Priesterausbildung am Scheideweg (Teil 2)

Priesterausbildung im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Kirchenbegriff

| 1751 klicks

ROM, 17. Juni 2009 (ZENIT.org).- Priesterausbildung am Scheideweg: Wir veröffentlichen zur Einstimmung auf das Priesterjahr, das Papst Benedikt XVI. am 19. Juni ausrufen wird, im Folgenden den zweiten Teil der Ansprache, den der Sekretär der Kongregation für das Katholische Bildungswesen (für die Seminare und Studieneinrichtungen), Erzbischof Jean-Louis Bruguès, vor den Rektoren der päpstlichen Seminaren bei einer ihrer Tagungen am 16. März in Rom gehalten hat. Der erste Teil erschien am gestrigen Dienstag, 16. Juni. Die vatikanische Zeitung „L’Osservatore Romano“ veröffentlichte die Worte des Erzbischofs in ihrer Ausgabe vom 3. Juni 2009.

* * *

Ansprache von Erzbischof Jean-Louis Bruguès OP

Priesterausbildung am Scheideweg: Priesterausbildung zwischen Säkularismus und Kirchenbegriff

 

(Teil 2)

ANPASSUNG AN DIE WELT – ODER IHR WIDERSTEHEN?


Nun gibt es in den Kirchen in Europa, und vielleicht auch in der amerikanischen Kirche, eine Scheidelinie, manchmal sogar einen Bruch, zwischen einer Fraktion, die auf das „Zusammengehen“ setzt und einer, die „Distanz“ bewahrt.


Die erste führt uns dahin, in der Säkularisierung Werte wahrzunehmen, die von starker christlicher Prägung sind, wie Gleichheit, Freiheit, Solidarität und Verantwortung, und sie geht davon aus, dass man sich verständigen und in weiten Bereichen zusammenarbeiten kann.

Die zweite Strömung dagegen will dagegen auf Distanz gehen. Sie ist der Auffassung, dass die Unterschiede oder Widersprüche, vor allem im Bereich der Ethik, immer größer werden. Deshalb wird vorgeschlagen, ein alternatives Modell zum herrschenden Entwurf zu erarbeiten und ist bereit, eine Minderheitenrolle zu übernehmen.


Die erste Strömung hat sich nach dem Konzil als die vorherrschende entwickelt; sie stellte den ideologischen Rahmen für die Interpretation des 2. Vatikanischen Konzils, die Ende der 60er Jahre und im folgenden Jahrzehnt durchgesetzt wurde.

In den achtziger Jahren kam es zu einer Wende, vor allem - aber nicht ausschließlich - durch den Einfluss von Johannes Paul II. Die Befürworter des „Zusammengehens“ sind gealtert, aber ihre Vertreter besetzen immer noch Schlüsselpositionen in der Kirche. Die Richtung des neuen Modells bekam erheblich Verstärkung, aber wurde immer noch nicht zur vorherrschenden Denkrichtung. Dies erklärt zum Teil die Spannungen, die augenblicklich in vielen Kirchen unseres Kontinents spürbar sind.

Es fällt mir nicht schwer, die Kontrastposition, die ich beschrieben habe, in groben Zügen mit Beispielen darzulegen.

Die Katholischen Universitäten entsprechen heute genau dieser Linie. Manche setzen auf die Karte der Anpassung und der Zusammenarbeit mit der säkularen Gesellschaft; das geht oft auf Kosten einer kritischen Distanz in Bezug auf diesen oder jenen Aspekt der katholischen Lehre. Andere betonen neuerdings wieder stärker das Bekenntnis des Glaubens und der aktiven Teilnahme an der Verbreitung des Evangeliums. In den katholischen Schulen sieht es genauso aus.

Das gleiche könnte man mit Bezug auf das Thema dieser Tagung auch über die typischen Eigenschaften derer sagen, die heute an die Tür unserer Seminare oder Ordenshäuser klopfen.

Die Bewerber der ersten Richtung sind zum großen Missfallen der Priester der älteren Generation immer weniger geworden. Die Bewerber der zweiten Strömung sind heute zahlreicher als die der ersteren, aber sie zögern, die Schwelle unserer Seminare zu überschreiten, weil sie dort oft nicht finden, was sie suchen.

Sie tragen die Sorge für die Identität (und mit einer gewissen Verachtung werden sie manchmal als „Identitätsversessene“ bezeichnet): es geht ihnen um christliche Identität - wie sollen wir uns von denen unterscheiden, die nicht unseren Glauben teilen? - was macht die priesterliche Identität aus, während die Identität des Mönchs oder Ordensmannes viel leichter wahrnehmbar ist.

Wie ist ein Ausgleich zu erreichen zwischen den Erziehern, die oft der ersten Richtung angehören, und den jungen Leuten, die sich mit der zweiten identifizieren? Beharren die Ausbilder weiterhin auf Zulassungs- und Auswahlkriterien, die auf ihre Zeit zugeschnitten sind, aber nicht mehr mit den Erwartungen der Jugend übereinstimmen?

Mir wurde von einem französischen Priesterseminar berichtet, in dem die Anbetung des Allerheiligsten Sakrament weil man das für abwegig fromm hielt. Dort mussten die neuen Seminaristen fast ebenso lange kämpfen, damit die Anbetungsstunden wieder eingeführt werden konnten, während einige Ausbilder sich dafür entschieden haben, zurückzutreten, weil sie diese Praxis wie eine „Rückkehr in die Vergangenheit“ empfunden hatten. Den Anforderungen der meisten jungen Leute nachzugeben, verstärkte bei ihnen den Eindruck, dass zu verleugnen, wofür sie ein Leben lang gekämpft hatten.

In der Diözese, zu deren Bischof ich berufen worden war, hatte ich ähnliche Schwierigkeiten kennengelernt, als die älteren Priester - und sogar ganze Gemeinden - große Schwierigkeiten damit hatten, den Erwartungen der jungen Priester gerecht zu werden, die zu ihnen gesendet worden waren.

Ich habe Verständnis für die Schwierigkeiten, die Sie bei der Ausübung ihres Dienstes als Rektoren von Priesterseminaren haben. Mehr als den Übergang von einer Generation zur nächsten müssen sie harmonisch den Übergang von einer Interpretation des II. Vatikanischen Konzils zu einer anderen, möglicherweise sogar von einem Kirchenbild zu einem anderen sicherstellen. Ihre Aufgabe ist delikat, aber sie ist von größter Bedeutung für die Kirche.