Priesterausbildung am Scheideweg (Teil 1)

Priesterausbildung zwischen Säkularismus und Kirchenbegriff

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ROM, 16. Juni 2009 (ZENIT.org).- Priesterausbildung am Scheideweg: Wir veröffentlichen zur Einstimmung auf das Priesterjahr, das Papst Benedikt XVI. am 19. Juni feierlich eröffnen wird, den ersten Teil der Ansprache, den der Sekretär , Erzbischof Jean-Louis Bruguès, Sekretär der Kongregation für das Katholische Bildungswesen (für die Seminare und Studieneinrichtungen) vor den Rektoren der päpstlichen Seminaren bei einer ihrer Tagungen am 16. März in Rom gehalten hat.

Der zweite Teil erscheint morgen, Mittwoch. Der „Osservatore Romano", die Zeitung des Vatikans, veröffentlichte die Worte des Erzbischofs in ihrer Ausgabe vom 3. Juni 2009.

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Ansprache von Erzbischof Jean-Louis Bruguès OP
Priesterausbildung am Scheideweg: Zwischen Säkularismus und Kirchenbegriff

 

Es ist immer gefährlich, eine gesellschaftliche Situation auf Grundlage eines einzigen Denkansatzes zu erklären. Trotzdem gibt es einige Schlüssel, die mehr Türen öffnen als andere. Seit langem bin ich von der Tatsache überzeugt, dass der Säkularismus zu einem Schlüsselbegriff geworden ist, um sowohl unsere heutige Gesellschaft zu orten als auch unsere Kirche.

Der Säkularismus hat eine sehr lange Geschichte, denn die Säkularisierung entstand Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich, bevor sie auf alle modernen Gesellschaften übergriff. Allerdings hat sich der Prozess der Säkularisierung der Gesellschaft von Land zu Land sehr unterschiedlich gestaltet.

In Frankreich und Belgien tendiert man beispielsweise dazu, Zeichen der Religionszugehörigkeit aus dem öffentlichen Leben zu verbannen und den Glauben in den privaten Bereich zu verdrängen. Die gleiche Tendenz, allerdings weniger stark ausgeprägt, zeigt sich in Spanien, Portugal und in Großbritannien. In den Vereinigten Staaten geht die Säkularisierung demgegenüber problemlos mit dem öffentlichen Ausdruck religiöser Überzeugungen zusammen, wie wir das auch während der letzten Präsidentschaftswahl beobachten konnten.

Seit rund einem Jahrzehnt läuft unter den Experten eine sehr interessante Debatte: Bisher schien es selbstverständlich, dass der Säkularismus europäischer Prägung die einzige Regelung und das Modell zu sein schien, während die amerikanische Ausprägung die Ausnahme bildete. Aber jetzt gibt es viele Vordenker wie zum Beispiel Jürgen Habermas, der glaubt, dass nun das Gegenteil der Fall sei und dass die Religionen auch im postmodernen Europa eine neue soziale Rolle spielen.

NEUANFANG MIT DEM KATECHISMUS

Welche Form auch immer die Säkularisierung in unserem Land angenommen hat - immer begünstigte sie den Zusammenbruch der christlichen Kultur. Die jungen Männer, die in unsere Seminare kommen, wissen wenig bis nichts von der katholischen Lehre, von der Geschichte und den Gebräuchen der Kirche. Diese weit verbreitete Unwissenheit zwingt uns, wichtige Änderungen in der Ausbildungspraxis, wie sie bisher verfolgt wurde, vorzunehmen. Ich werde auf zwei Änderungen näher eingehen.

Erstens, so glaube ich, ist es wichtig, für diese jungen Menschen einen gewissen zeitlichen Rahmen zu schaffen - das kann ein Jahr oder mehr sein -, die der Grundausbildung, der „Ausrüstung" in Form von gleichzeitiger Katechese und Kulturunterricht gewidmet ist. Die entsprechenden Programme können unterschiedlich gestaltet werden, also je nach den spezifischen Bedürfnissen der jeweiligen Region. Persönlich glaube ich, dass ein ganzes Jahr der Assimilierung des Katechismus der Katholischen Kirche, der sich als ein sehr umfassendes Kompendium anbietet, gewidmet werden sollte.

Zweitens wäre es notwendig, unsere Ausbildungsprogramme einer Überprüfung zu unterziehen. Junge Menschen, die das Seminar besuchen, wissen, dass sie vieles nicht wissen. Sie sind demütig und geradezu begierig, sich die Botschaft der Kirche anzueignen. Man kann sehr gut mit ihnen arbeiten. . Ihr Mangel an Bildung hat auch eine positive Nebenwirkung: Sie schleppen nicht mehr die negativen Vorurteile ihrer älteren Brüder mit sich. Diesem glücklichen Umstand verdanken wir, dass wir eine Form von „tabula rasa" vor uns haben. Dies ist der Grund, warum ich eine theologische Ausbildung favorisiere, die eine organische Zusammenschau bietet und sich auf das Wesentliche konzentriert.

Dies bedeutet für Lehrer und Ausbilder den Verzicht auf eine Grundausbildung, die alles mit einem kritischen Geist angeht, wie es bei meiner Generation der Fall war. Bei uns wurde die Entdeckung der Bibel und der Lehre durch einen systematischen Geist der Kritik verseucht. Sie dürfen auch nicht länger der Versuchung zur frühzeitigen Spezialisierung erliegen, denn den jungen Männern fehlt schlichtweg der dazu erforderliche kulturelle Hintergrund.

Ich möchte mit Ihnen einige der Fragen teilen, die mich zu diesem Zeitpunkt bewegen. Es gibt Tausende von Gründen, den zukünftigen Priestern eine Ausbildung auf hohem Niveau zu bieten. Als aufmerksame Mutter will die Kirche für ihre zukünftigen Priester das Beste. So ist die Zahl der Kurse gestiegen, aber man hat die Programme in einer Weise angereichert, die wahrhaftig übertrieben scheint. Sie haben wahrscheinlich das Risiko der Enttäuschung bei vielen Ihrer Seminaristen gesehen. Meine Frage lautet daher: Ist eine enzyklopädische Bandbreite für diese jungen Menschen, die über keine christliche Basis verfügen, wirklich angemessen?

Hat dieser Ansatz nicht vielleicht zu einer Zersplitterung der Ausbildung, einer bloßen Anhäufung von Stoff und einer übertriebenen historisierenden Perspektive geführt?

Ist es wirklich notwendig, zum Beispiel, um jungen Menschen, die den Katechismus noch nie gelernt haben, eine gründliche Ausbildung in Soziologie oder Kommunikationswissenschaften zu bieten?

Ich empfehle Tiefe vor Breite, Synthese vor der Ausbreitung von Details, Architektur vor Dekoration. Viele Argumente führen mich zu der Annahme, dass das Studium der Metaphysik, so anspruchsvoll es auch sein mag, die absolut unentbehrliche Vorbereitungsphase für das Studium der Theologie darstellt.

Diejenigen, die zu uns kommen, haben oft eine solide wissenschaftliche und technische Ausbildung, das ist ein Glück, aber ihre Defizite in den allgemeinen Kulturwissenschaften erlauben es ihnen nicht, Erfolg versprechend an das Studium der Theologie zu gehen.

ZWEI GENERATIONEN, ZWEI KIRCHENBEGRIFFE

Bei zahlreichen Gelegenheiten habe ich über die Generationenfrage geredet: Von meiner Generation, der vor mir und der künftigen Generationen. Das ist für mich der Scheideweg, an dem wir derzeit stehen. Sicher, der Übergang von einer Generation zur anderen bringt immer Probleme mit der nötigen Anpassung mit sich, aber der gegenwärtige Übergang stellt eine absolute Ausnahmesituation dar.

Das Motiv der Säkularisierung dürfte dazu beitragen, vieles besser zu verstehen. Sie hat in den sechziger Jahren einen noch nie da gewesenen Auftrieb erhalten. Für die Menschen meiner Generation, und noch mehr für diejenigen, die vor mir meist noch in einer christlichen Umwelt geboren wurden und aufwuchsen, war dieser förmliche Auftrieb eine wichtige Entdeckung mitten im Abenteuer ihres Lebens. Und so kamen sie dazu, die „Offenheit gegenüber der Welt", die das zweite vatikanische Konzil verlangt hatte, als Hinwendung zum Säkularismus zu verstehen.

Dadurch haben wir in den meisten westlichen Kirchen eine äußerst wirkmächtige Selbst-Säkularisierung erlebt oder sogar betrieben.

Beispiele dafür gibt es viele. Die Gläubigen sind bereit, sich in den Dienst des Friedens, der Gerechtigkeit und der humanitären Nöte zu stellen, aber glauben sie deshalb an das ewige Leben?

Unsere Kirchen haben große Anstrengungen zur Erneuerung der Katechese unternommen, aber werden die letzten Wahrheiten bei dieser Katechese nicht eher vernachlässigt?

Unsere Kirchen haben sich auf die ethischen Debatten der Zeit eingelassen, und sich von der öffentlichen Meinung anregen lassen, aber wie viel sprechen sie noch von Sünde und Gnade und vom heiligmäßigen Leben? Unsere Kirchen haben mit enormem Einsatz und großem Erfolg die Mitwirkung der Laien in der Liturgie gefördert - aber hat nicht die Liturgie selbst zum größten Teil den Sinn für das Sakrale verloren?

Kann man denn abstreiten, dass unsere Generation - möglicherweise ohne sich dessen bewusst zu sein - von einer „Kirche der Reinen" geträumt hat, von einem Glauben, gereinigt von jedem religiösen Ausdruck, und jeder volkstümlichen Frömmigkeit wie Prozessionen oder Pilgerfahrten abgeneigt?

Der Zusammenprall mit der Säkularisierung unserer Gesellschaften hat unsere Kirchen tiefgehend verändert. Man kann die These aufstellen, dass wir von einer „Zugehörigkeitskirche", in der der Glaube durch die Gemeinschaft bestimmt ist, in die man hineingeboren wurde, zu einer „Überzeugungskirche" geworden sind, in der der Glaube auf einer bewussten und mutigen Entscheidung oft im Widerspruch zur Herkunftsgruppe beruht.

Diese Entwicklung hat auch einen beeindruckenden zahlenmäßigen Wandel mit sich gebracht. Augenscheinlich sind in den Kirchen und auch in den Seminaren weniger Gläubige anzutreffen. Aber vor Jahren hat schon Kardinal Lustiger aufgezeigt, das zahlenmäßig in Frankreich die Relation zwischen Priestern und der Zahl der praktizierenden Gläubigen stets gleich geblieben ist.

Unsere Seminaristen, wie auch unsere Jugend, gehören auch zu dieser „Überzeugungskirche". Sie kommen zumeist nicht vom Land, sondern aus den Städten, vor allem den Universitätsstädten. Oft stammen sie aus zerbrochenen oder „zerstrittenen" Familien: das hinterlässt Spuren und Wunden und vielleicht auch eine Form von emotionaler Unreife. Das soziale Umfeld, zu dem sie gehören unterstützt sie nicht mehr.

Sie sind aus Überzeugung Priester geworden und haben oft auf ihr soziales Engagement verzichtet (das, was ich sage, gilt natürlich nicht für alle gleichermaßen; ich kenne afrikanischen Gemeinschaften, in der die Familie oder das Volk nach wie vor die Berufungen schätzen, die in ihrer Mitte geweckt wurden). So weisen sie eine entschlossenere, stärkere, mutige und individuellere Persönlichkeit auf. Auf dieser Ebene zollen wir ihnen unseren vollen Respekt.

Die Problematik, auf die ich ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, geht deshalb über einen gewöhnlichen Generationskonflikt hinaus. Meine Generation, da bin ich mir ganz sicher, hat Offenheit zur Welt als Hinwendung zum Säkularismus verstanden und sieht sich davon in gewisser Weise fasziniert. Doch während die jungen Männer in den Säkularismus als ihr natürliches Umfeld hineingeboren worden sind und ihn quasi mit der Muttermilch aufgenommen haben, leisten sie ihm Widerstand und versuchen, ihre Identität und ihre Unterschiedlichkeit zu behaupten.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals von Angela Reddemann]