Predigt zum Fest Kreuzerhöhung

Warum ist Jesus nicht vom Kreuz herabgestiegen?

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ROM, 13. September 2012 (ZENIT.org). -

Von Msgr. Dr. Cesar Martinez*

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Liebe Schwestern und Brüder,

die Liturgie des Hochfestes „Kreuzerhöhung“ lädt uns ein, im Geiste auf den Kalvarienberg zu gehen, und dort – als gehörten wir zu der Gruppe um Maria - die Tragik des Geschehens der Kreuzigung Jesu mitzuerleben. Das Bild, das sich uns dort erschließt, ist tatsächlich beispiellos schrecklich; ja, es ist entsetzlich und grausam vom Grund auf. Jesus hängt blutüberströmt am Kreuz. Es ist wirklich beeindruckend und zugleich furchtbar, ihn so zugerichtet zu sehen. „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn“, singen wir am Karfreitag in der Liturgie unserer Kirche (GL 179, 1). Wie sehr muss unser Jesus gelitten haben! Der Prophet Jesaja sah in einer Vision den Messias am Kreuze hängen und schreibt dann in tiefer Ergriffenheit: „Nicht Gestalt ist an ihm, nicht Schönheit, dass wir ihn ansehen möchten, und kein Aussehen, dass wir Gefallen fänden an ihm. Verachtet war er, der letzte der Menschen. Ein Mann der Schmerzen, mit Leiden vertraut“ (Jes 53, 2-3). So sah das Äußere Jesu am Kreuze also aus: ein Schaubild der Schmerzen! Wir schauen ihn uns an und würden ihm gerne einige Fragen stellen: Warum musste das so sein? War das wirklich nötig?

Noch sind wir mit diesen Gedanken beschäftigt, da sehen wir, es kommt plötzlich jemand des Weges her, hält vor dem Kreuz an, schaut sich den Gekreuzigten an, erkennt in ihm den bis vor kurzem umjubelten Wundertäter und Großprediger Jesus von Nazareth, der von sich behauptet hat, er sei der Sohn Gottes, und sagt dann zu ihm völlig unverblümt: „Wenn du der Sohn Gottes bist, steige vom Kreuz herab, dann werden wir alle an dich glauben“ (vgl. Mt 27, 40-42). Und Jesus ist doch nicht herabgestiegen. Wieso nicht?, könnte man sich fragen. Das wäre doch eine Chance, die Chance! Alle hätten an ihn geglaubt! Aber nein. Jesus blieb am Kreuz hängen und litt weiter unsagbar. Warum denn? Die Antwort, meine lieben Schwestern und Brüder, ist sehr einfach: weil er das nicht wollte. Das zeigt, dass das Kreuz für Jesus nicht  etwas Unerwartetes war, das er nur allzu gerne von sich hätte abschütteln wollen. Nein, seine Kreuzigung war offensichtlich von ihm seit langem geplant. Und so kommen wir zu einer höchst erstaunlichen Erkenntnis: Offensichtlich wollte Jesus Christus die Kreuzigung. Diese Aussage, meine lieben Schwestern und Brüder, ist wahrscheinlich die dramatischste Aussage unseres Glaubens. „Niemand entreißt mir das Leben, ich gebe es aus freiem Willen hin“, hatte Jesus wörtlich gesagt (Joh 10, 18). Es ist also eindeutig klar: Jesus wollte das Kreuz. Das ist aber sehr erstaunlich. Wollte Jesus wirklich gekreuzigt werden? War das sein Wille? Meine lieben Schwestern und Brüder, wir müssen den Mut haben, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Und die ist: Jesus Christus wollte offensichtlich sein Leben für die Menschen hingeben. Als er eines Tages seinen Jüngern eröffnete, er gehe nach Jerusalem, dort werde man ihn gefangen nehmen, und man werde ihn kreuzigen, sie sollten sich aber keine Sorgen machen, denn am dritten Tag werde er auferstehen (Vgl. Mt 17, 22-23), waren die Jünger sehr schockiert, ja sie waren entsetzt und meinten, das komme gar nicht in Frage.

Wieso leiden? Wieso sterben? Wieso in einer derart unrühmlichen Form wie die Kreuzigung sterben? Dass geht nicht! Wie könnte dem, der die großen Wunder wirkte, von denen sie Zeugen waren, wie könnte dem, an den sie als den Sohn Gottes glaubten, so etwas Erniedrigendes widerfahren? Und doch meinte Jesus es ernst. Denn er war tatsächlich auf die Erde gekommen, um für uns zu sterben. Nur – die Jünger hatten dies offenbar noch nicht kapiert. Und wir, meine lieben Schwestern und Brüder? Wie steht es mit uns? Haben wir das erfasst? Haben wir begriffen, dass Jesus nicht vom Kreuz herabgestiegen ist, weil das Kreuz ihm entscheidend wichtig war? Und so kommt es, dass das Kreuz das Zeichen des Christlichen und das Christentum die Religion des Kreuzes ist. Die Christen beten nicht eine Statue an, auch nicht ein System, wir sind auch nicht bloß Verfechter einer bestimmten Lebenseinstellung, die sich im Laufe der Geschichte übrigens als durchaus stimmig gezeigt hat. Wir Christen beten Jesus Christus an, der sich in einer Art Symbiose mit dem Kreuz vereint hat. In der eindrucksvollem Liturgie des Karfreitags erhebt der Priester das Kreuz vor der Gemeinde und singt dreimal: „Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt“, und das Volk kniet ehrfurchtsvoll und ergriffen vor dem Kreuz nieder und singt im Brustton der Überzeugung: „Kommt, lasset uns anbeten“ (GL 204). Und so kommt es, dass unsere Religion eben die Religion des Kreuzes ist. Das ist aber sehr erstaunlich. Wie kann man das Kreuz verehren, das ein Instrument des Leidens und des Todes ist? Die Frage ist durchaus berechtigt, denn niemandem ist nach Leid, Schmerz und Tod. Ihnen nicht, und mir auch nicht. Und Jesus Christus übrigens auch nicht. Sein Wort auf dem Ölberg: „Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen“ (Mt 26, 39), stellt es unter Beweis. Und dennoch ist das Kreuz Jesu die Mitte der Erlösung. Daran geht kein Weg vorbei. „Jesus Christus hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut“ heißt es in der Offenbarung des hl. Johannes wörtlich (Off 1, 5). Und der hl. Petrus drückt es vielleicht noch eingehender in seinem ersten Brief mit den Worten aus: „Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi“ (1 Petr 1, 18-19).

Uns Christen ist das Kreuz so wichtig, so zentral, dass man ohne Umschweife behaupten kann, das Verständnis des Christentums steht und fällt mit dem Verständnis der erlösenden Bedeutung des Kreuzes. An der Bewertung des Kreuzes scheiden sich die Geister. Der Hl. Paulus bringt es auf den Punkt: „Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft“ (1 Kor 1, 18). Und er fügt hinzu: „Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit; für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1, 23-24). Da drängt sich die Frage auf: warum musste die Erlösung der Menschen und mithin der gesamten Schöpfung ausgerechnet durch das Kreuz geschehen? Warum nicht auf eine – sage ich mal – „menschlichere“ Weise? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns die erbärmliche Situation vergegenwärtigen, in der der Mensch sich nach der Erbsünde befand. Gott wollte ihn nicht in dieser unrühmlichen Lage belassen und beschloss deshalb, den Menschen zu erlösen. Die Erlösung der Menschheit musste also das Böse der Erbsünde wettmachen. Und zwar vom Grund auf. Keine Teilerlösung, keine halbe Sache. Gott wollte aufs Ganze gehen. Der Mensch musste gründlich erneuert werden. Eine neue Schöpfung musste er werden. Durch die Erlösung sollte der Mensch wieder fähig gemacht werden, ein echt volles menschliche Leben zu führen. Und wie kann man das machen? Durch die Erbsünde ist in die menschliche Natur ein schädlicher Fremdkörper hineingekommen, der wie eine Geschwulst ausstreute und sie krank machte. Diese Geschwulst war die Überheblichkeit, der Stolz, die Arroganz, das „sich über alles, auch über Gott, erheben zu wollen“. Die Erlösung des gefallenen Menschen konnte nur dadurch geschehen, dass ihm der genau richtige Antikörper verabreicht wird. Der Antikörper der Überheblichkeit, des Stolzes und der Arroganz ist die Erniedrigung. Darum sagt Paulus in der 2. Lesung der heutigen Hl. Messe : „Jesus Christus entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.

Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2, 7-8). Das sind aber klare Worte! Sie lassen uns erkennen: Die Erlösung des überheblichen Menschen kann nur durch die Erniedrigung des Menschen geschehen. Durch diese Erniedrigung erhält der gefallene Mensch sein Gleichgewicht wieder und er kann wieder aufrecht gehen. Und darum musste das Mittel der Erlösung das Kreuz sein: weil das Kreuz das Erniedrigendste ist, was es überhaupt gibt. „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“, heißt es im Matthäusevangelium (Mt 23, 12). Diese fundamentale Erkenntnis unseres Glaubens geht mit einer weiteren,  ebenfalls grundlegenden Erkenntnis einher, nämlich, dass Gott die zur Erlösung des Menschen bis aufs Mark notwendige Erniedrigung des Individuums, nicht dem einzelnen Menschen aufgebürdet hat, etwa nach dem Motto: „Das hast du dir eingebrockt, jetzt musst du das auslöffeln“ (was übrigens völlig gerecht und korrekt gewesen wäre), sondern dass er die Erniedrigung auf sich selber genommen hat, weil er den Menschen so etwas Grausames, doch Notwendiges ersparen wollte. Und das ist der Grund, warum Gott in Jesus Christus Mensch wurde. Am Kreuz erlebt Jesus stellvertretend für alle anderen Menschen jene Erniedrigung, die für den Vollzug von Erlösung unabdingbar notwendig war. Was sagen Sie dazu, meine lieben Schwestern und Brüder? Ist das nicht einfach etwas ganz Großartiges, ja etwas kaum Aussprechbares? Vor dieser Erkenntnis müsste man eigentlich auf die Knie fallen und Gott in Ergriffenheit anbeten.

Wir haben uns Jesus am Kreuze angeschaut und seine äußere Erniedrigung betrachtet. Wie sah aber sein Inneres aus? Diese Frage führt uns zu der erstaunlichsten Erkenntnis auf dem Kalvarienberg, nämlich: dass Jesus, der bei seiner Kreuzigung unsagbar leidet, in seinem Inneren dennoch eine ganz große Freude empfindet. Er empfindet eine unermessliche Freude darüber, dass die Menschen durch seine Erniedrigung am Kreuze endlich erlöst werden. Auf diese zwei Aspekte des Kreuzes – das schmerzhafte Äußere und das frohe Innere - wies übrigens kein Geringerer als Papst Benedikt XVI. in seiner historischen Ansprache bei der Abschlussmesse des WJT in Köln hin. Er sprach von der brutalen Gewalt, die gegen Jesus angewandt wird, von seiner Kreuzigung. Aber dann auch davon, dass Jesus diese Gewalt in seinem Inneren geistig anders erlebte, er erlebte sie – die Erniedrigung seines Menschseins - als Befreiung der Menschen. Wörtlich sagte der Hl. Vater: „Jesus nimmt seinen Tod von innen her an und verwandelt ihn in eine Tat der Liebe. Was von außen her brutale Gewalt ist – die Kreuzigung - , wird von innen her ein Akt der Liebe, die sich selber schenkt, ganz und gar“.  (Benedikt XVI. beim WJT in Köln. Verlautbarungen Nr. 169, S. 85).

Sein Leiden und seinen Tod hat Jesus stellvertretend für uns auf sich genommen. Doch die Spuren der Schwergewichtigkeit der Erbsünde, die das Kreuz nötig machte, müssen wir alle zumindest in etwa spüren. Darum sagt Paulus: „Ich ergänze in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1, 24). Dieses Wort öffnet uns das Verständnis für den übernatürlichen Wert unseres persönlichen Leidens. Zwar hat Jesus die Erniedrigung seiner selbst als Erniedrigung des Menschen ganz auf sich genommen, wir müssen uns aber - meistens durch Kleinigkeiten - daran beteiligen. Und das ist der Sinn der christlichen Askese. Jesus hat es mit den Worten formuliert: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16, 24). So werden wir heute aufgefordert, nachzudenken, was für einen Wert wir den widrigen Umständen des Lebens beimessen. Wer die Widrigkeiten des eigenen Lebens vor dem Hintergrund der Kreuzigung Jesu betrachtet und sie als Teilhabe am Kreuze Jesu annimmt, wird zwar – wie Christus – leiden, doch er wird den Sinn dieses Leidens erkennen und einsehen, dass es sich lohnt, jetzt etwas zu leiden, wenn dadurch die eigene Erlösung mit vollzogen wird. Und er wird dann, wie Christus, mitten in seinem körperlichen oder seelischen Schmerz die innere Freude spüren, Erlösung zu erfahren.

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*Dr. Cesar Martinez stammt aus dem spanischen Galicien. Er nahm in Santiago de Compostela zunächst ein Jurastudium auf, das er in Barcelona mit dem Titel des Lizenziats abschloss. Darauf folgte das Theologiestudium mit einem Aufenthalt in Rom und der Promotion in Kirchenrecht an der päpstlichen Universität des Hl. Thomas von Aquin. 1962 wurde er in Madrid zum Priester geweiht. Seit 1964 wirkte er in Deutschland als Seelsorger u.a. in Osnabrück, Münster und Hamburg. 1992 wurde er zum päpstlichen Ehrenkaplan mit dem Titel Monsignore ernannt. 1998 kam er nach Köln, von wo aus er Besinnungs- und Einkehrtage sowie Fortbildungsveranstaltungen verschiedener Arten betreut. Im Jahr 2008 ernannte ihn Joachim Kardinal Meisner zudem als Subsidiar an der Pfarrkirche St. Pantaleon in Köln.

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