Priesterdonnerstag: Berufung verleiht Flügel

Mit dem Priestertum habe ich das große Los gezogen: Predigt anlässlich eines goldenen Priesterjubiläums

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KÖLN, 6. September 2012 (ZENIT.org). – „Der eigentliche Sinn jeglicher Berufung zur totalen Hingabe an Gott ist, dass der Mensch in Gold verwandelt wird. Wer die Berufung erfahren hat, dem ist es, als bekäme er Flügel. Das Tun des Priesters ist ohnehin nicht das Werk eines Menschen, sondern das Werk Gottes durch ihn. Wer die Berufung wahrnimmt, der spürt die zärtliche Hand Gottes. Und das ist ein so schönes, ein so wunderbares Liebesgefühl, dass der Betroffene mit einem Mal von einer unerschütterlichen Lebenszuversicht erfüllt wird.“ So das Zeugnis nach 50 Jahren Priestertum.

Auszüge aus der Predigt anlässlich eines goldenen Priesterjubiläums in Köln

Von Msgr. Dr. Cesar Martinez*

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„Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“ (Lk 1, 46). Ja! meine lieben Schwestern und Brüder, meine guten, innigstgeliebten Freunde, die ihr heute von nah und fern in diese wunderschöne, ehrwürdige Kirche in Köln am Rhein zu diesem Jubiläum eines Priesters, eures Freundes,  gekommen seid: Jubeln! Das ist das Wort, das meine innere Stimmung in dieser Stunde am treffendsten ausdrückt: Jubel, Freude, Dankbarkeit, Rührung - denn ein tiefinniges Urvertrauen und eine ebenso feste Überzeugung in der Mitte meiner Seele lassen mich eindeutig erkennen, dass ich mit der Berufung der totalen Hingabe an Gott das große Los gezogen habe. Ja, so ist es immer, meine lieben Freunde, wenn jemand einmal die Berufung wahrnimmt, ob es sich um eine Berufung zum Priestertum handelt, zum Ordensleben oder zu einem bewusst und dezidiert gelebten Christsein im gewöhnlichen Alltag in Familie, Beruf und Gesellschaft. Wer die Berufung wahrnimmt, der spürt die zärtliche Hand Gottes. Und das ist ein so schönes, ein so wunderbares Liebesgefühl, das der Betroffene mit einemmal von einer unerschütterlichen Lebenszuversicht erfüllt wird, eine Zuversicht, die ihm vielversprechende  Zukunftsperspektiven erschließt. Wer die Berufung erfahren hat, dem ist es, als bekäme er Flügel. Meine lieben Freunde, dass ihr eines Tages auch eine derartige Erfahrung machen könnt, das wünsche ich euch allen von Herzen.

Zusammen mit der unbeschreiblichen Freude, die mich heute erfüllt,  überwältigt mich aber auch die Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit. Und doch lässt diese Erkenntnis mich keineswegs der Traurigkeit verfallen, bzw. hindert sie mich gar nicht am Wirken, denn sie wird schnell durch eine andere noch stärkere Einsicht eingeholt, nämlich das Wissen, dass Gott „aus diesen Steinen da Kinder Abrahams machen kann“ (Mt 3, 9), und dass das Tun des Priesters ohnehin nicht das Werk eines Menschen, sondern das Werk Gottes durch ihn ist. Wie groß bist du, Gott, dass du Menschen, die  für die Größe des Auftrags ungeeignet sind,  mit deiner göttlichen Kraft, ja mit deiner Heilungskraft erfüllst. Wie groß ist Gott, meine lieben Schwestern und Brüder, meine guten Freunde, dass er den Staub der Erde in die Höhe aufsteigen  lässt und ihn dann im Licht der strahlenden Sonne in Gold verwandelt. Ja, meine lieben Freunde, groß ist unser Gott! Er verwandelt das Wasser in guten Wein, und den Staub umgarnt er mit Gold. Das Kleine lässt er groß werden, das Niedrige erhöht er, den Sünder macht er zu einem Heiligen und die Dürre verwandelt er in einen üppigen, schönen, farbenfrohen Garten. Unser Gott ist fürwahr ein Verwandlungskünstler sondergleichen.

Wenn ich heute, am meinen Goldenen Priesterjubiläum, mein Leben Revue passieren lasse, fühle ich mich wie dieser Staub, den Gott selber aus der Niedrigkeit des Bodens erhoben hat, um ihn mit seinem Licht und mit seiner Wärme auszustatten, damit andere seine Helligkeit erfahren können. Je älter ich werde, desto deutlicher wird mir, dass die Verschmelzung  von Staub und Sonne in der Höhe  der Lüfte ein treffendes Bild für die Beziehung des Menschen zu Gott ist. Staub und Sonne werden zu einer tiefen Einheit, als gehörten sie beide seit immer zueinander, was natürlich nicht stimmt. Denn der Staub glänzt nur, weil er von der Sonne beschienen wird. Er ist dann kein Staub mehr, er ist in ein vergoldetes Wesen verwandelt worden. Tiefer als in jüngeren Jahren erkenne ich heute, dass dies der eigentliche Sinn jeglicher Berufung zur totalen Hingabe an Gott ist, nämlich dass der Mensch in Gold verwandelt wird. Sie werden mir Recht geben, meine lieben Freunde, wenn ich hier  feststelle, dass die Verschmelzung mit der Sonne dem Staub eine ganz andere Lebensqualität verleiht, eine sehr erhabene, ja eine exquisite, eine grandiose  Lebensqualität. Und das ist es eben, was Gott mit der Berufung bezweckt: dass der Mensch mit seiner Helligkeit glänze, dass das Licht Gottes ihn durchtränke und durchforme. Die Umwandlung des Staubs in Gold: das ist also die Quintessenz der Berufung.  Zu dieser Umwandlung übrigens - und das möchte ich euch allen, meinen lieben Freunden, ins Herz geben - wird  jeder einzelne Mensch von Gott berufen, Mann wie Frau, Intellektueller wie Handwerker. Doch das weiß die große Mehrheit der Menschen leider immer noch nicht. Damit sie es aber baldmöglichst erfahren, schenkt Gott immer wieder einzelnen Menschen, Priestern wie Laien, Frauen wie Männern, eine spezifische Berufung, die darin besteht, die zahlreichen unwissenden Menschen darüber aufzuklären, dass allein Gott in der Lage ist, ihre Lebenssehnsüchte vollständig zu stillen, und dass sie unausgefüllt sind, solang sie nicht zu Gott gefunden haben.  Kein Geringerer als der weise Augustinus brachte es auf den Punkt, als er sagte: „Ruhelos ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr“ (Conf 1, 1, 1).

„Großes hat der Herr an mir getan“ (Lk 1, 49). Das war das Zeugnis, das Maria von sich gab, als sie ihre Berufung erfahren hatte. Und dasselbe Zeugnis gibt im Grunde auch jeder Mensch, der seine Berufung einmal erkannt hat und spätestens nach einer gewissen Zeit feststellt, dass sich in ihm eine grundlegende Veränderung ergeben hat. Ich wäre unredlich und unehrlich, wenn ich heute nicht in großer Dankbarkeit feststellte, dass die Berufung, die Gott mir gegeben hat, nämlich ganz für ihn zu leben, zunächst als normaler Berufstätiger und dann als Priester, mich im Laufe meines inzwischen langen Lebens zu ungeahnten Erfahrungen des persönlichen Glücks und der Erfüllung geführt hat. „Herr du hast mich in die Weite geführt“. Unter diesem Motto steht im Grunde mein Leben. Das meine ich zunächst im geistlichen Sinne: „Du, Herr, du hast mein Ohr geöffnet, mein Herz geweitet, du hast mich tatsächlich in die Weite geführt. Ich verstehe dich heute besser als vor 50 Jahren“. Und ich denke, wenn schon eine kleine tiefere Erkenntnis über Gott derart beglücken kann, was wird im Himmel sein, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen werden! (Vgl. 1 Kor 13, 12). Es ist nun mal so, meine lieben Freunde, die Vertiefung in die Kenntnis Gottes erfreut zwangsläufig das Herz des Menschen. „Ad Deum qui laetificat juventutem meam“, so lang wir Freude an Gott haben, bleiben wir jung, und seien wir auch so alt wie Methusalem. Und gerade diese Erfahrung, dass eine tiefere Kenntnis Gottes unsagbar beglückt, möchte ich euch allen von Herzen weiter geben,  zumal im Anbetracht des baldigen Anfangs des Jahres des Glaubens: „Befasst euch mit Gott, meine lieben Freunde“, „Befasst euch mit der Lehre unserer Kirche“. „Ihr werdet feststellen, dass dies beglückt“. „Ihr werdet jung bleiben“.

Ja, meine lieben Schwestern und Brüder, nach 50 Jahren Priester stelle ich fest, der Herr hat mich in die Weite geführt, übrigens nicht nur im geistlichen, sondern auch im territorialen Sinn. Sonst stünde ich in dieser Stunde sicher nicht hier. …Ich kam im Jahre 1964, am 31 Mai. Noch lebte Adenauer, Joseph Frings war der Erzbischof von Köln, Luthe, der jetzige Alt-Bischof von Essen, war sein Sekretär. Ich kam nach Köln, …dann ging ich in den Norden der Republik… Ich bin Gott dankbar, dass ich in all diesen Orten habe arbeiten dürfen und bete ganz besonders für all die Menschen, mit denen ich in Kontakt kam und von denen ich so viel gelernt habe. Mit vielen habe ich tiefe Freundschaft geschlossen, die trotz der nun eingetretenen Entfernung doch bleibt, denn wie es in der Hl. Schrift heißt: „Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg“ (HL 8, 7).

Und wenn jemand mich heute fragte, ob ich glücklich bin, dem würde ich auf der Stelle sagen: auf jeden Fall! Denn selbst das Kreuz und das, was einen schmerzt, vor allem in der Seele, kann mit der Hilfe Gottes in eine Tat der Liebe verwandelt werden.  Und die Liebe beglückt immer. Wollt ihr wissen, meine lieben Freunde, wie man das schafft, trotz allem doch glücklich zu sein? Das sage ich euch von Herzen gerne: Jeder, der freiwillig dem Plan zustimmt, den Gott für ihn seit aller Ewigkeit vorgesehen hat, der ist glücklich (Vgl. Benedikt XVI. Enzyklika „Caritas in veritate“, Nr. 1). Das ist einsichtig, denn – wer seine eigene Berufung annimmt, der ist im Leben sozusagen „zentriert“, er  ist und lebt an der richtigen Stelle, denn die eigene Berufung ist sozusagen der maßgeschneiderte Lebensanzug eines jeden. Wer seine Berufung erkennt und danach zu leben versucht, weiß sich wie durch einen unsichtbaren Draht mit dem Himmel verbunden, mit Gott also.  Und das ist schon das „Höchste der Gefühle“, das erfüllt und befriedigt ungeheuer. 

Und das ist also mein Zeugnis 50 Jahren nach meiner Priesterweihe. Wenn du die Berufung erkennst, die Gott für dich seit aller Ewigkeit vorgesehen hat, wenn du dich ihr hingibst und im Laufe deines Lebens mit allen Tiefen und Höhen, die niemandem erspart bleiben, die unsichtbare Hand Gottes in deinem Tun erahnst, egal ob du verheiratet, ledig oder verwitwet oder gar Priester bist, dann bist du glücklich, darauf gebe ich dir Brief und Siegel.

„Meine Seele preist die Größe des Herrn“ (Lk 1, 46), denn der Herr hat „Großes an mir getan“ (Lk 1, 49). Ja. Großes! Das war das Zeugnis Mariens, und das ist auch mein Zeugnis: Der Herr hat mich Großes erleben lassen. Das größte und sicher folgereichste Ereignis  meines Lebens war zweifellos die Begegnung mit einem Priester, Josefmaria Escrivá,  und seiner Lehre. Zwar bin ich von Kindheit an zu Hause bei meinen Eltern gut katholisch  erzogen aufgewachsen. Und ich bin ihnen unheimlich dankbar dafür. Doch – was Josefmaria Escrivá lehrte, das empfand ich als eine Erweiterung des Katholischen, es ließ mich die unermessliche Weite des Christlichen ahnen, und das faszinierte mich unsagbar. Escrivá sagte, die Wege der Menschen auf Erden, das sind ja der Beruf, die Liebe, die Familie, die zwischenmenschlichen Beziehungen, alles Menschliche, das man so tut oder erlebt, alles, restlos alles, soll und kann von innen her auf Gott hin ausgerichtet und dementsprechend gestaltet werden…Das sei Miterlösung, sagte Josefmaria Escrivá. Das hat mich „umgehauen“. Das konnte ich nicht einfach so stehen  lassen. Ich musste reagieren. So eine Erkenntnis musste ich weitergeben: meiner Familie, meinen Bekannten, meinen Freunden. Und so erkannte ich meine Berufung, die Berufung nämlich, den Menschen, mit denen ich im Laufe meines Lebens zu tun bekommen sollte, in möglichst freundlicher, doch deutlicher Weise zu sagen, dass alles, was man tut, so materiell und irdisch es auch sein mag, eine Gelegenheit ist, Gott zu begegnen und die Welt in seinem Sinne umzugestalten.

…Und so ist es, wie Gott mich in die Weite geführt hat und weiter führt. Ich habe verstanden, dass das Christentum nicht nur territorial bis zu den Enden der Erde gebracht werden soll, sondern auch in die tiefen Sphären der weiten Welt der Berufe und der Tätigkeiten der Menschen überhaupt. Jeder Beruf, jedes Tun des Menschen, ob es intellektuell oder handwerklich ist, geistig oder materiell, wartet im Grunde sehnsüchtig nur darauf, dass der Mensch, der es leistet, Gott in ihm entdeckt. Erst dann ist dieses Tun vollkommen…Diese Erkenntnis  ließ mich die Weite des Christentums erkennen. Wie könnte ich nicht davon fasziniert sein? Als ich als Kind am Strand des Meeres in meiner Heimat, an der Atlantikküste im schönen spanischen Galicien, wo ich aufgewachsen bin, in die Weite schaute und die Faszination der Unendlichkeit des Meeres auf mich einwirken ließ, konnte ich mich nicht satt daran schauen. Ich liebte diese Weite. Was ich damals nicht wusste, war, dass ich in jener Stunde eigentlich  Gott begegnete, der selbst die Weite ist. Meine lieben Freunde, es lohnt sich zu leben. Es lohnt sich, Gott zu folgen. Es lohnt sich, sich für Gott zu engagieren, jeder an dem Ort, wo er ist. Er vergilt immer hundertfach.

Amen.

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*Dr. Cesar Martinez stammt aus dem spanischen Galicien. Er nahm in Santiago de Compostela zunächst ein Jurastudium auf, das er in Barcelona mit dem Titel des Lizenziats abschloss. Darauf folgte das Theologiestudium mit einem Aufenthalt in Rom und der Promotion in Kirchenrecht an der päpstlichen Universität des Hl. Thomas von Aquin. 1962 wurde er in Madrid zum Priester geweiht. Seit 1964 wirkte er in Deutschland als Seelsorger u.a. in Osnabrück, Münster und Hamburg. 1992 wurde er zum päpstlichen Ehrenkaplan mit dem Titel Monsignore ernannt. 1998 kam er nach Köln, von wo aus er Besinnungs- und Einkehrtage sowie Fortbildungsveranstaltungen verschiedener Arten betreut. Im Jahr 2008 ernannte ihn Joachim Kardinal Meisner zudem als Subsidiar an der Pfarrkirche St. Pantaleon in Köln.

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