Priesterberufungen erbitten

Fastenhirtenbrief von Kardinal Meisner

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KÖLN, 30. März 2009 (ZENIT.org).- „Meine größte Sorge ist die Sorge um Priesterberufungen“, bekennt der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner in seinem aktuellen Fastenhirtenbrief.  Er lädt alle Gläubigen ein, seine Sorge zu teilen und um gute Priester zu beten. „Denn der Priester macht kraft seiner Weihe den eucharistischen Leib Christi gegenwärtig und bringt damit die Lebensquelle der Kirche zum Fließen.“

Informationen rund um das Priestertum und andere kirchliche Berufe bietet das Erzbistum Köln auf einer eigenen Internetseite.

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Die Sorge um Priesterberufungen

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Bei einem Besuch an einer Wallfahrtsstätte wollte ich einmal eine Geldspende für den Erhalt des Gebäudes hinterlassen, worauf ich die Antwort erhielt: „Nein, behalten Sie Ihr Geld, aber lassen Sie uns Ihre Sorgen da!“ Heute möchte ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder in den Gemeinden unseres Erzbistums Köln, die Sorgen Ihres Erzbischofs überlassen. Meine größte Sorge ist die Sorge um Priesterberufungen. Sorge ist eigentlich nur der Alltagsname für Liebe. Weil ich unsere Kirche mit ihren vielen Gemeinden und Gemeinschaften leidenschaftlich liebe, wird diese Liebe zur Sorge im Hinblick auf fehlende Priesterberufungen. Sehr dankbar bin ich, dass die priesterlichen Mitbrüder bei unserer letzten Priesterratssitzung im November 2008 diese Sorge mit mir geteilt haben. Sie waren wirkliche Seelsorger auch für den Erzbischof. Mit ihnen zusammen bitte ich Sie alle: Teilen Sie diese große Sorge mit uns! Denn der Priester macht kraft seiner Weihe den eucharistischen Leib Christi gegenwärtig und bringt damit die Lebensquelle der Kirche zum Fließen.

Die Feier der heiligen Messe, die in der Wandlung der Gaben ihre Wesensmitte und ihren Höhepunkt findet, ist ohne einen Priester nicht möglich. Daher kann ein Priester nur durch einen anderen Priester ersetzt werden. Jesus nimmt den von ihm berufenen und geweihten Priester in Dienst, um im Sakrament des Altares leiblich gegenwärtig zu werden. Ohne diesen kann keine hl. Eucharistie gefeiert werden, und ohne Eucharistie verliert die Welt die leibliche Gegenwart Christi.

2. Hat sich der Herr etwa geirrt, wenn er sich derart an die Mitwirkung von Menschen in seiner Kirche bindet? Findet sein Ruf keine Antwort mehr? Oder lässt das verbreitete Erfolgsdenken die jungen Menschen im Priestertum Jesu Christi kein erstrebenswertes Ziel mehr sehen? Bei manchen Katholiken ist durchaus der Wunsch nach Priesterberufungen lebendig, aber ohne, dass man dabei auf die eigene Familie schauen würde. Ein Mitglied in einem Pfarrgemeinderat sagte mir einmal: „In der Gemeinde lebt eigentlich die Sorge um Priesterberufungen kaum noch. Dafür ist doch Köln zuständig, meint man“. Wo aber soll denn ein Bischof die Priester hernehmen, wenn sie ihm nicht aus den Gemeinden zuwachsen? Er kann sie sich nicht aus dem Ärmel schütteln und auch nicht aus dem Boden stampfen.

Hier bin ich auf die Mithilfe von Ihnen allen angewiesen. Nur gemeinsam können wir die nötigen Berufungen von Gott erbitten. Darum lasse ich Sie an meiner Sorge um Priesterberufungen teilhaben und bitte Sie: Nehmen Sie auch lebendig in Wort und Tat an meiner Sorge um Priesterberufungen teil und damit am Fortbestand unserer Kirche im Erzbistum Köln. Ich frage mich und die priesterlichen Mitbrüder weiter: Können unsere Gläubigen etwas von der Schönheit, von der Größe, vom Glanz und vom Reichtum des Priestertums an unserem Lebens- und Arbeitsstil erkennen? Wenn Priester von ihrer Berufung erzählen, dann merkt man, dass der Ruf des Herrn auf unterschiedliche Weise erfahren wird. Bei wenigen ist da sofort eine grundlegende Überzeugung: „Ja, ich will Priester werden!“ Die meisten sind zuerst beunruhigt, weil beabsichtigte Lebensplanungen und –wege plötzlich in Frage stehen oder weil sie sich diese Aufgabe nur schwerlich zutrauen. Wie ein solcher Berufungsweg auch immer aussieht: Antworten auf den erfahrenen Ruf Christi muss jeder einzelne selbst – mit seiner Liebe! Christus braucht Menschen, die ihn so sehr lieben, dass sie trotz aller Unzulänglichkeiten, Schwächen und Bedenken von Herzen ihr „Ja“ sprechen.

3. Bei seinem Besuch in seiner bayerischen Heimat traf sich der Heilige Vater am letzten Tag im Freisinger Dom, seiner früheren Kathedrale als Erzbischof von München und Freising, mit den Priestern und Diakonen. Als er die alt gewordenen Priester, mit denen er zusammen geweiht worden war, und die
anderen sah, legte er sein Predigtmanuskript zur Seite und sagte ihnen Folgendes: „Die Zahl der Priester ist geringer geworden, … Aber die Lasten sind schwerer geworden. … Immer wieder wird die Frage an mich herangetragen …: Wie sollen wir denn das machen? (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 174, S. 100f). Und der Papst sagte weiter: „’Bittet den Herrn der Ernte!’ Das will auch sagen: Wir können Berufungen nicht einfach ‚machen’, sie müssen von Gott kommen. … Den Herrn der Ernte darum bitten, das bedeutet gewiss zuallererst, dass wir darum beten, dass wir an seinem Herzen rütteln und sagen: Tu es doch! Wecke die Menschen auf! Entzünde in ihnen die Begeisterung, die Freude für das Evangelium und die Freude daran!“ (ebenda, S. 99f).

Aus dieser Sorge heraus habe ich vor zehn Jahren die Gebetsgemeinschaft Rogamus ins Leben gerufen, zu der heute über 2000 Frauen und Männer in unserer Erzdiözese und weit darüber hinaus gehören. Sie beten jeden Tag um Priester- und Ordensberufungen. Für diesen wichtigen Dienst bin ich ihnen sehr dankbar! Dreimal im Jahr bestärke ich sie in ihrem Gebet durch einen längeren Brief. Hier übernehmen Christen eine wertvolle und fruchtbringende Aufgabe für die ganze Kirche.

Aber darüber hinaus bitte ich Sie alle mitzuhelfen, dass die öffentliche Meinung in unseren Gemeinden von der Liebe zu unseren Priestern und von unserer Sorge um Priesterberufungen geprägt wird. So lade ich Sie ein, die Tradition der monatlichen Feier des Priester-Donnerstages oder Priester-Samstages wieder zu beleben. An diesen Tagen sollte in jedem Gottesdienst um Priesterberufungen gebetet werden. Die Liturgie sollte man dann nach Möglichkeit besonders festlich gestalten. Vielleicht könnte sie donnerstags zeitlich so gelegt werden, dass immer auch Schulkinder und Jugendliche dabei sein können.

4. Ich kenne junge Menschen, die eine Priesterberufung in sich tragen, aber dabei keine Ermutigung in Familie, Schule, Gemeinde und Nachbarschaft erfahren, sodass der Ruf des Herrn ungehört verhallt. Ich bin zutiefst überzeugt, dass der Herr für seine Kirche genügend Priester beruft; aber wir müssen Räume schaffen, in denen dieser Ruf des Herrn gehört werden kann.

Hinzu kommt noch, dass wir in den letzten Jahren sehr intensiv mit Strukturveränderungen in den Pfarreien und Seelsorgebereichen beschäftigt waren. Ziel war und ist, durch eine Vereinfachung von Verwaltung und Organisation mehr Raum für die Seelsorge zu gewinnen. Die Tatsache, dass es zukünftig nur einen leitenden Pfarrer sowie einen Pfarrgemeinderat im Seelsorgebereich gibt, wird zu einer Verstärkung der Zusammenarbeit und Bündelung der Kraft im Seelsorgebereich führen. Aber – das möchte ich betonen – Strukturen sind nicht das Erste und Letzte in unserer Kirche, sondern sie sind nur Mittel zum Zweck. Sie wollen uns helfen, dass Christus wirksam verkündet und gefeiert wird. Darum geht es in der Kirche – um nichts anderes. Die Frage nach den Priesterberufungen hängt von daher zusammen mit der Frage nach einer tieferen Wirksamkeit der Kirche nach innen und einer größeren nach außen.

Seit Jahrzehnten gibt es in unserer Erzdiözese das Päpstliche Werk für Geistliche Berufungen. Es hat seinen Sitz in Köln und wird vom Subregens unseres Priesterseminars in enger Zusammenarbeit mit unserem Diözesanjugendseelsorger geleitet. Sie sind gern bereit, vor Ort in Ihrer Gemeinde und in Ihrem Seelsorgebereich, gemeinsam mit den Seelsorgern und den Ehrenamtlichen, mit Jugendlichen Kontakt aufzunehmen. In diesen Begegnungen wird über den Wert und die Größe der Berufung zum Priestersein nachgedacht und gesprochen.

5. Wo Priester als würdige Diener der Altäre mit ihren Gemeinden die Eucharistie feiern und in der Seelsorge etwas von der Schönheit des priesterlichen Dienstes aufleuchten lassen, dort werden junge Menschen von der Christusfreundschaft ihrer Seelsorger angezogen. Und wo in unseren Familien mit Wohlwollen, Dankbarkeit und Anerkennung über den Priester gedacht und gesprochen wird, dort können priesterliche Berufungen wachsen und gedeihen. Ein Seismograph dieser Wertschätzung ist z. B. nicht zuletzt der Zustand der Priestergrabstätten auf unseren Friedhöfen. Wo der Priesterberuf geachtet wird, dort werden auch die Priestergräber gepflegt.

Wenn in den Ministranten- und anderen Jugendgruppen der Gemeinde der Priester als Mann in der Nähe Christi erlebt wird, dann können dort priesterliche Berufungen geweckt und zur Reife geführt werden. Denken wir nochmals daran: Hier geht es nicht um die Sorge und den Erhalt einer klerikalen Sonderschicht in der Kirche, sondern hier geht es um die Sorge um den Fortbestand unserer Kirche in ihrem Innersten. Wir bewegen uns nicht in einem Randgebiet der Kirche, sondern in ihrem Zentrum. Darum bitte ich Sie alle ganz herzlich um Ihre Mithilfe, um Ihre Mitsorge und um Ihre Mitverantwortung.

Gott wirkt in Christus das Heil für die Menschen, aber nicht ohne den Menschen. Er setzt ein solch großes Vertrauen in uns, dass er seine eucharistische Anwesenheit in der Kirche an unsere menschliche Großzügigkeit binden kann. Denn Jesus Christus wusste, dass er immer wieder genügend Priester haben wird, die sein Wort der Berufung hören. Deswegen konnte er der Kirche ihre Fortdauer bis zum Ende der Welt garantieren. Sollte er sich dabei im Hinblick auf Deutschland oder das Erzbistum Köln getäuscht haben? – Das glaube ich nicht! Ich glaube nicht, liebe Schwestern und Brüder, dass die Hochherzigkeit junger Menschen, ihrer Familien und Gemeinden kleiner ist als die Verheißung Jesu.

Nehmen wir dieses Jahr zu einem Neuaufbruch, indem wir die Sorge um geistliche Berufungen zu unserer persönlichen Sorge machen. Sorge ist nur der Alltagsname für Liebe. Weil wir die Kirche mit ihrem Sendungsauftrag für die Menschen lieben, darum sorgen wir uns um priesterliche Berufungen.

Dazu segne euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Köln, am 25. Januar 2009,
dem Fest der Bekehrung des heiligen Apostels Paulus

Ihr

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Von der Erzdiözese Köln veröffentlichtes Original (pdf-Format)]