der Erde bleiben, sondern eines Tages mit dem Leib, den wir auf Erden gehabt haben, auferstehen werden. Das wissen wir, weil Jesus Christus, der Erstgeborene unter vielen Brüdern und Schwestern, in dieser Weise auferstand. Mit diesem Jesus, der also auferstand, sind wir, Sie und ich, innigst verbunden, wir sind sozusagen in ihn eingefädelt. Wir haben das gleiche Schicksal wie er, oder noch besser gesagt: er hat uns in sein Schicksal hineingezogen, denn Jesus – wie Johannes Paul II. einmal so wunderbar sagte – hat sich durch seine Menschwerdung gewissermaßen mit einem jeden Menschen vereinigt. Wenn Jesus auferstanden ist, dann bringt das mit sich, dass die Menschen, und zwar restlos alle Menschen auferstehen werden, übrigens auch die, die evtl. das Angebot Gottes absichtlich abgelehnt haben. Für die aber, die Gott nicht absichtlich abgelehnt haben, gelten die Worte des hl. Paulus: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“ (1 Thess 4, 14). So fasst Paulus den christlichen Glauben über die Auferstehung zusammen. 

Wenn man sich das alles durch den Kopf gehen lässt, dann begreift man, dass die Zeit des Lebens auf Erden zwar sehr schön ist, doch an sich nur eine Episode im Gesamtleben des Menschen. Das endgültige Leben beginnt offenbar an der Rückseite des Todes. Denn mit dem Tode beginnt für einen jeden Menschen die Ewigkeit. Und die Ewigkeit ist der Lebensrahmen, zu dem wir erschaffen worden sind. So wirft der Tod seinen Schatten auf das Leben voraus. Und uns tut es gut, darüber nachzudenken, bevor es so weit ist, dass wir unsere Seele in die Hände Gottes zurückgeben. Was dann in dieser Stunde geschieht, drückt das Sterbegebet der Kirche aus, das der Priester zum Sterbenden spricht: „Mache dich auf dem Weg, Bruder, bzw. Schwester in Christus, im Namen Gottes, des allmächtigen Vaters, der dich erschaffen hat; im Namen Jesu Christi, des Sohnes des lebendigen Gottes, der für dich gelitten hat; im Namen des Heiligen Geistes, der über dich ausgegossen worden ist. Heute noch sei dir im Frieden deine Stätte bereitet, deine Wohnung bei Gott im heiligen Zion, mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit dem heiligen Josef und mit allen Engeln und Heiligen Gottes ... Kehre heim zu deinem Schöpfer, der dich aus dem Staub der Erde gebildet hat. Wenn du aus diesem Leben scheidest, eile Maria dir entgegen mit allen Engeln und Heiligen .... Deinen Erlöser sollst du sehen von Angesicht zu Angesicht ...“ (KKK, Nr. 1020). Wer diesen Glauben hat, hat ein offenes Verhalten zum Sterben. So konnte z. B. Johannes XXIII. einmal sagen: „Ich kann es nicht glauben, dass mein Jesus, der mir heute soviel Vertrauen und Güte erweist, mir eines Tages mit vom göttlichen Zorn entflammtem Gesicht erscheinen könnte, um mich zu richten“.

Dafür, dass es so ist, danken wir Gott in dieser Stunde von Herzen.

*Dr. Cesar Martinez (Galizien, Spanien) studierte in Santiago de Compostela zunächst Jura (Lizentiat). Darauf Theologie mit einem Aufenthalt in Rom und der Promotion in Kirchenrecht an der päpstlichen Universität des Hl. Thomas von Aquin. 1962 wurde er in Madrid zum Priester geweiht. Seit 1964 wirkte er in Deutschland als Seelsorger u.a. in Osnabrück, Münster und Hamburg. 1992 wurde er zum päpstlichen Ehrenkaplan mit dem Titel Monsignore ernannt. 1998 kam er nach Köln, von wo aus er Besinnungs- und Einkehrtage sowie Fortbildungsveranstaltungen verschiedener Arten betreut. Im Jahr 2008 ernannte ihn Joachim Kardinal Meisner zudem als Subsidiar an der Pfarrkirche St. Pantaleon in Köln.